Nader und Simin - Eine Trennung - Kritik

Jodaeiye Nader az Simin / Nader And Simin, A Separation

IR · 2011 · Laufzeit 123 Minuten · FSK 12 · Drama · Kinostart
  • 8
    MoreThanMeetsTheEye 20.06.2016, 09:16 Geändert 20.06.2016, 11:19

    Es beginnt und endet vor Gericht.
    Was dazwischen liegt ist unvorhersehbar.
    Nur vordergründig verhandelt Asghar Farhadis Familiendrama das Zerreißen einer Familie, dem Sorgerechtsstreit um ein Kind, und ist mitnichten mit einem iranischen ROSENKRIEG oder gar KRAMER VS. KRAMER todzustempeln.
    A SEPERATION interessiert sich wenig für das Beantworten von Schuldfragen, die eine solche Familientragödie immer hinterlässt, der Film reißt die Dose Würmer einfach auf, und überlässt die notwendigen Antworten, die Bewertungen ganz dem Zuschauer.
    Macht es ihm dabei so schwer, wie ein Film nur vermag.
    Die Menschen die uns in A SEPERATION begegnen,und es sind Menschen, keine Charaktere, keine Figuren, was die erste Großtat dieses Werkes wäre, sie machen Fehler, sie schreien.
    Aber sie lieben auch, und sie opfern. Zu keiner Sekunde verschiebt der Film dabei sein Fokus zugunsten einer bestimmten Position, einer bestimmten Person, und wenn, dann nimmt er sie in Folgeseqeuenzen wieder zurück, verschiebt seinen Erzählton wieder in die nüchterne, in die reale Welt.
    Dort wo es kein Schwarz und Weiß, kein einfaches gut und Böse gibt.
    Wie richtet man ? Über Menschen ? Ihre Taten ?
    Dem Richter, der sich immer wieder in der Position befindet, auf diese Fragen Antworten zu finden, finden zu müssen, ihm wird mit jedem neuen Fall abverlangt die Schuhe eines Anderen anzuziehen. Mehreren Anderen. Und seine eigenen zu vergessen. Seinen eigenen Ballast für kurze Zeit vor der Tür zu lassen.
    Nicht ohne Grund beginnt A SEPARATION so in einem Gerichtszimmer, während die Kamera den "point of view" des leitenden Richters einnimmt.
    Jetzt tragen wir seine Schuhe. Sind in seiner Haut und hören minutenlang dem Klagen der beiden Hauptdarsteller zu, wie sie reden, gegeneinander, übereinander, sich ins Wort fallen und resigniert oder fassungslos zuhören.
    Noch bevor wir es bemerken, richtig realisieren, hat uns der Film in die wertende Beobachterposition gedrängt. Unsere Aufmerksamkeit und Sympathie pendelt schon hier in der Eröffnung, wird bis zum Schluss ein wankendes Boot bleiben; Die Mitte in A SEPERATION, die erlösende Schuldfrage, sie wird uns niemals abgenommen oder erfüllt.
    Klingt ein Scheidungsdrama auf dem Papier noch recht langweilig , bekommt A SEPERATION durch diese Taktik, und ein sich im weiteren Verlauf abspielende Tragödie, einen Drive dem man sich nur schwer entziehen kann.
    Es werden Menschen verletzt werden, nicht nur emotional, und bis zu seinem brillianten Abspann wird Farhadis Film keine leichten Antworten liefern, die Richterschuhe, die uns der Film in seiner Eröffnung an die Schuhe gepappt hat, bleiben an uns kleben, zwingen uns am Ende in eine Entscheidung, die wir gar nicht treffen, nicht zweifelsfrei beantworten können, und die wir hoffen vom Film geschenkt zu bekommen.
    Dazu zuckt A SEPARATION nur trotzig die Schultern und lässt den Abspann rollen.
    Bis dahin hat er alles gesagt, was er denkt sagen zu müssen, in einem minutiös ausgeklügelten Script, das keine Zeile verschwendet, das noch in seinem Schlussakt scheinbar belanglose Anfangsäußerungen und Taten wieder hervorkramt, aufrollt, und sich schon fast durch seine Story "twistet".
    Wenn sich Farhadis Familiendrama zeitweise anfühlt wie ein Thriller, ein richtig mitreißender noch dazu, dann weil der Film mehrmals den Wissensteppich, den wir glauben über einen Charakter zu haben unter unseren Füßen wegreißt und durch einen neuen entsetzt. Ohne Garantie, ob denn nun dieser einen allgemeingültigen Blichkwinkel auf das Innenleben erlaubt.
    Die Menschen in A SEPERATION fühlen sich auch deswegen so menschlich an, weil es unter jeder Schicht eine neue Schicht zu entdecken gibt.
    Darüber hinaus gäbe es noch so viel zu sagen, über den mehrdeutigen Filmtitel zb.
    Über die Genialität mit nur kleinen Dingen und Randgeschichten die großen, die politischen und religiösen Dimensionen anzuschneiden, sie gerade lange genug in den Raum zu stellen um sie kenntlich zu machen, dann ablendend, um den Rest dem Zuschauer zu überlassen.
    Sie bleiben alle nur absichtliche Fragmente des Filmes, dieses Textes, und sollen von Jedem selbst entdeckt werden, machen aus A SEPERATION die beste Art von Kino, das sich über die Leinwand hinweg in den Köpfen der Zuschauern fortschreibt, ja überhaupt erst dort wirklich sein Leben und seine Relevanz erhält.
    Aus einem kleinen Film über eine gescheiterte Beziehung macht Asghar Farhadi so eine prima Veranschaulichung über das "Verstehen wollen".
    Uns, unsere Gegenüber, und die Welt in der wir leben.
    Eine Welt fragmentiert von Moral und Gesetzen, von Religion und Ethik. Als ob es nicht schon schwer genug wäre, alle Programme einer modernen Spülmaschine zu kennen, müssen wir auch noch uns selbst, unsere Gegenüber und die Menschheit im Ganzen verstehen, nebenbei ein guter Vater, eine gute Mutter und ein gutes Kind sein. Damit fertig werden, das an manchen Tagen nichts einen Sinn ergibt und trotzdem die Müllabfuhr kommt und der Schädel pocht und der Ehepartner trotzdem geliebt werden möchte.
    Wie bleibt man aufrecht, wie bleibt man geistig stabil, in einer solchen Welt ?
    A SEPEARTION liefert keine Antworten, liefert nur eine Parabel, eine Geschichte, wie wir trotz unterschiedlicher Wertvorstellungen, unterschiedlicher Moden und Religionen, alle in der gleichen Welt leben, eigentlich alle das Gleiche von ihr erwarten, und aus dem Frust, wenn sie uns dieses verweigert, mal folgerichtig, mal grundlos, vom Weg abkommen können, ja fast zwingend von ihm abkommen müssen.
    Die Milchstraße besitzt Miliarden von Planeten, nach einer Schätzung jeder fünfte davon vielleicht bewohnbar, und der Urknalls betrug seinerzeit eine Wahrscheinlichkeit von 1:10^10^123.
    Das sind im Ergebnis weitaus mehr Nullen, als diese Seite Buchstaben hat.
    Und doch sind wir hier, und fragen uns warum so etwas "einfaches" wie eine Liebe zwischen zwei Menschen so fatal schieflaufen kann.
    Und was wir unseren Kindern mitgeben, wo wir doch selbst kaum geradeaus laufen können.
    Auch unser letzter Abspann wird kommen, und er wird uns höchstwahrscheinlich auch keine Antworten auf all diese Fragen liefern.
    Sollte dann, nach dem letzten großen Abspann, tatsächlich noch ein Richter auf uns warten, wir können nur hoffen, das er uns GANZ gesehen hat. In unseren Schwächen und unseren Stärken, unseren Fehlern und Leistungen.
    Hoffen, das ihm das gelingt, was uns so oft daneben ging.
    Das Richtige zu tun.
    Was auch immer das sein mag.

