Das Turiner Pferd - Kritik

CH/DE/FR/HU 2011 Laufzeit 146 Minuten, Drama, Kinostart 15.03.2012

Kommentare zu Das Turiner Pferd

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    Macintosh 16.09.2014, 18:19

    Oh, Kunst.
    Ein Bauernhof, Windmaschine, ein! Musikstück (hab hier mehr erwartet), Vater, Tochter und ein paar Kartoffeln (ach und der Gaul) mehr braucht Herr Tarr nicht um einem den Niedergang und die pure Sinnlosigkeit ins Gesicht zu klatschen. Im Kopf bleibt vorallem das "Essen" (Close Up auf den Alten und ich war dann auch satt) und das Wasserholen. Wohl eher für Leute die nich so auf gute Laune stehen oder Masochisten wie mich.
    Schon sehenswert, wie "Mad Max" , Bauer sucht Frau" oder "Big Brother" von Tarkowski.
    Aber Vorsicht, hiergegen ist "Solaris" rasant.

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      CatafalqueForFallenFlies 07.05.2014, 11:05

      Ein von jeder Konvention befreites Kammerspiel-Monstrum am Ende jeder Zeit. Entfärbt, archaisch, trostlos und zutiefst alptraumhaft. Das Turiner Pferd hat mich verstört. Und verzaubert. Vielleicht bereichert. Zumindest kreisen solche Begriffe nun durch meinen Kopf und versuchen diesem Werk verzweifelt gerecht zu werden. Eigentlich können sie nur scheitern und ich weiß nicht so recht weiter. Ein Eindruck, der mich fortan stets ereilen, oder vielmehr heimsuchen wird, wenn ich über diesen Filme spreche und es fühlt sich richtig an. "This is the way it was until the final victory. Until the trimphant end. Acquire, debase, debase, acquire."
      Vielleicht ist es so. Irgendwann umarmen wir alle dieses Pferd. Jeder für sich. Mehr Worte gibt und braucht es diesmal wohl nicht…

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        Aufgabe 15.12.2013, 15:33

        die einzige wahre realität von endzeit! alles andere ist jetzt ringelpiez mit anfassen.

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          dannydiaz 06.12.2013, 20:55

          Was für tolle Kommentare hier stehen. Erstmal bin ich doch noch beeindruckter von einem Film, wenn man hier liest zu was für interessanten Gedanken er führt.
          Mit dem Film verhält es sich wohl wie mit dem Lesen von Nietzsche an sich. Es lohnt sich in jedem Fall. Wenn man das kennt und gelesen hat worauf er aufbaut und was er dekonstruiert und zerstört, dann lohnt es sich umso mehr.
          Vielen wird dieser Film wenig geben, (man erkennt sie hier an den flapsigen Kommentaren), jedoch wird jeder der ihn gesehen hat wohl die immense Kraft gespürt haben, die von ihm ausgeht, auch wenn man nocht nicht ganz greifen kann.
          Auch auf der Basis des reinen KonsumCineasmus ist dieser Film eine Lohnswerte Lektion. Den berauschenden Klang des Film hat man noch Stunden später im Ohr und auch visuell ist er eine Reise durch ein schwarzes Wurmloch in eine noch unentdeckte Welt.

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            Absurda. 08.05.2013, 11:10

            Bei all den Kommentaren hier habe ich eigentlich einen absoluten filmischen Untergang erwartet, einen Film, in dem alles erlischt und nichts mehr existiert.
            Genau das bekam ich auch, nur in einer viel grausameren Form als erwartet, denn der Untergang findet nicht draußen statt, nicht im Kosmos, nicht in irgendeiner Dimension fernab unseren Verstandes. Der Untergang findet in uns statt. Was zuerst stirbt, ist die menschliche Seele, im schlimmsten Falle (wie im Film) vor dem menschlichen Körper. Der innerliche Tod des Menschen ist der grausamste von allen. Da wirkt es wie eine Ironie des Schicksals, wenn ein Pferd als einziger wahre Gefühle zeigt, als er merkt, dass er krank ist (oder ist es mir nur vorgekommen, als hätte es geweint?).

            Wenn ich mir in Zusammenhang mit dem Film nochmal Nietzsches Aussage "Mutter, ich bin dumm!" auf der Zunge zergehen lasse, merke ich auch, dass wir alle dumm sind und ich glaube, das ist das, was Tarr uns eigentlich in jedem seiner Filme sagen wollte: Wir Menschen sind dumm.
            Der Vater und die Tochter im Film stehen hierbei repräsentativ für die menschliche Dummheit. Hierbei liegt die Dummheit keineswegs im Mangel an Wissen (und jetzt mal ehrlich: Leiden wir nicht alle an diesem Mangel?), sondern im Mangel an Liebe. Der Mensch ist nicht mehr in der Lage zu lieben.
            Genau das macht 'Das Turiner Pferd' auch so grausam. Wenn Vater und Tochter gegenüber sitzen und sich nichts mehr zu sagen haben, merken wir: DAS ist das wahre Ende unseren Seins. Es ist kein einschlagender Meteorit, auch kein auf zurasender Planet, es ist der Mensch an sich, weil er mit jeder einzelnen Geste der Verachtung, mit jedem Fünkchen Hass einen Pakt mit dem Teufel schließt und wenn man am Ende sieht, wie Vater und Tochter nicht mal mehr in der Lage sind, sich in die Augen zu sehen, merkt man: Das ist die Hölle, die Hölle unseres Daseins!
            Béla Tarr hat sein Mission erfüllt. Jetzt müssen wir selbst sehen, was wir daraus machen...

