Zieht man Fassbinders Gesamtwerk in Betracht, erhält diese (übrigens in Konstanz, Kreuzlingen, Ottobeuren und Rom gedrehte) Geschichte weit über eine Kritik bürgerlicher Geschlechterbeziehungen hinaus eine weitere Bedeutung. Wenn man Fassbinders Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte kennt, so stehen Helmut und Martha „nur” für Prototypen dieser Geschichte. Der Sadist Helmut hat sich im Griff; nur ein einziges Mal fährt er vor Martha aus der Haut – ausgerechnet, weil Martha „Lucia di Lammermoor” gefällt (eine „Rome und Julia” ähnliche Geschichte, in der sich eine Frau verzweifelt gegen die Konvenienz-Ehe mit einem ungeliebten Mann wehrt [1]). Nach außen ist Helmut freundlich, zuvorkommend – eben ein lächelnder Sadist, der skrupellos handelt. Martha leidet, weil sie leiden will, und sie empfindet jede auch noch so kleine Einmischung von außen als ungerechtfertigte Störung, begegnet dem mit Aggression und Selbstschutz.
Die typisch hölzerne Fassbinder-Frauengestalt inmitten eines alptraumhaften Strudels von (spieß-)bürgerlichen Abgründen. Auffällig dabei sind Vorkriegsmaske und -kostüm, die Ballhaus-Kamera und das an Manet-Gemälde erinnernde Szenenbild. Die Carstensen versteht es bravourös, in der Titelrolle das Prinzip Masochismus mit Mitleid zu erfüllen. Auch der Böhm überzeugt durch seine Zurückgenommenheit, in der Rückschau jedoch nimmt man ja diesem Gutmenschen solche Rollen gar nicht mehr ab.
RTL2 in den 70ern für Intellektuelle: "Wir sind so entsetzt und das berechtigt uns zum Zuschauen".
Blind-brutaler, für sog. "Aufgeklärte" zugeschnittener Sadismus. Fassbinder und seine ganze koksende Clique waren ja selbst Frauenhasser & die "wertvolle" Message des Film eh reinste Makulatur.
Jede Szene ist überstilisiert, jeder Dialog pointiert überspitzt. Die Künstlichkeit befremdet zuerst und bringt das Gesagte umso mehr zur Geltung. Die Hölle, das ist die Ehe, wobei sie als Institution ebenso abgeprangert wird wie in ihrer Intimität. Die Rollen von Mann und Frau sind gesellschaftlich in den Charakterzügen der Geschlechter festgelegt. Aus diesem stereotypen Muster scheint kein Ausbrechen möglich. Widersetzt frau sich, erfüllt sie als alte Jungfer wiederum ein vorgegebenes Schema.
Übertreibt Faßbinder, wenn er die Hochzeit als das letzte Abendmahl visualisiert? Dieses symbolhafte Bild ist ohne Zweifel ein heftiger Gegensatz zum Realismus der Vergewaltigung, die Helmut der verbrannten Martha angedeihen lässt. Hier kommt der physische Schmerz direkt beim Zuschauer an. Der emotionale Missbrauch überträgt umso nachdrücklicher. Die Sprache ist bieder, die Hysterie der Martha erscheint trotz des Geschehenen übertrieben, ist Ausdruck ihrer absoluten Handlungsunfähigkeit. Zum Schluss ist ihr Körper ihrem Verhalten angepasst. Sie ist endgültig die passive, schöne und bewegungslose Ikone, als die wir sie bereits den Film über immer wieder bewundern durften.
Das für mich wirklich verstörende an diesem Film ist, dass ich das Opfer ob seiner Untätigkeit noch schütteln und anschreien möchte. Dennoch ist das Individuum in diesem Film annähernd machtlos. Bestimmt wird sein Handeln durch seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe, nämlich dem gesellschaftlich bestimmten Geschlecht.
