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Der Reigen - Kritik
FR/FR 1950 Laufzeit 100 Minuten, FSK 18, Drama, Kinostart 21.11.1950
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Kommentare (3) — Film: Der Reigen
BaltiCineManiac Wed, 23 May 2012 19:55:45 -0000
Kommentar löschenDas Karussell der Liebe oder vielmehr das Karussell der sich als solche schlicht tarnenden Gefühlsmechanismen aus Begehren und Eroberung, aus Verlangen und Lust, die schlussendlich zum ordinären Beischlaf führen, dreht sich im Wien des epochalen Jahres 1900 zum Walzertakt im Kreise. Antriebsmotor dafür ist das skandalträchtige Bühnenstück „Reigen“ des österreichischen Dramatikers Arthur Schnitzler mit seinen zehn erotischen Dialogen, das bei seiner Aufführung 1920 für Tumulte sorgte und anschließend verboten wurde. Zum zyklischen Tanz der Gefühle finden sich ein: eine Dirne und ein Soldat, dann eben jener Soldat und ein Stubenmädchen, das wiederum von einem jungen Herren begehrt wird, der sich auch mit einer jungen verheirateten Ehefrau eingelassen hat, deren Beziehung zu ihrem Ehegatten eher lustlos verläuft, während dieser sich mit einem süßen Mädel vergnügt, das einen Dichter begehrt, der wiederum eine Theaterschauspielerin verehrt, die von einem Grafen hofiert wird. Schlussendlich landet der Graf wieder bei der Dirne. Wie an einem vorbeifliegende Karussellfiguren, immer in Bewegung aber doch an eine Stange gebunden, folgen die zehn Hauptgestalten ihren Trieben. Der Reigen wird dabei durch alle Gesellschaftsschichten getanzt, macht nicht nur halt an dunklen Kanalufern, in Wiener Gassen und Parks, sondern auch in den Separees mondäner Etablissements, in Künstlerateliers, Theaterumkleiden und bourgeoisen Appartements.
Als Bindeglied der episodenhaften Erzählstruktur dient Max Ophüls ein von ihm extra zu den handelnden Personen des Theaterstücks hinzugefügter Erzähler, den er als roten Faden etabliert und der mit süffisanten Statements scheinbar allgegenwärtig und vor allem allwissend das Geschehen für den Zuschauer begleitet und kommentiert. Ihn benutzt der Regisseur auch dafür, um bewusst Brüche in der Handlung zu generieren und dem Zuschauer die Vergänglichkeit des Liebesreigens vor Augen zu führen, dem er gerade beiwohnt. So greift der auch schon mal zum Gesang überwechselnde Conférencier nicht nur als Kutscher oder Kellner direkt in die Handlung ein und erteilt den gerade agierenden Protagonisten unerwartet Ratschläge, sondern versucht sich auch als Beleuchter oder Cutter und wendet sich mehrmals direkt an den Zuschauer. Die (wohl gewollt) teils künstlich wirkenden Außenkulissen und Hintergründe halten immer die Erinnerung an die Theaterherkunft der vorliegenden Geschichte aufrecht, ohne im negativen Sinne befremdlich zu wirken. Neben der üppigen und zeitgemäßen Ausstattung ist auch die Kameraarbeit exquisit und überrascht mit ungewöhnlichen Blickpositionen und gleitenden Fahrten durchs Interieur. Vortrefflich eingesetztes Licht- und Schattenspiel bestreicht akzentuiert die Szenerien und Gesichter im gegenseitigen Wechsel und unterstützt die bildhafte Übermittlung der gezeigten Gefühle sowie des jeweiligen emotionalen Wesenszustands der Protagonisten. Abschließend sorgt natürlich auch die ihren Figuren und den doppelbödigen Dialogen Leben einhauchende Darstellerriege dafür, dass die filmische Umsetzung vollends geglückt ist.
