Das Turiner Pferd - Kritik

A Torinói ló

CH/DE/FR/HU · 2011 · Laufzeit 146 Minuten · Drama · Kinostart
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    Jimi Hendrix 29.04.2016, 12:43 Geändert 15.05.2016, 18:00

    (>_◕)Jimis Gitarrensolo durch die neun Kreise der filmischen Hölle(>_◕)

    Erster Höllenkreis: die bedeutungslos Bedeutsamen

    https://www.youtube.com/watch?v=EXYLSlq0cG4

    Das Ende der Welt und keiner geht hin. Béla Tarrs voraussichtliches Abschlusswerk scheint in seiner stoischen Reduziertheit und im erstickenden Minimalismus fast dekadent. Zu radikal, zu hoffnungslos und abgründig ist doch das Geschehen, welches den Betrachter zum Voyeur seiner eigenen Abgründe degradiert und DAS TURINER PFERD zum Luxusprodukt für die Intellektuellen und uns Wohlständler werden lässt, die vergessen haben, wie bitter-monoton die Mühsal Leben schmecken kann.

    Gezeigt wird eine depressive Kulisse im manischem Sturm und das Warten auf die Freilassung aus dem Leben. Mensch wie Tier vegetieren im Schicksal ihrer Existenz. Warum sollte das Pferd fliehen? Es scheint außerhalb wie innerhalb des Stalls eingesperrt zu sein, eingesperrt in der Welt, wie auch der Fuhrmann und seine Tochter. Im Dasein gefangen, im Leben selbst gefangen, bis an der Welt tot.

    Doch so einfach macht es Tarr seinem Werk nicht, der Tod als Erlöser wäre dann doch zu positiv. Zunächst verweigert das Pferd (nie war ein Tier wohl ausdrucksstärker: oscarwürdig!) seinen Lebenswillen, dann das Wasser, sowie der Sturm und erst als die Endzeitglut zum letzten mal auf Erden erlischt, ergeben sich auch die Menschen ihrem stummen Schicksal.

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    • In einem seiner schwächeren Versuche erzählt der ungarische Regisseur Bela Tarr eine Anekdote über Friedrich Nietzsche. Der beobachtet 1889 in Turin einen Kutscher, der sein Pferd quält. Tarr hat daraus einen trostlosen und bitteren Film gemacht aus verzweifelter Melancholie und seinen charakteristischen langen Einstellungen. Wer die flotten Schnitte Hollywoods gewohnt ist, der muss The Turin Horse als Schock wahrnehmen. Die Handlung ist schnell zusammen gefasst: Es passiert nichts. Treffender wäre es, die Bedeutung des Werks versuchen, zu beschreiben: Es geht um das Ende aller Tage, das Ende der Zeit. Der Kutscher, der auf sein Pferd einschlägt, sorgt dafür, dass Nietzsche zusammenbricht. Nie wieder wird er sich erholen. Nietzsches Verfall dauert an bis zu seinem Tod 1900. Tarrs Film stellt sich nun vor, was mit dem Pferd geschieht, dass Nietzsches Kollaps auslöst. Wie es von dem Bauern mit seiner versteinerten Miene zurückgeführt wird auf den Bauernhof irgendwo in der Nähe Turins (das bei Tarr überhaupt nicht italienisch wirkt, sondern wie ein Europa kurz vor der Apokalypse). Unterlegt wird das mit der unheilvollen Musik von Tarrs langjährigem Komponisten Mihaly Vig. Während das Pferd sich weigert, zu arbeiten, zu essen oder zu trinken, beginnt der Weltuntergang. Sind wir womöglich Zeugen von Gottes Tod? Und das Pferd? Ist es gar eine Transformation von Nietzsche selbst, der die letzten Tage der Menschheit beobachtet? Überhaupt glaube ich den Philosophen nun auch in anderen Figuren wieder zu erkennen... Die Welt jedenfalls gleitet ab in ewige Finsternis, das jedenfalls ist sicher.

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        Nach einer filmischen Zwangsabstinenz bedingt durch einen Krankenhausaufenthalt ob eines gebrochenen Schlüsselbeins, der bewusst von mir zuerst gewählte und selbst verordnete Film um in Schwermut zu waten und auch zu schwelgen, da ich ahnte Menschen zu sehen in Anbetracht von deren Schicksal mein eigenes als kleiner einzustufen wäre…

        Wie recht sollte ich, ins Auge der Apokalypse blickend, doch behalten…

        Und es wurde auch zu einem „Schlüsselerlebnis“… nicht auch zuletzt aufgrund des Details des nur einarmig agierenden Mannes…

        Ich sah die vermeintliche Schöpfungsgeschichte rückwärts gewandt, Menschen ins „Paradies“ vertrieben, sich nur von Erdäpfeln und Schnaps ernährend, und das in einer Kargheit und zehrenden Reduktion, auf das es mich in den „TV-Thron“ drückte und mental arg zwickte, und es mir nur bleibt Nietzsche zu zitieren:

        „Gott ist tot“…

        … und jedwedes stoische Wiederholen einer beliebigen Tätigkeit negiert den Sturm, dem die Vernichtung des Ganzen innewohnt, in keiner Weise.

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          Striker778 03.03.2016, 05:37 Geändert 03.03.2016, 05:38

          Wer nach diesem Monster guten Gewissens die Augen schließen kann, muss sich einzig von Pellkartoffeln ernähren.

          Sage meinen Dank, Herr Tarr.

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            The Turin Horse vom ungarischen Regisseur Bela Tarr ist ein extrem beklemmendes und intensives Endzeit-Drama.

