I Hired a Contract Killer - Kritik

I Hired a Contract Killer / AT: Vertrag mit meinem Killer; Vertrag mit meinem Mörder

GB/FI/SE/FR/DE · 1990 · Laufzeit 79 Minuten · FSK 12 · Drama, Komödie · Kinostart
Du
  • 8 .5
    Nonkonformist 21.01.2017, 19:20 Geändert 21.01.2017, 21:33

    ... und als er nach der Kündigung und mehreren erfolglosen Versuchen sich selbst umzubringen einen Auftragskiller auf sich selbst ansetzt, weiß man nicht so recht, ob man denn nun lachen oder weinen soll. So lakonisch er seine Filme auch inszeniert, so nüchtern und trostlos sind sie auch, so wie sie höchstens noch Kaurismäkis Vorbild Bresson hätte erschaffen können.

    Wenn ich so zurückdenke glaube ich, dass es selten einen Tag gab, der so mies verlief wie der gestrige 20.Januar. Wenn man nach einer saftigen 49 Stunden-Woche bestehend aus 5 Arbeitstagen und vier Abenden, an denen man nach der Arbeit noch zur Schule geht um sich auf Wunsch seines Chefs noch fortzubilden um die ohnehin schon ausgereiften Kenntnisse in BWL und VWL zu erweitern, am Freitagmittag, kaum fünf Minuten vor dem regulären Feierabend, noch kurz in das Büro seines Chefs zitiert wird, heißt das selten etwas gutes. Genau genommen heißt das nie etwas gutes, da mein Chef bekanntlich nie jemanden unangekündigt in sein Büro holt außer um ihn auf einen Fehler "hinzuweisen" oder ihn aus irgendeinem Grund zu ermahnen. Nun, in meinem Fall sparte man sich beides, ließ die Wucht der Neuigkeiten unbeschönigt mit voller Kraft niederprasseln und legte mir gleich die Kündigung auf den Tisch. Es sei aufgrund der wirtschaftlichen Lage erforderlich Arbeitsplätze zu kürzen, hieß es, und ich, nunja, ich sei eben noch nicht so lange dabei wie viele andere es sind. Wie denn auch, wenn man Mitte 20 ist. Nach vierzig Minuten der ziellosen Erklärungen, die meinen Feierabend nur noch weiter hinauszögerten und aus den 49 dann endgültig 50 Stunden machten, verließ ich die wieder zum Kampf freigegebene Höhle des Löwen. Nicht füttern dachte ich mir und so ließ ich ihm eben die Freiheit zu reden, bis auch er keine Worte mehr fand.

    Gestern abend dann, als er gerade dunkel und ich zum ersten Mal seit Tagen wieder in Ansätzen so etwas wie wach wurde, so wenig wach ich dann bei genauerer Betrachtung auch war, erdröhnte direkt aus den Nebenräumen ein penetranter lauter Geruch von Volksmusik. Wie die Fratze des Teufels bohrte sich der grässliche Klang jener Volksverdummungsspezialisten durch die Wände, ehe ich mich blitzartig daran erinnert, dass der 20.Januar ja nicht nur ein ganz hervorragender Tag für Kündigungen und eine ausgereifte Misantrophie, sondern auch für den Geburtstag meines lieben Herrn Nachbarn war. Eraserhead, heute ist Eraserhead, dachte ich, heute schicken die mich mal fix eben in die Hölle und wenn alles gut geht, naja, was ist dann eigentlich? Zumindest ist es nicht mehr wie jetzt, wo ich wie Henri probeweise schon einmal den Kopf in den Herd stecke, um zu prüfen ob die Wärme ausreicht um all' meine Gedankengänge auszulöschen. Henri Boulanger, Henry Spencer, Henry Chinaski, warum eigentlich heißen die Misantrophen dieser Welt eigentlich immer Henry und wer bitte mag um drei Uhr in der früh noch immer so laut Schlager hören, dass nicht nur ich, sondern vermutlich auch der gesamte Rest der Viertels in den Wahn getrieben dem eigenen Tod mit großen Schritten ein Stück näher kommt.

