Phoenix - Kritik

Phoenix

DE · 2014 · Laufzeit 98 Minuten · FSK 12 · Drama · Kinostart
Du
  • 7
    shortybuster 18.01.2017, 14:39 Geändert 18.01.2017, 14:44

    Christian Petzolds "Phoenix" ist ein stark metaphorisch aufgeladenes deutsches Nachkriegsdrama, in dem die KZ-Überlebende Nelly nach einer Gesichtsoperation zu ihrem Ehemann zurückkehrt, der sie allerdings nicht wiedererkennt. Er ist der festen Überzeugung, dass seine Frau tot ist und spannt ihre vermeintliche Doppelgängerin für einen Schwindel ein, um an das üppige Erbe Nellys heranzukommen.

    Mit Nelly und ihrem Ehemann prallen zwei Formen der Vergangenheitsbewältigung aufeinander: Während die von Nina Hoss gespielte Figur trotz ihrer zeitweisen Entstellung und Ummodellierung des Gesichts schnell wieder in ihr altes Leben als die Person, die sie nun einmal war, zurück möchte, lebt ihr Ehemann, der sie sogar vor den Nazis verraten haben soll, ganz im psychischen Modus der Verdrängung weiter. Ganz anschaulich und simpel zeigt sich dies auch daran, dass er nach Kriegsende nicht mehr Johnny, sondern Johannes genannt werden will.

    Stark metaphorisch ist dieser Film des "Berliner Nouvelle Vague"-Regisseurs vor allem deshalb, weil der bewegende Konflikt auf der Metaebene - wie soll man mit der schrecklichen NS-Zeit und ihren Gräueltaten nach der Befreiung '45 umgehen? Aufarbeitung, Verdrängung, Vergessen...? - das "reale" Geschehen der Figuren dominiert und überlagert. Diese Zeigeabsicht des Films übersteigert Petzold nahezu ins Groteske, indem er Ehemann Johnny blind, taub und geistig vernebelt wirken lässt für die deutlichen Wiedererkennungsmerkmale seiner vor ihm stehenden, tot geglaubten Ehefrau. Der Zuschauer muss hier die dahinterliegende Frage als dringliches Anliegen des Films erkennen, um nicht in eine generelle Glaubwürdigkeits-Debatte mit sich selbst zu geraten, denn wie denkbar leicht und naheliegend wäre es, die eigene Identität für das Gegenüber mit intimen Details aus dem Eheleben zu verifizieren.

    Erst im knappen, aber feinfühligen Finale des Films liefert Petzold letztlich die dringlich benötigten Emotionen, die den Film als eine ergreifende Geschichte abrunden und ihn nicht als wissenschaftliche Geschichtsdebatte stehen lassen, bei der die Figuren nur ausstaffierte Symbole und Allegorien verkörpern. Zumal "Phoenix" eben nicht wertend daherkommt und keinen Zeigefinger in didaktisch-pädagogischer Manier schwingt. Das ist angemessen und wohltuend.

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    • 6 .5

      Man muss den Film wohl metaphorisch verstehen, allegorisch, sinnbildlich oder sonst wie. Das muss wohl so sein, denn emotional abgeholt hat er mich gar nicht. Die Ausgangslage mit der Überlebenden, die vom Mann nicht erkennt wird, hätte ich sehr wohl geschluckt, so wie ich annähernd jeden in sich stimmigen Filmkosmos gerne schlucke, wenn man ihn konsequent und glaubwürdig darreicht. Hier aber kehrt etwas Langatmigkeit und auch eine gewisse Unzugänglichkeit ein. Wenn es sich lohnt, gehe ich einem Film auch gerne ein paar Schritte entgegen, bei "Phoenix" lohnt sich das aber nur in Maßen.

      "Barbara", "Jerichow" oder "Die innere Sicherheit" von Petzold haben mich weit mehr ergriffen als dieses verkopfte Stück.