            Wir schauen einem angeschlagenen Fuhrmann und seiner Tochter beim alltäglichen Leben zu. Ein Leben, dass von tristen Grautönen und einem unerbittlichen Sturm bestimmt wird. Jeder Tag gleicht dem anderen. Die Hoffnung auf Besserung ist schon vor langer Zeit vom Winde verweht - im wahrsten Sinne des Wortes. Grandios ist hierbei, wie Tarr mit Perspektive spielt. Wir als Zuschauer bekommen zwar an jedem Tag eine andere Kameraeinstellung, doch auch wir merken schnell, wie anstrengend dieses Leben sein muss, und dass es so doch nicht weitergehen kann. Nichtsdestotrotz rappeln sich unsere beiden Protagonisten von Tag zu Tag immer wieder aufs Neue auf und folgen dem vielleicht ältesten Instinkt des Menschen: überleben.
            Bis nach und nach schließlich merkwürdige Dinge auf dem Bauernhof geschehen und die mysteriöse Handlung sehr langsam ihren Lauf nimmt. Alle, die mit Bela Tarr nicht vertraut sind, seien jedoch gewarnt: Das ist alles andere als das Mainstream-Hollywood-Kino, welches man vielleicht mit dem Wort "Endzeit" in Verbindung bringt. Dies ist extrem melancholisches, ruhiges Kino, auf das man sich hier einlassen muss. Gelingt einem dies nicht, weil einem diese Art von Film nicht liegt, so kommt garantiert schnell Langeweile auf. (Hier empfehle ich den Skeptikern, vielleicht erst einmal zu seinem früheren Film "Die Werckmeisterschen Harmonien" zu greifen, welcher in meinen Augen einsteigerfreundlicher ist.)

            Nie war der Weltuntergang so nervenaufreibend und intensiv, wie bei Tarrs (wohl leider letztem) Meisterwerk. Poetisch-kraftvolle Bilder lassen jeden Cineasten schwärmen und die Kompromisslosigkeit kann man in der heutigen Zeit, in der man mit Superheldenfilmen nach Schema F förmlich überflutet wird, nur wärmstens begrüßen. Es sei auch erwähnt, dass man sich keinesfalls von der "fehlenden" deutschen Synchronisation abschrecken lassen sollte. Die Blu-ray von Artificial Eye ist audiovisuell hervorragend und Englische Untertitel sind vorhanden. Hinzu kommt, dass unsere unsere Protagonisten nicht gerade Quasselstrippen sind. Also nur Mut, es lohnt sich, einen Blick zu riskieren. Solch ein Ausnahmewerk sollte man nicht verpassen!

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              Das blinde Auspeitschen des Turiner Pferds ist der Geschichte nach der Trigger für den Beginn der letzten 10 Jahre Nietzsches, die er mit dem legendenumwobenen Ausspruch „Mutter, Ich bin dumm!“ als seinen letzten Satz besiegelte. Tars Film ist ein Versuch des Verstehens dieses Ereignisses; sowohl auf der Seite des peitschenden Kutschers, als auch auf der des Philosophen. Welches Menschenbild steckt hinter solchen Handlungen? Was verbirgt sich hinter dem Leben? Und wie lässt es sich ertragen? Tar hat ein Werk von selten gesehenem Mut erschaffen, das in seiner Reduzierung des Lebens radikal anmutet – radikal auch wegen der alles überschattenden Bedrückung der gesamten Szenerie, allem voran Vigs unsagbare Musik. Das Turiner Pferd wird so zum Gegenpol des medial geformten, kapitalistischen Weltverständnisses - was kann vom Leben überhaupt erwartet werden? Dann geht das letzte Licht aus und es ist Dunkelheit. Köszönöm, Bela!

