Das Turiner Pferd - Kritik

A Torinói ló

CH/DE/FR/HU · 2011 · Laufzeit 146 Minuten · Drama · Kinostart
  • 9 .5
    Weissnix 07.02.2016, 00:12 Geändert 07.02.2016, 22:13

    Draussen tobt ein endloser, apokalyptischer Sturm, unbarmherzig heult er über trockene Äcker und durch kahle Baumkronen, jeden Tag mit dem gleichen Zorn, als wäre er immer dagewesen. Das karge Bauernhaus, welches Ohlsdorfer mit seiner Tochter bewohnt bietet räumlichen Schutz vor der Naturgewalt, doch innerlich scheinen sie schon vor einer Ewigkeit gestorben zu sein. Bei Tarr wird der Untergang nicht durch eine äußere Bedrohung hervorgerufen, er geht nicht von der Natur aus, die den Drang hat sich selbst zu zerstören, es gibt keinen Vulkanausbruch, kein Erdbeben und keine Kollision mit einem anderen Himmelskörper, der Untergang beginnt im Menschen selbst und diesen Prozess kann man nicht aufhalten, die Schäden kann man nicht reparieren, ist der Mensch innerlich tot, kann er nicht wieder belebt werden.

    Das Leben von Ohlsdorfer und seiner Tochter ist von ständiger Wiederholung geprägt. Jeden Tag aufstehen, Wasser holen, Kartoffeln kochen, Kartoffeln essen, Tiere füttern, schlafen gehen. Dazwischen ? Starre Blicke aus dem Fenster, Blicke auf den nicht enden wollenden Sturm – etwas anderes bleibt ihnen nicht. Konversation zwischen Vater und Tochter findet so gut, vielleicht hat man sich alles gesagt und deshalb gibt es nichts zu sagen, vielleicht gab es das nie. Wirklich tot scheinen sie nicht zu sein, immerhin stehen sie jeden Morgen auf, verrichten ihre Arbeit und legen sich Abends wieder ins Bett, aber sie leben ebenso wenig. Sie sind nurnoch Hüllen ohne Innenleben, ohne Emotionen, ohne Illusionen, ohne Träume, ohne Charakter, sie sind innerlich leer, wie Maschinen, die erbaut wurden, um Arbeit zu verrichten, jeden Tag aufs neue. Immer im gleichen monotonen Takt. Freudlos. Kalt. Leer. Ihnen fehlt das, was ein Mensch ausmacht. Welchen Sinn hat ein solches „Leben“ ? Die Protagonisten haben die Sinnlosigkeit ihrer Existenz erkannt, doch sie wird nicht hinterfragt, es wird nicht versucht ihr etwas entgegen zu setzen, sie wird stillschweigen hingenommen. Der Zuschauer erfährt nicht, wie lange Ohlsdorfers Leben so aussieht, ob es mal eine Zeit gab, in der es anders war, oder ob es von Anfang an nie anders gewesen ist. Er sieht, dass sich ihre Körper bewegen, aber ihre Seelen tot sind. Sie sind nicht dabei zu sterben, sie sind es längst, denn das Sterben würde bedeuten, dass sich eine Entwicklung vollzieht, es würde bedeuten, dass sich etwas verändert, was (auf eine zugegebenermaßen makabre Art und Weise) auf etwas lebendiges hinweist, doch dafür ist es zu spät, dafür sind sie zu sehr verödet. Das zeigt sich auch an der Natur, es gibt nicht das eine Zerstörung aber auch Veränderung bringende Ereignis, stattdessen pfeift jeden Tag der gleiche Sturm, weht jeden Tag durch die gleichen Baumkronen, zerwühlt jeden Tag die gleichen Äcker.

    Da man kaum was über den Hintergrund der Protagonisten kennt und sie zudem fast die einzigen vorkommenden Personen sind, kann man ihre Situation meiner Meinung nach auf die Gesamtheit der Menschen beziehen. Die Menschen sind innerlich tot, sie wandeln nurnoch, aber sie leben nichtmehr und im Angesicht müssen sie erkennen, dass keine höhere Macht existiert, sie sind allein auf der Welt. Es ist eine schmerzliche Erkenntnis, man als Mensch selbstbestimmt ist und kein Gott oder eine andere höhere Macht lenkt oder den Beschützer spielt – besonders in Anbetracht dessen, dass die Menschheit von Anfang an bestrebt war ihrem Untergang entgegen zu rennen. Man ist gezwungen weiter zu existieren, bis irgendwann die letzten Lichter erlischen. Doch wann wird das sein ?

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    • 9

      Das blinde Auspeitschen des Turiner Pferds ist der Geschichte nach der Trigger für den Beginn der letzten 10 Jahre Nietzsches, die er mit dem legendenumwobenen Ausspruch „Mutter, Ich bin dumm!“ als seinen letzten Satz besiegelte. Tars Film ist ein Versuch des Verstehens dieses Ereignisses; sowohl auf der Seite des peitschenden Kutschers, als auch auf der des Philosophen. Welches Menschenbild steckt hinter solchen Handlungen? Was verbirgt sich hinter dem Leben? Und wie lässt es sich ertragen? Tar hat ein Werk von selten gesehenem Mut erschaffen, das in seiner Reduzierung des Lebens radikal anmutet – radikal auch wegen der alles überschattenden Bedrückung der gesamten Szenerie, allem voran Vigs unsagbare Musik. Das Turiner Pferd wird so zum Gegenpol des medial geformten, kapitalistischen Weltverständnisses - was kann vom Leben überhaupt erwartet werden? Dann geht das letzte Licht aus und es ist Dunkelheit. Köszönöm, Bela!

