Drei Affen - Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen - Kritik

Üç maymun

TR/IT/FR · 2008 · Laufzeit 109 Minuten · FSK 12 · Drama · Kinostart
Du
  • 7

    [...] Ceylan’s Werke definieren sich nicht über Eckpunkte eines Plots, die die Figuren gehetzt abgrasen, damit zum Schluss alle Haken auf der Drehbuch-Checkliste des klassisch(-langweiligen) Dreiakters gesetzt sind. Wichtig ist, was im doppelten Sinne – im Inneren der Figuren, aber auch in dem was der Schnitt zwischen den Szenen zu zeigen ausspart -zwischen den Zeilen passiert: Der Gefängnis-Aufenthalt des Vaters scheint zunächst ein tiefes Loch in Alltag und Funktion der Familie zu reißen. Doch ist vorher alles in bester Ordnung gewesen? Lebten sie glücklich und harmonisch zusammen? Dem ist nicht so und es sind die kleinen Fetzen, die Ceylan fast beiläufig einstreut, welche schleichend das Bild einer völlig dysfunktionalen Familie formen und davon berichten, dass die Abstinenz von Eytüp lediglich offene Wunden wieder freigelegt und letztendlich noch tiefer eingerissen hat – hier ist schon lange nichts mehr wie es sein sollte, weil einschneidende Ereignisse Spuren hinterlassen, die unter Umständen irreversibel entzweien.

    Was andere Drehbücher in seitenlangen Dialogen nicht schaffen, verpacken Ceylan und der überragend aufspielende Cast in Bildern und subtilsten Charakter-Regungen. Es sind Blicke, leichte Verschiebungen der Betonung oder kaum merkliche Körpersprache, die von Verzweiflung, von Sehnsucht und von geplatzten Träumen erzählen. [...]

    11
    • 8

      Nury Bilge Ceylan erzählt seine bodenständig angesiedelte, aber im moralischen äußerst raffinierte Geschichte in vielen Episoden, bei denen man sich selbst ein Bild machen kann. Er selbst findet immer wieder zu enorm starken Bildern: So entdeckt man erst am Ende das Haus der Familie als einsamen Monolith am Meer, eingeschlossen von Gleisen und von der Straße. Nach den ausgezeichneten “Uzak” und “Iklimler” schaffen es die “Drei Affen”, die wie alle Beteiligten des Films nichts hören, sehen, sagen wollen, in einem großen Finale die Geschichte einer kommunikationslosen Familie psychologisch stimmig zusammenzuführen. Dieser stillere
      Film wirkt auch mit großartigen Schauspielern, mit Hatice Aslan als türkischer Rossellini und mit Yavuz Bingöl, der einem groben Klotz die Augen von Clooney gibt. Man muss sich fragen, wieviel die Freiheit wert ist in diesem Land. Das patriarchale System funktioniert erst, wenn die Politiker tot sind - so könnte die Moral der Geschichte sein. Aber hat sie überhaupt (eine) Moral?

      1
      • 6

        Drei Affen ist kompliziert, vielleicht sogar zu kompliziert. Der Film sieht aus wie eine Mischung vieler verschiedener Filmsorten: ein Portrait der Schuld und Leugnung in in einer dysfunktionalen Familie, aber auch ein konventioneller Spannungs-Thriller und sogar ein Film mit einem Bruchstück des Übernatürlichen. Es ist zweifellos ein fesselndes Werk und jedes Bild ist gefüllt mit Intelligenz. [...] Aber obwohl ich die Weniger-ist-mehr-Triumphe seiner ersten Spielfilme mochte, frage ich mich jetzt, ob Cylan hier über das Ziel hinausschießt.

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        • 7

          Nuri Bilge Ceylans beziehungsreicher Gefühlsthriller „Drei Affen“ beginnt wie ein Krimi von Simenon oder Chabrol: Mit Regen und einem Auto, das durch die Nacht rast. Ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit, ein Unfall. Am nächsten Morgen bezahlt der Verursacher Servet, ein erfolgreicher Politiker, der gerade um seine Wiederwahl kämpft, seinem Fahrer Eyüp viel Geld dafür, dass dieser an seiner Stelle die Verantwortung für den Unfall mit Fahrerflucht übernimmt und eine Gefängnisstrafe absitzt. Doch nicht Verdorbenheit der Bourgoisie oder die Klassengesellschaft stehen, wie dies bei Chabrol der Fall wäre, dann im Zentrum des Films, sondern das, was die vermeintliche Schuld mit der Familie des Fahrers macht, wie sie sich Stück für Stück in tatsächliche Schuld verwandelt.

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          • 8 .5

            Als selbsterkorener Bewunderer von Antonioni malt der Türke Nuri Bilge Ceylan eine bestimmte Malaise des Lebens, indem er die Leere jagt, die Stille aushorcht, die introspektiven Dunkelheiten erforscht. Eine Figur strolcht herum wie ein Geist, als Erwecker von Angst: die Totzeit.

            • 5

              Schier endlos hocken oder flötzen sich die einzelnen Familienmitglieder in der überhitzten Wohnung. Von draußen donnert der Zuglärm herein. Ab und zu weht der Wind - Unheil verkündend - ein Fenster auf. Keiner spricht die Wahrheit aus. Alle laben sich wie in Trance an ihrer Gier. Am Ende büßt ein jeder in diesem extremst langatmigen Moralstück über die Lust in all ihren Facetten und deren Stillen von Nuri Bilge Ceylan. Dass der gefeierte Autor und Regisseur in „Drei Affen“ gezielt auf Minimalismus setzt, entschuldigt keineswegs für die träge Inszenierung und die äußerst dürftige Geschichte, die auf einer 45 Cent-Briefmarke Platz finden würde. Abgesehen von der Ideenlosigkeit des Autors und infolgedessen dem ständigen Herumsitzen und sich gegenseitig im Stillen Vorwürfe machenden Protagonisten, wissen wenigstens noch die stimmigen Einstellungen des Kameramanns Tiryaki zu überzeugen. Fast jedes zweite Bild wirkt wie ein bedeutungsschwangeres Ölgemälde, dass die Tristesse dieses ansonsten mittelprächtigen Familiendramas gekonnt zu vermitteln weiß.