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              Louis Cyphre 06.04.2013, 22:37

              Droge, Ritual, Moloch Angst und Fiebertraum - ein Strudel in die Finsternis.
              „Mutter, ich bin dumm!“

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                MrKatsumi 12.02.2013, 23:14

                Ohne Makel.

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                  KilianPai 23.11.2012, 15:41

                  Man sollte die Wörter "Tristesse" und "Hoffnungslosigkeit" aus dem Duden streichen, und stattdessen nur noch "Das Turiner Pferd" sagen. Es kommt der Bedeutung der Wörter näher als die Wörter selbst. ;)

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                    ThickGlasses 03.11.2012, 10:05

                    146 Minuten saß ich gebannt vor dem Bildschirm.146 Minuten wehte mir ein eiskalter Wind durch das Gesicht. 146 Minuten brannten sich mir die tristen - ja postapokalyptischen Bilder der schier endlosen Einöde ins Gehirn, deren bedrückende Wirkung nur von ihrer wahnsinnigen Ästhetik übertroffen wurde. Völlig Gefühlsleer hatte ich nach Filmende das Bedürfnis irgendjemanden anzurufen, damit er oder sie mir etwas sagt, worüber ich lachen könnte oder das Haus zu verlassen, um der erstbesten Person einen schönen Tag zu wünschen. Meiner Meinung nach sollte es genau das sein, was "Das Turnier Pferd" bei einem Menschen auslösen sollte; Neue Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit. Dieser Film führt dem Zuschauer schonungslos eine trostlose Festgefahrenheit und Stumpfsinnigkeit vor Augen, die in der Lage ist einen Menschen zu brechen. Jeden Tag wiederholen sich die routinierten, immer gleichbleibenden Tätigkeiten der beiden Protagonisten (Vater und Tochter) und gegen Ende will man nur laut schreien: "Stop! Halt! Bitte Bitte keine Kartoffeln mehr und geh bloß nicht mehr zum Brunnen um Wasser zu holen! (wobei, zum Brunnen könntest du schon nocheinmal gehen, da es jedesmal eine Augenweide ist und ich am liebsten Screenshots im Sekundentakt machen würde)". Ich persönlich bin absolut begeistert von "Das Turnier Pferd" und kann ihn nur jedem empfehlen, der sich auf eine an den Kräften zehrenden und langwierigen Reise einlassen kann und der etwas übrig hat für triste Endzeitszenarien. Zeit und Raum werden ausgelotet und alles, wirklich alles kommt zu einem absoluten Stillstand. Abschließend will ich mit einem meiner Meinung nach sehr passenden Zitat enden und jedem ans Herz legen sein Leben anhand dieses Zitats und des Films zu hinterfragen:)

                    "Das Geheimnis des menschlichen Seins besteht nämlich nicht darin, dass man lediglich lebt, sondern darin, wofür man lebt. Hat der Mensch keine feste Vorstellung von dem Zweck, für den er lebt, so mag er nicht weiterleben und vernichtet sich eher selbst, als dass er auf der Erde bleibt.“ (Dostojewski, Die Brüder Karamasow)

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                      jollyroger 08.10.2012, 11:15

                      "They stopped at this point and had to understand, and had to accept that there is neither god nor gods."

                      "A Torinói ló" ist die verfilmte Anti-Unterhaltung.

                      Hier wird nichts, aber auch gar nichts erklärt, Sehgewohnheiten des Publikums werden komplett ignoriert oder gar ins Gegenteil verkehrt, hier gibt es keine Vergebung, keine Hoffnung, keine Erlösung, nur noch das Nichts, das Ende.

                      Die Schlussszene in ihrer unglaublichen Düsterkeit und Ausweglosigkeit wird mich sicher noch eine Weile beschäftigen.

                      Ich hoffe wirklich, das das nicht Tarrs letzter Film ist, auch wenn er es schon mehrfach angekündigt hat.

                      2 Fragen noch (Spoiler offensichtlich):

                      1) War das nur mein Eindruck, oder weht gegen Ende tatsächlich Asche durch die Außenszenen und nicht mehr Blätter? Ich hab am Anfang drauf geachtet, da waren das definitiv Blätter, beim Ende bin ich mir nicht sicher - im Kontext des Filmes würde es sicherlich passen.
                      2.) Ist jemand des Ungarischen mächtig und kann mir sagen, ob die Untertitel in der Zigeunerszene korrekt waren? Irgendwie wirkten die Untertitel seltsam unpassend zum Rest der Szene, das kann natürlich auch Teil der Inszenierung sein, schien mir aber seltsam.

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                        FredFuchs 24.08.2012, 13:39

                        Vorsichtiges oeffnen von wasserflaschen und rascheln des feuilletons - genauso konsequent anachronistisch wie die filme selbst ist auch die publikumserfahrung.
                        "The turin horse" bildet einen wunderbaren schlusspunkt zu Tarrs aussergewoehnlichem oeuvre. Die meditative beobachtung der conditio humana als zentraler dreh- und angelpunkt, inszeniert als triste zeitschleifen wie daueranschlaege in moll. So minimalistisch wie noch nie zuvor stellt er uns vor ein s/ w diorama des taeglichen lebens bar jeglicher information die dem zuschauer sonst so aufgesetzt einen zugang zu den figuren ermoeglichen - in der methodik schon beinahe bindend nahe an avantgardistischen leistungen wie chantal akerman's "Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles".
                        Wie gewohnt komplementiert die eindrucksvolle cinematographie den kargen inhalt hin zur formellen perfektion und oftmals wird einem die genialitaet der kompositionen erst nach minuten von zeitlupenartigen dollybewegungen und zooms bewusst.
                        Tarr loest sein kino von jeglichen stoerfaktoren, streift alles ueberfluessige ab und verlaesst sich vollkommen auf die puristisch - urspruengliche kraft seiner inszenierung. Ueberdies spannt er stets eine inhaerente dramaturgie und verfaellt nie auf die rein formulaisch experimentelle seite des schaffens. Jenes entgegenwirken saemtlicher konditionierung des modernen publikums macht ihn sicherlich zu einem gewissen grad zum filmemacher des filmkritikers aber in seiner perfektion gleichzeitig auch zu einem der 2-3 bedeutendsten und hoffentlich stilpraegendsten regisseure der gegenwart.