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      • 8
        sachsenkrieger 12.01.2017, 07:28 Geändert 12.01.2017, 07:29


        Speak low...
        Time is so old and love so brief
        Love is pure gold and time a thief
        We're late, darling, we're late
        The curtain descends
        Everything ends too soon, too soon

        Ich denke, man sollte es sich meiner Meinung nach nicht erlauben, das Dunkel der Geschichte, der Geschichten in der Geschichte, das Dunkel der zahllosen Einzelschicksale, mit einer anscheinend jeden Winkel erhellenden Taschenlampe auszuleuchten und auszurufen: Da seht, so und nicht anders, ist es damals gewesen!

        Ich bin selbst als später Wurf ... mein Vater nannte mich oft (scherzhaft?!) "den Betriebsunfall", ein Nachkriegskind. Meine Großeltern mütterlicherseits, die sich während der NS-Zeit, soweit ich weiß, nichts zuschulden hatten kommen lassen, mussten mit ihren vier Töchtern vor den herannahenden Russen fliehen und hatten das sagenhafte Glück, das sie auf dem Laufsteg der Wilhelm Gustloff, wieder von Bord geschickt wurden. Was meine Mutter auf der Flucht aus Ostpreußen, was sie überhaupt, mit gerade mal 13-14 Jahren, erleben musste, das hat sie nur sehr, sehr selten kurz angerissen ... und ich habe (leider?!) nie gefragt. Es sind nur wenige Bilder, die mir diese grundgütige Frau, die niemals über jemanden urteilte, nie hinter jemandes Rücken über ihn redete, hinterlassen hat. Wie der Großvater sich der in solchen Zeiten, einer nicht zu unterschätzenden Gefahr der Denunziation aussetzte, als er zugewiesene Zwangsarbeiter anständig behandelte. Wie sie dann dermaßen übereilt aufbrechen mussten, das sie selbst ihren geliebten Hund nicht mitnehmen konnten. Wie sie in Friedland ankamen und wie versteinerte Gesichter und schlimmeres sie begrüßten, als sie endlich einen Platz für einen Neuanfang zugewiesen bekamen, in einem Dorf bei Hildesheim. Mein Vater hingegen, erlebte diese Zeit als Jugendlicher und junger Erwachsener. Er wurde in dieses Regime hineingeboren und ich denke, auch zu einem großen Teil indoktriniert. Er diente in der Wehrmacht und ich erinnere mich an die "Heldentaten" die seine drei Brüder, die in verschiedenen Einheiten der SS dienten, unter entsprechendem Alkoholeinfluss, auf Familienfeiern zum Besten gaben. Ansonsten hat mein Vater, auch wenn er eigentlich kein solcher war für mich, niemals versucht, mich zu beeinflussen. Nur ab und zu blitzte diese Ideologie, die er niemals gänzlich abschütteln wollte oder abschütteln konnte, durch. Ich habe noch vor seinem Tod, innerlich meinen Frieden mit ihm gemacht, weil ich erkannte, das er nicht mehr für mich sein konnte, das er diese 12 Jahre nicht einfach abschütteln konnte. Das nicht viele das könnten.

        So wenig weiß ich von meinen Altvorderen und jetzt ist es zu spät für Fragen. Wer von ihnen hat vielleicht warum Hitler gewählt? Haben sie sich bessere Zeiten erwartet? Haben sie Schuld auf sich geladen in dieser Zeit, haben sie Gutes getan oder weder noch? Haben sie, genauso wie es heute die meisten tun, einfach nur leben wollen? Ich weiß es nicht, könnte nur spekulieren, tue es nicht ... würde mich aber nie aus dem Fenster lehnen, mich auf ein Podest stellen und urteilen wollen. Denn wer das Dunkel in sich selbst erkannt hat, und ich befürchte, das tun leider nur wenige, der erkennt auch, das es jederzeit das Kommando übernehmen kann. Das niemand davor gefeit ist, in einer bestimmten Situation, ganz anders zu agieren oder reagieren, als er es sich selbst in seinen kühnsten Träumen vorzustellen vermag.