      • 10

        Das beste Stück Film der letzten Jahre!
        Béla Tarrs monotoner Weltuntergangsfilm, der 146 Minuten lang ein poetisch-raues Bild nach dem anderen zeigt. Im Sekundentakt zeigt uns die Kamera unbeschreiblich kraftvolle Bilder von einem alten Mann und seiner Tochter, die auf einem alten Bauernhof, abgeschieden von der Zivilisation, leben. Das einzige Nutztier, ein Pferd, muss täglich gefüttert werden. Wasser muss aus einem nahe am Gehöft gelegenen Brunnen besorgt werden. Die ganze Zeit weht ein starker Sturm, Blätter fliegen durch die Luft, genau wie der Staub und der Sand. Die vollen, langen Haare der Tochter wehen ängstlich durch den Wind aufgetrieben. Es pfeift, Türen schlagen zu, Ketten rasseln.
        Im uralten Steinhaus muss das Feuer angezündet werden, die Tochter opfert sich für alle Aufgaben im Haus auf. Sie kocht, wäscht, kleidet den Vater ein (er hat einen tauben rechten Arm) und aus und sitzt starr und regungslos vor dem Fenster. Vater und Tochter haben sich nichts zu sagen, sie wechseln so gut wie kein Wort miteinander. Warum das so ist, bleibt unbekannt. Die gemeinsame Mahlzeit, die aus jeweils einer Pellkartoffel besteht (der heimliche Star des Films), ist zugleich Tageshöhepunkt. Hier wird hypnotisch mit der Kamera der komplette Vorgang gezeigt. Vom Schälen mit der puren Hand der noch kochend heißen Kartoffel, bis zum urzeitlichen hastigen Verspeisen mit der Hand. Diese Szene kommt sehr oft in dem Film vor, nämlich an jedem der gezeigten letzten sechs Tagen. Immer wieder gibt es kleine neue Nuancen in dieser überwältigenden Szene zu erkennen. Dazu diese monotone, depressive Musik, die sensible Kameraführung und der beängstigende Ton.
        Béla Tarr hat einen Film von unbeschreiblicher Schönheit erschaffen, der so viele stimmungsvolle und malerische Bilder enthält, die ich zu den ergreifendsten und schönsten Momenten der Filmgeschichte zähle. Eine Bilderwucht in schwarzweiß, trostlos, morbide, mit enormer Kraft und mit einem unbeschreiblichen Sog, den man sich nicht entziehen kann.
        Alleine der Weg zum Brunnen, wenn die Tochter mit zwei alten Metalleimern und in derben Stoffroben gekleidet Wasser holt, der Wind ihre Haare verängstigt, Blätter und Staub herumwirbeln, das dröhnende Pfeifen wild aufheult und man für kurze Momente tief in ihr Gesicht sieht, ist ein großartiger Filmmoment. Dann wird wieder die Tür verschlossen. Stille. Ein neuer Tag. Alles beginnt erneut wieder. Man beobachtet Tochter und Vater, Pferd und Stall, Ofen und Küche, kahle Steinmauern. Jedes Bild, jede Szene ist von intensiver Traurigkeit und Schönheit umhüllt.
        Mit den verstreichenden Tagen verändert sich auch das Pferd, es will sich nicht mehr bewegen, scheinbar ist es so verängstigt, dass es nicht mehr frisst und trinkt. Die bevorstehende Dunkelheit wird an dem Pferd sehr schön gezeigt, ebenso wie die Verzweiflung und das Mitgefühl der Tochter, wenn sie (ergebnislos) versucht das Pferd zu beruhigen und zu füttern. Diese Pferdeszenen gehören zu den enorm druckvollen Bildern des Films. Wenn der Vater auf das Pferd mit den Zügeln einprügelt und es anschreit, weil es sich nicht bewegt und die Tochter dazwischen geht um das Pferd zu beruhigen. Man könnte meinen, dass sie das Pferd lieber hat, als ihren mürrischen Vater. Auch die Szenen, in denen die Tochter ihren Vater ein- und auskleidet sind bewegende Bilder für die Ewigkeit. Hier erkennt man, dass der Vater auf seine Tochter angewiesen ist, die Tochter sich gefühlskalt aufopfert. Gefühle spielen kaum eine Rolle in dem Film. Keine Liebe zwischen Tochter und Vater ist erkennbar, sie haben sich wahrscheinlich schon vor langer Zeit alles gesagt. Gemeinsames Zusammenleben, aber jeder hat seine Aufgaben und kümmert sich nicht um den anderen. Wenn der Vater Holz hackt, mit nur einem Arm, oder die Tochter sich um die Wäsche, Nahrung und um den Stall kümmert, Wasser schleppt, der Vater die Leinen spannt oder seinem Handwerk nachgeht, ist dabei immer eine unterkühlte Distanz zu spüren. Dann wieder die Mahlzeit einnehmen. Eine Pellkartoffel, diesmal beobachtet man die Tochter. Bei ihr kann man noch einen Rest von Genuss erkennen, während der Vater nach hastigem Schlingen den Tisch nach wenigen Minuten wieder verlässt.
        Der Film ist trostlos, erschlagend düster, gezeichnet von berauschenden Bildern voller Pracht und Schönheit. Er besitzt ein einzigartiges Setting, welches ich so noch nie gesehen habe und von dem eine sehr schwere Stimmung ausgeht. Ein atmosphärisch dichtes Meisterwerk von einem Poeten der Regiekunst, von einem Bildmaler und von einem beunruhigenden Sounddesign auf höchstem Niveau zelebriert.
        Béla Tarr hat mit seinem letzten Film "A Torinói ló" und seinen Bildern für mich neue Maßstäbe gesetzt und eines der großartigsten Meisterwerke der Filmgeschichte abgeliefert. Und mit der letzten Einstellung des Films, hat Béla Tarr sich für immer bei mir mit diesem Meisterwerk eingebrannt.

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          Betörende Gigantomanie, reduziert auf einen Mikrokosmos, depressiv, langsam, herausfordernd und beklemmend, aber nie anstrengend oder langweilig. Visuelle Poesie die der Kraft seines niederschmetternden Anti-Schöpfungs-Plots erschreckend gerecht wird. Kein Film den man einfach so sieht, aber einer den man fühlt und erlebt.

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            Casinorbi 01.08.2015, 20:23 Geändert 01.08.2015, 21:18

            Das hier ist ein Paradebeispiel für das Medium Film als Kunstform. Unterhaltung in diesem Sinne wird hier nicht geboten, viel mehr gilt es, das Geschehene zu interpretieren und sich überhaupt erstmal auf diese Welt einzulassen, die einem hier geboten wird. Mit Kameraeinstellungen, die vor Metaphern strotzen und die emotionale Tiefe dieses Meisterwerks unterstreichen, ist das "Turiner Pferd" alles andere als leichte Kost. Ich war froh als der Film fertig war. Nicht etwa weil mich das zähe Geschehen langweilte, sondern viel mehr, weil einen der Film beinahe in kurzweilige Depressionen verfallen lässt. Nach dem Film habe ich mir eine weitere Folge "The Walking Dead" angeschaut und diese Welt wirkte im Vergleich wie Disneyland und schien so viel mehr an Hoffnung auszustrahlen.
            Auf eine unangenehm bedrückende Art ist "Das Turiner Pferd" einfach grandios!