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                          Reiner Humbug 18.08.2012, 20:17

                          Ein unglaublich langweiliger Film.

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                            fleeting 10.08.2012, 18:04

                            Kein Film hat mich jemals mit derart widersprüchlichen Gefühlen zurückgelassen wie "Das Turiner Pferd"...
                            Formal ist "A Torinói ló" ein Meisterwerk! Die großartige Komposition der Bilder, das kunstvolle Spiel mit Licht und Schatten, die herausragende Kameraführung, die mehr als beeindruckenden schauspielerischen Leistungen, die sich nahtlos ins Thema der Wiederholung einpassende monotone Filmmusik... alles in diesem Film ist perfekt! Er nimmt sich die Zeit, die er braucht, handelt entgegen jeglicher Erzählkonventionen. Ausziehen, Anziehen, Feuermachen, Kochen, Essen, Wasserholen; dann wieder Ausziehen, Anziehen, Feuermachen, Kochen, Essen, Wasserholen. Es sind diese einfachen alltäglichen Handlungen, die immer und immer wieder gezeigt werden und den Zuschauer gleichermaßen faszinieren wie auch ermüden. Was das Leben dieser zwei Menschen bestimmt ist Eintönigkeit, Monotonie, Stille, Langsamkeit. Das Schockierende daran ist nicht die blanke Armut, in der sie gefangen sind, sondern die Art und Weise, wie sie mit dieser Armut umgehen: stoisch, kühl, kraftlos, irgendwie desinteressiert. Desinteresse an allem: an der Welt, der Zukunft, dem Gegenüber. Das Einzige, was die äußere Kälte bekämpfen könnte, das Einzige, was noch Leben einhauchen könnte in dieses triste, totenähnliche Dasein, wäre zwischenmenschliche Nähe. Doch auch die gibt es nicht. Wärme, Liebe, Zuneigung, Sympathie, ein freundliches Wort, ein mitfühlender Blick - nach all dem sucht man vergeblich in diesem Film. Er wird bestimmt von Leere. Und genau das ist es, was ihn so einzigartig macht. "Das Turiner Pferd" schafft es, dieses "Nichts" einzufangen. Er zeigt nicht Resignation, Verzweiflung oder Trauer, sondern einfache, nichtssagende Gleichgültigkeit. Besser kann man das Gefühl der Leere nicht darstellen!
                            Aber da ist noch etwas anderes in diesem Film. Es ist das Gefühl der Bedrohung, das Gefühl eines nahen und unausweichlichen Weltuntergangs. Und genau an dieser Stelle wird "A Torinói ló" problematisch. Dies wird besonders im Monolog des Besuchers deutlich:

                            "I've run out of palinka. Would you give me a bottle?"

                            "Why didn't you go into town?"

                            "The wind's blown it away."

                            "How come?"

                            "It's gone to ruin."

                            "Why would it go to ruin?"

                            "Because everything's in ruins, everything's been degraded, but I could say that they've ruined and degraded everything. Because this is not some kind of cataclysm, coming about with so-called innocent human aid. On the contrary... It's about man's own judgement, his own judgement over his own self, which of course God has a hand in, or dare I say: takes part in. And whatever he takes part in is the most ghastly creation that you can imagine. Because, you see, the world has been debased. So it doesn't matter what I say, because everything has been debased that they've acquired. And since they've acquired everything in a sneaky, underhand fight, they've debased everything. Because whatever they touch - and they touch everything - they've debased. This is the way it was until the final victory. Until the trimphant end. Acquire, debase, debase, acquire. Or I can put it differently if you like: To touch, debase and thereby acquire, or touched, acquire and thereby debase. It's been going on like this for centuries. On, on and on. This and only this, sometimes on the sly, sometimes rudely, sometimes gently, sometimes brutally, but it has been going on and on. Yet only in one way, like a rat attack from ambush. Because for this perfect victory, it was also essential that the other side... everything that's excellent, great in some way and noble, should not engage in any kind of fight. There shouldn't be any kind of struggle, just the sudden disappearance of one side, meaning the disappearance of the excellent, the great, the noble. So that by now these winning winners who attack from ambush rule earth, and there isn't a single tiny nook where one can hide something from them, because everything they can lay their hands on is theirs. Even things we think they can't reach - but they do reach - are also theirs. Because the sky is already theirs and all our dreams. Theirs is the moment, nature, infinite silence. Even immortality is theirs, you understand? Everything, everything is lost forever! And those many noble, great and excellent just stood there, if I can put it that way. They stopped at this point, and had to understand, and had to accept, that there is neither god nor gods. And the excellent, the great and the noble had to understand and accept this right from the beginning. But of course, they were quite incapable of understanding it. They believed it and accepted it but they didn't understand it. They just stood there, bewildered, but not resigned, until something - that spark from the brain - finally enlightened them. And all at once they realized, that there is neither god nor gods. All at once they saw that there is neither good nor bad. Then they saw and understood that if this was so, then they themselves do not exist either! You see, I reckon this may have been the moment when we can say that they were extinguished, they burnt out. Extinguished and burnt out like the fire left to smoulder in the meadow. One was a constant loser, the another was the constant winner. Defeat, victory, defeat, victory, and one day - here in the neighbourhood - I had to realize, and I did realize, that I was mistaken, I was truly mistaken when I thought that there has never been and could never be any kind of change here on earth. Because, believe me, I know now that this change has indeed taken place."