        Rein zufällig habe ich gestern abend auf ARTE, die Doku über die Transoceanica gesehen ... und bin dann irgendwie hängen geblieben. Weil es mir etwas schicksalhaft vorkam, Ronald Zehrfeld und Nina Hoss schon wieder gemeinsam in einem Film zu sehen, wurde ich neugierig. Und PHOENIX ist, wie der erst kürzlich von mir gesichtete und vorzügliche BARBARA, ebenfalls von Christian Petzold inszeniert. Die Story an sich, sorgte bei mir erst einmal für Kopfschütteln und erschien mir auch arg vorhersehbar. Aber die Absurdität dessen, was man sieht, passt dann letztendlich doch wie die Faust aufs Auge. Denn die Blindheit und das Schweigen der Beteiligten gegenüber dem Offensichtlichen, die Absurdität der Situation, ist ein Abbild des Schweigens und der Blindheit, mit der die Nachkriegsdeutschen ihre Vergangenheit ... eben nicht verarbeiteten, und ein Abbild der Absurdität menschlichen Handelns, die immer wieder, für Kopfschütteln bei nachfolgenden Generationen sorgt. PHOENIX ist ein feines, hoffentlich einige nachdenklich stimmendes Nachkriegsdrama made in Germany und mit Ronald Zehrfeld und Nina Hoss gefährlich gut besetzt und gespielt, bis hin zum starken Gänsehautfinale...

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        • 7 .5

          Dieser Film ist anders. Nina Hoss, wunderbar wie eh und je, spielt eine Frau, die von ihrem eigenem Ehemann nach einer Gesichtsoperation nicht erkannt wird. Das klingt dramatisch. Ist es im Grunde auch.

          SPOILER: Aber ich fragte mich ernsthaft mehrfach während des Films warum sie ihm nicht in einer von den 100 Situationen einfach die Wahrheit gesagt hat. Natürlich lässt es sich schwer beweisen. Aber ihre Freundin hätte ihr sicherlich geholfen.

          Obwohl der Film schon sehenswert ist, reißt er mich persönlich nicht wirklich mit. Der Holocaust ist ein sensibles Thema. Aber es gibt soooo viele Filme, die mehr aussagen als dieser hier. Da waren wohl meine Erwartungen zu hoch!

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          • Absolut Sehenswert. Nina Hoss spielt ausgezeichnet. Ein oft verarbeitetes Thema sehr speziell, sehr individuell.=Sehenswert....Sehr zu Empfehlen!!!! Das Ende dieses Filmes ist still und emotional ergreifend........ Der Film wirkt noch nach....

            • 7

              Der crisis of representation entgeht Petzold. Der Holocaust ist nicht repräsentativ. Und er versucht es erst gar nicht. Die Seelen der Ermordeten streifen das Geäst, das rauschende Blätterdach, das in jedem seiner Filme auftaucht, weil es immer in der einen oder anderen Form um Gespenster geht, die seine Figuren plagen und die doch eigentlich nur der Vergangenheit entgehen wollen, um endlich zu vergessen. Hier hallt der Deportationszug in der lebhaften Erinnerung Nelly's nach und eine Zahlenfolge am Unterarm bezeugt ihre Nahtoderfahrung - wenn sie auf eine Art nicht im Lager trotzdem gestorben ist. Ihr Mann sieht all die Zeichen nicht, die ihn zur Person hinter Nelly führen könnten, weil er sie nicht sehen möchte. Er spürt die Schuld. Und er lässt sie ein zweites Mal sterben, indem er das Vermächtnis des Holocausts und die Erinnerung der jüdischen Gemeinschaft Mosaik für Mosaik rekonstruiert, so wie er eine idealisierte Version seiner Nelly Schicht für Schicht, Farbe für Farbe neu aufträgt und nach seinen Vorstellungen zusammensetzt. Natürlich steht er damit stellvertretend für all jene, die in den Tagen nach dem zweiten Weltkrieg erblindet sind, und taub geworden für das, was sie in den Krieg getrieben. Trotzdem ist ihnen der Tod nicht vergönnt. So wie er Nelly's Mann nicht vergönnt ist. Weil nichts schmerzhafter ist, als der Moment der Wahrheit, die für einen selber doch eine andere war. Natürlich ist das herausragend gespielt, beängstigend präzise gefilmt und geschrieben und in seiner letzten Einstellung nichts anderes als einer der herausragenden Kinomomente der vergangenen Jahre. Weil Petzold immer selbstbewusster das Kammerspiel und die Details nach vorne stellt. Und er mehr denn je in den Gesichtern nach Geschichten forscht. Und die Musik die letzte Note spielen darf - ohne Worte.