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              Mr_Phil 15.06.2015, 23:29 Geändert 15.06.2015, 23:31

              Weniger ist manchmal mehr.
              Und manchmal, ja manchmal, ist sogar weniger noch viel zu viel.
              Was einen hier innerhalb der 146 Minuten erwartet, kann nicht in Worte gefasst werden. Jeder muss sich selbst durch diesen Film kämpfen und einsehen, dass am nichts bleibt außer Dunkelheit, aus der es leider kein Entkommen gibt - weder für uns noch für die Protagonisten.
              Dass dieser Film 2011 erschienen ist, spendet mir persönlich ein wenig Hoffnung in einer Zeit, die nur so von Produktionen wie die Transformer-Reihe oder wie sie nicht alle heißen mögen, überflutet wird.
              Aber wie sagt man nicht auch so schön - die Hoffnung stirbt ohnehin zuletzt und heute wurde mir endlich wieder gezeigt, wozu das Medium Film im Stande sein kann.

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              • 9 .5
                Niotq 30.05.2015, 21:51 Geändert 01.09.2015, 12:54

                One more dance
                Before they take away the light
                One more spin around the line
                One more step
                And then we'll turn and face the debt
                One more reason to forget
                - Low ("Do You Know How to Waltz?")

                Ich weiß gar nicht, warum ich so verwundert darüber war, wie großartig "A Torinói ló" in meinen Augen wirklich ist. Vielleicht lag es daran, dass meine letzte 9.5 Ewigkeiten her ist. Andererseits passt doch alles so gut zusammen, weil ich seit langer Zeit ein großer Freund extremer Entschleunigung mit melancholischer Grundstimmung bin, der allerdings zusätzlich noch immense Schönheit innewohnt. Das mache ich aber witzigerweise in erster Linie über meinen Musikgeschmack fest. Bohren & der Club of Gore, die verrauchten und manchmal geradezu absurd langsamen Minimaljazzer, fallen mir ebenso ein wie meine beiden Lieblingsalben aus dem Bereich des Indierock, die beide einer Subströmung mit dem fragwürdigen Namen Slowcore zuzordnen sind: "I Could Live in Hope" von Low und "Down Colorful Hill" von den Red House Painters.

                Warum zieht mich nun menschliches Jammertal vor allem dann an, wenn es in Zeitlupe vor mir ausgebreitet wird? Nun, abgesehen davon, dass wohl jeder Mensch sein ganz eigenes Tempo hat, in dem er am besten funktioniert und auch am liebsten wahrnimmt, möchte ich noch einmal auf ein Stichwort hinweisen, das ich schon bei "Werckmeister harmóniák" verwendet habe: jenes der Reflexion. Was Tarr zeigt, ist immerhin ganz simpel - der Gipfel ist ja das mehrfach mehrere Minuten lang ausgebreitete Kartoffelessritual eines Bauern und seiner Tochter. Es ist trivial, es ist anstrengend, es ist länger als es möglicherweise sein müsste, gewiss. Aber in all der Stille, in diesen Momenten der eingespielten Routine, die in Form einer pervertierten, umgedrehten Genesis langsam aber sicher außer Kraft gesetzt wird, liegen massenhaft Gelegenheiten zum Hinterfragen, zum Begreifen, meinetwegen dazu, diese schönen Bilder auch ganz einfach auf sich wirken zu lassen, und wenn dieses Uhrwerk der beiden Protagonisten dann einmal gestört wird, sei es durch einen Nachbarn, der sich als Weltuntergangsprophet herausstellt, sei es durch umherstreunende Sinti bzw. Roma, die sogleich wieder verjagt werden, so kann es leicht sein, dass bloß dahergesagte Worte, kleine Gesten, unwichtigste Geschehnisse große Gravität verliehen bekommen.

                Wie kraftvoll "A Torinói ló" wirklich ist, lässt sich ja schon im Vornhinein erahnen, wenn man Interviews mit Tarr liest, der mit diesem Film seinen Filmkatalog abschließt, weil seine Arbeit getan sei, und es noch reiner und einfacher einfach nicht gehe. Und in der Tat, wie will man auf diesen schmerzhaften Weltuntergang, der intensiver auf mich wirkt als es etwa Lars von Trier mit allem Brimborium tat, noch einen weiteren Film mit einer mindestens so großen Daseinsberechtigung folgen lassen? In all seiner Eintönigkeit ist dieser mutige Film - mutig, weil er dem Zuseher gar so viel zutraut - so gewaltig und bedrohlich, obwohl sich die Katastrophe so perfide anschleicht und so visuell unspektakulär vor sich geht.

                Viele Vorzüge des erwähnten "Werckmeister harmóniák" gelten auch hier wieder, vor allem der, dass es ein Film ist, der sich so konsequent jeder zeitlichen und räumlichen Einordnung entzieht - die beiden Hauptfiguren könnten meinetwegen auch Außerirdische an einem beliebigen Punkt der Menschheitsgeschichte sein, und das macht Tarrs Werk so wenig greifbar und so schlichtweg unheimlich. Die hinreichend erwähnte Langsamkeit ist in "A Torinói ló" möglicherweise noch eine Winzigkeit gerechtfertigter, weil sie einen alltäglichen Trott einer familiären Zweckgemeinschaft abzubilden sucht, die sich im Prinzip gar nichts mehr zu sagen hat und ihr trostloses Dasein fristet, dem langsam und qualvoll jede Lebensgrundlage entzogen wird. Jegliche Anomalie in diesem Dasein, jede besondere Begebenheit, das alles wirkt auf eine merkwürdige Art und Weise erlösend, mindestens so sehr wie das Saxophon, das den Zuhörer am Ende von "Geisterfaust" von Bohren & der Club of Gore aus seiner hypnotischen Ergriffenheit... aber genug davon.

                Ich könnte noch mehr Absätze füllen, aber irgendwann ist es wohl genug. Nur noch so viel: Ich bin unglaublich beeindruckt.

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                • 9

                  Am ersten Tage ruhte Gott.
                  Am zweiten Tage nahm Gott dem Menschen seine Seele.
                  Am dritten Tage nahm er dem Menschen das Tier.
                  Am vierten Tage nahm er dem Menschen die Pflanzen.
                  Am fünften Tage nahm er dem Menschen das Wasser.
                  Und am sechsten Tage nahm Gott dem Menschen das Licht.

                  146 Minuten, die einem vorkommen wie sechs Tage.
                  Sechs Tage, die wir den beiden Protagonisten bei ihren immer wiederkehrenden Ritualen zusehen.
                  Sechs Tage, an denen wir teilhaben, an ihrem trostlosen, kargen Leben, inmitten eines unfruchtbaren, öden Landes am Ende der Welt.

