Edward II - Kritik

GB 1991 Laufzeit 90 Minuten, FSK 16, Drama, Kinostart 16.10.2008

  • 8 .5

    Das Drama um den schwulen englischen König nach Vorlage von Marlowe hat Derek Jarman in eine zeitlose Tragödie um Liebe und Macht, Zuneigung und Sexualität und Treue und Verrat verarbeitet. In einer kahlen, monumentalen Ausstattung arbeitet er mit starken Verfremdungseffekten aus der Jetzt-Zeit: es wird geraucht und man ist modisch gekleidet. Es gibt kleine Spielroboter und Erschießungskommandos, Schwulendemos und echte Fotos. Der angenehme Höhepunkt dieser V-Effekte ist der Song von Annie Lennox und das Überraschendste der Weihnachtsbaum von Rocher. Daneben gibt es groteske Ballettszenen, in denen man ein Streichquartett sieht, aber eine Hammondorgel hört. Die abgewiesene Ehefrau (wunderschön Tilda Swinton) schmiedet eine Dreieropposition. Mit dem Heerführer teilt sie Thron und Bett - vorübergehend und den Bruder des Königs beseitigt sie mit einem Vampirbiss. Den wahren Tod dieses Königs deutet Jarman nur im Traum an. Es ist dies die härteste Bestrafung für einen Homosexuellen und sie hinterlässt äußerlich keine Spuren. Von Marlowe bleiben eigentlich nur noch einige Dialoge. Zeitlos genial, Arthouse total.

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    • 6

      Edward II. war ein inkompetenter Herrscher. In seinem Theaterstück machte Christopher Marlowe (ungewöhnlich) explizit Edwards Homosexualität und Hörigkeit seinem Liebhaber gegenüber für seine schwache Regierungsleistung verantwortlich. Jarman übernimmt die Interpretation, dass Edwards sexuelle Obsession dafür verantwortlich ist. Er verbindet das Stück jedoch mit der Homobewegung und fügt hinzu, "gay desire is no crime", d.h. die sexuelle Orientierung an sich ist nicht schuld an Edwards Versagen als König. Insofern ist Jarmans Version eine wichtige Interpretation des Stoffes.
      Davon abgesehen, ist mir die filmische Umsetzung zu pur und theaterartig geraten. Ich stehe nicht auf Kostümfilme und plädiere somit nicht für ein Opulenzwerk, in dem die Ausstattung vom Inhalt ablenkt. Verglichen mit "Caravaggio" fehlen mir jedoch nach dem fulminanten Start des Films im weiteren Verlauf die brillianten, kreativen Blitze, die Gimmicks, die Bilder oder Aussagen, die mich faszinieren.

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      • 4

        Christopher Marlowes "Edward II." ist zweifellos ein respektables Drama, das noch heute erfolgreich auf die Bühne gebracht werden kann. Aber solange man nichts anderes daraus macht als ein bloßes Theaterstück, hat es auf der Leinwand nichts verloren. Kinofilme haben mit Recht andere Zuschauererwartungen zu erfüllen als Bühneninszenierungen, denn (unter anderem) müssen sie nicht mit den Einschränkungen einer engen Bühne kämpfen, sie eröffnen den Schauspielern sehr viel subtilere Darstellungsmöglichkeiten und sie brauchen sich auch nicht bemühen, die Umziehpausen nicht zu lang werden zu lassen. Theater kann nicht vollkommen realistisch sein, es muss notwendigerweise immer die Vorstellungskraft des Rezipienten mitbemühen – für das Kino hingegen ist dieser Rückgriff auf die Zuschauerphantasie nur ein Erzählmittel unter vielen, und zwar eines, das mit Bedacht und nicht zu oft eingesetzt werden sollte.
        Es gibt daher keinen Film, bei dem die Übertragung der Theaterästhetik ins Kino nicht grandios gescheitert wäre; jedenfalls kenne ich keinen. So etwas bleibt immer nur leere, formale Spielerei, von der allenfalls rotweintrinkende Pseudointellektuelle behaupten, dass sie ihnen "etwas sagt", weil derartiger Unsinn unter ihresgleichen en vogue ist. Alle, die ihre Zeit sinnvoll nutzen wollen, können aber ganz gut darauf verzichten.