              7
              • 8 .5

                Wow. Was ein Film. Habe ihn leider erst jetzt gesehen, dafür endlich. Ich musste noch lange darüber nachdenken, was Phoenix mir sagt. Dass Nelly nicht erkannt wird - und dies von ihrem eigenen Mann - was ist Wahres daran? Ich weiß es nicht. Niemand wollte ja darüber erzählen außer 'Ich habe nicht gewusst, was mit denen passierte' oder 'Ich war nicht dabei'. Bestimmt hatte niemand Bock nach 1945 sich mit den Schulgefühlen auseinanderzusetzen, die durch Holocaustüberlebende ausgelöst wurden. Neulich las ich sogar, dass sie in Israel nicht geschätzt wurden, weil die Leute davon ausgingen, die Überlebenden seien diejenigen, die andere Opfer verraten haben.

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                • 7

                  Von kaum einem anderen Thema ist der deutsche Film so gebeutelt wie vom zweiten Weltkrieg. Es gehört dabei fast schon zum guten Ton, dass man in akkurat aufbereiteten Historien-Streifen immer und immer wieder die Holocaust-Thematik aufarbeitet. "Phoenix" von Christian Petzold ist diesbezüglich glücklicherweise ein Film, der sich von Vertretern ähnlichen Genres positiv hervorhebt.
                  Nelly ist eine jüdische Holocaust-Überlebende, die sich schwer verletzt einer Schönheits-Operation unterzieht. Als sie zu ihrem Mann zurückkehrt, der sie für tot hält und darüber hinaus angeblich verraten haben soll, erkennt dieser seine Frau nicht mehr wieder und hält sie für eine andere, die allerdings Ähnlichkeiten zu seiner Nelly aufweist. Er zieht sie in ein Spiel, bei dem sich Nelly als Nelly ausgeben soll, um an das Erbe zu gelangen, das ihr der Rest der Familie hinterlassen hat.
                  Aus dieser doch recht unkonventionellen Ausgangslage, die durchaus absurde Züge trägt, formt Petzold ein Drama, in dem er Themen wie Verdrängung und Schuld durch ein Film Noir-ähnliches Gewand filtert und in eine Geschichte verpackt, die mit Maskerade, Täuschung und Verzweiflung jongliert.
                  Parallelen zu "Vertigo" sind dabei unverwechselbar, doch Petzold lenkt das Geschehen im Vergleich zu Hitchcock´s Meilenstein aus der gegensätzlichen Perspektive. Nelly ist der titelgebende Phönix, die Sagengestalt, die aus der Asche empor steigen will und mit ihrer eigenen Identität hadert, welche in diesem Geflecht aus zunehmender Verwirrung immer mehr zu zerbrechen droht.
                  "Phoenix" profitiert dabei ebenfalls von dem starken Schauspiel der Hauptdarstellerin Nina Hoss, die Nelly zerbrechlich und entschlossen zugleich verkörpert, sowie Ronald Zehrfeld in der Rolle des überforderten Ehemannes.
                  Auch wenn Petzold´s Werk bisweilen zu stark an der staubigen Fernsehfilm-Ästhetik kleben bleibt und sein Konzept in der Praxis oftmals sehr kühl und verkopft wirkt, ist "Phoenix" ein faszinierender und intelligenter Film, der sein abgenutztes Setting kühn verwendet und mit erzählerischer Frische glänzt.
                  Als Abrundung gibt es außerdem eine erstaunliche Schlussszene, die das Werk optimal beschließt.

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                  • 6 .5

                    [...] Wo dieser Umstand auf dem Papier eindeutig auf „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ verweist, nimmt Christian Petzold dem renommierten Stoff das Begehren, die Körperlichkeit, und inszeniert eine Parabel um den damalig in Deutschland anvisierten Zwang schnellstmöglich zu vergessen: Dass Johnny seine Nelly nicht als diese erkennt, reflektiert treffend den Verdrängungsmechanismus jener Tage, um in der psychologischen Wechselwirkung das Bewusstwerden vehementer zu schüren: Wer verleugnen möchte, realisiert umso heftiger. Nelly selbst muss sich irgendwann die Frage stellen, ob es überhaupt noch eine Möglichkeit gibt, wieder zu dem Menschen zu werden, der sie einmal war, oder ob die äußere Formung ihrer Identität von nun an in den bestimmenden Händen ihres sozialen Umfelds lagert. „Phoenix“ beschreibt eine Geisterbeschwörung inmitten von Geröll, gleißendem Rot, flutendem Licht und dem schmalen Grat, den Prozess des Akzeptierens in die schiere Selbstauflösung abrutschen zu lassen.