                  Der Sturm, der unnachgiebig Staub und Blätter vor sich herfegt und mit einem gequälten Heulen um die kleine Steinhütte weht, ist zu gleichen Teilen Komposition des Geschehens, sowie Vorbote des Untergangs; er zieht uns, die Protagonisten, den Zuschauer, den Menschen, immer mehr in einen Strudel hinein und es gibt nur einen Weg: Richtung Abgrund.

                  29 Kameraeinstellungen in 146 Minuten, die eine schwarz/weiße Tristesse einfangen, wie ich sie selbst in den langweiligsten Stunden meines Lebens nicht erfahren habe, die jedoch auch als Chance gesehen werden können, unserer heutigen, schnelllebigen Zeit zu entfliehen, sich auszuruhen und voller Melancholie, begleitet von einer immer wiederkehrenden, düsteren Melodie aus Geigen, Cello und Akkordeon, dem stetigen Verfall der menschlichen Seele beizuwohnen.

                  Die Kamera ruht minutenlang auf Holz, auf Stoff, auf Feuer, schaut dem Kutscher und seiner Tochter, welche schon seit langer Zeit, spärlich, nur noch in einzelnen Wörtern miteinander kommunizieren, dabei zu, wie sie aus dem Fenster starren, wie die Tochter Wasser aus dem nahe gelegenen Brunnen holt, wie sie ihren Vater mit dem lahmen Arm anzieht, wie Vater und Tochter ihr klägliches Mal, jeweils eine Kartoffel, herunter schlingen.

                  Der Wind hat schon vor langer Zeit die Emotionen weggeweht und fegt nun jedwede Grundlage des Lebens hinfort.
                  Der alte Gaul verweigert seinen Dienst, jede Art von Nahrung und beweint als einziger den nahenden Untergang der Welt.
                  Das Wasser aus dem Brunnen versiegt.
                  Die Petroleumlampen geben ihren Geist auf – der Mensch hat es schon lange getan.

                  Am Ende bleibt nur eins:
                  Die absolute Finsternis.

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                    Oh, Kunst.
                    Ein Bauernhof, Windmaschine, ein! Musikstück (hab hier mehr erwartet), Vater, Tochter und ein paar Kartoffeln (ach und der Gaul) mehr braucht Herr Tarr nicht um einem den Niedergang und die pure Sinnlosigkeit ins Gesicht zu klatschen. Im Kopf bleibt vorallem das "Essen" (Close Up auf den Alten und ich war dann auch satt) und das Wasserholen. Wohl eher für Leute die nich so auf gute Laune stehen oder Masochisten wie mich.
                    Schon sehenswert, wie "Mad Max" , Bauer sucht Frau" oder "Big Brother" von Tarkowski.
                    Aber Vorsicht, hiergegen ist "Solaris" rasant.

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                    • 9 .5

                      Ein von jeder Konvention befreites Kammerspiel-Monstrum am Ende jeder Zeit. Entfärbt, archaisch, trostlos und zutiefst alptraumhaft. Das Turiner Pferd hat mich verstört. Und verzaubert. Vielleicht bereichert. Zumindest kreisen solche Begriffe nun durch meinen Kopf und versuchen diesem Werk verzweifelt gerecht zu werden. Eigentlich können sie nur scheitern und ich weiß nicht so recht weiter. Ein Eindruck, der mich fortan stets ereilen, oder vielmehr heimsuchen wird, wenn ich über diesen Filme spreche und es fühlt sich richtig an. "This is the way it was until the final victory. Until the trimphant end. Acquire, debase, debase, acquire."
                      Vielleicht ist es so. Irgendwann umarmen wir alle dieses Pferd. Jeder für sich. Mehr Worte gibt und braucht es diesmal wohl nicht…

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                      • 9

                        die einzige wahre realität von endzeit! alles andere ist jetzt ringelpiez mit anfassen.

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                        • 9 .5

                          Was für tolle Kommentare hier stehen. Erstmal bin ich doch noch beeindruckter von einem Film, wenn man hier liest zu was für interessanten Gedanken er führt.
                          Mit dem Film verhält es sich wohl wie mit dem Lesen von Nietzsche an sich. Es lohnt sich in jedem Fall. Wenn man das kennt und gelesen hat worauf er aufbaut und was er dekonstruiert und zerstört, dann lohnt es sich umso mehr.
                          Vielen wird dieser Film wenig geben, (man erkennt sie hier an den flapsigen Kommentaren), jedoch wird jeder der ihn gesehen hat wohl die immense Kraft gespürt haben, die von ihm ausgeht, auch wenn man nocht nicht ganz greifen kann.
                          Auch auf der Basis des reinen KonsumCineasmus ist dieser Film eine Lohnswerte Lektion. Den berauschenden Klang des Film hat man noch Stunden später im Ohr und auch visuell ist er eine Reise durch ein schwarzes Wurmloch in eine noch unentdeckte Welt.

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                          • 9 .5

                            Bei all den Kommentaren hier habe ich eigentlich einen absoluten filmischen Untergang erwartet, einen Film, in dem alles erlischt und nichts mehr existiert.
                            Genau das bekam ich auch, nur in einer viel grausameren Form als erwartet, denn der Untergang findet nicht draußen statt, nicht im Kosmos, nicht in irgendeiner Dimension fernab unseren Verstandes. Der Untergang findet in uns statt. Was zuerst stirbt, ist die menschliche Seele, im schlimmsten Falle (wie im Film) vor dem menschlichen Körper. Der innerliche Tod des Menschen ist der grausamste von allen. Da wirkt es wie eine Ironie des Schicksals, wenn ein Pferd als einziger wahre Gefühle zeigt, als er merkt, dass er krank ist (oder ist es mir nur vorgekommen, als hätte es geweint?).

                            Wenn ich mir in Zusammenhang mit dem Film nochmal Nietzsches Aussage "Mutter, ich bin dumm!" auf der Zunge zergehen lasse, merke ich auch, dass wir alle dumm sind und ich glaube, das ist das, was Tarr uns eigentlich in jedem seiner Filme sagen wollte: Wir Menschen sind dumm.
                            Der Vater und die Tochter im Film stehen hierbei repräsentativ für die menschliche Dummheit. Hierbei liegt die Dummheit keineswegs im Mangel an Wissen (und jetzt mal ehrlich: Leiden wir nicht alle an diesem Mangel?), sondern im Mangel an Liebe. Der Mensch ist nicht mehr in der Lage zu lieben.
                            Genau das macht 'Das Turiner Pferd' auch so grausam. Wenn Vater und Tochter gegenüber sitzen und sich nichts mehr zu sagen haben, merken wir: DAS ist das wahre Ende unseren Seins. Es ist kein einschlagender Meteorit, auch kein auf zurasender Planet, es ist der Mensch an sich, weil er mit jeder einzelnen Geste der Verachtung, mit jedem Fünkchen Hass einen Pakt mit dem Teufel schließt und wenn man am Ende sieht, wie Vater und Tochter nicht mal mehr in der Lage sind, sich in die Augen zu sehen, merkt man: Das ist die Hölle, die Hölle unseres Daseins!
                            Béla Tarr hat sein Mission erfüllt. Jetzt müssen wir selbst sehen, was wir daraus machen...