    7
    • In A Seperation versucht jeder der Charaktere sein Leben zu leben innerhalb der Grenzen von Staat und Religion. Es ist ein persischer Film und wir lernen ganz nebenbei eine Menge über ein System, in dem der Staat die Religion vertritt. Schliesslich landen alle Beteiligten vor Gericht, dass menschliche Gefühle durch einen Regel-Katalog zu verrechnen versucht. Wir, die Zuschauer, werden bei diesen Verhandlungen so direkt mit einbezogen, wie ich es bei kaum einem Film je erlebt habe! Wir verstehen die Logik jeder Position und selbst unsere eigenen Gefühle widersprechen sich dabei. Versuchen wir uns ein Leben vorzustellen im Iran, einer modernen Gesellschaft, die sich die Gesetze des Korans auferlegt hat. A Seperation hat übrigens keine Probleme mit dem Islam; der Film führt vor, wie Theorie und Praxis des Rechts nicht miteinander vereinbar sind. Ein Problem in allen Staaten der Welt. Das Gesetz versucht, hypothetisch zu richten und dabei besteht die Gefahr, dass das Recht durch Prinzipien ersetzt wird. Und so funktioniert die Grundkonstellation: Nader und Simin (Peyman Moadi und Leila Hatami) sind ein glücklich verheiratetes Ehepaar aus Teheran mit einer süssen elfjährigen Tochter namens Termeh (Sarina Farhadi). Ausserdem lebt Naders siniler Vater bei ihnen. Um ihrer Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen, wollen Nader und Simin auswandern. Nader will nur noch eine Weile bleiben, um für den Vater zu sorgen. Ein Konflikt: Sein Vater würde ihn doch gar nicht mehr kennen; sagt Simin. Nader aber widerspricht, dass er seinen Vater dagegen sehr wohl noch kennen würde. Für den Vater hat Nader eine Pflegerin engagiert, Razieh (Sareh Bayat). Sie arbeitet im Geheimen, da ihr Mann Hodjat (Shahab Hosseini), niemals erlauben würde, dass sie in einem Haushalt arbeitet, in dem sie mit einem Mann allein ist. Ein strikter Moslem offensichtlich. Eines Tages kehrt Nader heim und findet seinen Vater ans Bett gefesselt. Razieh tat das aus gutem Grund, doch in diesem Moment wissen weder Nader noch wir das. Nader feuert Razieh und sie beschuldigt ihn, dass er sie die Treppe herunter stiess. Dabei erlitt sie eine Fehlgeburt. Nader wird des Totschlags angeklagt. Ich denke, das ist alles, was du über die Ausgangssituation wissen musst. Der Richter agiert übrigens fair in diesem Prozess und auch die Geschworenen versuchen, möglichst objektiv zu entscheiden. Niemand im Gerichtssaal aber, kennt alle Fakten und das Urteil muss gemäss des Korans ausfallen. Nader und Simin sind moderaten Glaubens, Razieh überlegt immerhin, ob sie die Unterwäsche eines Mannes wechseln darf, obwohl der alt und krank ist. Die treibende Kraft hinter ihr, das ist ihre Familie. Ich denke, wir haben es hier weniger mit einem Gerichtsfilm zu tun, der die Wahrheitsfindung zum Ziel hat. A Seperation versucht vielmehr, alle Seiten zu verstehen und Empathie aufzubauen. Im Mittelpunkt stehen Liebende, deren Handeln sie entweit. Es fällt uns am Ende schwer, überhaupt wen zu verurteilen. Ich hatte die grössten Probleme, Naders Position zu teilen. Ja, ich verstehe ihn. Nein, ich denke, er handelt falsch, weil er immer noch in den Kategorien Recht vs. Unrecht operiert - das aber auf Kosten seiner Familie. Ich denke, in den Zeiten von Pergida und Trump, in denen die dümmsten Menschen davon ausgehen, der Iran sei eine Nation voller durchgedrehter "Kameltreiber", ist A Seperation eine vernünftige Medizin. Wir bekommen das Portrait einer Gesellschaft in all ihren Nuancen. Die Menschen im Film agieren moderat mit dem Willen, das Richtige zu tun. Richtig und falsch zu entscheiden, das gestaltet sich hier zu einem moralischen Befund über das Wesen des Gerichts an sich.
      (Dazu gibts unsere Film List Arthaus Iran auf cinegeek.de