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                    • 4
                      Underdog123 30.03.2015, 01:43 Geändert 30.03.2015, 02:13

                      gute grundidee bzw story, jedoch falscher ansatz; plakativ-unauthentisch. mich hats nicht berührt...
                      filmkulisse kennt man schon, all zu oft gesehen, ausgelutscht...
                      ...nur nina kunzendorf spielt authentisch-überzeugend

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                      • 4

                        [SPOILER ] Für mich auch absolut unglaubhaft, die eigene Ehefrau nicht wiederzuerkennen. Er lebt mit ihr zusammen, sieht sie aus der Nähe und hört ihre Stimme.

                        Keine Ahnung, der Film verpufft und erreicht mich nicht.

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                        • Der Film stammt von einem Buch, welches es soweit ich weiß nur auf französisch gibt. Weiß zufällig jemand den deutschen Titel ? Bin verzweifelt auf der Suche. Der Autor soll wohl Hubert Monteilhet sein. Wenn jemand was weiß, bitte bescheid sagen ! ;)

                          • 6 .5

                            Mit den Inhaltsangaben, die andere Kommentatoren so schreiben, hat dieser Film geradezu gar nichts zu tun. Ich glaube, die waren in einem anderen Film - vielleicht in "Mission impossible"? PHOENIX ist zwar ein Kunstfilm im Sinne, dass nicht jede Gefühlregung und Reaktion der handelnden Personen hunderprozentig zu verstehen ist (Wer hat je Romeo und Julia verstanden?) aber es ist auf keinem Fall die Nazi-Exploitation, die manche Kritiker darin erkennen wollen. Ich finde den Film unbedingt sehenswert. Wenn auch nicht für Jeden und nicht für jede Stimmung. Das Nachkriegsdeutschland ist schon sehr häßlich geschildert. Mann weiss nicht, vor wem man mehr schaudern soll: vor den gewaltttätigen Luden am Ami-Club? Vor den Soldaten am Check-Point? Vor der diktatorischen Haushaltshilfe?

                            Und wenn sie nicht böse sind, dann sind sie traurig, weil sie, wie Nelly, zu viel verloren haben, um einfach weiter zu machen. "Horst ist tot. Mein Sohn ist tot" sagt Nellys Cousin zur Begrüßung auf dem Bahnsteig. Wie traurig ist das denn wohl? Da wundert es nicht, dass Lena sich schließlich erschießt. Es war zu viel Leid.

                            Mehr zum Film unter http://friendly101.blogspot.de/2014/10/phoenix.html

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                            • 6

                              Leider ist die Geschichte viel zu dünn für 98 Minuten und ein bisschen zu unplausibel. In einem Film wie Petzolds Yella, passt die sparsame Stil und offene Endung. Hier spielt eine einfache post-Krieg Geschichte und behauptet realistischer zu sein.
                              Für mich war es sehr enttäuschend.

                              • 10

                                Toller Film des Dreamteams Petzold/Hoss, starke Geschichte, klasse Darsteller, elegante Inszenierung und ein geniales Ende. Ganz großes Kino, Qualität made in Germany !