                            Es ist nicht einfach nur Gott, der hier die Welt zerstört; es sind die Menschen selbst. "Our starting point was Nietzsche's sentence, 'God is dead'. This character says, 'We destroyed the world and it's also God's fault', which is different from Nietzsche. The key point is that the humanity, all of us, including me, are responsible for destruction of the world. But there is also a force above human at work – the gale blowing throughout the film – that is also destroying the world. So both humanity and a higher force are destroying the world." (Béla Tarr) Aber was genau ist diese destruktive Kraft innerhalb der Menschheit? Im Weltbild des Besuchers gibt es zwei klar voneinander getrennte Seiten: Auf der einen Seite stehen "the excellent, the great, the noble", auf der anderen diejenigen, die alles zerstören. Er sagt zwar, es gäbe kein Gut und Böse, seine Zweiteilung der Menschheit impliziert aber genau das: Auf der einen Seite stehen die Guten und auf der anderen die Bösen. Und am Ende siegt natürlich das Böse. Und die Guten schauen dabei zu. Der einzige Ausweg ist hier Auslöschung, Zerstörung, Vernichtung der gesamten Menschheit. Erst dieser "letzte Sieg" bringt wahre Veränderung. Alles Vorherige ist nichts als montonone Wiederholung, endloses Auf und Ab, ewiger Kreislauf aus Schaffen und Zerstören, Gewinnen und Verlieren, Aufbruch und Niedergang. Alles, was der Mensch berührt, fällt am Ende in sich zusammen. Die Menschheit als "the most ghastly creation that you can imagine". Hoffnung und Glückseligkeit, so scheint es, kann es nur im Jenseits geben. Im Hier und Jetzt ist kein Platz dafür. Es ist genau diese Weltsicht, die "A Torinói ló" zu einem zutiefst anti-emanzipatorischen Film macht. Menschen tun hier nichts als abzuwarten, ihr Schicksal zu akzeptieren und dem Lauf der Dinge schweigend zuzusehen. Veränderung ist hier etwas, das außerhalb des menschlich Machbaren liegt. Menschen sind hier nicht mehr die Urheber dieser Welt, sondern bloße Spielbälle einer übermächtigen Kraft, die sie selbst nicht beeinflussen können. All dies lässt jede progressive Forderung schon im Keim ersticken.
                            Und wer sind eigentlich diese "bösen Menschen", die alles unter ihrer Kontrolle haben? Juden, Banker, Zigeuner? Ach ja, Zigeuner! Schon komisch, dass der Brunnen genau dann austrocknet, wenn "die Zigeuner" ihn berühren. Und auch komisch, dass ihre letzten Worte so aussehen: "We'll be back! The water is ours! The earth is ours! You're weak!" Waren es am Ende also "die bösen Zigeuner", die für alles verantwortlich sind? Ich will hier Béla Tarr keinen platten Antiziganismus unterstellen, aber allein, dass es diese Interpretationsmöglichkeit überhaupt gibt, ist meiner Meinung nach äußerst problematisch...
                            Fazit: Zu viel Schwarz-Weiß in diesem Film. Zu wenig Grautöne. Schade!

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                              Hooded Justice 18.07.2012, 16:35

                              Dann wurde das Leben trist. Er ist krank. Das Pferd alt. Anzunehmen, er will in Ruhe sterben. Vielleicht eine Parallele zum Regisseur Béla Tarr und seinem Lebenszustand selbst, wo Tarr doch vor Veröffentlichung des Films prophezeite, es sei sein letzter Film. Ein Film, der seinen letzten Wunsch erfüllt: Sein Filmschaffen in Ruhe absterben lassen. Die Musik erklingt in apokalyptischen Klängen, die Figuren sind gezeichnet durch Betrübtheit, einer Monotonie des Lebens. Das Wetter? Ein einziger Sturm aus Trübsinn und Einsamkeit. Von Lebenslust ist keine Spur. 'A Torinói ló' ist ein Brocken von Film. Ein beeindruckender Brocken. Tarr gelingt es, das Publikum in zweieinhalb Stunden weder gelangweilt noch ungeduldig einfach nur still dasitzen zu lassen. Der Stille zu lauschen, die Bilderpracht wirken zu lassen, der Melancholie zuteil zu werden und dem Ende der Welt ein Stück näher zu kommen. Lebe wohl.