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                Das beste Stück Film der letzten Jahre!
                Béla Tarrs monotoner Weltuntergangsfilm, der 146 Minuten lang ein poetisch-raues Bild nach dem anderen zeigt. Im Sekundentakt zeigt uns die Kamera unbeschreiblich kraftvolle Bilder von einem alten Mann und seiner Tochter, die auf einem alten Bauernhof, abgeschieden von der Zivilisation, leben. Das einzige Nutztier, ein Pferd, muss täglich gefüttert werden. Wasser muss aus einem nahe am Gehöft gelegenen Brunnen besorgt werden. Die ganze Zeit weht ein starker Sturm, Blätter fliegen durch die Luft, genau wie der Staub und der Sand. Die vollen, langen Haare der Tochter wehen ängstlich durch den Wind aufgetrieben. Es pfeift, Türen schlagen zu, Ketten rasseln.
                Im uralten Steinhaus muss das Feuer angezündet werden, die Tochter opfert sich für alle Aufgaben im Haus auf. Sie kocht, wäscht, kleidet den Vater ein (er hat einen tauben rechten Arm) und aus und sitzt starr und regungslos vor dem Fenster. Vater und Tochter haben sich nichts zu sagen, sie wechseln so gut wie kein Wort miteinander. Warum das so ist, bleibt unbekannt. Die gemeinsame Mahlzeit, die aus jeweils einer Pellkartoffel besteht (der heimliche Star des Films), ist zugleich Tageshöhepunkt. Hier wird hypnotisch mit der Kamera der komplette Vorgang gezeigt. Vom Schälen mit der puren Hand der noch kochend heißen Kartoffel, bis zum urzeitlichen hastigen Verspeisen mit der Hand. Diese Szene kommt sehr oft in dem Film vor, nämlich an jedem der gezeigten letzten sechs Tagen. Immer wieder gibt es kleine neue Nuancen in dieser überwältigenden Szene zu erkennen. Dazu diese monotone, depressive Musik, die sensible Kameraführung und der beängstigende Ton.
                Béla Tarr hat einen Film von unbeschreiblicher Schönheit erschaffen, der so viele stimmungsvolle und malerische Bilder enthält, die ich zu den ergreifendsten und schönsten Momenten der Filmgeschichte zähle. Eine Bilderwucht in schwarzweiß, trostlos, morbide, mit enormer Kraft und mit einem unbeschreiblichen Sog, den man sich nicht entziehen kann.
                Alleine der Weg zum Brunnen, wenn die Tochter mit zwei alten Metalleimern und in derben Stoffroben gekleidet Wasser holt, der Wind ihre Haare verängstigt, Blätter und Staub herumwirbeln, das dröhnende Pfeifen wild aufheult und man für kurze Momente tief in ihr Gesicht sieht, ist ein großartiger Filmmoment. Dann wird wieder die Tür verschlossen. Stille. Ein neuer Tag. Alles beginnt erneut wieder. Man beobachtet Tochter und Vater, Pferd und Stall, Ofen und Küche, kahle Steinmauern. Jedes Bild, jede Szene ist von intensiver Traurigkeit und Schönheit umhüllt.
                Mit den verstreichenden Tagen verändert sich auch das Pferd, es will sich nicht mehr bewegen, scheinbar ist es so verängstigt, dass es nicht mehr frisst und trinkt. Die bevorstehende Dunkelheit wird an dem Pferd sehr schön gezeigt, ebenso wie die Verzweiflung und das Mitgefühl der Tochter, wenn sie (ergebnislos) versucht das Pferd zu beruhigen und zu füttern. Diese Pferdeszenen gehören zu den enorm druckvollen Bildern des Films. Wenn der Vater auf das Pferd mit den Zügeln einprügelt und es anschreit, weil es sich nicht bewegt und die Tochter dazwischen geht um das Pferd zu beruhigen. Man könnte meinen, dass sie das Pferd lieber hat, als ihren mürrischen Vater. Auch die Szenen, in denen die Tochter ihren Vater ein- und auskleidet sind bewegende Bilder für die Ewigkeit. Hier erkennt man, dass der Vater auf seine Tochter angewiesen ist, die Tochter sich gefühlskalt aufopfert. Gefühle spielen kaum eine Rolle in dem Film. Keine Liebe zwischen Tochter und Vater ist erkennbar, sie haben sich wahrscheinlich schon vor langer Zeit alles gesagt. Gemeinsames Zusammenleben, aber jeder hat seine Aufgaben und kümmert sich nicht um den anderen. Wenn der Vater Holz hackt, mit nur einem Arm, oder die Tochter sich um die Wäsche, Nahrung und um den Stall kümmert, Wasser schleppt, der Vater die Leinen spannt oder seinem Handwerk nachgeht, ist dabei immer eine unterkühlte Distanz zu spüren. Dann wieder die Mahlzeit einnehmen. Eine Pellkartoffel, diesmal beobachtet man die Tochter. Bei ihr kann man noch einen Rest von Genuss erkennen, während der Vater nach hastigem Schlingen den Tisch nach wenigen Minuten wieder verlässt.
                Der Film ist trostlos, erschlagend düster, gezeichnet von berauschenden Bildern voller Pracht und Schönheit. Er besitzt ein einzigartiges Setting, welches ich so noch nie gesehen habe und von dem eine sehr schwere Stimmung ausgeht. Ein atmosphärisch dichtes Meisterwerk von einem Poeten der Regiekunst, von einem Bildmaler und von einem beunruhigenden Sounddesign auf höchstem Niveau zelebriert.
                Béla Tarr hat mit seinem letzten Film "A Torinói ló" und seinen Bildern für mich neue Maßstäbe gesetzt und eines der großartigsten Meisterwerke der Filmgeschichte abgeliefert. Und mit der letzten Einstellung des Films, hat Béla Tarr sich für immer bei mir mit diesem Meisterwerk eingebrannt.

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                  Betörende Gigantomanie, reduziert auf einen Mikrokosmos, depressiv, langsam, herausfordernd und beklemmend, aber nie anstrengend oder langweilig. Visuelle Poesie die der Kraft seines niederschmetternden Anti-Schöpfungs-Plots erschreckend gerecht wird. Kein Film den man einfach so sieht, aber einer den man fühlt und erlebt.

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                    Casinorbi 01.08.2015, 20:23 Geändert 01.08.2015, 21:18

                    Das hier ist ein Paradebeispiel für das Medium Film als Kunstform. Unterhaltung in diesem Sinne wird hier nicht geboten, viel mehr gilt es, das Geschehene zu interpretieren und sich überhaupt erstmal auf diese Welt einzulassen, die einem hier geboten wird. Mit Kameraeinstellungen, die vor Metaphern strotzen und die emotionale Tiefe dieses Meisterwerks unterstreichen, ist das "Turiner Pferd" alles andere als leichte Kost. Ich war froh als der Film fertig war. Nicht etwa weil mich das zähe Geschehen langweilte, sondern viel mehr, weil einen der Film beinahe in kurzweilige Depressionen verfallen lässt. Nach dem Film habe ich mir eine weitere Folge "The Walking Dead" angeschaut und diese Welt wirkte im Vergleich wie Disneyland und schien so viel mehr an Hoffnung auszustrahlen.
                    Auf eine unangenehm bedrückende Art ist "Das Turiner Pferd" einfach grandios!

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                      Mr_Phil 15.06.2015, 23:29 Geändert 15.06.2015, 23:31

                      Weniger ist manchmal mehr.
                      Und manchmal, ja manchmal, ist sogar weniger noch viel zu viel.
                      Was einen hier innerhalb der 146 Minuten erwartet, kann nicht in Worte gefasst werden. Jeder muss sich selbst durch diesen Film kämpfen und einsehen, dass am nichts bleibt außer Dunkelheit, aus der es leider kein Entkommen gibt - weder für uns noch für die Protagonisten.
                      Dass dieser Film 2011 erschienen ist, spendet mir persönlich ein wenig Hoffnung in einer Zeit, die nur so von Produktionen wie die Transformer-Reihe oder wie sie nicht alle heißen mögen, überflutet wird.
                      Aber wie sagt man nicht auch so schön - die Hoffnung stirbt ohnehin zuletzt und heute wurde mir endlich wieder gezeigt, wozu das Medium Film im Stande sein kann.