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                                • 8 .5

                                  Nelly, eine KZ-Überlebende (unglaublich eindrucksvoll Nina Hoss) muss mit einem neuen Gesicht die Überlebenden ihrer jüdischen Familie treffen. Ihre Freundin Lene von der Jewish Agency (gnadenlos konsequent Nina Kunzendorf) hilft ihr dabei. Nelly will nur zu ihrem Ehemann Johnny (Ronald Zehrfeld), der sie nicht wiedererkennt. Er hatte sie damals an die Nazis verraten und will jetzt an ihr Geld. Nelly besitzt eine offizielle Scheidungsurkunde. Es beginnt ein Versteckspiel, das Nelly um ihrer Liebe willen mitmacht und aus dem auch Johnny nicht aussteigen will. Man fragt sich ‘Erkennt er seine Frau wirklich nicht?‘ Keine der beiden kommt aus der Deckung, obwohl man es immer wieder erwartet. Als es Lene nicht gelingt, Nelly zur Übersiedlung nach Israel zu überreden, beschließt sie ihren eigenen Umzug (Sie hat genau wie Nelly einen Revolver!).
                                  Beim Familientreffen fällt auf, dass keiner nach dem Aufenthalt im KZ fragt. Am Ende gibt es dann ganz großes Kino: Nelly war Sängerin, Johnny Pianist. Sie treten für die Verwandten noch einmal auf. Johnny erkennt Nelly endlich nicht nur am Gesang, sondern in ihrer eintätowierten KZ-Nummer. Danach verlässt Nelly wortlos den Raum, geht symbolisch ins gleißende Sonnenlicht. Man erwartet einen Schuss. Es fällt aber keiner. Man glaubt ihn zu hören.
                                  Christian Petzold taucht das zerstörte Berlin in Farbschattierungen mit besonders viel Rot, was eine dichte Atmosphäre vermittelt, zugleich aber auch eine künstliche Umgebung schafft. Hier wird titelgemäß Nelly wieder neugeboren, Johnny traf sie in der Phoenix Bar.
                                  Eine Identitätssuche aus der Zeit nach 1945 mit einem Ausgang, den jeder Zuschauer für sich selber finden muss.

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                                  • 9

                                    SPOILERWARNUNG

                                    PHOENIX handelt vom Verlust, vom Verlust der Würde, vom Verlust der Liebe, vom Verlust des Gewohnten, aber es ist auch ein Film über Gedächtnisverlust, Gesichtsverlust, Identitätsverlust. Nelly befindet sich in einer Situation, die undenkbarer kaum sein könnte: sie hat den Holocaust überlebt, kommt körperlich verunstaltet, seelisch verkrüppelt zurück in eine zertrümmerte Welt, erkennt sich nicht im Spiegel, wird von ihrem Mann nicht erkannt und soll sich selbst spielen, gleichzeitig aber eine andere sein; oder vielmehr: die Nelly nach Auschwitz soll eine Nelly von früher spielen, eine Nelly, die es nicht mehr gibt, die es nicht mehr geben kann. Nina Hoss’ apathisches Spiel ist die adäquate Form dafür, ihr unsicherer Gang, ihre hölzernen Bewegungen, ihre erstarrte Mimik, Verlorensein und Verzweiflung, eine typisch Petzoldsche Gespensterfigur, angesiedelt mehr im Leblosen denn im Lebendigen.

                                    Auf den ersten Blick mutet es geradezu grotesk an, dass ausgerechnet ihr Mann Johnny der Einzige ist, der sie nicht erkennt. Doch Nellys Gesichtsverlust ist ein metaphorischer, ein spiegelbildlicher: PHOENIX beschreibt den Gesichtsverlust der Deutschen, Johnny selbst ist es, der sein Gesicht wahren muss, der mit seinem Verrat an ihr Schuld auf sich geladen hat, dem Gesichtsverlust droht, oder vielmehr: der sich seinen Gesichtsverlust nicht eingesteht. Um genau diesen Prozess des Erkennens aber geht es; PHOENIX beschreibt eine Bewusstwerdung. Zunächst ist er auf bestem Wege, die Schuld aus seinem Bewusstsein zu tilgen. Für ihn existiert seine Frau nicht mehr, sie darf nicht existieren, denn ihr Dasein ist nicht zu trennen von seiner Schuld. Johnny will nichts davon wissen, dass sie noch lebt, noch leben könnte. Daher kann er, darf er sie auch nicht erkennen, er verbietet es sich, sie zu erkennen, auch wenn sämtliche Indizien etwas anderes sprechen.