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                                DerDude_ 25.06.2012, 17:37

                                "Mutter, ich bin dumm"

                                "Das Turiner Pferd" ist das filmische Pendat zu den klassischen Worten "The End". Nach diesem Film kann es nicht mehr weitergehen. Es geht nicht. Selbst andere Endzeitfilme wie "Melancholia" oder "Take Shelter" haben einen Funken Hoffnung. Wo in "Melancholia" im Ende Erlösung steckt fällt bei "Das Turiner Pferd" alles. Das Ende von Friedrich Nietzsche, das Ende der Welt, das Ende der Hoffnung, das Ende Bela Tarrs, das Ende des Kinos. Tarr wirft den Zuschauer von Anfang an in das Haus eines Kutschers und lässt uns an dessen Alltag teilhaben. Aufstehen, Wasser holen, Essen, Schlafen gehen. Mehr läuft hier nicht. Auch seiner anwesenden Tochter hat der Kutscher nichts mehr zu sagen. Die ständige Wiederholung der Szenen führen dazu das man sich als Zuschauer irgendwann so fühlt, als wäre man die dritte Person im Haus. Das ist unglaublich anstrengent und der Film fühlt sich auch wie die 6 Tage an in denen er auch spielt. Trotzdem lauert in de Film unteschwellige Spannung. Als z.b. die beiden Prontagonisten Besuch eines Mannes erhalten, raste mein Puls wie wild und auch die letzten Tage haben mich gefesselt. Das Orgelthema des Filme lässt einen den stärker werdenden Orkan am Leib spüren. Und die letzte Einstellung war ein Schlag in den Magen.
                                "Das Turiner Pferd" war einer der meist erwarteten Filme 2012 für mich. Ich wusste das mich hier kein Blockbuster erwartet, ich wusste das das ein Kraftakt wird, ich wusste das Tarr sich erneut einen Dreck um Konventionen scheren wird. Trotzdem war der Film dann doch anders als erwartet. Denn so viel Melancholie hätte ich selbst von Tarr nicht erwartet und es ist verständlich das das hier sein letzter ist, denn das hier kann er nicht mehr übertreffen. Trotzdem ist das hier erneut ein einzigartiges Erlebnis das nur ein Meister schaffen konnte.
                                Jetzt schon Film des Jahres 2012 und ein trostloses und vorallem sehr trauriges Meisterwerk !

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                                  Jenny von T 25.05.2012, 23:20

                                  Was für ein adäquater Abgang: In seinem Frühwerk lässt Tarr die Familie untergehen, später das Individuum ("Kárhozat"), dann eine Dorfgemeinschaft ("Sátántangó") - und mit dem "Turiner Pferd" schließlich die Welt. Dabei gelingt ihm vielleicht nicht weniger als eine (Neu-)Definition des Begriffs "Kunstfilm": Mag sich dieser Tage auch beinahe alles "Kunst" schimpfen DÜRFEN, so beginnt sie für mich eigentlich erst dort, wo narrative Kohärenz überdrüssig wird und Kommunikation mit dem Rezipenten die Ebene des Wortes verlässt.
                                  Waren Tarrs frühere Werke trotz kennzeichnend langsamer Inszenierung dennoch nie repetitiv, macht sich "Das Turiner Pferd" erstmals die Wiederholung (welche alles noch langsamer erscheinen lässt) als tragendes Stilmittel zu eigen: Anziehen, Wasser holen, Kartoffeln essen, "fertig". Kurioserweise liegt gerade hierin eine große Stärke des Films bedingt, da Abweichungen vom gewohnten Verlauf eine umso eindringlichere Bedrohlichkeit erwecken: Wenn Bauer und Tochter beim Essen plötzlich wie erstarrt den Blick zum Fenster wenden, gefriert einem geradezu das Blut in den Adern. Oder der Besuch des Nachbarn, welcher eine unheilvolle Verheißung geradezu versinnbildlicht - "Das Turiner Pferd" schöpft all seine Möglichkeiten aus und kreiert eine schauerliche Magie, die über zweieinhalb Stunden anhält. Indem man sich geradezu gezwungen sieht, auch auf winzige Details zu achten, wird man hierfür natürlich umso empfänglicher.
                                  Der größte Trumpf Tarrs ist jedoch vermutlich, dass er trotz - oder gerade aufgrund?! - eigentlich entfremdender Schwarzweiß-Optik den Zuschauer in eine andere Zeit versetzt, ihm aber dennoch seine Figuren unglaublich nahebringt und damit die sich ihm erschließende Option beim Schopfe ergreift, gezielt und platziert dramatisch-erschütternde Momente ohne auch nur den Hauch von Rührseligkeit zu kreieren - Tristesse und Tragik in Stil und Inhalt bedingen sich beispiellos.
                                  Es bringt ja alles nichts: Einen wie Tarr wird es nicht mehr geben. Wie viele Filmemacher sind bemüht, uns ein bisschen Mut, unsere klägliche Existenz auf dieser Erde ein bisschen angenehmer zu machen... Bei Tarr ist inmitten der Schönheit im Untergang die einzige Hoffnung die, dass das, was nach uns kommt - was immer es sein mag - vielleicht besser ist als das Jetzt.
                                  Nietzsche hat seinerzeit passenderweise wirklich so einiges festgestellt, das auf diesen Film zutrifft - ich versuche es einmal hiermit:
                                  "Die größten Ereignisse, das sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden."

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                                  • Andre Jonas 02.05.2012, 00:22

                                    Ich muss einführend sagen, dass ich mich zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Reviews nicht zu einer Wertung in Punkten durchringen konnte – zu weit außerhalb meiner Bewertungskriterien liegt das, was »Das Turiner Pferd« in mir zurückgelassen hat. Dieser Text soll deshalb mehr eine Art Erfahrungsbericht eines Erstkontaktes mit Béla Tarr sein, der im Idealfall dem Einen oder Anderen den Film schmackhaft machen könnte.

                                    Ich hatte etwa während des ersten Drittels des Films das Gefühl, einem Monolith gegenüber zu stehen: Einem gewaltigen Stein, den ich fragen wollte: Was soll mir das alles sagen? Warum sehe ich 10 Minuten lang einem Pferd zu, dass einen Wagen im Sturm zieht? Warum folge ich einer Frau beim Wasserholen und muss mir diesen Prozess noch mehrmals im Film in aller Ausführlichkeit zeigen lassen? Warum betrachte ich die beiden Hauptdarsteller in langen, ausführlichen und sich ebenso fast störrisch wiederholenden Passagen beim Essen von Kartoffeln?