      • 9

        Anhand eines Rechtsstreits um angebliche Gewaltanwendung gegen das Hausmädchen wird dem Zuschauer allmählich näher gebracht, woran die Ehe von Nader und Simin gescheitert ist und wie unterschiedlich ihre Problemlösungsmuster dabei sind. Wie die meisten Filme von Asghar Farhadi ist auch dieser herausragend gelungen. Hochkarätige Darsteller, frei von jedem Klischée: Vom Kindergartenkind bishin zum alten Tattergreis spielt hier jeder authentisch und mit Hingabe! Ein positiver Nebeneffekt für Westler sind natürlich die ungewohnten Einblicke in den Iran, die hier nicht jedermann hat.

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        • 6

          Ein Familiendrama aus dem Iran. Ehrlich gesagt hatte ich kaum erwartet, dass 'A Separation' (2011) auf MP gelistet ist, geschweige denn, dass schon so viele Kommis gepostet sind. Der Film gibt Einblick in eine uns fremde Gesellschaft, deren Werte wir kaum kennen, aus denen sich aber Komplikationen ergeben, die bei uns so nicht entstehen könnten oder Nichtigkeiten gleichkommen. Wer sich für andere Kulturen interessiert, kann hier etwas lernen.
          Das Thema wäre jedoch auch bei uns aktuell: eine Frau will sich scheiden lassen, weil sie anderswo ein besseres Leben erhofft und weil der Schwiegervater mit Alzheimer die Beziehung in der engen Wohnung stark belastet. Da sie zunächst auszieht und der Familie somit eine wichtige Stütze abhanden kommt, ergibt sich langsam eine Kette von kausal zusammenhängenden Unglücken. Die Betonung liegt auf 'langsam' - um über die vollen zwei Stunden zu kommen, muss man Einiges an Stehvermögen mitbringen. Über den zähen Plot unterhält der Film nur mässig, aber die Story ist konsequent erzählt und vor allem in der zweiten Hälfte interessant.
          Obwohl es im Verlauf zu einer bedrohlichen Auseinandersetzung zwischen zwei Familien kommt, nimmt der Film keine Stellung zu 'gut' oder 'böse' - er beleuchtet nur die jeweiligen Positionen, Aktionen und Lügen, so dass moralische Vorteile nicht klar sind. Ebensowenig wer verurteilt werden sollte. Die Message ist im Iran jedoch so klar wie bei uns: wer auf seinen Positionen beharrt und nicht kompromissbereit ist, wird meistens verlieren.

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          • 8

            Der goldene und silberne Bärengewinner der letzten Berlinale glänzt mit subtilen Darstellerleistungen und präziser sozialer Beobachtung. Realistisches Erzählkino vom Feinsten, ein mitreißender und bewegender Film. [Silvia Hallensleben]

            • 10

              Hi Leute,

              endlich wieder ganz ganz großes Kultur-Kino. Leute so geht Film! Bravo und einsame Spitze :). Das Leben so wie es ist. Ohne schön Malerei und mit all seinen Problemen und Missverständnisse.

              Zur Story: Die iranische Emanze Simin will sich trennen von ihrem Ehemann Nader. Der fühlt sich verpflichtet für seinen Pflegebedürftigen Vater da zu sein. Und durch falschen Stolz mit der Trennung einverstanden ist. Was wieder rum die Simin, auch durch falschen Stolz, verärgert macht. Weil sie insgeheim hofft Nader würde für sie kämpfen.
              Dann wird der Stein ins rollen gebracht, als die neue ungebildete und streng gläubige Muslimin Pflege-Schwester Razieh, den Vater ans Bett fesselt, um zum Frauenarzt gehen zu können. Das kommt überhaupt nicht gut an beim Sohnemann und die menschliche Tragödie nimmt Ihren Lauf ... und das alles geschieht unter den Augen der elf Jährigen Tochter Termeh (übrigens, sie ist die Tochter vom Regisseur) mehr sage ich dazu nicht. Bitte selber anschauen.

              Hodjat der Ehemann von Razieh zu Nader und Simin: "Was denkt ihr beiden, wir sind Tiere oder was!? Wir sind keine Tiere, habt ihr beide das verstanden! Wir sind keine Tiere!!!"

              Mein Fazit: Ungebildete Schicht triff auf gebildete Mittelschicht mit so einer unglaublichen Wucht das einem das blanke entsetzen aller Beteiligten, überkommt. Mehr als verdient der Oscar. Pures Kino aus dem Iran. Ein Persisches Film-Juwel :).

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              • 8 .5

                Entgegen der typischen Hollywood-Klischee-Formel muss man sich doch fragen, ob das wahre Leben einem nicht viel häufiger aufzeigt, dass es in einigen Konfliktsituationen einfach keine Lösung und keine Kompromissbereitschaft geben kann. Manchmal kann man eben nicht von seiner Meinung abweichen, oftmals sieht man sich in moralischen Grauzonen agieren, wo die eine für alle gewinnbringende Auflösung nicht zu existieren scheint und einige Male stehen einem seine eigenen Werte und der eigene freie Wille fast schon im Weg. Wer ein in dieser Prämisse verwurzeltes Drama sehen möchte, ist bei "Nader und Simin" genau richtig.