                                    PHOENIX redet darüber, worüber nicht geredet wurde, was nicht sein durfte, was die Deutschen verdrängen mussten, es ist ein Film über das Nichtsehen-, das Nichtwissen-, das Nichterinnernwollen. Was in den Lagern geschah, das will niemand wissen, versichert er ihr nachdrücklich. Niemand wird danach fragen. Auch Nelly will nicht alles wissen, etwa nichts davon, dass ihr Mann sie verraten hat. Das Glück hat Vorrang, die Zukunft – natürlich. Mit den Mitteln des film noir reflektiert Petzold die psychologische Situation der Deutschen nach 1945, in der die Menschen den Holocaust durch Verschweigen und Verdrängen zu vergessen, ihn aus ihrem Gedächtnis zu löschen suchten. Denn wie sollte unter dieser Bürde das Neue entstehen? Vor ihren Augen aber, da stehen sie, die Überlebenden, die Zeugen für das, wofür niemand Zeugen haben will. Und wenn doch jemand nach den Lagern fragt, so gibt Johnny ihr zu verstehen, dann solle Nelly erzählen, was sie irgendwo gelesen hat, ganz so, wie man aus einem fernen Roman vorträgt. Zumutbar ist dem Otto-Normal-Verdränger nur die Nelly ohne dunkle Geschichte, die Nelly wie sie früher war, in rotem Kleid und französischen Schuhen, ja, diese Nelly will man sehen, die Sängerin.

                                    Nichtsehenwollen auf der einen Seite führt zum Nichtgesehenwerden auf der anderen. PHOENIX stellt Fragen, statt welche zu beantworten: Wie entsteht Identität? Wer erschafft unser ICH? Bin ich, nein, muss ich das sein, was andere in mir sehen, sehen wollen, mir aufzwingen? Was ist mein wahres Gesicht? Und vor allem: Wie wahre ich mein Gesicht? PHOENIX funktioniert bei all jenen Zuschauern nicht, die nicht gewillt sind, die (zugegebenermaßen schwierige) Prämisse zu schlucken, nämlich jene, dass Johnny seine Frau nach der Gesichts-OP nicht erkennt, nicht an ihrem Geruch, nicht an ihren Bewegungen, nicht an ihrer Stimme. Doch Johnnys Nicht-Sehen-Nicht-Wissen(-Wollen) ist weniger eine Prämisse als vielmehr das Thema des Films. Sie zu schlucken hieße auch, das Vergessen zu schlucken; dahingehend erklärt sich vielleicht die polarisierende Wirkung des Films.

                                    Mir jedenfalls lief am Schluss ein Schauer über den Rücken, als Johnny seine Frau endlich erkennt, erkennen muss: als Tätowierung – genau dort, wo er lediglich eine gesichtslose Narbe hinterlassen wollte – schlägt ihm die Wahrheit ins Gesicht. Nelly aber geht ins Licht, sie ist genau wie Lene nie wirklich zu den Lebenden zurückgekehrt.

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                                    • 6 .5

                                      [...]„Phoenix“ ist metaphorisches Kino, das zwischen den Zeilen gelesen werden muss. Gleichwohl ist Petzolds Kino ein Kino der Details. Das mit rotem Licht durchflutete Berlin, die zerstörten Umrisse einst prachtvoller Häuser, das Hochrutschen eines Ärmels. Allem wird Bedeutung beigemessen. Zwischen Film Noir und gefühlvollem Drama angesiedelt, kann das Schicksal der Figuren über weite Teile des Films jedoch nicht berühren. Erst zum Finale hin spielt Petzold sämtliche Karten kongenial aus und garniert „Phoenix“ mit einem Schlussbild, das sich gewaschen hat. Schuld und Sühne. Vergebung und Vergessen. Verachtung und Liebe. Die Grenze dazwischen verschwimmt und verblasst, genauso wie die Silhouette Nellys. So entlässt er den Zuschauer doch noch versöhnlich aus einem schwierigen und sperrigen Film, der sich für eine Zweitsichtung geradezu anbietet.

