Deutschland im Herbst - Kritik

Deutschland im Herbst

DE · 1978 · Laufzeit 123 Minuten · FSK 12 · Drama, Dokumentarfilm · Kinostart
Du
  • 7

    Vielleicht müssen Filme manchmal gar nicht gut sein um sie als gut zu empfinden. Kein bisschen wirkt das als bereite hier jemand chronologisch die Ereignisse auf, kein bisschen so als wolle man eine Meinung schaffen. Man will auffordern, die Gesellschaft vor dem Sprung in die Grube noch einmal anschreien, sie zum aufwachen ermahnen. Was für ein verrücktes Projekt, die Idee schon, elf Regisseure an einem Werk, Exzentriker wie Fassbinder neben Schlöndorff, Kluge, Reitz, so viele große Namen, doch wie kann etwas unter dem Deckmantel der darauf aufgebauten Erwarten gut, gar genial werden? Dokumentarische Szenen werden scheinbar wahllos an gespielte Szenen angereiht. Eine Rede von Max Frisch, Fassbinder, wie er an seinem Penis rumspielt, nackt, Wochenschau-Ausschnitte, Blicke auf das Proletariat. Irrsinn? Zwei Stunden in denen Ordnung fremd erscheint und die doch so viel mehr mitgeben, wenn man nur hinsieht. Hier geht es nicht um die Chronologie, nicht um Tatsachenberichte, es geht um das Gefühl. Das Gefühl der Ereignisse, der vor die Hunde geworfenen Jugend, den Versuch mit Kunst auf politische Entscheidungen zu reagieren. Vielleicht ist Kunst am besten, wenn sie aus der Not entsteht, wenn die Kunstschaffenden wirklich etwas zu sagen haben. Wie damals bei Rossellini als er durch die zerbombten Städte lief... Kunst, irgendwie. Szenen von Bäumen, malerisch unterlegt mit grandios platzierter Musik, Filmszenen, schwarz-weiß, dann Farbe, oder doch noch einmal der Penis von Fassbinder? Ist das Kunst oder kann das.. es ist Kunst, irgendwie. Vielleicht genial, vielleicht gescheitert, in jedem Fall interessant und mutig. Deutschland im Herbst, Kunst statt Politik und doch irgendwie beides. Oder?

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    • 6
      AlexanderDeLarge 05.03.2015, 14:26 Geändert 05.03.2015, 14:31

      Wenn man sich für diesen Geschichtsabschnitt interessiert, dann ist "Deutschland im Herbst" auf jeden Fall sehenswert. Es gibt Originalaufnahmen sowohl von der Beerdigung des Hanns-Martin Schleyer als auch der Beerdigung der Stammheimer Häftlinge. Erstere leiten den Film ein, letztere schließen ihn ab. Hier liegt dann auch die Kernaussage des Films: Im Tod sind wir alle gleich oder "An einem bestimmten Punkt der Grausamkeit angekommen, ist es schon gleich, wer sie begangen hat: sie soll nur aufhören." Das ist natürlich sehr schön versöhnlich, mir aber zu einfach und indifferent. Wann hätte die Grausamkeit (global) jemals aufgehört? Der ganze Komplex wird hier ausschließlich innerdeutsch gedacht. Da ist ein Künstler wie Jan Delay mit Söhne Stammheims meiner Meinung nach sehr viel klarer und provokanter gewesen. Am kontroversesten ist noch Wolf Biermann, der direkt und unverblühmt die Behauptung der Selbstötung der Häftlinge anzweifelt. Künstlerisch gibt es eine sehr schöne Adaption bzw. Übersetzung von Sophokles Klassiker Antigone zu bewundern. Fassbinders Episode dagegen fand ich wenig gelungen. Ich liebe ja seine Filme, aber wenn es sich selbst vor der Kamera inszeniert, ist er doch reichlich nackt, zugekokst und ecklig.

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      • 7 .5

        Fassbinder ist einfach ein geiler Hund.

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        • 7 .5

          Tolles kaleidoskop der polititschen Zustände in den späten 70er Jahren. Die Hintergründe der Politisierung der dortigen Gesellschaft werden greifbar, teilweise sogar fühlbar gemacht; eine echtes Zeitdokument!

          Die Montage der einzelnen, sehr unterschiedlichen Bilder wirkt dabei flüssig und der Film weiß darum seine Highlights gekonnt in Szene zu setzen.
          Ein gewisses Vorwissen über die Zustände und die Denke der damaligen Zeit können beim Filmgenuss gewiss nicht schaden.

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          • 5

            Vor allem in den ersten zwanzig Minuten, wenn der fette und koksende Fassbinder es kaum noch aushält im Herbst 77, hat der Film auch dreißig Jahre später nichts von seiner Kraft verloren.

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