Es ist zu vermuten, dass die einst zu massiven Protesten führende gesellschaftliche Brisanz des Theaterstückes sicherlich auch noch zur Mitte des 20. Jahrhunderts enorme Wirkung zeigte. Heute mag das alles nicht mehr als so außergewöhnlich angesehen werden, aber die wunderbar verpackten Kernaussagen dürften auch jetzt noch eine gewisse Allgemeingültigkeit besitzen. Obwohl es Max Ophüls – ebenso wie in der Vorlage – nie zum Äußersten kommen lässt und sich geschickt von dannen stiehlt oder abblendet, wenn der finale Liebesakt ansteht, ist ihm doch ein einzigartiger, bühnenstückdiktierter Blick auf die gesellschaftlichen Zustände einer Epoche und auf Fragmente intimster zwischenmenschlicher Interaktion zur Zeit der Jahrhundertwende gelungen. Man begegnet einem außergewöhnlichen, leichtfüßigen, mit hintergründigem Humor ausgestatteten Moralstück, das dank der ungewöhnlichen Stilmittel frisch und unangepasst wirkt und anderen Filmwerken seiner Zeit weit voraus zu sein scheint. Besser als mit dem Resümee Meisterwerk kann die erste Begegnung mit Max Ophüls nicht verlaufen!
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filmfan90 Thu, 13 Jan 2011 23:09:42 -0000
Kommentar löschenMax Ophüls‘ „La Ronde“, basierend auf dem Bühnenstück „Der Reigen“ von Arthur Schnitzler, erzählt in zehn Episoden und einem Pro- und Epilog von der Kurzlebigkeit der Liebe.
Der Spielführer, der das Geschehen nicht nur kommentiert, sondern auch unmittelbar in die Handlung eingreift, geleitet den Zuschauer durch Wien um das Jahr 1900 und die Intimitäten zwischen den Akteuren, die sich in der Wahl ihrer Liebespartner über die Standesgrenzen hinwegsetzen- der Liebesreigen beginnt mit einer Prostituierten, die sich auf Geheiß des Spielführers einem Soldaten anbietet und in der letzten Episode des Films von einem Grafen einsam in ihrem Zimmer zurückgelassen wird.
Ophüls greift die zyklische Erzählstruktur der Vorlage Schnitzlers auf, ergänzt das Stück allerdings um die Figur des Spielführers, der ein Karussell, eine Allegorie für die ständigen Partnerwechsel und den Fortlauf des Reigens, in Gang hält. Des Weiteren bettet der Regisseur Schnitzlers Stück in sehr künstlich wirkende Kulissen, die an das Theater erinnern, wobei unvermittelt Filmrequisiten zu sehen sind, die den Eindruck des Zuschauers, er sehe ein Bühnenstück, zerstören. Durch all diese V- Effekte gleicht Ophüls das Stück der Poetik des epischen Theaters an und verweist auf die Abgründe, die sich hinter der Fassade des kurzzeitigen Glücks befinden- die triebgesteuerten Akteure, deren gesellschaftlicher Status keinen Einfluss auf ihr Verlangen nach körperlicher Liebe hat, gehen eben daran zu Grunde, dass sie versuchen, das „Unwiederholbare wiederholbar zu machen“ (vgl. Richard Alewyns Kommentar zu Schnitzlers „Reigen“), indem sie die sexuelle Begierde als entscheidendes Moment ihres Handelns anerkennen; das Gefühl der „Liebe“ existiert nur vor dem Akt.
Die größte Schwäche von „La Ronde“ besteht jedoch darin, dass im Verlauf des Films redensartlich „gepflegte Langeweile“ (ein Effekt, den Ophüls durchaus so beabsichtigt haben könnte) aufkommt, die hin und wieder durch pointierte Dialoge gebrochen wird.
Dennoch ist „La Ronde“ ein überaus sehenswerter, mit grandiosen Schauspielern besetzter (u.a. Simone Signoret, Simone Simon, Adolf Wohlbrück) Klassiker des mitteleuropäischen Nachkriegs- Kinos, der seinen Zynismus erst bei genauem Blick hinter die edelkitschige „fin de siècle“- Fassade offenbart.
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Geistertexter Fri, 14 Nov 2008 19:11:43 -0000
Kommentar löschenWunderbar leichtes Meisterwerk von Max Ophüls voller ironischer Anzüglichkeiten und Spitzen über die Flüchtigkeit der Liebe.
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