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                        Niotq 30.05.2015, 21:51 Geändert 01.09.2015, 12:54

                        One more dance
                        Before they take away the light
                        One more spin around the line
                        One more step
                        And then we'll turn and face the debt
                        One more reason to forget
                        - Low ("Do You Know How to Waltz?")

                        Ich weiß gar nicht, warum ich so verwundert darüber war, wie großartig "A Torinói ló" in meinen Augen wirklich ist. Vielleicht lag es daran, dass meine letzte 9.5 Ewigkeiten her ist. Andererseits passt doch alles so gut zusammen, weil ich seit langer Zeit ein großer Freund extremer Entschleunigung mit melancholischer Grundstimmung bin, der allerdings zusätzlich noch immense Schönheit innewohnt. Das mache ich aber witzigerweise in erster Linie über meinen Musikgeschmack fest. Bohren & der Club of Gore, die verrauchten und manchmal geradezu absurd langsamen Minimaljazzer, fallen mir ebenso ein wie meine beiden Lieblingsalben aus dem Bereich des Indierock, die beide einer Subströmung mit dem fragwürdigen Namen Slowcore zuzordnen sind: "I Could Live in Hope" von Low und "Down Colorful Hill" von den Red House Painters.

                        Warum zieht mich nun menschliches Jammertal vor allem dann an, wenn es in Zeitlupe vor mir ausgebreitet wird? Nun, abgesehen davon, dass wohl jeder Mensch sein ganz eigenes Tempo hat, in dem er am besten funktioniert und auch am liebsten wahrnimmt, möchte ich noch einmal auf ein Stichwort hinweisen, das ich schon bei "Werckmeister harmóniák" verwendet habe: jenes der Reflexion. Was Tarr zeigt, ist immerhin ganz simpel - der Gipfel ist ja das mehrfach mehrere Minuten lang ausgebreitete Kartoffelessritual eines Bauern und seiner Tochter. Es ist trivial, es ist anstrengend, es ist länger als es möglicherweise sein müsste, gewiss. Aber in all der Stille, in diesen Momenten der eingespielten Routine, die in Form einer pervertierten, umgedrehten Genesis langsam aber sicher außer Kraft gesetzt wird, liegen massenhaft Gelegenheiten zum Hinterfragen, zum Begreifen, meinetwegen dazu, diese schönen Bilder auch ganz einfach auf sich wirken zu lassen, und wenn dieses Uhrwerk der beiden Protagonisten dann einmal gestört wird, sei es durch einen Nachbarn, der sich als Weltuntergangsprophet herausstellt, sei es durch umherstreunende Sinti bzw. Roma, die sogleich wieder verjagt werden, so kann es leicht sein, dass bloß dahergesagte Worte, kleine Gesten, unwichtigste Geschehnisse große Gravität verliehen bekommen.

                        Wie kraftvoll "A Torinói ló" wirklich ist, lässt sich ja schon im Vornhinein erahnen, wenn man Interviews mit Tarr liest, der mit diesem Film seinen Filmkatalog abschließt, weil seine Arbeit getan sei, und es noch reiner und einfacher einfach nicht gehe. Und in der Tat, wie will man auf diesen schmerzhaften Weltuntergang, der intensiver auf mich wirkt als es etwa Lars von Trier mit allem Brimborium tat, noch einen weiteren Film mit einer mindestens so großen Daseinsberechtigung folgen lassen? In all seiner Eintönigkeit ist dieser mutige Film - mutig, weil er dem Zuseher gar so viel zutraut - so gewaltig und bedrohlich, obwohl sich die Katastrophe so perfide anschleicht und so visuell unspektakulär vor sich geht.

                        Viele Vorzüge des erwähnten "Werckmeister harmóniák" gelten auch hier wieder, vor allem der, dass es ein Film ist, der sich so konsequent jeder zeitlichen und räumlichen Einordnung entzieht - die beiden Hauptfiguren könnten meinetwegen auch Außerirdische an einem beliebigen Punkt der Menschheitsgeschichte sein, und das macht Tarrs Werk so wenig greifbar und so schlichtweg unheimlich. Die hinreichend erwähnte Langsamkeit ist in "A Torinói ló" möglicherweise noch eine Winzigkeit gerechtfertigter, weil sie einen alltäglichen Trott einer familiären Zweckgemeinschaft abzubilden sucht, die sich im Prinzip gar nichts mehr zu sagen hat und ihr trostloses Dasein fristet, dem langsam und qualvoll jede Lebensgrundlage entzogen wird. Jegliche Anomalie in diesem Dasein, jede besondere Begebenheit, das alles wirkt auf eine merkwürdige Art und Weise erlösend, mindestens so sehr wie das Saxophon, das den Zuhörer am Ende von "Geisterfaust" von Bohren & der Club of Gore aus seiner hypnotischen Ergriffenheit... aber genug davon.

                        Ich könnte noch mehr Absätze füllen, aber irgendwann ist es wohl genug. Nur noch so viel: Ich bin unglaublich beeindruckt.

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                          Am ersten Tage ruhte Gott.
                          Am zweiten Tage nahm Gott dem Menschen seine Seele.
                          Am dritten Tage nahm er dem Menschen das Tier.
                          Am vierten Tage nahm er dem Menschen die Pflanzen.
                          Am fünften Tage nahm er dem Menschen das Wasser.
                          Und am sechsten Tage nahm Gott dem Menschen das Licht.