    Ich, das bin ich auf dem Bild, das haben sie richtig gesehen, ich haue ab, sie laufen mir hinterher, erschießen mich und fertig. Sie haben das Geld und ich, ich habe es nicht mehr, nichts mehr, ganz so wie es uns beide glücklich macht. Oder? Sonst ist da ja nichts, nichts außer dieses Leben, das sich immer im Kreis dreht. Menschen sterben, Menschen werden geboren und eben der ganze andere Kram, den sie sonst so in diesen pseudophilsophischen Werken über Gott und die Welt ewig und drei Tage herunterleiern. Vielleicht braucht es das nicht, braucht es nicht mehr als das, was wir bekommen: einen ewig guten Léaud, einen Wunschgedanken, einen Killer, der das Leben selbst längst abgeschrieben hat und Bilder die aussehen, als hätte Edward Hopper sie in seinen besten Tagen gezeichnet. Vielleicht ist das das Leben in ebenso reduzierter, wie ehrlicher Form. Ein Spießrutenlauf, ein Kampf mit den eigenen Entscheidungen, bei denen alles so voraussehbar und planbar ist, wie die Knarre, die mit der letzten Kugel im Lauf an der Schläfe angesetzt eine Fehlzündung entfacht, während man langsam realisiert, dass man dann doch irgendwie leben muss, und dass zu lachen dann doch irgendwie das kleinere Übel ist, egal wie schrecklich es ist.

    Die Musik ist aus. Die gottverdammte Musik ist aus.
    Ich lebe noch, irgendwie.

    19
    • 5 .5

      Meine Erwartungen an diesen etwas „anderen“ Film waren hoch. Die ersten 15, 20 Minuten des Films haben diese auch erfüllt. Genial melancholisch und zugleich humorvoll wird das triste Leben des Einzelgängers Henri beschrieben. Jeder Tag scheint exakt gleich abzulaufen, „grauer Alltag“ im wahrsten Sinne des Wortes. Sein graues Großraumbüro bei den städtischen Wasserwerken teilt er sich mit vielen Kollegen, die allesamt gleich gekleidet sind. Er ist nur einer von vielen und hebt sich dennoch als Trauerkloß vom Rest ab. Seine Wohnung ist ebenso heruntergekommen, wie sein Büro, alles ist angestaubt, klapprig und veraltet, über einen behelfsmäßigen Treppenaufgang steigt er abends aufs Hausdach und gießt seine Pflanzen – offenbar das Highlight seines Tages und zugleich ein Zeichen, dass tief in ihm noch irgendetwas zu schlummern scheint. Als er von seinem Arbeitgeber in Folge einer Privatisierung fristlos gekündigt wird, ist auch dieses letzte Fünkchen Lebenslust erloschen. Er setzt einen Auftragsmörder auf sich selbst an. Bis hierhin macht der Film wirklich Freude, kommt nahezu ohne Dialoge aus und hätte problemlos auch als Stummfilm inszeniert werden können. Das Minimalistische empfand ich als künstlerisch wirklich anspruchsvoll und ansprechend, Gestik und Mimik von Jean-Pierre Léaud sind absolut großartig.

      Leider geht dem Film genau dann die Luft aus, wenn er so richtig in Fahrt kommt. Die Handlung spitzt sich zu, als Henri sich plötzlich in eine Frau verliebt und vergebens versucht, den Mordauftrag wieder rückgängig zu machen. „I hired a Contract Killer“ wird zu einer karikativen Romanze und vergisst ein wenig, dem zu Beginn so stark ausgeprägten künstlerischen Anspruch gerecht zu werden. Die Geschichte verläuft sich ins Belanglose, die Handlungen der Akteure sind nicht immer nachvollziehbar. Ich bin gedanklich nach 60 Minuten vom Film weit abgeschweift und habe ihn schon ausgeschaltet. Als ich dann sah, dass ich nur noch wenige Minuten ertragen muss, habe ich in der Hoffnung auf ein zumindest ansatzweise einfallsreiches Ende noch einmal eingeschaltet. Leider blieb der erhoffte Effekt jedoch komplett auf der Strecke.

      1
      • 1

        Mein erster Kaurismäki-Film und ich glaube, es wird mich Überwindung kosten, einen weiteren sehen zu wollen. Ziemlich zäh, um nicht zu sagen extrem langweilig. Sorry, den Kultcharakter dieses Films kann ich nicht nachvollziehen.

        • 7 .5

          Man kann der Hauptfigur nur um den Hals fallen, wenn sie rauchend, schwankend einige geleerte Whiskeygläser vor sich stehen hat und verkniffen in die Leere starrt. Dieser arme unbeholfene Kerl, wie er durch das Leben stolpert! Klar, ohne Job ist alles beschissen, da rettet einen wohl nur der Suff oder die Liebe. Mühelos und unvermittelt schleicht sich immer wieder ein grotesker, schwermütiger Humor in die ruhige Inszenierung. Die Seele des Films liegt in dieser subtilen tragischen Komik: Ein dicker Kussmund auf der Stirn des Verzweifelten oder der prüfende Blick nach der Augenfarbe. Sehr interessant und gelungen.

