Die innere Sicherheit - Kritik

Die innere Sicherheit

DE · 2000 · Laufzeit 106 Minuten · FSK 12 · Drama · Kinostart
Du
  • 8

    Nun denn, es herrscht bei mir offenbar dringend Nachholbedarf in Sachen Christian Petzold, wenn man bedenkt, dass ich erst jetzt einen seiner Filme gesehen habe. Ich kenne mich auch insofern nicht wirklich mit der berüchtigten 'Berliner Schule' aus, weiß auch gar nicht, ob deren 'Stilmerkmale' hier überhaupt angewandt werden, bin aber auf jeden Fall schon mal recht stark angetan von Petzolds Gestaltung. Da vermittelt er uns das triste Dasein vom Leben auf der Flucht - abgeschnitten von der Gesellschaft und dennoch, unterwegs im Untergrund, künstlich am Leben erhalten - naturalistisch und nüchtern, in Kamera & Schnitt, mit einem ebenso authentischen Ensemble (Julia Hummer = Goddess), fast vollkommen ohne untermalenden Musikscore. Die nackte Furcht vor dem Unvermeidlichen.

    Darin wird sodann unserer Hauptprotagonistin Jeanne, die 15-jährige Tochter zweier seit Jahren flüchtigen Verbrecher (aus welcher Richtung sie jetzt genau kommen, wird nicht erläutert, ist aber auch irrelevant) das Teenager-Sein entsagt: Liebe, Spaß, sogar Schule und allgemein soziale Kontakte sind unter diesen Umständen einfach unmöglich - versteckt und unauffällig bleiben, ist die Divise. Selbst sobald sie einen Jungen kennenlernt, der ihr so richtig gefällt, gestaltet sich ihr erstes Mal als verschämtes Versteckspiel, wo sie sich nur unter der Decke ausziehen kann.

    Dagegen stehen ihre Eltern, die jede Maßnahme ihres zum Scheitern verurteilten Weiterlebens als unumstößliche Regel ansehen, Jeanne wie bei einem Verhör um ihre Privatangelegenheiten ausfragen, nur um sicher zu sein - auch wenn sie ihr Kind damit quälen. Denn auch in ihnen regiert die Furcht: sind sie auch auf jede Eventualität gefasst und einigermaßen vorbereitet, können sie doch nicht verheimlichen, wie durchweg ratlos und verloren sie sind, kaum noch fähig ein Lebensgefühl nach außen hin zu tragen, höchstens Mitleid zueinander. Das einzige, was ihnen bleibt, ist der Sex, aber selbst der geschieht immer nur im Off - wenn dann sonst On-Screen kaum noch Liebe und andere normale Sozialitäten zwischen den Beiden möglich ist, wie soll Jeanne sich daran noch ein Beispiel nehmen?

    Ihr Ausbruch liegt nahe, sie kann dennoch nicht von ihren Eltern lassen, nach diesen ganzen 15 Jahren familiären Stockholm-Syndroms - doch wie lange kann man das Schicksal, den Zusammenbruch dieser Familie noch aufhalten? Petzold drängt Gottseidank nicht auf eine Antwort, bleibt objektiv an seinem Sujet, ergibt sich keinem langanhaltenden Armuts-Porno-artigen Abstieg in die Misere wie in Ming-liang Tsais unerbittlichem Aussteiger-Drama 'STRAY DOGS', macht aber auch keinen rasanten Märtyrer-Reißer daraus, wie Uli Edels 'DER BAADER-MEINHOF-KOMPLEX'. Sein Film ist nüchtern und transparent, aber vollends nachvollziehbar und offen-unbemüht, menschlich und natürlich, inmitten der alltäglich-wiedererkennbaren BRD - da kann man verstehen, wie einem in so einer Situation zumute ist. Petzold, ich glaube das wird der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

    12
    • 7

      Weite Handlungsteile rücken bei Petzold immer wieder in den Hintergrund; stattdessen verbannt er sie ins Off und eröffnet somit vor allem einen uneingeschränkten Blick auf die Figur der Jeanne (authentisch: Julia Hummer). Es ist ihre Perspektive, die diesen Film bestimmt und nicht die vordergründige Geschichte um ehemalige RAF-Terroristen, aufreibende Landesflucht und stetige Überwachungsangst.

      Es ist die Einsamkeit und die erste Liebe, die Petzold zum Thema macht. Deshalb ist „Die innere Sicherheit“ trotz seines augenscheinlich darauf ausgelegten Plot-Konstruktes auch kein Thriller; überhaupt sollte der durchschnittliche „Tatort“-Zuschauer seine Erwartungen an einen herkömmlichen Kriminalausflug ganz gewaltig korrigieren.

      Eine entscheidende Rolle spielt die Angst der Protagonisten: Angst vor einem unermüdlichen Justizapparat, Angst vor gerechter Strafe und ganz besonders die Angst um den Verlust der eigenen Freiheit, wobei sich gerade hierbei die Frage stellt, wie frei diese getriebenen Existenzen denn nun wirklich sind und ob ein Ende ihrer 15 Jahre währenden Flucht nicht gleichzeitig auch Erlösung bedeuten würde. Die moralische Fragwürdigkeit seines Elternmodells (toll: Richy Müller und Barbara Auer) verklärt Petzold dabei auch viel weniger, als dass er sie in stillen Totalen und pointierten Dialogabschnitten zu erforschen weiß.

      Gewalt und Verbrechen (obwohl selten vorkommend) wird immer auch die Ambivalenz der Zusammenhänge von Motiv und Aktion als ganz zentraler und für eine differenzierte Betrachtung unerlässlicher Aspekt hinzugefügt. Der Verantwortung gegenüber der eigenen Tochter und dem sehnlichen Wunsch nach einer Ordnung in einem von Rastlosigkeit geprägten Dasein setzt Petzold auch die Verantwortung gegenüber der eigenen Vergangenheit und den begangenen Verbrechen entgegen.

      Widersprüche, die sich schließlich auch in der Situation von Jeanne wiederfinden, wenn sie sich vor der Entscheidung zwischen ihren Eltern und einer flüchtigen Liebschaft stehen sieht. Der Illusion der wahren und einzigen Liebe versagt sich der Film auch hier deutlich und begreift Jeanne's Beziehung vor allem als Ausdruck entdeckter Sexualität und andauernder Einsamkeit. Für großes Glück ist in diesem Spiel auf Zeit ebenso wenig Platz, wie für wahre Freiheit. Sicher ist hier nichts und ein Ende findet ihre Reise schließlich so oder so.

      „How can we hang on to a dream; How can it ever be the way it seems“

      10
      • 8 .5

        Petzold schildert nicht nur verschiedene Formen des Überlebens der ehemaligen RAF-Generation, er hat vor allem einen Film über die Einsamkeit eines jungen Mädchens gemacht. In kargen, lakonischen Bildern zeigt er die nackte Verzweiflung - und so gelingt ihm einer der eindrucksvollsten und mutigsten deutschen Filme seit langem.