Miller arbeitet mit wiederkehrenden Motiven zu verschiedenen Zeiten, lässt kleine Jungs aus der selben Teetasse trinken, zeigt François' Mutter, die unter völlig unterschiedlichen Vorzeichen im Exil in den Fluss Creuse springt. Mit der anmutigen Cécile de France und der gefühligen Ludivine Sagnier hat er zwei großartige Hauptdarstellerinnen gefunden und mit Patrick Bruel ein charmantes Raubein als Projektionsfläche weiblicher Sehnsüchte - großes, schmerzliches Gefühlskino, virtuos inszeniert.
EIN GEHEIMNIS ist ein Film über die Verfänglichkeit der Schaulust. Als Halbwüchsiger betrachtet François seine Eltern beim innigen Liebesspiel, ohne dass dies gleich in einem Trauma münden muss. Die beherrschten Körper seiner Eltern werden ihm zu bewunderten Fetischen. Zugleich lässt der Blick durch verschlossene Fenster oder in den Spiegel das Vertraute regelmäßig als fremd, unerreichbar erscheinen. Wenn Miller vom Blickwechsel der Liebenden auf Dokumentarbilder von KZ-Insassen überblendet, ist dies kein frivoler Schockeffekt, sondern ein Beleg seiner melancholischen Erkenntnis von der Gleichzeitigkeit unvereinbarer Realitäten.
Eine folgenschwere Liebesgeschichte wird erzählt über Blicke, die für einen Bruchteil von Sekunden zu lang verharren, oder sich zu rasch abwenden. So dezent setzt der Film auch seine anderen Akzente, fügt minimale Verzögerungen für die großen emotionalen Momente ein. „Ein Geheimnis“ verzeichnet die unlösbare Verbindung von Vergangenem und Gegenwart in genauen und intensiven Details. Die verwobenen Bilder prägen sich ein, ohne einzulullen. So soll irritieren, dass unter den immer wieder dokumentarisch in die Handlung geschnittenen Zeitbildern ausgerechnet der Körperkult von Leni Riefenstahl in den Olympia-Träumen von Maxime aufblitzt.
Dieser Film baut auf einer Grunderfahrung eines jeden auf, die der Selbstbewusst werdung. Und dieser Erkenntnisfortschritt fällt gern in die Zeit der Pubertät, jene Lebensphase, in der nichts mehr stimmt und die mit ihrer charakteristischen Ungewissheit und dem Unwohlsein nicht selten bis ans Lebensende anhält.
Erinnerung – und was sie für die Gegenwart bedeutet, das ist das große Thema von Claude Millers Literaturverfilmung »Ein Geheimnis«. Dieser Film ist Jugenddrama, Geschichtswerkstatt, Antifaschismus und beste Schauspielerei.
Claude Miller siedelt seinen stilistisch innovativen Film auf mehreren zeitlichen Ebenen an: Die Figur des Francois Grimbert taucht im Film in drei Altersstufen auf – als Sieben- und Vierzehnjähriger sowie im Erwachsenenalter. Die Erzählung beginnt Mitte der 1980er-Jahre, als Francois’ Eltern schon im Ruhestand sind, wobei die filmische Gegenwart entgegen der klassischen filmästhetischen Konventionen in Schwarzweiß, die Rückblenden in Farbe gezeigt werden. Auf diese Weise stellt Miller eine Analogie zur Erzählstruktur des Romans her, denn Grimbert erzählt das Vergangene im Präsens und die Gegenwart im Präteritum.
Die unauflösliche Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart auf solch elegante und unaufgeregte Weise ins Gedächtnis gerufen zu bekommen, macht den großen Reiz dieses keineswegs perfekten, aber sehr feinsinnigen und klugen Filmes aus, der zudem durch die wunderbare Filmmusik von Zbigniew Preisner auch ein Fest für die Ohren ist.