                                    Aber der Monolith gab mir keine Antwort, sondern schwieg mich weiter an. Alles, was ich tun konnte, war näher heranzutreten und die einzelnen Verwerfungen, die einzelnen Linien auf der Oberfläche des Steins genauer zu betrachten und nicht zu versuchen, zu »verstehen«, sondern mich gewissermaßen fallen zu lassen, mich dem Film hinzugeben und meine Sinne ihm auszuliefern.

                                    Denn »Das Turiner Pferd« kann ich stilistisch als eine Art »stille Folter der Sinne« beschreiben und man benötigt eine gewisse Portion Masochismus, um die manchmal quälend langen Sequenzen, die fast vollständig wortlosen einhergehenden Betrachtungen des Alltags in einer abgeschiedenen Hütte des 19. Jahrhundert zu ertragen.

                                    Der Film besteht fast ausschließlich aus langen, schnittlosen Sequenzen – mal sind es langsame Kamerafahrten, mal sind es fast Standbilder, wenn nichts im Raum sich regt. Und gerade bei letzteren kann man fühlen, wie der Film die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen beginnt. Wann sonst hat man, gerade heute, in einem Film die Möglichkeit, sozusagen in aller Ruhe die Details im Bild zu betrachten? Sich jedes Objekt anzusehen und nicht »fürchten« zu müssen, das nach einigen Sekunden schon der nächste Schnitt folgt, der nächste, eng daran angeknüpfte Abschnitt einer auf verdaubare Filmlänge zugeschnittenen Handlung oder das man gerade jetzt, in dieser Sekunde, irgendetwas wichtiges verpasst?

                                    Wenn man sich nun also fallen, sich durch Ruhe, Wortkargheit und sich wiederholenden, scheinbar banale Handlungen in diesen gewissermaßen hypnotischen Zustand hinversetzen lässt, stößt man in »Das Turiner Pferd« auf eine tiefe Deprimiertheit, eine fast naturgewaltige Trostlosigkeit, mit der ich mich selten in einem Film konfrontiert sah. In diesem Sinne glich der Film für mich einem langsamen, aber vollkommen unaufhaltsamen Fall durch einen immer dunkleren und zuletzt ganz buchstäblich schwarzen, absolut lichtlosen Tunnel.

                                    Ich kann nicht sagen, dass »Das Turiner Pferd« mich »begeistert« hätte, dass es mich »mitgerissen« hätte. Vielleicht würde »beeindrucken« noch am ehesten passen, aber auch dieses Wort impliziert gleichsam, dass der Film in irgendeiner Weise konkret an mich appelliert hätte. Doch genau das tat er nicht – er kümmerte sich nicht um mich und meine Seh- und Sinnfindungsgewohnheiten sondern ging stoisch seinen Weg in den Abgrund, ohne sich einmal nach mir umzuwenden. Es wird garantiert nicht der letzte Béla Tarr-Film für mich gewesen sein...

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                                      dumas 28.04.2012, 12:22

                                      Gefühlte sechs Tage Kargheit, Hoffnungslosigkeit, Düsternis, Melancholie, Eintönigkeit, Abgeschiedenheit, Zerfall, Schönheit. Ein Film von ungeheurer Wucht und Schwere, gleichermassen erdrückend und faszinierend, über das Ende der Welt am Ende der Welt. Der anhaltender Sturm zermürbt den Zuschauer stärker als die seltsam unbeteiligten Protagonisten, die Unwetter wie Publikum ignorieren und sich kompromisslos an ihrem festgeregelten Tagesablauf festhalten. Dennoch ist das Ende auch für sie unausweichlich, wenn schliesslich Stille einkehrt und die letzte Lampe erlischt. Kommunikation zwischen dem alten Vater mit dem lahmen Arm und der aufopfernden Tochter findet nur dann statt, wenn Unvorhergesehenes die alltägliche Eintönigkeit stört: Etwa wenn das müde Pferd den Dienst verweigert oder das Wasser auf geheimnisvolle Weise aus dem Brunnen verschwindet. Von einem Besucher erfahren wir, dass die nahe Stadt bereits vom Sturm weggefegt wurde, doch der Alte lässt sich davon nicht beeindrucken. Weitermachen, koste es was es wolle, bis zum Ende und darüber hinaus.

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                                        Tyler__Durden 15.04.2012, 19:41

                                        Nietzsche selbst hat mal in Götzen-Dämmerung geschrieben "Wir schätzen uns nicht mehr genug, wenn wir uns mitteilen. Unsere eigentlichen Erlebnisse sind ganz und gar nicht geschwätzig. Sie könnten sich selbst nicht mitteilen, wenn sie wollten. Das macht, es fehlt ihnen das Wort. Wofür wir Worte haben, darüber sind wir auch schon hinaus. In allem Reden liegt ein Gran Verachtung. Die Sprache, scheint es, ist nur für Durchschnittliches, Mittleres, Mitteilsames erfunden. Mit der Sprache vulgarisiert sich bereits der Sprechende."

                                        Nun da ich euch, meine Mitmenschen, leider immer noch wertschätze, die Fähigkeit auch so schnell nicht verlieren werde und schlichtweg nicht in der Lage bin die Erfahrung welche mir Tarr mit diesem seinem letzten Filme auferlegte erfassen ja gar beschreiben kann - so schweige ich doch lieber. Lasse es in meinem Herzen und Verstand ruhen. Und hoffe ihr lesenden habt die nötige Ernsthaftigkeit in euch um in diesem Schweigen zu lesen wie viel mir diese Erfahrung bedeutet, ohne das ich dafür hier 5000 Wörter in Sätze und Intelligentes Gedankenfutter formen muss.