                Es handelt sich bei den beiden um ein im Iran lebendes Paar, dessen verschiedene Standpunkte sehr früh etabliert werden und sofort zum Einstieg ersichtlich wird, dass ein Abweichen von ihren unterschiedlichen Positionen nicht möglich sein wird. Sie möchte mit ihrer gemeinsamen Tochter in den Westen auswandern, um dort ein besseres Leben zu führen ; er wird nicht mitgehen, weil er einen Alzheimer-erkrankten Vater zu Hause hat, den er auch weiterhin pflegen möchte. Die Scheidung scheint unausweichlich und so gleitet die Geschichte in ein Scheidungs- und Gerichtsdrama anderer Art hinein, da das Schicksal dieser Ehe mit all seinen Konsequenzen auch an die Geschichten anderer Menschen gebunden ist und islamischer Glaube, Moralität und das juristische Gesetz eng ineinander verästelt sind.

                Als einer der ersten iranischen Filme, welcher auch international große Schlagzeilen gemacht hat, war es für mich durchaus spannend mitzuverfolgen, wie das Porträt dieses Land aussehen würde, welches einerseits modern sein möchte, anderseits aber auch noch stark in konservativen Werten festhängt und diese Schere auch innerhalb der verschiedenen Bevölkerungsschichten zu spüren ist. Ohne große kathartische Wirkung, ohne großes Drama und ohne emotional begleitenden Soundtrack hat es zwar etwas gedauert, bis ich mich auf dieses ungeschönte und minimalistische Kino einlassen konnte, aber wenn man plötzlich realisiert, dass jeder der Akteure dort verständliche Gründe für sein Handeln vorlegen kann und die von seinen Werten geprägte Rolle auch mit einer undurchdringlichen Konsequenz ausführen muss, dann gerät man doch schon ins Nachdenken darüber, wie deterministisch manche Konfliktsysteme aufgrund ihrer Umstände doch ausschauen können.

                Insofern hat der Film auf mich eine große Wirkung hinterlassen. Er legt Zeugnis über einige schmerzvolle und unangenehme Wahrheiten des Lebens ab und wer sich auf diese Art von Lebensdrama einlassen kann, sollte diesem iranischen Juwel mehr als nur eine Chance geben.

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                • 7

                  „Nader und Simin“ ist ein moderner Film, der ein ungewohnt liberales Bild seines Landes zeichnet. „Nader“, der Protagonist, dessen Frau aus dem Iran emigrieren will, wird beschuldigt, für die Fehlgeburt der Pflegehilfe seines Vaters verantwortlich zu sein, die aus deutlich ärmeren und wesentlich konservativeren Verhältnissen stammt.

                  Anstatt tiefer auf seine sehr spannenden Figuren (sei es die Familie aus ärmeren Verhältnissen, die Tochter, die Ehefrau) einzugehen hält sich „Nader und Simin“ zu viel mit seinem Gerichts-Plot auf und lässt seiner sonstigen Handlung zu wenig Spielraum. Trotzdem ein sicherlich sehenswerter Film, der sicherlich überraschen wird, ist der doch eine iranische Produktion aus der Feder eines iranischen Regisseurs.

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                  • 8

                    Nader und Simin ist klug, witzig, spannend, ergreifend, tiefsinnig und intelligent. Vor allem das Drehbuch ist packend geschrieben, die Dialoge sind so schneidend und das Timing so perfekt, das einem die Luft weg bleibt.
                    Nach einer genialen fünfminütigen ersten Einstellungen geht der Film erstmal recht schleppend weiter, nimmt dann aber Fahrt auf und wechselt gekonnt zwischen der Trennungsgeschichte und dem Gerichtsprozess. Der ist raffiniert aufgebaut, sowohl sehr alltäglich (wir alle hätten der Mann sein können, der die Schwangere aus der Tür stößt) als auch sehr verzwickt: Der Zuschauer weiß irgendwann nicht mehr, ob und wann jemand lügt oder welche Fragen eigentlich relevant sind. Farhadi packt da in sein Scheidungsdrama einen verdammt guten Krimi. Etwas geholfen hätte es vielleicht, wenn das andere Ehepaar ein wenig sympathischer wäre, dann wäre der Konflikt des Zuschauers größer, aber wirklich sympathisch in diesem Film ist eigentlich nur Nader und vielleicht noch seine Tochter, das war es dann leider auch. Aber je mehr wir über die prekären Lebensverhältnisse des anderen Paares lernen, desto klarer wird uns, dass sie nicht nur die aggressiven Ekelpakete sondern auch Menschen mit Problemen sind. Keine sympathischen zwar, aber immerhin. Und am Ende hält Farhadi der Menschheit in all ihrer Käuflichkeit den Spiegel vor. Wunderbar! Ob der Film jetzt irgendetwas über die iranische Gesellschaft aussagt, weiß ich nicht, ich war noch nie da. Es ist mir aber auch ziemlich egal, denn er hat mich zwei Stunden lang auf höchstem Niveau unterhalten und zum Nachdenken angeregt. Das ist alles, was ich von einem Film verlange.

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                    • 10
                      Jomo 09.01.2014, 17:28 Geändert 05.03.2015, 21:02

                      Ein wirklich ergreifender Film, in dem die beim Dreh erst 12-jährige Sarina Farhadi (nicht 18 oder 19 wie manche behaupten) überzeugend die Tochter spielt.

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                      • 7

                        Schwierig. Potential bis zum Abwinken, und in seiner Inszenierung in den letzten zwei Dritteln durchaus ernsthaft spannend. Das Kernelement des Dramas leidet aber an zwei drei Schwächen, die es mir immer schwerer gemacht haben, das melodramatische Element, welches mir verkauft werden sollte, noch abzunehmen. SPOILER ahead...