[Mir wurde] "Ein Geheimnis", je länger der Film dauerte, umso unbehaglicher. Seine beträchtliche Raffinesse schlägt irgendwann nämlich um, und zwar in etwas, das ich nur als Kunstgewerbe bezeichnen kann. Das Weiterzwitschern der Vögel kann man nämlich sehr wohl so inszenieren, dass etwas Finsteres am hellichten Tag darin klingt. Das aber gelingt Claude Miller nicht. Und zwar, denke ich, aus mehreren Gründen. So erweist sich die erzählerische Konstruktion nach und nach nicht nur, aber auch: als Trick. Alles geht auf, aber zu gut. Die Leerstellen werden gefüllt und das zuvor unerklärliche Verhalten der Figuren wird nicht etwa einfach mehr oder minder verständlich, sondern sozusagen restlos erklärt.
Ein Drama von Claude Miller, das als gelungene Mischung aus Spannung und Emotionalität daher kommt. Die Geschichte hat eine verblüffende Wendung und verknüpft drei Zeitebenen miteinander. Leider ist die Erzählform...
Die Schauspielerleistungen sind außergewöhnlich. Auch wenn Teile aus "Ein Geheimnis" zur Soap Opera tendieren, reduziert dies die Leistung des Ensembles auf ein Minimum.
Überzeugendes Drama, dessen teils unglückliche Erzählweise leider einige Ereignisse vorwegnimmt und somit nicht immer DIE Spannung erzeugt, die so ein Film braucht. Wenn ich schon zur Mitte der Lauflänge weiss, welche Charaktere überleben und welche nicht, dann nimmt das dem Streifen einfach gewisse Emotionen. Und diese Emotionen fehlen "Ein Geheimnis" wenn es darum geht sich um die erste Reihe im Dramen-Genre zu bewerben.
Nichtsdestotrotz ein gelungenes Stück modernes, europäisches Kino, nicht nur wegen der herausragenden Besetzung.
Ein Geheimnis - Kritik
FR 2007 Laufzeit 106 Minuten, FSK 12, Drama, Kinostart 18.12.2008
Kritiken (9) — Film: Ein Geheimnis
Bernd Haasis: Stuttgarter Nachrichten Bernd Haasis: Stuttgarter Nachrichten
Kommentar löschenMiller arbeitet mit wiederkehrenden Motiven zu verschiedenen Zeiten, lässt kleine Jungs aus der selben Teetasse trinken, zeigt François' Mutter, die unter völlig unterschiedlichen Vorzeichen im Exil in den Fluss Creuse springt. Mit der anmutigen Cécile de France und der gefühligen Ludivine Sagnier hat er zwei großartige Hauptdarstellerinnen gefunden und mit Patrick Bruel ein charmantes Raubein als Projektionsfläche weiblicher Sehnsüchte - großes, schmerzliches Gefühlskino, virtuos inszeniert.
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Gerhard Midding: Berliner Zeitung, epd Film,... Gerhard Midding: Berliner Zeitung, epd Film,...
Kommentar löschenEIN GEHEIMNIS ist ein Film über die Verfänglichkeit der Schaulust. Als Halbwüchsiger betrachtet François seine Eltern beim innigen Liebesspiel, ohne dass dies gleich in einem Trauma münden muss. Die beherrschten Körper seiner Eltern werden ihm zu bewunderten Fetischen. Zugleich lässt der Blick durch verschlossene Fenster oder in den Spiegel das Vertraute regelmäßig als fremd, unerreichbar erscheinen. Wenn Miller vom Blickwechsel der Liebenden auf Dokumentarbilder von KZ-Insassen überblendet, ist dies kein frivoler Schockeffekt, sondern ein Beleg seiner melancholischen Erkenntnis von der Gleichzeitigkeit unvereinbarer Realitäten.
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G. Jekubzik: Filmtabs G. Jekubzik: Filmtabs
Kommentar löschenEine folgenschwere Liebesgeschichte wird erzählt über Blicke, die für einen Bruchteil von Sekunden zu lang verharren, oder sich zu rasch abwenden. So dezent setzt der Film auch seine anderen Akzente, fügt minimale Verzögerungen für die großen emotionalen Momente ein. „Ein Geheimnis“ verzeichnet die unlösbare Verbindung von Vergangenem und Gegenwart in genauen und intensiven Details. Die verwobenen Bilder prägen sich ein, ohne einzulullen. So soll irritieren, dass unter den immer wieder dokumentarisch in die Handlung geschnittenen Zeitbildern ausgerechnet der Körperkult von Leni Riefenstahl in den Olympia-Träumen von Maxime aufblitzt.