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                              Ohne Makel.

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                                Man sollte die Wörter "Tristesse" und "Hoffnungslosigkeit" aus dem Duden streichen, und stattdessen nur noch "Das Turiner Pferd" sagen. Es kommt der Bedeutung der Wörter näher als die Wörter selbst. ;)

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                                  146 Minuten saß ich gebannt vor dem Bildschirm.146 Minuten wehte mir ein eiskalter Wind durch das Gesicht. 146 Minuten brannten sich mir die tristen - ja postapokalyptischen Bilder der schier endlosen Einöde ins Gehirn, deren bedrückende Wirkung nur von ihrer wahnsinnigen Ästhetik übertroffen wurde. Völlig Gefühlsleer hatte ich nach Filmende das Bedürfnis irgendjemanden anzurufen, damit er oder sie mir etwas sagt, worüber ich lachen könnte oder das Haus zu verlassen, um der erstbesten Person einen schönen Tag zu wünschen. Meiner Meinung nach sollte es genau das sein, was "Das Turnier Pferd" bei einem Menschen auslösen sollte; Neue Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit. Dieser Film führt dem Zuschauer schonungslos eine trostlose Festgefahrenheit und Stumpfsinnigkeit vor Augen, die in der Lage ist einen Menschen zu brechen. Jeden Tag wiederholen sich die routinierten, immer gleichbleibenden Tätigkeiten der beiden Protagonisten (Vater und Tochter) und gegen Ende will man nur laut schreien: "Stop! Halt! Bitte Bitte keine Kartoffeln mehr und geh bloß nicht mehr zum Brunnen um Wasser zu holen! (wobei, zum Brunnen könntest du schon nocheinmal gehen, da es jedesmal eine Augenweide ist und ich am liebsten Screenshots im Sekundentakt machen würde)". Ich persönlich bin absolut begeistert von "Das Turnier Pferd" und kann ihn nur jedem empfehlen, der sich auf eine an den Kräften zehrenden und langwierigen Reise einlassen kann und der etwas übrig hat für triste Endzeitszenarien. Zeit und Raum werden ausgelotet und alles, wirklich alles kommt zu einem absoluten Stillstand. Abschließend will ich mit einem meiner Meinung nach sehr passenden Zitat enden und jedem ans Herz legen sein Leben anhand dieses Zitats und des Films zu hinterfragen:)

                                  "Das Geheimnis des menschlichen Seins besteht nämlich nicht darin, dass man lediglich lebt, sondern darin, wofür man lebt. Hat der Mensch keine feste Vorstellung von dem Zweck, für den er lebt, so mag er nicht weiterleben und vernichtet sich eher selbst, als dass er auf der Erde bleibt.“ (Dostojewski, Die Brüder Karamasow)

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                                    "They stopped at this point and had to understand, and had to accept that there is neither god nor gods."

                                    "A Torinói ló" ist die verfilmte Anti-Unterhaltung.

                                    Hier wird nichts, aber auch gar nichts erklärt, Sehgewohnheiten des Publikums werden komplett ignoriert oder gar ins Gegenteil verkehrt, hier gibt es keine Vergebung, keine Hoffnung, keine Erlösung, nur noch das Nichts, das Ende.

                                    Die Schlussszene in ihrer unglaublichen Düsterkeit und Ausweglosigkeit wird mich sicher noch eine Weile beschäftigen.

                                    Ich hoffe wirklich, das das nicht Tarrs letzter Film ist, auch wenn er es schon mehrfach angekündigt hat.

                                    2 Fragen noch (Spoiler offensichtlich):

                                    1) War das nur mein Eindruck, oder weht gegen Ende tatsächlich Asche durch die Außenszenen und nicht mehr Blätter? Ich hab am Anfang drauf geachtet, da waren das definitiv Blätter, beim Ende bin ich mir nicht sicher - im Kontext des Filmes würde es sicherlich passen.
                                    2.) Ist jemand des Ungarischen mächtig und kann mir sagen, ob die Untertitel in der Zigeunerszene korrekt waren? Irgendwie wirkten die Untertitel seltsam unpassend zum Rest der Szene, das kann natürlich auch Teil der Inszenierung sein, schien mir aber seltsam.

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                                      Vorsichtiges oeffnen von wasserflaschen und rascheln des feuilletons - genauso konsequent anachronistisch wie die filme selbst ist auch die publikumserfahrung.
                                      "The turin horse" bildet einen wunderbaren schlusspunkt zu Tarrs aussergewoehnlichem oeuvre. Die meditative beobachtung der conditio humana als zentraler dreh- und angelpunkt, inszeniert als triste zeitschleifen wie daueranschlaege in moll. So minimalistisch wie noch nie zuvor stellt er uns vor ein s/ w diorama des taeglichen lebens bar jeglicher information die dem zuschauer sonst so aufgesetzt einen zugang zu den figuren ermoeglichen - in der methodik schon beinahe bindend nahe an avantgardistischen leistungen wie chantal akerman's "Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles".
                                      Wie gewohnt komplementiert die eindrucksvolle cinematographie den kargen inhalt hin zur formellen perfektion und oftmals wird einem die genialitaet der kompositionen erst nach minuten von zeitlupenartigen dollybewegungen und zooms bewusst.
                                      Tarr loest sein kino von jeglichen stoerfaktoren, streift alles ueberfluessige ab und verlaesst sich vollkommen auf die puristisch - urspruengliche kraft seiner inszenierung. Ueberdies spannt er stets eine inhaerente dramaturgie und verfaellt nie auf die rein formulaisch experimentelle seite des schaffens. Jenes entgegenwirken saemtlicher konditionierung des modernen publikums macht ihn sicherlich zu einem gewissen grad zum filmemacher des filmkritikers aber in seiner perfektion gleichzeitig auch zu einem der 2-3 bedeutendsten und hoffentlich stilpraegendsten regisseure der gegenwart.

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                                      • 0 .5

                                        Ein unglaublich langweiliger Film.