          1
          • 10

            Schade, dass ich diesen Kaurismäki erst so spät gesehen habe, denn es ist einer seiner Besten, neben Der Mann ohne Vergangenheit und Lichter der Vorstadt. Typische Kaurismäki Tristess gemischt mit guter Musik, auch wenn ich nie ein Joe Strummer Fan war, geschickt eingesetzte Farben und ordentlich Rauchen. Bei dem diesmal in London spielenden Film habe ich mich sofort an Mistery Train erinnnert gefüht. Dieser Film erzeugt einfach ein positive Stimmung. Super!

            4
            • 6

              War mir persönlich ein wenig zu getragen, fast "französisch" in seiner Machart. Die Bilder und der unveränderte Hintergrundton sollen für sich sprechen, dazu ein wenig Source-Musik. So stelle ich mir als Laie einen Film vor, der in erster Linie Kunst ist und dann erst unterhalten möchte.
              Leider zieht das bei mir nicht, auch wenn die Stimmung schön melancholisch daherkam. Zu dialogarm. Und ein Quäntchen fehlt, das ich nicht genau definieren kann.
              Aber: Schön gespielt ist es!

              • 8 .5

                Ein schöner Film auch (oder speziell?) für Freunde der schauspielerischen Arbeit von Jean Piere Léaud, den ich sehr schätze und fast menschlich, emotional mag: (obwohl ich ihm selber nie begegnet bin)
                Ja dadurch "voreingenommen" bin und ihn seit den "400 cents coups, la nuit américaine, la Chinoise, u.a." - "verfolge". auch dieser Film badet in seinen bekannten Marotten/Ticks und nicht überwundenen Zweifeln, legt sie in eine ältere, reifere Lebensepoche (er ist inzwischen, wie wir alle, etwas gealtert) aber er entblößt sich wieder, ist ratlos „betroffen“ und läuft dahin, mal dorthin.

                Er bleibt trotz aller gravitätischen Stimmung, Lage in die ihn das Szenario „pressen“ mag, seinem Grund-Charakter treu, so des „gereiften Luftikusses“ und melancholischen Ant-Helden etwa verpflichtet. Also ein Film um Jean-Pierre Léaud herum, als nur "mit ihm" oder an "ihm vorbei" gedreht, aber dafür ist auch Kaurismäki „Dank“ zu zollen.

                Gerade aber auch das, was ich hier beschreiben habe, könnte man dem Film jedoch ebenso als "mörderische" Kritik daran auslegen, wie auch immer, ..!?

                3
                • 8

                  Aki Kaurismäki begibt sich wieder in die Tiefen der Einsamen und Vergessenen, in die Welt derer die Halt suchen in Sachen, welche andere schon gar nicht mehr beachten. "I hired a contract killer" ist aber kein typischer Kaurismäki. Zu leichtfüssig kommt er daher, zu versöhnlich ist sein Humor und seine Stimmung. Irgendwo erinnerte mich das fast ein bisschen an Loriot...an einen etwas verbitterten Loriot, den ganz legt ein Kaurismäki seine Sicht der Dinge natürlich nicht ab. Ich glaube das könnte er auch gar nicht. Der alte Kauz.
                  Aber "I hired a contract killer" drückt eben nicht so sehr wie gewohnt aufs Gemüt. Eine etwas hellere Bildsprache, eine kleine amüsante Geschichte, welche sich anfühlt als käme sie direkt aus den 50er Jahren und vorallem der Gedanke, dass dieses mal alles gut ausgehen könnte. Doch auch wenn der Film in England produziert wurde, bis Hollywood ist es noch ein weiter Weg und zu einem Happy End ist es oft noch viel länger hin. Und so gibt es hier eine sehr feinfühlige, wenn auch wiedermal oft sehr spartanische Tour der Emotionen, die die grossen Gefühle des Lebens im kleinen Rahmen der Alltäglichkeit zeigt.
                  Eigentlich wie gemacht für Einsteiger Kaurismäkis, da "I hired a contract killer" sein recht pessimistisches Weltbild in einen sehr charmanten und auch witzigen Film verpackt.

                  20
                  • 9 .5

                    Ein sehr ruhiger, auf Kleinigkeiten achtender Film der zwar extrem tragisch ist, jedoch auch mit viel Humor und einer interessanten Grundidee diese Tragik in den Schatten stellt. Zudem lässt sich auch eine gewisse Sozialkritik nicht abstreiten, die heute vermutlich noch aktueller ist als damals: der Wert und die Sicherheit der Arbeit. Der Film vereint also alles was man von einem Film erwarten kann: er ist unterhaltsam, kritisch, spannend und sehr gut gemacht.

                    3
                    • 9

                      Ein grausam nüchterner Film. Vielleicht ein guter Einsteigerstreifen für Kaurismäki-Neulinge.