                        Wirklich nervig empfand ich den "Streit" um die Frage, ob "er" "sie" geschubst bzw. in welche Richtung geschubst bzw. in welcher Härte geschubst habe. Das wird - auch bzgl. der Frage, wie er sich denn verhalten hätte (dürfen), wenn er von der Schwangerschaft gewusst hätte - immer wieder thematisiert, als ob es eine offene Frage sei. Tatsächlich sieht man aber den gesamten Hergang, es gibt eine Berührung, noch vor der Tür, keinerlei Schubsen, schon gar keines beim Tür schließen. Immer wieder habe ich mich gefragt, ob der Film mich jetzt für blöd verkaufen will oder ob der Regissseur schon selbst vergessen hat, was er da eine Filmstunde vorher inszeniert hat...

                        Dann kommt hinzu, dass jede Person sich eigentlich ziemlich kopflos unsympathisch verhält. Es wird einem sehr, sehr schwer gemacht, Empathie zu entwickeln. Dabei, und gerade das meine mich mit dem Potential bis zum Abwinken, bietet die Grundkonstellation allerlei Möglichkeiten, dass sich alle Seiten unvernünftig verhalten, man aber gerade /jede/ dieser Seiten versteht. Dass aber der Vater etwa immer weiter an der Eskalationschraube dreht, obwohl er weiß, dass er bzgl. des Wissens um die Schwangerschaft lügt und daher eigentlich ein Interesse daran haben sollte, die Sache möglichst leise abzuhandeln - so etwas nervt dann schon mal.

                        Das Alter der Tochter ist dann noch ein echter Reinhauer. Welchen Unterschied hätte es denn in der Geschichte gemacht, die Tochter 14 sein zu lassen? Eine 19-jährige Darstellerin als 11-jährige zu verkaufen ist schon mehr als gewagt; dass der Regisseur seine Tochter besetzen wollte - hat ja niemand was dagegen, aber dann bitte etwas glaubwürdiger.

                        Wie gesagt, die rel. hohe Bewertung - allerdings auch wirklich das Höchste der Gefühle - weil unter den Fehlern in der Geschichte immer noch ausreichend Drama und Spannung steckt, wie Situationen, in denen subjektiv niemand "böse" ist, aber objektiv alle alles falsch machen, eskalieren können. In der konkreten Umsetzung leider an zentralen Punkten schwach, und auch verglichen mit anderen iranischen Filmen keineswegs auf voller Höhe.

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                        • 6

                          Der Film veranschaulicht wie zermürbend sich Glaube und Moral auf ein soziales Verhalten auswirken.

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                          • 8

                            Es dauert eine Weile bis das persische Drama an Fahrt aufnimmt. Oder dauert es eine Weile, bis der Mensch aus der westlichen Hemisphäre die Gemeinsamkeiten und die Vorzüge dieser Kultur wahr nimmt.
                            Hitchcock hätte so gut wie alles an dem Film gelobt. Denn so eine ausgeklügelte Story, mit hervorragenden Schauspielern, auf diese Art in einem Gesellschafts- und Beziehungsrahmen zu verstricken, ist von der Idee schon hoch interessant.
                            Wenn dann die Umsetzung ungezwungen spannend ausfällt, ist das großes Kino, wo sogar im Abspann noch gestaunt wird.

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                            • 9 .5

                              Hollywood ist ohne Zweifel die größte Anlaufstelle für internationalen Erfolg.
                              Da hilft alles Leugnen nichts.
                              Das hat aber mit der Qualität des Streifens nichts zu tun.
                              Denn weder ist alles, was die ehemalige Traumfabrik hervorbringt, gut, noch ist es automatisch schlecht.
                              Doch hinter diesen schier überwältigenden Anzahl von großen Studioproduktionen schaffen es hin und wieder vereinzelt auch Filme anderer Länder, es zu internationalem Ruhm zu bringen.
                              Filme wie dieser.
                              Filme wie "Nader und Simin - Eine Trennung".
                              ...
                              Wie viele andere wahrscheinlich auch, wenn sie nicht gerade auf einen Anti-Hollywood-Trip unterwegs sind, bin ich auf diesen Film gestossen, als er 2012 für den Oscar für den besten fremdsprachigen Film nominiert war, und zeitgleich seinen Weg in die IMDB Top 250 fand.
                              Dass er später für den Iran den Preis auch erhielt, war kein Wunder.
                              Und auch nach Zweitsichtung hat sich mir meine durchwegs positive Erinnerung nur bestätigt.

                              "Nader und Simin - Eine Trennung" ist ein sehr ergiebiger Film.
                              Man hat viele Ansätze, und viele Möglichkeiten, dem Film etwas abzugewinnen.
                              Auf der einen Seite sind es vor Allem die Charaktere und deren Beziehungen zueinander, die mich faszinieren.
                              Auf der einen Seite natürlich Nader und Simin.
                              Die erste Szene beim Scheidungsrichter zeigt, dass sie sich nicht ihretwegen trennen wollen.
                              Es ist nämlich so, dass sie sich immer noch lieben.
                              Doch beide wollen für ihre Liebsten nur das Beste.
                              Simin für ihre Tochter, Nader für seinen Vater.
                              Und gerade das Verhältnis zur Tochter ist sehr interessant.
                              Beide kümmern sich prächtig um.ihre Tochter, beide lieben sie, und sie liebt beide.
                              Deshalb und weil immer beide sympathisch und nachvollziehbar dargestellt werden, sind sie zu gleichen Teilen zur Identifikation geeignet, was in Anbetracht des Titels einige Stellen schwer macht.

