Die 120 Tage von Bottrop

Die 120 Tage von Bottrop (1997), DE
Laufzeit 60 Minuten, FSK 12, Komödie, Kinostart 06.11.1997

admin edit edit group memberships sweep cache
5.7 Kritiker
2 Bewertungen
Skala 0 bis 10
5.7 Community
36 Bewertungen
1 Kommentare
Diesen Film bewerten
Bewertung löschen
noch nicht bewertet

von Christoph Schlingensief, mit Margit Carstensen und Mario Garzaner

Die Überlebenden der alten Fassbinder-Zunft haben sich zusammengetan, um auf dem Potsdamer Platz unter Sönke Buckmanns Regie ein Remake von Pasolinis “120 Tage von Sodom” zu drehen. Eine Hommage an Rainer Werner Fassbinder, an die Exzentrik und an den Wahnsinn einer längst vergangenen Zeit.


Cast & Crew


Kommentar — Film: Die 120 Tage von Bottrop

Kommentar schreiben
Sortierung

BigDi

Kommentar löschen
Bewertung9.0Herausragend

Die deutsche Filmkultur stirbt einen rauschhaften und dreckigen Tod. Der Wahnsinn eines schaffenden Genies weicht der debilen Beschränktheit des Handwerkers ohne Plan. Der Letzte Neue Deutsche Film ist eine Zumutung, eine Beleidigung, ein einziges Chaos, wo der rote Faden nur kurz zwischen den Beinen eines nackten Mannes zu sehen ist, bevor wieder klargestellt wird: "Es gibt keinen roten Faden!" Äußerlich von einer beinahe pubertär entfesselten Lust am Polemisieren durchzogen, birgt der Film im Inneren eine grenzenlose Traurigkeit - sowei all die Leidenschaft und all den Größenwahnsinn, welcher der heutigen deutschen Filmlandschaft zumeist fehlt. "Die 120 Tage von Bottrop" ist ein Röcheln der verwesenden Überreste, eine Kotzorgie auf dem roten Teppich, der in die glänzende und eigentlich überhaupt nicht glänzende Zukunft der Kultur führt, ein zynisches und tabuloses Ungetüm, welches seine Fänge ganz tief in dem ach so zartem Fleisch der Unterhaltungsmassenproduktion vergräbt. Die filmische Totenmesse ist eine wilde Orgie, das Requiem ist der schwungvoll-melancholische Jazz Helge Schneiders - und während der gefeuerte Regisseur sich selbst zum biblischen Märtyrer winselt, sonnen sich Udo Kier und Roland Emmerich im fernen Hollywood, überbeleuchtet und körnig-unscharf, als würde man Blicke in ein vermeintliches Paradies werfen. Auf dem Boden der Tatsachen befindet man sich in einer lauthals lachenden Hölle der Filmkunst, die verzweifelt auf das Eintreffen eines Erlösers wartet und bis dahin mehrfach Selbstmord begeht. Christoph Schlingensiefs hemmungslose Anti-Kunst ist weder subtil noch subversiv, sondern eine einzige besessene Hasstirade, eine Apokalypse, ein einziger schriller und lauter Untergang, so übertrieben wie präzise, so verspielt wie ernst, so witzig wie traurig, so hässlich wie schön, so ungeschickt wie virtuos, so bescheuert wie genial. Und selbst wenn man das bunte Treiben nicht wirklich zu verstehen vermag - die Bosart und die Fatalität des Ganzen ist überwältigend, das Geschehen wunderbar ungreifbar und mit einem Blick auf das Heute weiß man, was für eine großartige und ehrliche Demontage man eben erleben durfte und auch weiterhin erleben darf, immer und immer wieder. Wie es am Schluss so schön und schrecklich heißt:

"Ich möchte nur noch schnell kulturhistorisch hinzufügen, dass ich diese große Verdummung, der wir in Deutschland momentan entgegentreiben (und die jetzt niemand mehr leugnen kann), für notwendig halte!
Wir müssen da hindurch, auf dass ein neuer Morgen möglich werde, und eine junge herbe Kunst auf den Ruinen unserer Zelluloidfabriken zu lächeln beginnt!"

Viktor Auburtin im "Berliner Tagesblatt", Morgenausgabe 8. April 1913

bedenklich? 15 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Kommentar schreiben