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                                          Kein Film hat mich jemals mit derart widersprüchlichen Gefühlen zurückgelassen wie "Das Turiner Pferd"...
                                          Formal ist "A Torinói ló" ein Meisterwerk! Die großartige Komposition der Bilder, das kunstvolle Spiel mit Licht und Schatten, die herausragende Kameraführung, die mehr als beeindruckenden schauspielerischen Leistungen, die sich nahtlos ins Thema der Wiederholung einpassende monotone Filmmusik... alles in diesem Film ist perfekt! Er nimmt sich die Zeit, die er braucht, handelt entgegen jeglicher Erzählkonventionen. Ausziehen, Anziehen, Feuermachen, Kochen, Essen, Wasserholen; dann wieder Ausziehen, Anziehen, Feuermachen, Kochen, Essen, Wasserholen. Es sind diese einfachen alltäglichen Handlungen, die immer und immer wieder gezeigt werden und den Zuschauer gleichermaßen faszinieren wie auch ermüden. Was das Leben dieser zwei Menschen bestimmt ist Eintönigkeit, Monotonie, Stille, Langsamkeit. Das Schockierende daran ist nicht die blanke Armut, in der sie gefangen sind, sondern die Art und Weise, wie sie mit dieser Armut umgehen: stoisch, kühl, kraftlos, irgendwie desinteressiert. Desinteresse an allem: an der Welt, der Zukunft, dem Gegenüber. Das Einzige, was die äußere Kälte bekämpfen könnte, das Einzige, was noch Leben einhauchen könnte in dieses triste, totenähnliche Dasein, wäre zwischenmenschliche Nähe. Doch auch die gibt es nicht. Wärme, Liebe, Zuneigung, Sympathie, ein freundliches Wort, ein mitfühlender Blick - nach all dem sucht man vergeblich in diesem Film. Er wird bestimmt von Leere. Und genau das ist es, was ihn so einzigartig macht. "Das Turiner Pferd" schafft es, dieses "Nichts" einzufangen. Er zeigt nicht Resignation, Verzweiflung oder Trauer, sondern einfache, nichtssagende Gleichgültigkeit. Besser kann man das Gefühl der Leere nicht darstellen!
                                          Aber da ist noch etwas anderes in diesem Film. Es ist das Gefühl der Bedrohung, das Gefühl eines nahen und unausweichlichen Weltuntergangs. Und genau an dieser Stelle wird "A Torinói ló" problematisch. Dies wird besonders im Monolog des Besuchers deutlich:

                                          "I've run out of palinka. Would you give me a bottle?"

                                          "Why didn't you go into town?"

                                          "The wind's blown it away."

                                          "How come?"

                                          "It's gone to ruin."

                                          "Why would it go to ruin?"

                                          "Because everything's in ruins, everything's been degraded, but I could say that they've ruined and degraded everything. Because this is not some kind of cataclysm, coming about with so-called innocent human aid. On the contrary... It's about man's own judgement, his own judgement over his own self, which of course God has a hand in, or dare I say: takes part in. And whatever he takes part in is the most ghastly creation that you can imagine. Because, you see, the world has been debased. So it doesn't matter what I say, because everything has been debased that they've acquired. And since they've acquired everything in a sneaky, underhand fight, they've debased everything. Because whatever they touch - and they touch everything - they've debased. This is the way it was until the final victory. Until the trimphant end. Acquire, debase, debase, acquire. Or I can put it differently if you like: To touch, debase and thereby acquire, or touched, acquire and thereby debase. It's been going on like this for centuries. On, on and on. This and only this, sometimes on the sly, sometimes rudely, sometimes gently, sometimes brutally, but it has been going on and on. Yet only in one way, like a rat attack from ambush. Because for this perfect victory, it was also essential that the other side... everything that's excellent, great in some way and noble, should not engage in any kind of fight. There shouldn't be any kind of struggle, just the sudden disappearance of one side, meaning the disappearance of the excellent, the great, the noble. So that by now these winning winners who attack from ambush rule earth, and there isn't a single tiny nook where one can hide something from them, because everything they can lay their hands on is theirs. Even things we think they can't reach - but they do reach - are also theirs. Because the sky is already theirs and all our dreams. Theirs is the moment, nature, infinite silence. Even immortality is theirs, you understand? Everything, everything is lost forever! And those many noble, great and excellent just stood there, if I can put it that way. They stopped at this point, and had to understand, and had to accept, that there is neither god nor gods. And the excellent, the great and the noble had to understand and accept this right from the beginning. But of course, they were quite incapable of understanding it. They believed it and accepted it but they didn't understand it. They just stood there, bewildered, but not resigned, until something - that spark from the brain - finally enlightened them. And all at once they realized, that there is neither god nor gods. All at once they saw that there is neither good nor bad. Then they saw and understood that if this was so, then they themselves do not exist either! You see, I reckon this may have been the moment when we can say that they were extinguished, they burnt out. Extinguished and burnt out like the fire left to smoulder in the meadow. One was a constant loser, the another was the constant winner. Defeat, victory, defeat, victory, and one day - here in the neighbourhood - I had to realize, and I did realize, that I was mistaken, I was truly mistaken when I thought that there has never been and could never be any kind of change here on earth. Because, believe me, I know now that this change has indeed taken place."

                                          Es ist nicht einfach nur Gott, der hier die Welt zerstört; es sind die Menschen selbst. "Our starting point was Nietzsche's sentence, 'God is dead'. This character says, 'We destroyed the world and it's also God's fault', which is different from Nietzsche. The key point is that the humanity, all of us, including me, are responsible for destruction of the world. But there is also a force above human at work – the gale blowing throughout the film – that is also destroying the world. So both humanity and a higher force are destroying the world." (Béla Tarr) Aber was genau ist diese destruktive Kraft innerhalb der Menschheit? Im Weltbild des Besuchers gibt es zwei klar voneinander getrennte Seiten: Auf der einen Seite stehen "the excellent, the great, the noble", auf der anderen diejenigen, die alles zerstören. Er sagt zwar, es gäbe kein Gut und Böse, seine Zweiteilung der Menschheit impliziert aber genau das: Auf der einen Seite stehen die Guten und auf der anderen die Bösen. Und am Ende siegt natürlich das Böse. Und die Guten schauen dabei zu. Der einzige Ausweg ist hier Auslöschung, Zerstörung, Vernichtung der gesamten Menschheit. Erst dieser "letzte Sieg" bringt wahre Veränderung. Alles Vorherige ist nichts als montonone Wiederholung, endloses Auf und Ab, ewiger Kreislauf aus Schaffen und Zerstören, Gewinnen und Verlieren, Aufbruch und Niedergang. Alles, was der Mensch berührt, fällt am Ende in sich zusammen. Die Menschheit als "the most ghastly creation that you can imagine". Hoffnung und Glückseligkeit, so scheint es, kann es nur im Jenseits geben. Im Hier und Jetzt ist kein Platz dafür. Es ist genau diese Weltsicht, die "A Torinói ló" zu einem zutiefst anti-emanzipatorischen Film macht. Menschen tun hier nichts als abzuwarten, ihr Schicksal zu akzeptieren und dem Lauf der Dinge schweigend zuzusehen. Veränderung ist hier etwas, das außerhalb des menschlich Machbaren liegt. Menschen sind hier nicht mehr die Urheber dieser Welt, sondern bloße Spielbälle einer übermächtigen Kraft, die sie selbst nicht beeinflussen können. All dies lässt jede progressive Forderung schon im Keim ersticken.
                                          Und wer sind eigentlich diese "bösen Menschen", die alles unter ihrer Kontrolle haben? Juden, Banker, Zigeuner? Ach ja, Zigeuner! Schon komisch, dass der Brunnen genau dann austrocknet, wenn "die Zigeuner" ihn berühren. Und auch komisch, dass ihre letzten Worte so aussehen: "We'll be back! The water is ours! The earth is ours! You're weak!" Waren es am Ende also "die bösen Zigeuner", die für alles verantwortlich sind? Ich will hier Béla Tarr keinen platten Antiziganismus unterstellen, aber allein, dass es diese Interpretationsmöglichkeit überhaupt gibt, ist meiner Meinung nach äußerst problematisch...
                                          Fazit: Zu viel Schwarz-Weiß in diesem Film. Zu wenig Grautöne. Schade!

