Oh Boy - Kritik

Oh Boy

DE · 2012 · Laufzeit 85 Minuten · FSK 12 · Komödie, Drama · Kinostart
Du
  • Im Podcast besprochen

    Film und Regisseur gelten als Hoffnungsträger für die Zukunft des deutschen Films, der ja in den letzten Jahren ein sehr schlechtes Standing hatte. Da fragen sich Michi, Niels und Jan natürlich, ob OH BOY dieser Rolle gerecht werden kann und ob die Vorwürfe gegenüber dem deutschen Kino gerechtfertigt sind. Wird vielleicht alles zu schlecht geredet, sieht es wirklich so düster aus oder liegt die Wahrheit für uns (wie so oft) irgendwo in der Mitte?

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    • 8

      In einer Folge komischer und trauriger Begegnungen brilliert Tom Schilling als Berliner Slacker, umgeben von einem Ensemble großartiger Schauspieler und eingehüllt in schwarz-weiße, jazzgetränkte Melancholie. [Anke Sterneborg]

      • 8

        “Oh Boy” ist ein Film über Berlin heißt es immer so schön und so falsch. Man tut dem Film ein bisschen unrecht, ihn allein auf seine Stadt zu reduzieren. Es stimmt, der Film spielt zu 100% darin und er seziert die Seele der oft kritisierten Internet-Hipster-Generation (jedoch ganz ohne Internet), die für Berlin so typisch gilt, aber eigentlich ist das poträtierter Berlin immer nur ein Stilmittel; ein verdammt sexyes obendrein. Man sollte “Oh Boy” den Gefallen tun, ihn universeller auszulegen. Dem Jungregisseur Jan-Ole Gerster ist ein kluger, unkonventioneller aber nicht manieriert-unkonventioneller Film über die Planlosigkeit unserer Generation gelungen. Optimistisch, gleichzeitig melancholisch und immer mit einem offenen Ohr. [...] Wer “Oh Boy” schaut, sollte eine Kaffeekanne bereitstehen haben. Nicht weil der Film so langweilig und ein Kampf gegen das Einschlafen ist, sondern weil hier der Alltagsgegenstand Kaffee (das nebenbei bemerkt Lieblingsgetränk der Deutschen) zur Relaxations- und Reflexionsmetapher graduiert wird.

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        • 8 .5

          [...]
          „Oh Boy“ ist ein wundervoller, nachdenklicher Film mit stimmungsvoller Musik und poetischen Bildern aus der Hauptstadt. Jan Ole Gerster gelingt es dabei vollkommen ohne die typischen Berlin-Klischees auszukommen, Tom Schilling zeigt seinen Charakter orientierungslos, teilweise distanziert anderen Menschen gegenüber, aber auch mitfühlend. Selten habe ich einer Filmfigur so sehr ihren Kaffee gegönnt.

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          • 8 .5

            Ein Film voller kleiner großer Momente. Für mich schon jetzt eine der schönsten Szene des Kino/DVD-Jahres 2013: Slacker Niko leistet einer alten Damen Gesellschaft, während ihr Enkel ein paar Zimmer weiter Turnschuhe und Drogen verkauft. Wenn Niko und die Rentnern kurz schweigend in die scheinbare Leere des Wohnzimmers sehen, stellt sich ein wohliges Gefühl ein. Ein Gefühl, dass man sich der Einsamkeit zumindest kurzzeitig widersetzt hat. Dieses seltsam befreiende wie vertraute Gefühl kehrt immer wieder zurück in "Oh Boy" und doch, bei der alten Damen wirkt es reinsten. Wahrscheinlich weil Niko hier nicht zu einer Gemeinsamkeit gezwungen wird, sondern diese Situation von sich aus wählt. Keine Ahnung. Ist ja auch vollkommen egal, scheißegal. Wichtig ist nur eines: "Oh Boy" ist kein guter Film. Es ist ein verdammt guter Film.