                              Aber am Interessanten finde ich allerdings den harten Kontrast zwischen den beiden im Film vordergründigen Familien.
                              Die Familie der Haushälterin ist eher konservativ eingestellt. Sie ist eingemummt, sodass man bis auf ihr Gesicht nichts sieht, muss erst ihren Mann um Erlaubnis fragen und lebt strengstens nach den Regeln des Korans. Ihr Mann, zutiefst religiös, behandelt seine Frau wie seine Schwester nicht gerade feinfühlig, um nicht zu sagen, dass er aggressiv ist.
                              Nader und Simin hingegen stellen die moderne Seite dar. Sie sind auch gläubig, sehen sich allerdings als absolut gleichgestellt an, und finden es auch absolut normal.
                              Simin lebt ihren Glauben auch aus, trägt ein Kopftuch, allerdings ist ihrevrestliche Kleidung nicht anders als die Westliche, mit Jacke und Jeans. Jedoch ist ihr Glauben weitaus sekundärer gelegt.
                              Somit gibt es hier zwei sehr unterschiedliche Welten, die aufeinanderprallen, ohne, dass eine wirklich als negativ dargestellt wird. Jedoch ist es hier so, dass die beiden Lebensstile so unterschiedlich wie Tag und Nacht, weshalb nicht alles friedlich bleibt.

                              Aber auch die Story und deren Verlauf ist interessant.
                              So stellen sich in der krimiähnlichen Handlung immer wieder neue Fragen, und genauso häufig gibt es Wendungen, die die Ereignisse in einem neuen Licht erscheinen lassen.
                              Denn so wirklich weiß man nie, wer die Wahrheit sagt, oder vielleicht doch etwas verschweigt.
                              Und das macht den Film auch auf einer spannungstechnischen Ebene interessant.
                              Somit bietet der Film auch etwas für Zuschauer, die sich von einem Film auch nur einfach unterhalten lassen wollen.

                              Somit funktioniert der Film als Charakterstudie, Auseinandersetzung mit Religion und wie diese ausgelebt wird, als Film über die Gründe und Auswirkungen einer Trennung und letztlich auch einfach als spannendes Drama mit vielen Überraschungen.

                              Eine blinde Empfehlung für alle FilmliebhaberInnen!

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                              • 10

                                "Endlich mal ein Film, bei dem man intellektuell nicht unterfordert ist", sagte mir meine Kinobegleiterin beim Rausgehen. Sie hat vollkommen recht!
                                Ein großartiger, zeitlos gültiger Film.
                                Was für ein großes, wertvolles Potential in diesem Iran steckt...
                                Und der Oscar ist absolut verdient!

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                                • 8

                                  Ein klasse Film. Das kommt raus wenn ein gut durchdachtes Drehbuch ebensogut umgesetzt wird.

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                                  • 9

                                    NADER & SIMIN erzählt eine außergewöhnliche Geschichte über eine Trennung und deren Folgen, in denen sich nach und nach ein Netz aus Lügen, Täuschung und Diffarmierung spinnt in dass sich jeder der Charaktere verfängt. NADER & SIMIN ist außerordentlich gut gespielt. Durch seinen dokumentarischen Stil mit Handkamera ist der Zuschauer immer sehr nahe dran im Geschehen. Ein sehr bewegender Film.

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                                    • 8 .5

                                      In "Nader und Simin" treffen gleich mehrere menschliche Schicksale aufeinander und stehen sich dabei unnötigerweise im Weg, was zu einem sehr beklemmenden Film führt.
                                      Simin (Leila Hatami) möchte sich von ihrem Mann Nader (Peyman Moadi) scheiden lassen, um ins Ausland zu gehen. Nader hat damit auch kein Problem, allerdings braucht er jetzt eine helfende Hand für seinen dementen Vater. Simin, die noch die Klärung des Sorgerechts abwarten muss, vermittelt ihm Razieh. Die erzählt ihrem arbeitslosen Mann nichts von ihrer Arbeit. Und Razieh ist schwanger.
                                      Nader verdächtigt Razieh, Geld bei ihm gestohlen und seinen Vater aus den Augen gelassen zu haben. Ein Streit wird das auslösende Moment für den Prozess: Wer hätte was wissen können? Wer weiß was? Wer ist "schuldig"? Wem kannst du vertrauen?
                                      Alle lügen einander an und eigentlich stünde keiner irgendeinem anderen im Wege, aber trotzdem kommt man sich in die Quere, verklagt sich, ohne es zu wollen. Es gibt Notlügen, Misstrauen. Man weiß nicht weiter und tut anderen Unrecht und hadert deshalb mit sich selbst. Der Apparat hat kein Verständnis für die jeweiligen Lagen, in denen sich alle befinden. Es gibt in diesem Film keinen "Edlen", der immer aufrichtig ist, nie lügt, Vorbild wäre. Echte Menschen halt. Gezwungen und eingezwängt von äußeren Umständen. Und dann ist da noch die Ehre. Und die Religion, der Quran, auf den man alles schwören kann. Der Gottesstaat Iran ist ja auch nur durch Allah legitimiert. Mit Religion kann man alles rechtfertigen, weil man sie ja nicht hinterfragen darf.
                                      Misstrauen.
                                      Notlügen.
                                      Wer weiß was?
                                      Und die Kinder stehen immer so dazwischen und verstehen all das gar nicht so recht.
                                      Die beklemmende Lage scheint zunehmend ausweglos und die Figuren sind ohnmächtig im Apparat und den sonstigen Umständen. Das System des Iran wird aber nicht explizit kritisiert, es ist zwar mitverantwortlich für die prekäre Ausgangssituation, aber die Handlung könnte auch in einem westlichen Land so verlaufen; wenn die Sache mit dem Misstrauen und so eben gegeben ist, wie sie es hier ist.
                                      So wie ein US-Film eben im Rahmen der USA mit dortigen Eigenschaften spielt, spielt dieser Film eben im Iran. Wenn in Hollywood wer weint, ist das auch noch keine Kritik an der Regierung. "Nader und Simin" wird erst dadurch zur Kritik, wenn man die unbewertet dargestellten Sachverhalte negativ deutet. Deshalb darf Asghar Farhadi wohl auch noch seinen Beruf im Iran ausüben, weil die Situation nur dargestellt und nicht gewertet wird.
                                      Fazit: Dieser Streifen bietet eine intelligente Handlung, die sehr ansehnlich und mit klasse Schauspielern umgesetzt wurde.