                          146 Minuten, die einem vorkommen wie sechs Tage.
                          Sechs Tage, die wir den beiden Protagonisten bei ihren immer wiederkehrenden Ritualen zusehen.
                          Sechs Tage, an denen wir teilhaben, an ihrem trostlosen, kargen Leben, inmitten eines unfruchtbaren, öden Landes am Ende der Welt.

                          Der Sturm, der unnachgiebig Staub und Blätter vor sich herfegt und mit einem gequälten Heulen um die kleine Steinhütte weht, ist zu gleichen Teilen Komposition des Geschehens, sowie Vorbote des Untergangs; er zieht uns, die Protagonisten, den Zuschauer, den Menschen, immer mehr in einen Strudel hinein und es gibt nur einen Weg: Richtung Abgrund.

                          29 Kameraeinstellungen in 146 Minuten, die eine schwarz/weiße Tristesse einfangen, wie ich sie selbst in den langweiligsten Stunden meines Lebens nicht erfahren habe, die jedoch auch als Chance gesehen werden können, unserer heutigen, schnelllebigen Zeit zu entfliehen, sich auszuruhen und voller Melancholie, begleitet von einer immer wiederkehrenden, düsteren Melodie aus Geigen, Cello und Akkordeon, dem stetigen Verfall der menschlichen Seele beizuwohnen.

                          Die Kamera ruht minutenlang auf Holz, auf Stoff, auf Feuer, schaut dem Kutscher und seiner Tochter, welche schon seit langer Zeit, spärlich, nur noch in einzelnen Wörtern miteinander kommunizieren, dabei zu, wie sie aus dem Fenster starren, wie die Tochter Wasser aus dem nahe gelegenen Brunnen holt, wie sie ihren Vater mit dem lahmen Arm anzieht, wie Vater und Tochter ihr klägliches Mal, jeweils eine Kartoffel, herunter schlingen.

                          Der Wind hat schon vor langer Zeit die Emotionen weggeweht und fegt nun jedwede Grundlage des Lebens hinfort.
                          Der alte Gaul verweigert seinen Dienst, jede Art von Nahrung und beweint als einziger den nahenden Untergang der Welt.
                          Das Wasser aus dem Brunnen versiegt.
                          Die Petroleumlampen geben ihren Geist auf – der Mensch hat es schon lange getan.

                          Am Ende bleibt nur eins:
                          Die absolute Finsternis.

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                          • 7

                            Oh, Kunst.
                            Ein Bauernhof, Windmaschine, ein! Musikstück (hab hier mehr erwartet), Vater, Tochter und ein paar Kartoffeln (ach und der Gaul) mehr braucht Herr Tarr nicht um einem den Niedergang und die pure Sinnlosigkeit ins Gesicht zu klatschen. Im Kopf bleibt vorallem das "Essen" (Close Up auf den Alten und ich war dann auch satt) und das Wasserholen. Wohl eher für Leute die nich so auf gute Laune stehen oder Masochisten wie mich.
                            Schon sehenswert, wie "Mad Max" , Bauer sucht Frau" oder "Big Brother" von Tarkowski.
                            Aber Vorsicht, hiergegen ist "Solaris" rasant.

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                            • 9 .5

                              Ein von jeder Konvention befreites Kammerspiel-Monstrum am Ende jeder Zeit. Entfärbt, archaisch, trostlos und zutiefst alptraumhaft. Das Turiner Pferd hat mich verstört. Und verzaubert. Vielleicht bereichert. Zumindest kreisen solche Begriffe nun durch meinen Kopf und versuchen diesem Werk verzweifelt gerecht zu werden. Eigentlich können sie nur scheitern und ich weiß nicht so recht weiter. Ein Eindruck, der mich fortan stets ereilen, oder vielmehr heimsuchen wird, wenn ich über diesen Filme spreche und es fühlt sich richtig an. "This is the way it was until the final victory. Until the trimphant end. Acquire, debase, debase, acquire."
                              Vielleicht ist es so. Irgendwann umarmen wir alle dieses Pferd. Jeder für sich. Mehr Worte gibt und braucht es diesmal wohl nicht…

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                              • 9

                                die einzige wahre realität von endzeit! alles andere ist jetzt ringelpiez mit anfassen.

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                                • 9 .5

                                  Was für tolle Kommentare hier stehen. Erstmal bin ich doch noch beeindruckter von einem Film, wenn man hier liest zu was für interessanten Gedanken er führt.
                                  Mit dem Film verhält es sich wohl wie mit dem Lesen von Nietzsche an sich. Es lohnt sich in jedem Fall. Wenn man das kennt und gelesen hat worauf er aufbaut und was er dekonstruiert und zerstört, dann lohnt es sich umso mehr.
                                  Vielen wird dieser Film wenig geben, (man erkennt sie hier an den flapsigen Kommentaren), jedoch wird jeder der ihn gesehen hat wohl die immense Kraft gespürt haben, die von ihm ausgeht, auch wenn man nocht nicht ganz greifen kann.
                                  Auch auf der Basis des reinen KonsumCineasmus ist dieser Film eine Lohnswerte Lektion. Den berauschenden Klang des Film hat man noch Stunden später im Ohr und auch visuell ist er eine Reise durch ein schwarzes Wurmloch in eine noch unentdeckte Welt.

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                                  • 9

                                    Bei all den Kommentaren hier habe ich eigentlich einen absoluten filmischen Untergang erwartet, einen Film, in dem alles erlischt und nichts mehr existiert.
                                    Genau das bekam ich auch, nur in einer viel grausameren Form als erwartet, denn der Untergang findet nicht draußen statt, nicht im Kosmos, nicht in irgendeiner Dimension fernab unseren Verstandes. Der Untergang findet in uns statt. Was zuerst stirbt, ist die menschliche Seele, im schlimmsten Falle (wie im Film) vor dem menschlichen Körper. Der innerliche Tod des Menschen ist der grausamste von allen. Da wirkt es wie eine Ironie des Schicksals, wenn ein Pferd als einziger wahre Gefühle zeigt, als er merkt, dass er krank ist (oder ist es mir nur vorgekommen, als hätte es geweint?).