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            • 4

              Bestimmt ganz lieb gedacht und noch besser gemeint, der entsprechende Film zum Label. Prenzlberger-Lebensphilosophie gewiss ist natürlich auch dann nicht tiefsinniger, wenn Mittzwanziger-Trott und weinerliches Latte-macchiato-Befinden im filmhochschulgerechten Schwarzweiß dargereicht werden. Wie ernst man eine Produktion nehmen kann, die ihren romantisierten Verlierer gleich zu Beginn schon mit gesenktem Haupt in eine bedeutungsvolle Duschpose zwingt, als sei dies nicht eines der zwei, drei überstrapaziertesten Bilder des Kinos überhaupt, hängt wohl vom jeweiligen Verständnis eines guten Films ab. Ob ein derart kunstgewerblicher Tagesausflug in die selbstmitleidige U30-Bohème seine forcierte Tristesse mit all den schablonenhaften Typen, hochgejazzten Berliner Standards und aufgeschrieben wirkenden Dialogen in überartikuliertem Schultheatergestus aber in irgendeiner Weise anregend sein soll – das wissen dann bestenfalls jene zugezogenen Langzeitstudenten, deren modische Befindlichkeiten "Oh Boy" immerhin auf der Bildebene in schnieke hochgezogene Kontraste pfropft. Der Rest ist so ausgesucht banal wie filmisch absolut irrelevant.

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              • 8 .5

                Der Abräumer des diesjährigen Deutschen Filmpreises hat jede seiner Auszeichnungen redlich verdient. "Oh Boy" von Jan Ole Gerster lässt den Glauben an das heimische Kino und vor allem dessen Humor wieder auferstehen.

                In den letzten Jahren, und oft auch zuvor, war die Regel in deutschen Kinofilmen: Humor ist, wenn man trotzdem nicht lacht. Die ewig gleichen Beziehungsklamotten, das bieder-spießige Männlein-Weiblein-Peinlich-Gebalze auf Sat1 Fernsehfilmniveau, gruselige Ausflüge von im besten Fall mittelprächtigen (selbst das eher nicht) Comedy-Pfeifen und Allround-Nullapostel-Entertainern, die durch berechnende Produzenten, das eigene Überschall-Ego und dem Hang zum schnellen Euro auf die Leinwand losgelassen werden, Nuschel-Til und sein Gefolge, das ist doch die bräsige Realität. In dieser erfrischenden Perle steckt mehr Witz, nuancierter, überlegter und auf den Punkt treffender Humor, als in allen Geschichten aus der Kuschel-Kicher Gruft, die sonst Usus sind. Dabei ist "Oh Boy" eigentlich keine reine Komödie, die sein Publikum einfach nur zum Lachen bringen möchte, schafft dies aber so unbeschwert, clever und spielend, das es eine helle Freude ist.

                "Oh Boy" zitiert und skizziert den absurden Alltag und seine skurrilen Ereignisse, überkonstruiert nichts und lässt einfach nur das Leben sprechen. Wir begleiten Nico einen Tag durch seine Umwelt, haben Teil an dem Unsinn der MPU, dem modernen Coffe-To-Go-Wahnsinn ("Welche Kaffeesorte kommt dem normalen Kaffee am nächsten?"), dem Ärger mit Fahrtkartenkontrolleuren, aufdringlichen Nachbarn, dealenden Halbgeweihten, einer selbstverliebten, ach so unkonventionellen Off-Theater Truppe (ein absolutes Highlight!), pöbelnden Agro-Teenies und redseligen Thekenbekanntschaften. Alles wirkt wie die Verarbeitung eigener Erfahrungen, genau-spitzfindisch beobachtet und pointiert vorgetragen. Das lebt, hat Herz, Geist und Seele. Eine bitter-süße Verliererballade über einen jugen Mann, der alle Chancen hatte und sie jedesmal fährlässig hergegeben hat. "Oh Boy" besitzt Melancholie wie Humor und wirkt teils gar poetisch vorgetragen. Die klug gewählten Schwarz-Weiß-Bilder, der wunderbare Soundtrack und nicht zuletzt die ausführlich genutzte Kulisse Berlins ergeben ein harmonisches Gesamtbild, mit einem herausragenden Tom Schilling, der wohl niemals besser war.

                Hier steht keine Geschichte im Vordergrund, hier geht es um Menschen, Situationen, die kleinen Dinge des Alltags, die jedem von uns schon passiert sind oder könnten. Und die gehen so nah, dass wohl jeder Nico gerne ein Feuerzeug schenken oder endlich seinen Kaffee reichen würde.