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                                      • 9

                                        Aufgrund der doch überwältigen Resonanz und Kritik für "Nader und Simin" aus dem Iran, musste ich mir den Film einfach ansehen. Was ich von dem Film halte versuche ich den nächsten Zeilen aufzuschreiben, auch wenn es nicht leicht ist diesen facettenreichen Film in die richtigen Worte zu fassen.
                                        Wie im Titel schon ersichtlich trennen sich Nader und Simin nach 14 Jahren Ehe. Der Grund dafür ist, dass Simin gerne den Iran verlassen will, Nader aber bleiben möchte, damit seine Kinder in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können. Da sie nun getrennt leben und Nader arbeiten muss, muss sich eine bezahlte Arbeitskraft um den schwer alzheimerkranken Vater von Nader kümmern. Als diese Arbeitskraft einen fatalen Fehler begeht, eskaliert die Situation und eine Kette von unvorhergesehen Ereignissen zeichnen sich ab.
                                        "Nader und Simin" ist eine Studie über das iranische Leben, ja über das Leben und die Probleme, die damit einhergehen. Falls man das hier liest geht man warsch. von einem höchst gesellschaftskritischen Film aus. Um eine Antwort zu geben: Nein, das ist er nicht- gerade weil Regisseur und Drehbuchautor Asghar Farhadi leider die iranische Regierung auf die Pelle rückte. Klar, wenn man genau hinsieht erkennt man im Subtext die ein oder andere Kritik am Iran, das Hauptaugenmerk liegt allerdings im Alltagsleben und den Problemen der Menschen in diesem Land. Fast dokumentarisch wirkt der Film, denn die Kamera ist an einigen Stellen recht wackelig (warsch. Handkamera?) und bis auf die allerletzte Einstellung verzichtet der Film völlig auf Musik! Ausnahmslos jede Darstellerleistung ist absolut herausragend und erzeugt eine packende Stimmung, die nicht immer leicht zu verkraften ist, welcher man sich aber auch nicht entziehen kann.
                                        Der Film stellt einige höchst interessante Fragen und erzeugt Spannungsfelder innerhalb des Plots. Wie auch in der westlichen Welt plagen die Menschen Arbeitslosigkeit, Scheidung, das Pflegen der kranken Eltern und die Frage nach Wahrheit, Moral und Gerechtigkeit. Doch obwohl diese Menschen die selben Probleme wie wir auch haben, stellen sie sich doch ganz anders dar. Warum ist das so? Nunja, jeder der den Film gesehen hat bekommt davon ein schönes Bild. Eine paradoxe Gesellschaft, geprägt von religiösen und moralischen Vorstellung, die dennoch alle Abgründe des menschlichen Lebens kennt und erfährt.
                                        Dabei gelingt es dem Film auf eine herausragende Weise keine der verschiedenen Parteien für sich zu beanspruchen und dient als stiller Beobachter des Geschehens. Eine Milieustudie, die fast über die gesamte Spieldauer perfekt funktioniert. Ungefähr im letzten Drittel des Films dachte ich mir, da es doch so gut zum Aufbau des Films passen würde, welches Ende perfekt wäre: Und ich behielt mit meiner Vermutung recht. Ein Endbild, welches den Film für mich nochmal auf ein höheres Podest heben konnte.

                                        Fazit: "Nader und Simin" ist eine zutiefst packendes und mitreisendes Drama, welches als Gesellschafts- oder Milieaustudie zu verstehen ist. Grandiose Darstellerleistungen erzeugen eine packende Stimmung und bieten einen interessanten Einblick in eine paradoxe Gesellschaft, die aus unserer Sicht nicht immer leicht nachzuvollziehen ist.
                                        Ein Muss für jeden Cineasten und grundsätzlich für jeden, der etwas über den Tellerrand der westlichen Welt herausblicken möchte.