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                                      • 7 .5

                                        [...] Klar ist der historische Rahmen präsent, schließlich beeinflusst er ja das gesamte innere Leiden von Nelly, doch er bleibt genauso funktional wie die behutsame Dramaturgie des Ganzen, aus dem die Nachvollziehbarkeit für die Figuren noch markanteren Raum erhält - mit aller natürlicher (und doch kurzweilig/pragmatisch geschnittener) Stille, durchgehend darin wirkender, verlorener Identitäten packend. Ein spannendes schnörkelloses Stück Kino, so subtil und doch treffend-empathisch, dass es letzten Endes selbst mit der vorhersehbarsten Fassungslosigkeit der Offenbarung und der gleichzeitigen, doppelbödigen Reinkarnation messerscharf ins Herz dringt.

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                                          [...] Christian Petzold taucht tief in die Kinogeschichte ein. PHOENIX ist ein Neo-Trümmerfilm, der das leistet, was der klassische Trümmerfilm niemals gemacht hat: nämlich jüdisches Leiden ohne wenn und aber zu zeigen. Der Film endet wie der Beginn des ersten deutschen Nachkriegsfilms DIE MÖRDER SIND UNTER UNS: Eine Frau kehrt aus einem Nazi-Konzentrationslager zurück - und sieht dabei aus, als käme sie erfrischt aus einem Parisurlaub.
                                          Was 1946 völlig ernsthaft gemeint war, enthüllt Petzold als inszenierte Maskerade. Denn wir haben gesehen: Die KZ-Überlebende Nelly kehrte seelisch und zunächst auch körperlich verkrüppelt zurück. Sie wurde nicht mit offenen Armen empfangen, sondern bestenfalls angeraunt, wann sie denn endlich nach Palästina reise. Und nach ihrer Leidensgeschichte hat sie niemand gefragt: Zu sehr waren die Deutschen damit beschäftigt, über den Buttermangel zu jammern. [...]
                                          Petzold bietet auch großes Melodrama: ein Film der ganz großen Gefühle, die unterdrückt werden müssen - bei Nelly, damit die Maskerade nicht auffliegt, und bei Johnny, damit er seine Schuld nicht einzugestehen braucht. Man sieht diese Gefühle als Zuschauer nicht immer, aber man spürt und denkt sie (im Grunde die Essenz der "Neuen Berliner Schule"). [...]

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                                          • 5 .5

                                            [...] toll gespielt von Hoss und ihrem Co-Star Ronald Zehrfeld, welche einige melodramatische Dellen ausbügeln können. Schade, dass der Schluss des Guten zu viel ist und der Zuschauer dann doch etwas zähneknirschend das Kino wieder verlässt.

                                            • 6

                                              So brillant Petzolds Filme sein können, wenn sie in zeitgenössischen Kontexten angesiedelt sind, so sehr beißt sich Petzolds konstruiertes, manieriertes Erzählen mit einem historischen Sujet wie hier der deutschen Nachkriegszeit. So ist Phoenix ein ambitionierter und spannender Film, der aber auch die Grenzen des Petzoldschen Stils aufzeigt.

                                              • 8 .5

                                                Petzold inszeniert mit Phoenix auf der Basis der Romanvorlage „Le retour des cendres“ von Hubert Monteilhet aus dieser psychischen Zerreißprobe mit den Mitteln des Gefühls- und Spannungskinos eine grandiose, erschütternde Parabel auf „Deutschland im Jahre Null“, auf den Versuch, den Holocaust durch Verschweigen und Vergessen gewissermaßen zu löschen.

                                                1
                                                • 9

                                                  Petzold schuf mit Phoenix erneut ein Meisterwerk aus exakt sowie analytisch beobachtenden Bildern und verhalten leidenschaftlichen Figuren. Es ist wieder ein Stück deutscher Geschichtsschreibung, aber dann vor allem im atemberaubenden Finale, das ein unfassbarer Moment des Erkennens krönt, auch ein Glanzpunkt deutscher Filmgeschichte.

                                                  • 9 .5

                                                    Wie schon in Barbara bewegt sich Petzold auch in Phoenix behutsam durch das Minenfeld der Geschichte. Statt die Zeit akribisch nachzustellen, spürt er dem Zeitgefühl in den tiefen Schichten der Menschenseele nach. Nina Hoss [...] ist erneut spröde, sperrig und verschlossen, mit Geheimnissen aufgeladen – und doch ein ganz anderer Mensch. Wieder eröffnet das zurückhaltende, wunde Spiel von ihr und Zehrfeld Welten.