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                                            Dann wurde das Leben trist. Er ist krank. Das Pferd alt. Anzunehmen, er will in Ruhe sterben. Vielleicht eine Parallele zum Regisseur Béla Tarr und seinem Lebenszustand selbst, wo Tarr doch vor Veröffentlichung des Films prophezeite, es sei sein letzter Film. Ein Film, der seinen letzten Wunsch erfüllt: Sein Filmschaffen in Ruhe absterben lassen. Die Musik erklingt in apokalyptischen Klängen, die Figuren sind gezeichnet durch Betrübtheit, einer Monotonie des Lebens. Das Wetter? Ein einziger Sturm aus Trübsinn und Einsamkeit. Von Lebenslust ist keine Spur. 'A Torinói ló' ist ein Brocken von Film. Ein beeindruckender Brocken. Tarr gelingt es, das Publikum in zweieinhalb Stunden weder gelangweilt noch ungeduldig einfach nur still dasitzen zu lassen. Der Stille zu lauschen, die Bilderpracht wirken zu lassen, der Melancholie zuteil zu werden und dem Ende der Welt ein Stück näher zu kommen. Lebe wohl.

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                                              "Mutter, ich bin dumm"

                                              "Das Turiner Pferd" ist das filmische Pendat zu den klassischen Worten "The End". Nach diesem Film kann es nicht mehr weitergehen. Es geht nicht. Selbst andere Endzeitfilme wie "Melancholia" oder "Take Shelter" haben einen Funken Hoffnung. Wo in "Melancholia" im Ende Erlösung steckt fällt bei "Das Turiner Pferd" alles. Das Ende von Friedrich Nietzsche, das Ende der Welt, das Ende der Hoffnung, das Ende Bela Tarrs, das Ende des Kinos. Tarr wirft den Zuschauer von Anfang an in das Haus eines Kutschers und lässt uns an dessen Alltag teilhaben. Aufstehen, Wasser holen, Essen, Schlafen gehen. Mehr läuft hier nicht. Auch seiner anwesenden Tochter hat der Kutscher nichts mehr zu sagen. Die ständige Wiederholung der Szenen führen dazu das man sich als Zuschauer irgendwann so fühlt, als wäre man die dritte Person im Haus. Das ist unglaublich anstrengent und der Film fühlt sich auch wie die 6 Tage an in denen er auch spielt. Trotzdem lauert in de Film unteschwellige Spannung. Als z.b. die beiden Prontagonisten Besuch eines Mannes erhalten, raste mein Puls wie wild und auch die letzten Tage haben mich gefesselt. Das Orgelthema des Filme lässt einen den stärker werdenden Orkan am Leib spüren. Und die letzte Einstellung war ein Schlag in den Magen.
                                              "Das Turiner Pferd" war einer der meist erwarteten Filme 2012 für mich. Ich wusste das mich hier kein Blockbuster erwartet, ich wusste das das ein Kraftakt wird, ich wusste das Tarr sich erneut einen Dreck um Konventionen scheren wird. Trotzdem war der Film dann doch anders als erwartet. Denn so viel Melancholie hätte ich selbst von Tarr nicht erwartet und es ist verständlich das das hier sein letzter ist, denn das hier kann er nicht mehr übertreffen. Trotzdem ist das hier erneut ein einzigartiges Erlebnis das nur ein Meister schaffen konnte.
                                              Jetzt schon Film des Jahres 2012 und ein trostloses und vorallem sehr trauriges Meisterwerk !

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                                                Was für ein adäquater Abgang: In seinem Frühwerk lässt Tarr die Familie untergehen, später das Individuum ("Kárhozat"), dann eine Dorfgemeinschaft ("Sátántangó") - und mit dem "Turiner Pferd" schließlich die Welt. Dabei gelingt ihm vielleicht nicht weniger als eine (Neu-)Definition des Begriffs "Kunstfilm": Mag sich dieser Tage auch beinahe alles "Kunst" schimpfen DÜRFEN, so beginnt sie für mich eigentlich erst dort, wo narrative Kohärenz überdrüssig wird und Kommunikation mit dem Rezipenten die Ebene des Wortes verlässt.
                                                Waren Tarrs frühere Werke trotz kennzeichnend langsamer Inszenierung dennoch nie repetitiv, macht sich "Das Turiner Pferd" erstmals die Wiederholung (welche alles noch langsamer erscheinen lässt) als tragendes Stilmittel zu eigen: Anziehen, Wasser holen, Kartoffeln essen, "fertig". Kurioserweise liegt gerade hierin eine große Stärke des Films bedingt, da Abweichungen vom gewohnten Verlauf eine umso eindringlichere Bedrohlichkeit erwecken: Wenn Bauer und Tochter beim Essen plötzlich wie erstarrt den Blick zum Fenster wenden, gefriert einem geradezu das Blut in den Adern. Oder der Besuch des Nachbarn, welcher eine unheilvolle Verheißung geradezu versinnbildlicht - "Das Turiner Pferd" schöpft all seine Möglichkeiten aus und kreiert eine schauerliche Magie, die über zweieinhalb Stunden anhält. Indem man sich geradezu gezwungen sieht, auch auf winzige Details zu achten, wird man hierfür natürlich umso empfänglicher.
                                                Der größte Trumpf Tarrs ist jedoch vermutlich, dass er trotz - oder gerade aufgrund?! - eigentlich entfremdender Schwarzweiß-Optik den Zuschauer in eine andere Zeit versetzt, ihm aber dennoch seine Figuren unglaublich nahebringt und damit die sich ihm erschließende Option beim Schopfe ergreift, gezielt und platziert dramatisch-erschütternde Momente ohne auch nur den Hauch von Rührseligkeit zu kreieren - Tristesse und Tragik in Stil und Inhalt bedingen sich beispiellos.
                                                Es bringt ja alles nichts: Einen wie Tarr wird es nicht mehr geben. Wie viele Filmemacher sind bemüht, uns ein bisschen Mut, unsere klägliche Existenz auf dieser Erde ein bisschen angenehmer zu machen... Bei Tarr ist inmitten der Schönheit im Untergang die einzige Hoffnung die, dass das, was nach uns kommt - was immer es sein mag - vielleicht besser ist als das Jetzt.
                                                Nietzsche hat seinerzeit passenderweise wirklich so einiges festgestellt, das auf diesen Film zutrifft - ich versuche es einmal hiermit:
                                                "Die größten Ereignisse, das sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden."