                                    Wenn ich mir in Zusammenhang mit dem Film nochmal Nietzsches Aussage "Mutter, ich bin dumm!" auf der Zunge zergehen lasse, merke ich auch, dass wir alle dumm sind und ich glaube, das ist das, was Tarr uns eigentlich in jedem seiner Filme sagen wollte: Wir Menschen sind dumm.
                                    Der Vater und die Tochter im Film stehen hierbei repräsentativ für die menschliche Dummheit. Hierbei liegt die Dummheit keineswegs im Mangel an Wissen (und jetzt mal ehrlich: Leiden wir nicht alle an diesem Mangel?), sondern im Mangel an Liebe. Der Mensch ist nicht mehr in der Lage zu lieben.
                                    Genau das macht 'Das Turiner Pferd' auch so grausam. Wenn Vater und Tochter gegenüber sitzen und sich nichts mehr zu sagen haben, merken wir: DAS ist das wahre Ende unseren Seins. Es ist kein einschlagender Meteorit, auch kein auf zurasender Planet, es ist der Mensch an sich, weil er mit jeder einzelnen Geste der Verachtung, mit jedem Fünkchen Hass einen Pakt mit dem Teufel schließt und wenn man am Ende sieht, wie Vater und Tochter nicht mal mehr in der Lage sind, sich in die Augen zu sehen, merkt man: Das ist die Hölle, die Hölle unseres Daseins!
                                    Béla Tarr hat sein Mission erfüllt. Jetzt müssen wir selbst sehen, was wir daraus machen...

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                                      Ohne Makel.

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                                        Man sollte die Wörter "Tristesse" und "Hoffnungslosigkeit" aus dem Duden streichen, und stattdessen nur noch "Das Turiner Pferd" sagen. Es kommt der Bedeutung der Wörter näher als die Wörter selbst. ;)

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                                          146 Minuten saß ich gebannt vor dem Bildschirm.146 Minuten wehte mir ein eiskalter Wind durch das Gesicht. 146 Minuten brannten sich mir die tristen - ja postapokalyptischen Bilder der schier endlosen Einöde ins Gehirn, deren bedrückende Wirkung nur von ihrer wahnsinnigen Ästhetik übertroffen wurde. Völlig Gefühlsleer hatte ich nach Filmende das Bedürfnis irgendjemanden anzurufen, damit er oder sie mir etwas sagt, worüber ich lachen könnte oder das Haus zu verlassen, um der erstbesten Person einen schönen Tag zu wünschen. Meiner Meinung nach sollte es genau das sein, was "Das Turnier Pferd" bei einem Menschen auslösen sollte; Neue Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit. Dieser Film führt dem Zuschauer schonungslos eine trostlose Festgefahrenheit und Stumpfsinnigkeit vor Augen, die in der Lage ist einen Menschen zu brechen. Jeden Tag wiederholen sich die routinierten, immer gleichbleibenden Tätigkeiten der beiden Protagonisten (Vater und Tochter) und gegen Ende will man nur laut schreien: "Stop! Halt! Bitte Bitte keine Kartoffeln mehr und geh bloß nicht mehr zum Brunnen um Wasser zu holen! (wobei, zum Brunnen könntest du schon nocheinmal gehen, da es jedesmal eine Augenweide ist und ich am liebsten Screenshots im Sekundentakt machen würde)". Ich persönlich bin absolut begeistert von "Das Turnier Pferd" und kann ihn nur jedem empfehlen, der sich auf eine an den Kräften zehrenden und langwierigen Reise einlassen kann und der etwas übrig hat für triste Endzeitszenarien. Zeit und Raum werden ausgelotet und alles, wirklich alles kommt zu einem absoluten Stillstand. Abschließend will ich mit einem meiner Meinung nach sehr passenden Zitat enden und jedem ans Herz legen sein Leben anhand dieses Zitats und des Films zu hinterfragen:)

                                          "Das Geheimnis des menschlichen Seins besteht nämlich nicht darin, dass man lediglich lebt, sondern darin, wofür man lebt. Hat der Mensch keine feste Vorstellung von dem Zweck, für den er lebt, so mag er nicht weiterleben und vernichtet sich eher selbst, als dass er auf der Erde bleibt.“ (Dostojewski, Die Brüder Karamasow)

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                                            "They stopped at this point and had to understand, and had to accept that there is neither god nor gods."

                                            "A Torinói ló" ist die verfilmte Anti-Unterhaltung.

                                            Hier wird nichts, aber auch gar nichts erklärt, Sehgewohnheiten des Publikums werden komplett ignoriert oder gar ins Gegenteil verkehrt, hier gibt es keine Vergebung, keine Hoffnung, keine Erlösung, nur noch das Nichts, das Ende.

                                            Die Schlussszene in ihrer unglaublichen Düsterkeit und Ausweglosigkeit wird mich sicher noch eine Weile beschäftigen.

                                            Ich hoffe wirklich, das das nicht Tarrs letzter Film ist, auch wenn er es schon mehrfach angekündigt hat.

                                            2 Fragen noch (Spoiler offensichtlich):

                                            1) War das nur mein Eindruck, oder weht gegen Ende tatsächlich Asche durch die Außenszenen und nicht mehr Blätter? Ich hab am Anfang drauf geachtet, da waren das definitiv Blätter, beim Ende bin ich mir nicht sicher - im Kontext des Filmes würde es sicherlich passen.
                                            2.) Ist jemand des Ungarischen mächtig und kann mir sagen, ob die Untertitel in der Zigeunerszene korrekt waren? Irgendwie wirkten die Untertitel seltsam unpassend zum Rest der Szene, das kann natürlich auch Teil der Inszenierung sein, schien mir aber seltsam.