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                • 7

                  Allerweltsprobleme erglühen hier in einem so einmaligen Licht, und doch erkennt man sich und die verschiedensten Situationen aus dem eigenen Leben in unzähligen Nuancen und Augenblicken wieder. Die Melancholie geschwängerten Schwarz-Weiß-Aufnahmen der facettenreichen Großstadt begleiten „Oh Boy“ so herrlich angenehm und stimmig von einem Fleck zum anderen und dem wunderbaren Tom Schilling als Niko Fischer dabei zuzusehen, wie er eigentlich nur eine Tasse Kaffee trinken möchte, dadurch aber in eine lakonisch-sympathische Odyssee der ganz besonderen Sorte stolpert, ist einfach ein zwischen bedachten Späßchen und leichtherziger Introversion angesiedelter Hochgenuss. Manchmal fühlt sich „Oh Boy“ wie eine unaufgeregte Reise durch die Zeit an, in der liebenswerte Stationen der Vergangenheit noch einmal aufatmen dürfen, gleichzeitig jedoch muss es doch immer weiter in Richtung Zukunft gehen. Menschen kommen und gehen, schwadronieren und verstummen; Berlin Tag und Nacht – Nur in niveauvoll.

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                  • 7 .5

                    [...] Eigentlich hat „Oh Boy“ nicht viel zu sagen, aber drückt in unterhaltsamen, zugänglichen Sinnbildern ein kompliziertes Gefühl aus, das wohl alle kennen, die ihren Platz in dieser Welt nicht gerade auf Anhieb finden. In einer guten Mischung aus Komik und Melancholie, passend garniert mit leichtfüßiger Jazzmusik, gelingt Regisseur und Autor Jan Ole Gerster eine überzeichnete, aber auch einfühlsame Momentaufnahme eines jungen Suchenden in bester Jim-Jarmusch-Manier („Night on Earth“, „Coffee and Cigarettes“, „Broken Flowers“).

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                    • 9

                      Die Art und Weise, wie Gerster seine Zuschauer aus Oh Boy entläßt, wie er uns seine Botschaft mitgibt, ist sensibel, klug und wunderschön.

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                      • 8 .5

                        Niveauvoll gesneaked #9
                        Jetzt hört mal alle her!
                        Alle, die sagen, Deutsche könnten keine Filme machen. Das deutsche Kino ist tot und jeder deutsche Film einfach nur langweilig, grottig und auf Gutdeutsch gesagt SCHEIßE.
                        Dass dieser Standpunkt vollkommen überholt und falsch ist, ist nicht erst seit gestern offensichtlich. Ich halte euch hiermit den Stinkefinger vor die Augen. Und dieser Stinkefinger heißt:
                        „Oh Boy“.
                        Hierbei handelt es sich um das Erstlingswerk des Regisseurs Jan Ole Gersters.
                        Eine fantastische Reise in das Leben eines Mittzwanzigers in Berlin, der jegliche Motivation irgendwas zu erreichen, verloren hat und nur vor sich hin lebt.
                        Mal trifft er sich mit seinem besten Kumpel, mal trifft er eine Frau und doch umklammert ihn stets der Mantel der Perspektivlosigkeit.
                        Was mache ich hier? Wie sieht die Zukunft aus? Warum? Wieso? Weshalb?
                        All das beschäftigt Niko, kongenial gespielt von Tom Schilling. Er weiß nicht wohin mit sich selbst, seinen Platz in der Welt hat er noch nicht gefunden.
                        Wir begleiten ihn einen Tag in seinem Leben. Dort begegnet er vielen Menschen. Alle mit ihren Eigenartigkeiten, alle irgendwie skurril und doch aus dem realen Leben gerissen.
                        Das Besondere daran ist, dass sie alle, trotz mal mehr, mal weniger Screentime, tatsächlich Leben einverleibt bekommen. All die Personen, die Niko auf seiner Reise trifft, wirken echt. Vom enttäuschten Vater (Ulrich Noethen ist fantastisch!) über den einsamen alten Mann in der Bar (Martin Gwisdek) und die Beinahe- Freundin (Friederike Kempter ganz stark!).
                        Dabei hat „Oh Boy“ nicht einmal eine stringente Story. Seine Faszination erhält der Film allein von seinen Darstellern, den punktgenauen und realistischen Dialogen und dem besonderen Flair Berlins, das sich aus den Schwarz- Weiß – Bildern ergibt. Die Kamerarbeit tut ihr Übriges dazu.
                        „Oh Boy“ ist ein Film der mehr über das Leben sagt, als so viele Filme, die es vor ihm versuchten. Er fängt die Perspektivlosigkeit Nikos und seiner gesamten Generation perfekt ein.
                        Mal traurig, melancholisch, dann wieder heiter und sorgenfrei-unbekümmert. „Oh Boy“ ist ein Portrait einer Generation, die droht, sich zu verlieren.
                        An alle Zweifler des deutschen Films. Schaut euch „Oh Boy“ an und verstummt. Dieser Film gehört nämlich zum Besten, das der deutsche Film in letzter Zeit hervorgebracht hat und landet in den Bestenlisten 2012 unter Garantie sehr weit vorne.
                        Ich brauch jetzt erstmal einen Kaffee…

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                        • 9 .5

                          Jan Ole Gerster, der als Assistent von Wolfgang Becker und Absolvent der dffb sein Handwerk erlernte, beweist mit seinem ersten Kinospielfilm einen nie überzogenen, aber durchweg sichtbaren Stilwillen.