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                                                • Ich muss einführend sagen, dass ich mich zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Reviews nicht zu einer Wertung in Punkten durchringen konnte – zu weit außerhalb meiner Bewertungskriterien liegt das, was »Das Turiner Pferd« in mir zurückgelassen hat. Dieser Text soll deshalb mehr eine Art Erfahrungsbericht eines Erstkontaktes mit Béla Tarr sein, der im Idealfall dem Einen oder Anderen den Film schmackhaft machen könnte.

                                                  Ich hatte etwa während des ersten Drittels des Films das Gefühl, einem Monolith gegenüber zu stehen: Einem gewaltigen Stein, den ich fragen wollte: Was soll mir das alles sagen? Warum sehe ich 10 Minuten lang einem Pferd zu, dass einen Wagen im Sturm zieht? Warum folge ich einer Frau beim Wasserholen und muss mir diesen Prozess noch mehrmals im Film in aller Ausführlichkeit zeigen lassen? Warum betrachte ich die beiden Hauptdarsteller in langen, ausführlichen und sich ebenso fast störrisch wiederholenden Passagen beim Essen von Kartoffeln?

                                                  Aber der Monolith gab mir keine Antwort, sondern schwieg mich weiter an. Alles, was ich tun konnte, war näher heranzutreten und die einzelnen Verwerfungen, die einzelnen Linien auf der Oberfläche des Steins genauer zu betrachten und nicht zu versuchen, zu »verstehen«, sondern mich gewissermaßen fallen zu lassen, mich dem Film hinzugeben und meine Sinne ihm auszuliefern.

                                                  Denn »Das Turiner Pferd« kann ich stilistisch als eine Art »stille Folter der Sinne« beschreiben und man benötigt eine gewisse Portion Masochismus, um die manchmal quälend langen Sequenzen, die fast vollständig wortlosen einhergehenden Betrachtungen des Alltags in einer abgeschiedenen Hütte des 19. Jahrhundert zu ertragen.

                                                  Der Film besteht fast ausschließlich aus langen, schnittlosen Sequenzen – mal sind es langsame Kamerafahrten, mal sind es fast Standbilder, wenn nichts im Raum sich regt. Und gerade bei letzteren kann man fühlen, wie der Film die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen beginnt. Wann sonst hat man, gerade heute, in einem Film die Möglichkeit, sozusagen in aller Ruhe die Details im Bild zu betrachten? Sich jedes Objekt anzusehen und nicht »fürchten« zu müssen, das nach einigen Sekunden schon der nächste Schnitt folgt, der nächste, eng daran angeknüpfte Abschnitt einer auf verdaubare Filmlänge zugeschnittenen Handlung oder das man gerade jetzt, in dieser Sekunde, irgendetwas wichtiges verpasst?

                                                  Wenn man sich nun also fallen, sich durch Ruhe, Wortkargheit und sich wiederholenden, scheinbar banale Handlungen in diesen gewissermaßen hypnotischen Zustand hinversetzen lässt, stößt man in »Das Turiner Pferd« auf eine tiefe Deprimiertheit, eine fast naturgewaltige Trostlosigkeit, mit der ich mich selten in einem Film konfrontiert sah. In diesem Sinne glich der Film für mich einem langsamen, aber vollkommen unaufhaltsamen Fall durch einen immer dunkleren und zuletzt ganz buchstäblich schwarzen, absolut lichtlosen Tunnel.

                                                  Ich kann nicht sagen, dass »Das Turiner Pferd« mich »begeistert« hätte, dass es mich »mitgerissen« hätte. Vielleicht würde »beeindrucken« noch am ehesten passen, aber auch dieses Wort impliziert gleichsam, dass der Film in irgendeiner Weise konkret an mich appelliert hätte. Doch genau das tat er nicht – er kümmerte sich nicht um mich und meine Seh- und Sinnfindungsgewohnheiten sondern ging stoisch seinen Weg in den Abgrund, ohne sich einmal nach mir umzuwenden. Es wird garantiert nicht der letzte Béla Tarr-Film für mich gewesen sein...

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                                                    Gefühlte sechs Tage Kargheit, Hoffnungslosigkeit, Düsternis, Melancholie, Eintönigkeit, Abgeschiedenheit, Zerfall, Schönheit. Ein Film von ungeheurer Wucht und Schwere, gleichermassen erdrückend und faszinierend, über das Ende der Welt am Ende der Welt. Der anhaltender Sturm zermürbt den Zuschauer stärker als die seltsam unbeteiligten Protagonisten, die Unwetter wie Publikum ignorieren und sich kompromisslos an ihrem festgeregelten Tagesablauf festhalten. Dennoch ist das Ende auch für sie unausweichlich, wenn schliesslich Stille einkehrt und die letzte Lampe erlischt. Kommunikation zwischen dem alten Vater mit dem lahmen Arm und der aufopfernden Tochter findet nur dann statt, wenn Unvorhergesehenes die alltägliche Eintönigkeit stört: Etwa wenn das müde Pferd den Dienst verweigert oder das Wasser auf geheimnisvolle Weise aus dem Brunnen verschwindet. Von einem Besucher erfahren wir, dass die nahe Stadt bereits vom Sturm weggefegt wurde, doch der Alte lässt sich davon nicht beeindrucken. Weitermachen, koste es was es wolle, bis zum Ende und darüber hinaus.

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