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Jürgen Kiontke: Jungle World, ai-Journal, K...
Kommentar löschenDieser Film baut auf einer Grunderfahrung eines jeden auf, die der Selbstbewusst werdung. Und dieser Erkenntnisfortschritt fällt gern in die Zeit der Pubertät, jene Lebensphase, in der nichts mehr stimmt und die mit ihrer charakteristischen Ungewissheit und dem Unwohlsein nicht selten bis ans Lebensende anhält.
Erinnerung – und was sie für die Gegenwart bedeutet, das ist das große Thema von Claude Millers Literaturverfilmung »Ein Geheimnis«. Dieser Film ist Jugenddrama, Geschichtswerkstatt, Antifaschismus und beste Schauspielerei.
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Kirsten Liese: BR Online, WDR3, Darmstädte... Kirsten Liese: BR Online, WDR3, Darmstädte...
Kommentar löschenClaude Miller siedelt seinen stilistisch innovativen Film auf mehreren zeitlichen Ebenen an: Die Figur des Francois Grimbert taucht im Film in drei Altersstufen auf – als Sieben- und Vierzehnjähriger sowie im Erwachsenenalter. Die Erzählung beginnt Mitte der 1980er-Jahre, als Francois’ Eltern schon im Ruhestand sind, wobei die filmische Gegenwart entgegen der klassischen filmästhetischen Konventionen in Schwarzweiß, die Rückblenden in Farbe gezeigt werden. Auf diese Weise stellt Miller eine Analogie zur Erzählstruktur des Romans her, denn Grimbert erzählt das Vergangene im Präsens und die Gegenwart im Präteritum.
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Der Redaktör: kino-zeit.de Der Redaktör: kino-zeit.de
Kommentar löschenDie unauflösliche Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart auf solch elegante und unaufgeregte Weise ins Gedächtnis gerufen zu bekommen, macht den großen Reiz dieses keineswegs perfekten, aber sehr feinsinnigen und klugen Filmes aus, der zudem durch die wunderbare Filmmusik von Zbigniew Preisner auch ein Fest für die Ohren ist.
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E. Knörer: taz, perlentaucher, cargo-film E. Knörer: taz, perlentaucher, cargo-film
Kommentar löschen[Mir wurde] "Ein Geheimnis", je länger der Film dauerte, umso unbehaglicher. Seine beträchtliche Raffinesse schlägt irgendwann nämlich um, und zwar in etwas, das ich nur als Kunstgewerbe bezeichnen kann. Das Weiterzwitschern der Vögel kann man nämlich sehr wohl so inszenieren, dass etwas Finsteres am hellichten Tag darin klingt. Das aber gelingt Claude Miller nicht. Und zwar, denke ich, aus mehreren Gründen. So erweist sich die erzählerische Konstruktion nach und nach nicht nur, aber auch: als Trick. Alles geht auf, aber zu gut. Die Leerstellen werden gefüllt und das zuvor unerklärliche Verhalten der Figuren wird nicht etwa einfach mehr oder minder verständlich, sondern sozusagen restlos erklärt.
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Jörg von Grass: filminformer.de; stadtmagaz...
Kommentar löschenEin Drama von Claude Miller, das als gelungene Mischung aus Spannung und Emotionalität daher kommt. Die Geschichte hat eine verblüffende Wendung und verknüpft drei Zeitebenen miteinander. Leider ist die Erzählform...
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M. Phillips: Chicago Tribune M. Phillips: Chicago Tribune
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Kommentar — Film: Ein Geheimnis
Kommentar schreibencannibal83 2011/06/22 00:38:35
Kommentar löschenÜberzeugendes Drama, dessen teils unglückliche Erzählweise leider einige Ereignisse vorwegnimmt und somit nicht immer DIE Spannung erzeugt, die so ein Film braucht. Wenn ich schon zur Mitte der Lauflänge weiss, welche Charaktere überleben und welche nicht, dann nimmt das dem Streifen einfach gewisse Emotionen. Und diese Emotionen fehlen "Ein Geheimnis" wenn es darum geht sich um die erste Reihe im Dramen-Genre zu bewerben.
Nichtsdestotrotz ein gelungenes Stück modernes, europäisches Kino, nicht nur wegen der herausragenden Besetzung.
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