                          • 9 .5

                            Rundherum gelungenes Kinodebüt, das lässig, cool und gleichzeitig auch geistreich und intelligent ist.

                            • 8 .5

                              Der Tonfall von Oh Boy ist so fein und präzise, dass er nichts von einem polternden Erstling oder gewichtigen Generationenpanorama hat.

                              • 8

                                Jan Ole Gerster ist ein kleines Wunder gelungen. [...] Der Film ist ein Schmetterling, dem man beim Entpuppen zu schauen kann. Und man möge Jan Ole Gerster wünschen, dass er mit diesem Entpuppen nicht aufhört, egal, was die Normierer sagen.

                                • 8

                                  In distanzierenden schwarz-weißen Bildern portraitiert Drehbuchautor und Regisseur Jan Ole Gerster in seinem Spielfilmdebüt nicht nur einen jungen Mann, sondern das ganze Lebensgefühl einer Generation, der vor allem eins fehlt: Orientierung, einfach ein Ziel in ihrem Leben (siehe Interview mit Regisseur Jan Ole Gerster auf meiner Homepage)

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                                  • 7 .5

                                    […] souverän handhabt Gerster den Wechsel der Stimmungen und hat doch ein Werk aus einem Guss inszeniert. Mit dem steten Wechsel der Orte entsteht nicht nur ein schöner, von Bild-Klischees entschlackter Berlin-Film, sondern auch das Porträt einer vielfältigen Metropole, in der unterschiedliche Lebensentwürfe möglich sind.

                                    • 8

                                      In vielerlei Hinsicht erinnert Oh Boy [...] an frühere Filme von Woody Allen. Dem Zuseher erschließt sich die Entscheidung nicht. Eine große Rolle spielt das aber nicht.

                                      • 7 .5

                                        [...] So wird aus 'Oh Boy' eben keine larmoyante Etüde über eine verweichlichte, träumerische Generation. Obwohl zu befürchten steht, dass einige Zeitgenossen dem Film genau diesen Vorwurf machen werden.

                                        • 8

                                          Eine in vielem schlüssige Lebenszeitschilderung eines jungen Mannes im heutigen Berlin. Unterhaltend obendrein.

                                          • 8

                                            (..) Die Figur Nico Fischer, hat durchaus etwas Tragisches. Dennoch ist der Film stellenweise urkomisch. Er jongliert perfekt mit den Ingredienzien der Tragikomödie, einzelne Szenen haben gar die Qualität perfekt ausbalancierter Sketche, inklusive pointierter Dialoge und offenem Ende. Einen großen Anteil am Gelingen daran hat die schauspielerische Raffinesse von Tom Schilling. Der „ewige Jugendliche“ („Napola“), mittlerweile auch über 30, gibt den jungen Drifter Nico so überzeugend teilnahmslos und abwesend, dass sich sonstige Scene-Stealer vom Format eines Justus von Dohnany, Ulrich Noethen oder (in einer der schönsten Szenen des Films) Michael Gwisdek die Zähne an Nico Fischer ausbeißen.

                                            Den perfekten Rahmen für diese tragikomische Tour bilden aber nicht nur die hervorragend besetzten Weggefährten, sondern vor allem die hervorragende Kamera von Philipp Kirsamer, dem es in kräftigen Schwarz/Weiß-Tönen immer wieder gelingt, ein ganz neues Berlin jenseits oft gezeigter Hipster-Romantik zu zeigen, oder der perfekte Schnitt von Anja Siemens, der dafür sorgt, dass das Episodenhafte nie unrythmisch wirkt. Unterlegt wird diese neue, mutige filmische Reise durch die hervorragenden, zurückhaltenden Klangteppiche der jungen Jazz-Formation „Major-Minor“, die aus „Oh Boy“ eine perfekte (filmische) Jazz-Improvisation machen, nie zu aufdringlich, mit zahlreichen Glanzlichtern, klug, verspielt, abseits jeglicher Larmoyanz und extrem leicht im Abgang. Klasse! Nicht verpassen!

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                                            • 9

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