Durch die Kollision der unterschiedllichen Figuren legt Fassbinder die Bestandteile der sozialen Schichten frei und lässt der Handlung ohne erhobenen Zeigefinger seinen natürlichen Lauf nehmen. Für Fassbinder-Verhältnisse ist Faustrecht der Freiheit noch recht unterhaltsam, die Charaktere sind markant, die Geschichte wird zwar langsam erzählt, hat aber keine wirklichen Durchhänger und auch die Darsteller (u. a. Fassbinder selbst, auch Karlheinz Böhm) spielen überzeugend. Leider ist der Ausgang bereits nach dem ersten Drittel vorhersehbar, weshalb kaum Spannung aufkommt und das Ende seine Wucht nicht voll entfalten kann.
Der Proletarier Franz scheitert an seiner eigenen psychischen und mentalen Disposition, die in der Konfrontation mit der Ökonomie der Ökonomie gnadenlos scheitert und scheitern muss. Das ideologisch verbrämte Postulat der individuellen Freiheit entpuppt sich als Erneuerung des Faustrechts in gesetzlich eingefassten Bahnen und mental eingeübter Praxis auf beiden Seiten, der „proletarischen“ wie der „bürgerlichen“ – zwei Seiten einer Medaille.
»Eine wunderschöne Romanze: der Unternehmer und die Lottokönigin.« Auf die Frage, was er tue, wenn er einen Menschen liebe, antwortet Bertolt Brechts Herr Keuner, er mache einen Entwurf von ihm und sorge dafür, daß er ihm ähnlich werde – der Mensch, nicht der Entwurf. In Rainer Werner Fassbinders »Faustrecht der Freiheit« geht der sensible Homoprolo Franz Bieberkopf, der durch einen Glückstreffer zu Reichtum kommt, noch einen Schritt weiter: Er macht einen Entwurf von der Liebe (Vertrauen, Solidarität, eine Prise gutmütiger Provokation) und unternimmt alles, damit ihm das Leben ähnlich werde. Der Versuch schlägt fehl – die Verhältnisse, sie sind nicht so. Großzügigkeit (in emotionalen wie finanziellen Angelegenheiten), so Prämisse und Erkenntnis dieser eigentümlichen Zweckehe von ironisch-trostlosem Lehrstück und opernhaft-schwulem Melodram, wird als ebenjene Dummheit, die sie in der kapitalistischen Klassengesellschaft nun einmal ist, verstanden und entsprechend genutzt. Die überraschungsfreie Geradlinigkeit der Erzählung erscheint als Schwäche und Stärke gleichermaßen: Zu keinem Zeitpunkt des Geschehens kann am Ausgang der Moritat gezweifelt werden – Spannung bleibt mithin aus; genau dieser Umstand erlaubt jedoch das präzise topographische Studium einer Gefühlslandschaft, die sich von den scheinfriedlichen Tälern der Illusion bis zu den Gipfeln des ausbeuterischen Verrats erstreckt. PS: »Es gibt Leute, die sich waschen, und andere, die sind sauber.« – »Und dann gibt es wieder Leute, die stinken, obwohl sie sauber sind.«
Das Messer geht auf und Franz nimmt noch einmal ordentlich Anlauf, damit am Ende auch wirklich kein Zweifel daran besteht, dass er wirklich für alles, was er nie brauchte oder wollte, bezahlt hat. Nicht ein Fitzelchen Selbstachtung, Fleisch, nicht der kleinste Überrest ist an der Klinge hängen geblieben. Alles ist in die letzten zwei Minuten des Films gesickert, findet im Schlussbild dann auch gleichzeitig die Entschuldigung: Alles nur, weil die liebe von ihm mehr verlangt hat als ein Butterbrot.
Fassbinder erzählt hier eine ganz traurige Geschichte und zeigt uns die sozialen Unterschiede zwischen armen Reichen und armen Armen. Die Ausbeutung findet ihren Höhepunkt im genialen Schlussbild.
Die ganze Zeit war ich angespannt und hab sehnsüchtig auf die rache von franz gewartet. und mitgelitten. und dann hat der film noch so großartige bilder. toll. so kann nur fassbinder erzählen.
Faustrecht der Freiheit - Kritik
DE 1975 Laufzeit 123 Minuten, FSK 18, Drama, Kriminalfilm, Kinostart 06.06.1975
Kritiken (2) — Film: Faustrecht der Freiheit
Filmsuechtiger: Filmsucht.org, Movieworlds
Kommentar löschenDurch die Kollision der unterschiedllichen Figuren legt Fassbinder die Bestandteile der sozialen Schichten frei und lässt der Handlung ohne erhobenen Zeigefinger seinen natürlichen Lauf nehmen. Für Fassbinder-Verhältnisse ist Faustrecht der Freiheit noch recht unterhaltsam, die Charaktere sind markant, die Geschichte wird zwar langsam erzählt, hat aber keine wirklichen Durchhänger und auch die Darsteller (u. a. Fassbinder selbst, auch Karlheinz Böhm) spielen überzeugend. Leider ist der Ausgang bereits nach dem ersten Drittel vorhersehbar, weshalb kaum Spannung aufkommt und das Ende seine Wucht nicht voll entfalten kann.
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Ulrich Behrens
Kommentar löschenDer Proletarier Franz scheitert an seiner eigenen psychischen und mentalen Disposition, die in der Konfrontation mit der Ökonomie der Ökonomie gnadenlos scheitert und scheitern muss. Das ideologisch verbrämte Postulat der individuellen Freiheit entpuppt sich als Erneuerung des Faustrechts in gesetzlich eingefassten Bahnen und mental eingeübter Praxis auf beiden Seiten, der „proletarischen“ wie der „bürgerlichen“ – zwei Seiten einer Medaille.
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Kommentare (5) — Film: Faustrecht der Freiheit
Kommentar schreibenJoe Gillis 2011/12/21 11:45:53
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http://kinotagebuch.blogspot.com/
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ellen_ripley 2009/06/21 23:26:04
Kommentar löschenIch will die Menscheit nicht so sehen. Ich weigere mich. Ich will lieber auch in Ecken sitzten, vielleicht gerade, weil es pubertär ist.
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boxcarsboxcars 2009/01/26 10:42:05
Kommentar löschenDas Messer geht auf und Franz nimmt noch einmal ordentlich Anlauf, damit am Ende auch wirklich kein Zweifel daran besteht, dass er wirklich für alles, was er nie brauchte oder wollte, bezahlt hat. Nicht ein Fitzelchen Selbstachtung, Fleisch, nicht der kleinste Überrest ist an der Klinge hängen geblieben. Alles ist in die letzten zwei Minuten des Films gesickert, findet im Schlussbild dann auch gleichzeitig die Entschuldigung: Alles nur, weil die liebe von ihm mehr verlangt hat als ein Butterbrot.
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Kubrick_obscura 2008/08/27 11:58:44
Kommentar löschenFassbinder erzählt hier eine ganz traurige Geschichte und zeigt uns die sozialen Unterschiede zwischen armen Reichen und armen Armen. Die Ausbeutung findet ihren Höhepunkt im genialen Schlussbild.
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Sigmund 2011/12/21 15:25:43
Antwort löschenAllerdings! Das Schlussbild gehört wirklich zu den genialsten überhaupt. Unvergesslich.
Tenzing 2008/06/26 17:26:03
Kommentar löschenDie ganze Zeit war ich angespannt und hab sehnsüchtig auf die rache von franz gewartet. und mitgelitten. und dann hat der film noch so großartige bilder. toll. so kann nur fassbinder erzählen.
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