Martha - Kritik
DE 1974 Laufzeit 116 Minuten, FSK 12, Drama, Kinostart 17.11.1994
Kritiken (1) — Film: Martha
Ulrich Behrens
Kommentar löschenZieht man Fassbinders Gesamtwerk in Betracht, erhält diese (übrigens in Konstanz, Kreuzlingen, Ottobeuren und Rom gedrehte) Geschichte weit über eine Kritik bürgerlicher Geschlechterbeziehungen hinaus eine weitere Bedeutung. Wenn man Fassbinders Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte kennt, so stehen Helmut und Martha „nur” für Prototypen dieser Geschichte. Der Sadist Helmut hat sich im Griff; nur ein einziges Mal fährt er vor Martha aus der Haut – ausgerechnet, weil Martha „Lucia di Lammermoor” gefällt (eine „Rome und Julia” ähnliche Geschichte, in der sich eine Frau verzweifelt gegen die Konvenienz-Ehe mit einem ungeliebten Mann wehrt [1]). Nach außen ist Helmut freundlich, zuvorkommend – eben ein lächelnder Sadist, der skrupellos handelt. Martha leidet, weil sie leiden will, und sie empfindet jede auch noch so kleine Einmischung von außen als ungerechtfertigte Störung, begegnet dem mit Aggression und Selbstschutz.
Kritik im Original 4 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir 1 Antworten
patcharisma 2009/09/19 01:16:41
Antwort löschenDer Film ist selbst leider auch nur reiner Zweck, das macht ihn für mich so verwerflich.
Kommentare (4) — Film: Martha
Kommentar schreibenspanky 2011/08/05 14:18:57
Kommentar löschenDie typisch hölzerne Fassbinder-Frauengestalt inmitten eines alptraumhaften Strudels von (spieß-)bürgerlichen Abgründen. Auffällig dabei sind Vorkriegsmaske und -kostüm, die Ballhaus-Kamera und das an Manet-Gemälde erinnernde Szenenbild. Die Carstensen versteht es bravourös, in der Titelrolle das Prinzip Masochismus mit Mitleid zu erfüllen. Auch der Böhm überzeugt durch seine Zurückgenommenheit, in der Rückschau jedoch nimmt man ja diesem Gutmenschen solche Rollen gar nicht mehr ab.
3 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Antworten
patcharisma 2008/09/02 12:58:03
Kommentar löschenRTL2 in den 70ern für Intellektuelle: "Wir sind so entsetzt und das berechtigt uns zum Zuschauen".
Blind-brutaler, für sog. "Aufgeklärte" zugeschnittener Sadismus. Fassbinder und seine ganze koksende Clique waren ja selbst Frauenhasser & die "wertvolle" Message des Film eh reinste Makulatur.
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Kubrick_obscura 2008/06/05 14:49:57
Kommentar löschenEin Film, wie ein schwerer Sonnenbrand auf der Haut...
3 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Antworten
Nevenka 2008/04/13 15:54:47
Kommentar löschenJede Szene ist überstilisiert, jeder Dialog pointiert überspitzt. Die Künstlichkeit befremdet zuerst und bringt das Gesagte umso mehr zur Geltung. Die Hölle, das ist die Ehe, wobei sie als Institution ebenso abgeprangert wird wie in ihrer Intimität. Die Rollen von Mann und Frau sind gesellschaftlich in den Charakterzügen der Geschlechter festgelegt. Aus diesem stereotypen Muster scheint kein Ausbrechen möglich. Widersetzt frau sich, erfüllt sie als alte Jungfer wiederum ein vorgegebenes Schema.
Übertreibt Faßbinder, wenn er die Hochzeit als das letzte Abendmahl visualisiert? Dieses symbolhafte Bild ist ohne Zweifel ein heftiger Gegensatz zum Realismus der Vergewaltigung, die Helmut der verbrannten Martha angedeihen lässt. Hier kommt der physische Schmerz direkt beim Zuschauer an. Der emotionale Missbrauch überträgt umso nachdrücklicher. Die Sprache ist bieder, die Hysterie der Martha erscheint trotz des Geschehenen übertrieben, ist Ausdruck ihrer absoluten Handlungsunfähigkeit. Zum Schluss ist ihr Körper ihrem Verhalten angepasst. Sie ist endgültig die passive, schöne und bewegungslose Ikone, als die wir sie bereits den Film über immer wieder bewundern durften.
Das für mich wirklich verstörende an diesem Film ist, dass ich das Opfer ob seiner Untätigkeit noch schütteln und anschreien möchte. Dennoch ist das Individuum in diesem Film annähernd machtlos. Bestimmt wird sein Handeln durch seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe, nämlich dem gesellschaftlich bestimmten Geschlecht.
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