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                                            • 8 .5

                                              Vorsichtiges oeffnen von wasserflaschen und rascheln des feuilletons - genauso konsequent anachronistisch wie die filme selbst ist auch die publikumserfahrung.
                                              "The turin horse" bildet einen wunderbaren schlusspunkt zu Tarrs aussergewoehnlichem oeuvre. Die meditative beobachtung der conditio humana als zentraler dreh- und angelpunkt, inszeniert als triste zeitschleifen wie daueranschlaege in moll. So minimalistisch wie noch nie zuvor stellt er uns vor ein s/ w diorama des taeglichen lebens bar jeglicher information die dem zuschauer sonst so aufgesetzt einen zugang zu den figuren ermoeglichen - in der methodik schon beinahe bindend nahe an avantgardistischen leistungen wie chantal akerman's "Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles".
                                              Wie gewohnt komplementiert die eindrucksvolle cinematographie den kargen inhalt hin zur formellen perfektion und oftmals wird einem die genialitaet der kompositionen erst nach minuten von zeitlupenartigen dollybewegungen und zooms bewusst.
                                              Tarr loest sein kino von jeglichen stoerfaktoren, streift alles ueberfluessige ab und verlaesst sich vollkommen auf die puristisch - urspruengliche kraft seiner inszenierung. Ueberdies spannt er stets eine inhaerente dramaturgie und verfaellt nie auf die rein formulaisch experimentelle seite des schaffens. Jenes entgegenwirken saemtlicher konditionierung des modernen publikums macht ihn sicherlich zu einem gewissen grad zum filmemacher des filmkritikers aber in seiner perfektion gleichzeitig auch zu einem der 2-3 bedeutendsten und hoffentlich stilpraegendsten regisseure der gegenwart.

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                                              • 0 .5

                                                Ein unglaublich langweiliger Film.

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                                                  Kein Film hat mich jemals mit derart widersprüchlichen Gefühlen zurückgelassen wie "Das Turiner Pferd"...
                                                  Formal ist "A Torinói ló" ein Meisterwerk! Die großartige Komposition der Bilder, das kunstvolle Spiel mit Licht und Schatten, die herausragende Kameraführung, die mehr als beeindruckenden schauspielerischen Leistungen, die sich nahtlos ins Thema der Wiederholung einpassende monotone Filmmusik... alles in diesem Film ist perfekt! Er nimmt sich die Zeit, die er braucht, handelt entgegen jeglicher Erzählkonventionen. Ausziehen, Anziehen, Feuermachen, Kochen, Essen, Wasserholen; dann wieder Ausziehen, Anziehen, Feuermachen, Kochen, Essen, Wasserholen. Es sind diese einfachen alltäglichen Handlungen, die immer und immer wieder gezeigt werden und den Zuschauer gleichermaßen faszinieren wie auch ermüden. Was das Leben dieser zwei Menschen bestimmt ist Eintönigkeit, Monotonie, Stille, Langsamkeit. Das Schockierende daran ist nicht die blanke Armut, in der sie gefangen sind, sondern die Art und Weise, wie sie mit dieser Armut umgehen: stoisch, kühl, kraftlos, irgendwie desinteressiert. Desinteresse an allem: an der Welt, der Zukunft, dem Gegenüber. Das Einzige, was die äußere Kälte bekämpfen könnte, das Einzige, was noch Leben einhauchen könnte in dieses triste, totenähnliche Dasein, wäre zwischenmenschliche Nähe. Doch auch die gibt es nicht. Wärme, Liebe, Zuneigung, Sympathie, ein freundliches Wort, ein mitfühlender Blick - nach all dem sucht man vergeblich in diesem Film. Er wird bestimmt von Leere. Und genau das ist es, was ihn so einzigartig macht. "Das Turiner Pferd" schafft es, dieses "Nichts" einzufangen. Er zeigt nicht Resignation, Verzweiflung oder Trauer, sondern einfache, nichtssagende Gleichgültigkeit. Besser kann man das Gefühl der Leere nicht darstellen!
                                                  Aber da ist noch etwas anderes in diesem Film. Es ist das Gefühl der Bedrohung, das Gefühl eines nahen und unausweichlichen Weltuntergangs. Und genau an dieser Stelle wird "A Torinói ló" problematisch. Dies wird besonders im Monolog des Besuchers deutlich:

                                                  "I've run out of palinka. Would you give me a bottle?"

                                                  "Why didn't you go into town?"

                                                  "The wind's blown it away."

                                                  "How come?"

                                                  "It's gone to ruin."

                                                  "Why would it go to ruin?"