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                                          Nachdem "Nader und Simin - Eine Trennung" (OT: "Dschodai-ye Nader az Simin", was nicht nur "Trennung" sondern auch "Scheidung", aber auch "Abgrund" oder "Kluft" heißen kann) 2011 zuerst alle wichtigen Preise auf der Berlinale einstreichen konnte, danach einer der Runner-Ups für den "Peoples Choice Award" auf den Filmfestspielen in Toronto war (der Preis ging an das französisch-libenasische Drama "Wer weiß, wohin?") und sich letztendlich bei den Oscars als "bester fremdsprachiger Film" durchsetzen konnte, war der iranische Film in aller Munde.
                                          Der erste Reflex eines westlichen Zuschauers wird es wohl sofort sein, den Film von Asghar Farhadi, Regie, Buch und Produktion, auf seine politische Natur abzuklopfen. Kritiker - der Beamtenapparat des Irans würde zu gut wegkommen, nur deswegen sei der Film überhaupt von der iranischen Regierung weitgehend unbehelligt gelassen - gibt es ebenso, wie Befürworter - auf Grund der privaten Finanzierung der Dreharbeiten sei eine Einflussnahme nicht nachzuweisen und Farhadis (regiem)kritische Aussagen seien zu gut verborgen.
                                          Man sollte aber nicht den Fehler machen und "Nader und Simin" primär als politischen Film betrachten. Obwohl gesellschaftliche Themen behandelt werden, gerade durch das Aufeinandertreffen der gebildeten, liberalen und in Maßen wohlhabenden, iranischen Mittel- und der arbeits- und perspektivlosen, teils streng religiösen Unterschicht, gibt der Film das nicht her.
                                          Er ist auch eine Milieustudie, wie oben angesprochen, ein Eindruck der dadurch verstärkt wird, dass er mit Handkamera gedreht wird, was sehr oft an eine Dokumentation erinnert (dazu passt auch der vollständige Verzicht auf Musik).
                                          Im Kern aber ist "Nader und Simin" ein (Melo)Drama. Die zentralen Figuren sind, natürlich, das Ehepaar Nader (sehr gut: Peyman Moadi) und Simin (passendes Gegenstück: Leila Hatami) aber vor allem auch ihre elfjährige Tochter Termeh (überzeugend: Sarina Farhadi), welche oft zum Sprachrohr des Zuschauers wird und die Fragen stellt, die für die weitere Beurteilung des Handlung wichtig werden.
                                          Ab der Hälfte der Spielzeit bekommt "Nader und Simin" deutliche Anleihen an einen Krimi, wenn es darum geht die Schuld-, oder besser Tathergangsfrage, zu ermitteln.
                                          Wichtig dabei ist am Ende aber nicht richtig oder falsch, in solchen klar abgegrenzten S/W-Kategorien denkt Farhadi nicht.
                                          Er bleibt die gesamte Laufzeit über stiller Beobachter. Seinem starken Drehbuch ist es zu verdanken, dass sich die Sympathien des Publikums stets verschieben und jede Figur in ihrem Handeln und Auftreten nachvollziehbar und menschlich bleibt. In dieser Hinsicht überrascht der große internationale Erfolg von "Nader und Simin" tatsächlich nicht. Die Themen, die er hauptsächlich behandelt sind universell und seine Machart weist, trotz eines erkennbaren, eigenen Stils, viele Parallelen zu guten amerikanischen Dramen auf.
                                          "Nader und Simin" ist deshalb ein so starker Film; weil er einem kulturunkundigen Publikum einen differenzierten und unverstellten Blick auf eine fremde Kultur ermöglicht (über welche wir alle von den Medien erzeugte Vorurteile und Stereotypen haben dürften), weil sowohl er als spannendes Familien- als auch Kriminaldrama funktioniert. Und weil er, wie Farhadi in Interviews stets betont, dem Zuschauer mehr Fragen stellt als Antworten gibt.
                                          [Dezenter Spoiler]
                                          Der Film beginnt mit einer Frage: Warum wollen sie sich scheiden lassen? Und endet mit einer weiteren, die deutlich an die erste anknüpft. Eine Antwort gibt er aber nicht.

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                                          • 8 .5

                                            Bemerkenswerter Film, der mehrere Ebenen hat. Da wäre zum einen die zutiefst zwischenmenschliche Ebene. Daneben die Ebene der persisch-muslimischen Kultur, zur Abwechslung nicht aus westlicher, sondern aus Insider-Sicht. Und dann der Aspekt des Zusammentreffens der aufgeklärten Moderne auf die konservativ-islamische Welt innerhalb dieses interessanten, zerrissenen Landes. Kritik am iranischen Staat, seinen Verhältnissen? Kritik an den verbohrten Klerikern? Zwischen den Zeilen durchaus sehr deutlich zu spüren, aber nicht plakativ. So kam der Film vermutlich durch die Zensur, in dem er vordergründig einen modernen Iran darstellt, der im Innern aber schwer trägt am konservativem Würgegriff.

                                            • 8 .5

                                              Endlich mal ein Film, der diese Kultur nicht aus westlicher Sicht beschreibt. Den kleinen Punktabzug gibt es nur für das viele Gezeter, das hat genervt.

                                              • 8 .5

                                                Welch vielschichtiger und tiefgründiger Film! Erwartete ich Anfangs eher ein Ehe-Drama, welches ein leise Kritik an den Geschlechterrollen im Iran beinhaltet, bekam ich am Ende doch soviel mehr. Das war als würde man ein Puzzle mit 50 Teilen beginnen und plötzlich kommen von irgendwoher immer mehr Teile dazu...und überraschenderweise passen sie auch alle in das Bild. Am Ende hat man ein riesiges Puzzle, dass schon lange nicht mehr nur ein Bild zeigt, sondern viele. Diese sind so eng miteinander verwoben, dass man kaum noch erkennt wo das eine anfängt und das andere aufhörte. Man kann nicht mehr sagen welches einem am besten gefällt, alles scheint ein Ganzes zu sein in dem jedes Teil immens wichtig ist.
                                                Diese tragische Geschichte, angestossen von einer Entscheidung und vorangetrieben von dem was man entweder Zufall oder Schicksal nennt, weitet sich aus auf die Leben und Menschen um Nader und Simin herum. Sie zieht sich zusammen, nimmt immer wieder andere Formen an und leitet uns oftmals auch mit Masken fehl. Dabei wirkt alles immer ausgeglichen, glaubwürdig und doch von einer dramatischen Grösse.
                                                Schonungslose Kritik sucht man in "Dschodai-ye Nader az Simin" jedoch vergebens...ich ich will sagen: Zum Glück. Denn es hätte diesem dichten Film viel von seiner Echtheit genommen. Diese ist natürlich auch so nicht zu 100% gegeben, aber ich denke sie ist das äußerste Maß für die gegebenen Umstände im Iran. Hier wird Tradition nicht verteufelt und Fortschritt bejubelt und umgekehrt. Alles hat seine hellen Seiten, seine Grauzonen und seine dunklen Schatten. Gezeigt von Menschen wie völlig wirklich erscheinen. In einem Film der interessant, spannend, aufwühlend, nachdenklich und zuweilen auch brutal ist. Ein grossartiger Film.
                                                Als Vergleich kommt mir da nur der ebenfalls tolle "House of sand and fog" in den Sinn. Thematisch nur grob ähnlich, vom Gefühl her aber fast genauso wuchtig und tief.

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                                                • 9 .5

                                                  Es betrübt mich schon sehr zu sehen, was kleinste Entscheidungen doch alles kaputt machen können. Wenn man sich vor Augen führt, was der kleinste Streit auslösen kann.
                                                  Selten einen so abgründigen Film gesehen, dem man es im ersten Moment gar nicht anmerkt.
                                                  Ich will nie mehr stur sein :)

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                                                    toller film, der jede minute wert ist!! sofort weiterzuempfehlen.