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                                          IamNoSuperman 13.04.2012, 14:42

                                          Der heimliche Star des Films ist die Pellkartoffel!

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                                          • L-viz 10.04.2012, 23:55

                                            Vorhersage: 10? Das hatte ich auch noch nie. Dabei fühle ich mich eigentlich nicht angesprochen vom Klappentext.

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                                              VisitorQ 06.04.2012, 23:51

                                              Hui, der hat mich doch ziemlich beeindruckt. Nicht einfach aber nie anstrengend, faszinierend und wirklich sehr mitreißend. Besticht vor allem durch seine dichte Atmosphäre und seine tollen Bilder. Von mir gibt es eine klare Empfehlung.

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                                                Telebaum 20.03.2012, 12:22

                                                Jeder Tarr-Film ein neues Großereignis. Die alltäglichen Dinge eines jeden Menschenlebens, Aufstehen, Anziehen, Wasser holen, Essen, Trinken, Ausziehen, Schlafen gehen ... in wechselnden Variationen, d.h. wechselnde Einstellungen und Kameraperspektiven, doch die Handlungen bleiben die gleichen, jeden Tag aufs neue. Es sind die Dinge, die ein jeder von uns tut, Tag für Tag, auch wenn wir in dieser Welt – ein Steinhaus bei Turin, in dem ungarisch gesprochen wird – kaum unsere eigene erkennen können. Jeden Tag eine heiße Kartoffel, nichts außer Kartoffeln, Kartoffeln und Pálinka. Das einzige, das ich vermisste, ist der Gang zur Toilette.

                                                Wie in „Sátántangó“ der ewige Regen, ist diesmal der pfeifende Orkan die Hauptfigur, erzählerisches Zentrum und zugleich das, was es zu überwinden gilt. Wenn der Sturm vorbei ist, bleibt nichts mehr zu sagen. Starre, Regungslosigkeit, Nahrungsverweigerung. Eine Schlusssequenz, die genausogut durch das 10-minütige Betrachten einer Fotografie zu ersetzen wäre.

                                                Überhaupt diese Kontemplation, ja diese Meditation, wenn wir nahezu eine Minute lang auf eine einfache Holztür starren, auf ein Kleidungsstück - ganz unwillkürlich vertieft man sich in diese Strukturen, die man sonst nie wahrnimmt, nie wahrnehmen darf, in die Holzfasern, in die Falten im Stoff. Und dann dieser nichtssagende Himmel, dieser Staub, diese bedrückende Stimmung, die wir aus anderen Tarr-Filmen bereits kennen. Es ist diese Nachhaltigkeit der ewig langen Einstellungen, die diese Bilder so in unser Gehirn brennen, dass sie uns auch noch Tage später verfolgen.

                                                Tarr gelingt etwas unglaubliches: das bereits von Godard propagierte "Ende der Geschichte, Ende des Kinos." Es braucht nicht ein „Weekend“, es bedarf diesmal sechs Tage, nicht nur für die Rücknahme der Schöpfung, wie Ripley1 treffend schreibt, sondern auch um das bewegte Bild zurückzunehmen. Im Zeitalter der Information, der Überinformation, der schnellen Schnitte und Schwenks, der immer rasenderen Bildabfolgen, schenkt uns Tarr das einfache, das unbewegte, das klare Bild zurück und gibt uns damit die Chance, zu verharren, die rasende Welt für zweieinhalbstunden anzuhalten und uns auf das Wesentliche im Leben zu besinnen – für manche sicher eine zu große Anstrengung. Doch für jene, die sich darauf einlassen können, mehr als ein Film, mehr als nur Kino – vielleicht ein Weg, die Welt mit ganz neuen Augen zu sehen.

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                                                  Ripley1 19.03.2012, 13:09

                                                  Ein letzter Film. Die Rücknahme der Schöpfung in sechs Tagen.

                                                  Thematisch kann man Verbindungslinien ziehen zu Malicks "Tree of Life" und v. Triers "Melancholia". Aber wo Malick in mystischen Visionen endet und v. Trier in einem kosmischen Crash, der die depressive Grundhaltung seiner Protagonistin bestätigt, ist Tarrs Film viel reduzierter und damit auch offener. Formale Ähnlichkeiten gibt es eher zu Tarkowski oder den japanischen Minimalisten.

                                                  Es gibt nur zwei Hauptfiguren im Film, einen Kutscher und seine erwachsene Tochter, deren Lebensalltag bestimmt ist durch wortkarge Rituale und die Härte der Lebensbedingungen. Es gibt ein Haus mit einem Raum, ein Bett, einen Tisch, einen Herd, einen Brunnen und... - das ist vielleicht die dritte Hauptfigur -, ein Pferd. Zu essen gibt's nur Kartoffeln mit etwas Salz. Wenn diese Existenz verlischt, dann ist nicht viel zu verlieren. Der Brunnen versiegt, das Licht schwindet, Mensch und Tier erstarren.