                                                  "Because everything's in ruins, everything's been degraded, but I could say that they've ruined and degraded everything. Because this is not some kind of cataclysm, coming about with so-called innocent human aid. On the contrary... It's about man's own judgement, his own judgement over his own self, which of course God has a hand in, or dare I say: takes part in. And whatever he takes part in is the most ghastly creation that you can imagine. Because, you see, the world has been debased. So it doesn't matter what I say, because everything has been debased that they've acquired. And since they've acquired everything in a sneaky, underhand fight, they've debased everything. Because whatever they touch - and they touch everything - they've debased. This is the way it was until the final victory. Until the trimphant end. Acquire, debase, debase, acquire. Or I can put it differently if you like: To touch, debase and thereby acquire, or touched, acquire and thereby debase. It's been going on like this for centuries. On, on and on. This and only this, sometimes on the sly, sometimes rudely, sometimes gently, sometimes brutally, but it has been going on and on. Yet only in one way, like a rat attack from ambush. Because for this perfect victory, it was also essential that the other side... everything that's excellent, great in some way and noble, should not engage in any kind of fight. There shouldn't be any kind of struggle, just the sudden disappearance of one side, meaning the disappearance of the excellent, the great, the noble. So that by now these winning winners who attack from ambush rule earth, and there isn't a single tiny nook where one can hide something from them, because everything they can lay their hands on is theirs. Even things we think they can't reach - but they do reach - are also theirs. Because the sky is already theirs and all our dreams. Theirs is the moment, nature, infinite silence. Even immortality is theirs, you understand? Everything, everything is lost forever! And those many noble, great and excellent just stood there, if I can put it that way. They stopped at this point, and had to understand, and had to accept, that there is neither god nor gods. And the excellent, the great and the noble had to understand and accept this right from the beginning. But of course, they were quite incapable of understanding it. They believed it and accepted it but they didn't understand it. They just stood there, bewildered, but not resigned, until something - that spark from the brain - finally enlightened them. And all at once they realized, that there is neither god nor gods. All at once they saw that there is neither good nor bad. Then they saw and understood that if this was so, then they themselves do not exist either! You see, I reckon this may have been the moment when we can say that they were extinguished, they burnt out. Extinguished and burnt out like the fire left to smoulder in the meadow. One was a constant loser, the another was the constant winner. Defeat, victory, defeat, victory, and one day - here in the neighbourhood - I had to realize, and I did realize, that I was mistaken, I was truly mistaken when I thought that there has never been and could never be any kind of change here on earth. Because, believe me, I know now that this change has indeed taken place."

                                                  Es ist nicht einfach nur Gott, der hier die Welt zerstört; es sind die Menschen selbst. "Our starting point was Nietzsche's sentence, 'God is dead'. This character says, 'We destroyed the world and it's also God's fault', which is different from Nietzsche. The key point is that the humanity, all of us, including me, are responsible for destruction of the world. But there is also a force above human at work – the gale blowing throughout the film – that is also destroying the world. So both humanity and a higher force are destroying the world." (Béla Tarr) Aber was genau ist diese destruktive Kraft innerhalb der Menschheit? Im Weltbild des Besuchers gibt es zwei klar voneinander getrennte Seiten: Auf der einen Seite stehen "the excellent, the great, the noble", auf der anderen diejenigen, die alles zerstören. Er sagt zwar, es gäbe kein Gut und Böse, seine Zweiteilung der Menschheit impliziert aber genau das: Auf der einen Seite stehen die Guten und auf der anderen die Bösen. Und am Ende siegt natürlich das Böse. Und die Guten schauen dabei zu. Der einzige Ausweg ist hier Auslöschung, Zerstörung, Vernichtung der gesamten Menschheit. Erst dieser "letzte Sieg" bringt wahre Veränderung. Alles Vorherige ist nichts als montonone Wiederholung, endloses Auf und Ab, ewiger Kreislauf aus Schaffen und Zerstören, Gewinnen und Verlieren, Aufbruch und Niedergang. Alles, was der Mensch berührt, fällt am Ende in sich zusammen. Die Menschheit als "the most ghastly creation that you can imagine". Hoffnung und Glückseligkeit, so scheint es, kann es nur im Jenseits geben. Im Hier und Jetzt ist kein Platz dafür. Es ist genau diese Weltsicht, die "A Torinói ló" zu einem zutiefst anti-emanzipatorischen Film macht. Menschen tun hier nichts als abzuwarten, ihr Schicksal zu akzeptieren und dem Lauf der Dinge schweigend zuzusehen. Veränderung ist hier etwas, das außerhalb des menschlich Machbaren liegt. Menschen sind hier nicht mehr die Urheber dieser Welt, sondern bloße Spielbälle einer übermächtigen Kraft, die sie selbst nicht beeinflussen können. All dies lässt jede progressive Forderung schon im Keim ersticken.
                                                  Und wer sind eigentlich diese "bösen Menschen", die alles unter ihrer Kontrolle haben? Juden, Banker, Zigeuner? Ach ja, Zigeuner! Schon komisch, dass der Brunnen genau dann austrocknet, wenn "die Zigeuner" ihn berühren. Und auch komisch, dass ihre letzten Worte so aussehen: "We'll be back! The water is ours! The earth is ours! You're weak!" Waren es am Ende also "die bösen Zigeuner", die für alles verantwortlich sind? Ich will hier Béla Tarr keinen platten Antiziganismus unterstellen, aber allein, dass es diese Interpretationsmöglichkeit überhaupt gibt, ist meiner Meinung nach äußerst problematisch...
                                                  Fazit: Zu viel Schwarz-Weiß in diesem Film. Zu wenig Grautöne. Schade!

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                                                    Dann wurde das Leben trist. Er ist krank. Das Pferd alt. Anzunehmen, er will in Ruhe sterben. Vielleicht eine Parallele zum Regisseur Béla Tarr und seinem Lebenszustand selbst, wo Tarr doch vor Veröffentlichung des Films prophezeite, es sei sein letzter Film. Ein Film, der seinen letzten Wunsch erfüllt: Sein Filmschaffen in Ruhe absterben lassen. Die Musik erklingt in apokalyptischen Klängen, die Figuren sind gezeichnet durch Betrübtheit, einer Monotonie des Lebens. Das Wetter? Ein einziger Sturm aus Trübsinn und Einsamkeit. Von Lebenslust ist keine Spur. 'A Torinói ló' ist ein Brocken von Film. Ein beeindruckender Brocken. Tarr gelingt es, das Publikum in zweieinhalb Stunden weder gelangweilt noch ungeduldig einfach nur still dasitzen zu lassen. Der Stille zu lauschen, die Bilderpracht wirken zu lassen, der Melancholie zuteil zu werden und dem Ende der Welt ein Stück näher zu kommen. Lebe wohl.

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