                                                  Worin besteht das Drama? Es gibt eigentlich keines. Einmal kommt ein Nachbar und versucht mit einem langen Monolog zu erklären, warum die Welt zu Ende geht. Seine wirre Geschichte hat aber wohl nur für ihn selbst Gültigkeit. Das Ende der Welt ist im Grunde nicht durch eine Erzählung aufzulösen, es ist absolut. Wir sind wohl, glaube ich, in einem existenzialistischen Film. Wer aber das Ende akzeptiert - sei es das der Welt oder das Ende der individuellen Existenz (Wo liegt der Unterschied?), muss nicht in Hoffnungslosigkeit verfallen, er wird vielleicht sogar gestärkt. Das ist jedenfalls eine möglich Deutung.

                                                  Zufälligerweise habe ich in derselben Woche Spielbergs "War Horse" gesehen, quasi ein Gegenfilm zum Turiner Pferd. Beide Filme zeichnen sich aus durch eine exzellente Kameraarbeit und durch das Pferd als einem zentralen Motiv. Während Spielberg aber naiv und pathetisch die hohen Ideale von Freundschaft und Tapferkeit preist, sodass der Lebenskampf auch irgendwann belohnt wird, rekurriert das Turiner Pferd auf eine Anekdote über Friedrich Nietzsche, der einem geprügelten Pferd, das nicht mehr weitergehen will, schluchzend um den Hals fällt und danach in den Wahnsinn verfällt mit den Worten: "Mutter, ich bin dumm." Ein Pferd, das sich verweigert - Ist das ein transzendierendes Pferd? Die Anekdote (die zu Beginn des Films gelesen wird), endet mit dem Satz: "Was aus dem Pferd wurde, wissen wir nicht."

                                                  "This is the end...my beautiful friend...the end" (Jim Morrison)

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                                                    Stefan Ishii 19.03.2012, 00:53

                                                    "Das Turiner Pferd" von Béla Tarr. Was kann ich über "Das Turiner Pferd" schreiben? Womit könnte ich diesem Film gerecht werden?

                                                    Ich könnte darüber sprechen, worum es geht. Ich könnte von dem faszinierenden Mikrokosmos eines Kutschers, seiner Tochter und seines Pferdes schreiben. Allerdings würde dies lediglich an der Oberfläche kratzen. Und tiefer zu gehen, würde zuviel vorwegnehmen! Also werde ich es garnicht erst versuchen...

                                                    Ich könnte von Trostlosigkeit, Lieblosigkeit und Monotonie sprechen. Ich könnte mich über die Musik von Mihály Vig auslassen, die so perfekt die zuvor genannten Empfindungen widerspiegelt. Allein schon die Szenen in denen die zwei Personen aus dem Fenster in die Orkan-umtoste Ödnis starren, haben mich stark berührt. Oder auch die Tatsache, dass es wäre der zweieinhalb Stunden lediglich eine einzige Mitgefühlsbekundung gibt (bezeichnenderweise gegenüber dem Pferd).

                                                    Ich könnte die wunderbaren Bilder von Kamaramann Fred Kelemen bejubeln, an denen ich mich niemals hätte satt sehen können - selbst wenn der Film noch 3 Stunden länger wäre. Bereits die zweite Szene des Filmes, die die Örtlichkeiten und Personen sowie deren Beziehungsgefüge näherbringt, ist wunderbar choreografiert und ist ein wunderbares Beispiel für die Erzählweise von "Das Turiner Pferd". Und auch wenn sich gewisse Szenen im Verlauf des Filmes wiederholen, so sind sie doch immer ein bisschen anders - sei es der Blickwinkel, der Schwerpunkt oder die Aussage.

                                                    Ich könnte über die Fragen sinnieren, die mir während des Betrachtens von "Das Turiner Pferd" in den Kopf kamen. Aber das wäre sicherlich nicht angebracht, da ja jeder Zuschauer seine eigenen Gedanken und persönlichen Reflektionen beim Schauen hat.

                                                    Ich könnte "Das Turiner Pferd" mit Michael Hanekes "Das weiße Band", mit Andrei Tarkovskys "Stalker", mit Paul Thomas Andersons "There Will Be Blood" oder mit Stanley Kubricks Filme vergleichen. Aber das wäre im höchsten Maße unfair gegenüber Béla Tarr.

                                                    Über all dies könnte ich sprechen... Aber eigentlich habe ich beim Schreiben dieses Kommentares das Gefühl, dass jedes Wort über einen Film in dem kaum gesprochen wird möglichweise zuviel ist. "Das Turiner Pferd" ist ein Film, den man einfach am besten selbst entdecken muß.

                                                    Bleibt noch die Frage, ob eine Bewertung von 10 Punkten wirklich angebracht ist. Ich weiss es nicht... Allerding hatte ich irgendwie mal wieder Lust, die Bestwertung zu vergeben. Damit ist "Das Turiner Pferd" erst der 24. Film, der dies bei mir geschafft hat (und erstaunlicherweise der erste Film seit langem, der nicht aus Südkorea kommt). Aber vielleicht ändert sich meine Bewertung, wenn ich "Das Turiner Pferd" ein zweites Mal gesehen habe. Das kann ich noch nicht beurteilen.

                                                    Schließlich muß ich noch meiner Trauer Ausdruck verleihen, dass "Das Turiner Pferd" der letzte Film von Béla Tarr gewesen sein soll. Ich habe diesen Regisseur doch gerade erst kennengelernt... Ich bin jedoch sehr froh wenigstens diesen Film gesehen zu haben. Ich war bei der letztjährigen Berlinale leider nicht in "Das Turiner Pferd" gegangen und hatte eigentlich nicht damit gerechnet, ihn in den deutschen Kinos wiederzufinden. Umso glücklicher bin ich jetzt!

                                                    „Mutter, ich bin dumm!“ - Vielleicht sagt dieser Satz mehr als all die Wörter zuvor!

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