Stilles Licht - Kritik

DE/FR/MX/NL 2007 Laufzeit 136 Minuten, FSK 12, Drama, Kinostart 02.04.2009

  • 8

    Der Eröffnungsshot von STILLES LICHT gehört zu den beeindruckendsten der Filmgeschichte. Zunächst verweilt er ewig in der, nahezu, totalen Finsternis, nur ein paar Sterne sind zu sehen. Mit der Zeit erhellt sich das Bild und wir sehen einen Sonnenaufgang von monumentaler Schönheit. Über 6 Minuten ist diese Einstellung lang. Und genau darauf fixiert sich Carlos Reygadas : Der natürliche Tagesablauf und der Fortgang der Natur. Niemand kann sie aufhalten. Man kann die Sonne nicht vom scheinen abhalten und genauso kann man den prasselnden Regen nicht stoppen. Dasselbe gilt für die Natur des Menschen. Die Geschichte handelt von einem Mann der zwischen seiner Familie und einer Frau steht. Er liebt sie beide. Er kann seine Gefühle nicht einordnen und es führt zur Verzweiflung aller Beteiligen.Eine Katastrophe scheint unausweichlich, bis sich am Ende der Kreis schliesst.
    Es gibt im Film keine Musik und oftmals hat man das Gefühl das kein Wort gesprochen wird. STILLES LICHT verkörpert seine Wirkung nur durch seine minutenlangen Naturaufnahmen die allesamt bildschön sind und denen man gerne so lange zuschaut.
    Dazu huldigt Reygadas Regiegrößen und Altmeistern wie Ingmar Bergman oder besonders Carl Theodor Dreyer. Dazu kommt noch eine Spur von Bela Tarr die die Atmosphäre dieses mysteriösen Filmes definiert.
    Ein großartiges Werk. 140 Minuten pure Schönheit und Menschlichkeit.

    16
    • 7 .5

      Behutsam-leichtlebige und bildgewaltig-hypnotische Lebens-&-Leidensstudie, die ihre beidsam starken Pole des Glücks und der Verbitterung in durchgehender Ruhe, durch weite Felder im Bann der Natur streifend, in Gemeinsam- & Einsamkeit und im Dialog der Generationen findet.

      Ein im besten Sinne christlich-menschlicher, aber auch naturalistisch-sinnlicher Film, welcher in seiner feinfühligen Greifbarkeit des Geistes und seiner Tiefen eine cineastisch-essenzielle Stärke darstellt, die beeindruckend kompromisslos und geradlinig gefühlsbetont wirkt.

      Mein einziges Problem: *SPOILER* Das Ende ist quasi dasselbe wie bei Dreyer's DAS WORT (wobei man debattieren könnte, ob die Mutter hier nur spirituell/metaphysisch bei ihren Liebsten weiterlebt) - diese streng offensichtliche Referenz ist zwar hier in einem anderen Kontext gesetzt (die ausgleichende Gerechtigkeit & Vergebung des rahmenbildenden Universums, bei Dreyer wurde den Figuren damit ja eher eine Lektion erteilt), wirkte für mich aber allzu ablenkend. *SPOILER ENDE*

      Jetzt, wo wir das vom Tisch haben: wo bleibt "Post Tenebras Lux" vomselben Regisseur?

      2
      • 8

        Carlos Reygadas Battle in heaven fand ich ja eher... schwierig. Deshalb war ich etwas skeptisch was Stilles Licht betrifft aber der Film hat mich schon nach wenigen Minuten gefesselt und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. Der Film wirkt wie ein berauschender Mix aus Tarr, Tarkovsky, Dreyer und Bergman. Das Ganze wird in faszinierenden Bildern erzählt und die 130 Minuten vergehen wie im Fluge. Wer solchen artsy partsy Stuff mag, kommt voll auf seine Kosten.

        7
        • 9

          Es gibt Filme, bei denen es vom ersten Bild an "Klick" macht. Von denen von der ersten Sekunde eine riesige Faszination ausgeht; die einen sofort mit offenem Mund am Rande des Stuhls sitzen lassen, und nicht müde im Sessel zurückgelehnt. Bei denen also ein "wow" - Effekt von Beginn weg vorhanden ist. "Stellet Light" ist so ein Film; schon der Anfang lässt einen wissen: Das hier ist etwas absolut Besonderes. Augenöffnendes. Man getraut sich nicht, zu atmen.
          Erzählt wird eine so einfache Geschichte, und doch handelt sie von so Vielem. Neben Liebe zum Beispiel von Glaube, Schuld, Vergebung, Tradition, Natur, Tod. Jede Einstellung ist mit extremer Sorgfalt komponiert worden. Und die Authentizität: selten so gesehen. Was nicht heisst, dass es ein hyperrealistischer Film ist. Aber wir riechen den Wind, fühlen das Wasser, hören das Gras. Als es zu einem Wolkenbruch kommt, fängt mir in echt an zu frösteln. Nicht nur wegen dem Wolkenbruch; auch wegen dem, was dabei passiert.
          Ein Film in zwei Akten, die ähnlich aufgebaut sind, aber jeweils woanders hinführen. Es gibt viel zu analysieren, Verbindungen aufzuweisen etc., aber insgesamt sind Gefühl und Verstand zu genau gleichen Teilen involviert.

          4
          • 9

            6 Minuten Nacht und Sonnenaufgang, eine Familie am Frühstückstisch, ein Uhrenticken, ansonsten absolute Stille... "Amen", sagt Vater Johan, Löffel und Schüsseln treffen nun hörbar aufeinander, leise Worte fallen unter den Familienmitgliedern - STELLET LICHT beginnt ein zweites Mal.
            Keine Frage: Carlos Reygadas ist ein Regisseur, der die Natur, die Zeit, den Raum, die Totalität ernst nimmt. Jemand, der keine Geschichten erzählt, sondern Fragen stellt. Jemand, der einem vermeintlichen Seifenoper-Szenario eine ungeahnte Tiefe verleiht.
            Nobody said it was easy - Familienvater Johan hat mit seiner Frau Esther 6 Kinder, liebt aber auch (!) eine andere: Marianne. Es gibt keine Heimlichtuerei, beide Frauen sind über die Situation im Bilde - und hier beginnt der Film, sich abzuheben.
            Mangelnde Kontrolle über das intensivste, aber auch verklärteste aller menschlichen Gefühle hindert das Leben und Lieben neben- und miteinander selbst beim Willen aller Beteiligten zur Harmonie: "Peace is stronger than love.", Liebe als undurchdringbarer Kosmos, das schmerzhafte Entweder-Oder/der Kompromiss als vielleicht unvermeidlicher Schlusspunkt, der Mensch als polygames Wesen, dem ausgerechnet sein vermeintlicher Vorteil - seine Vernunft, seine Regeln, seine Ordnung - am Glücklichsein hindert. Der Friede, die Liebe letztendlich nur im Tod.
            War der Vorgängerfilm des Mexikaners BATALLA EN EL CIELO noch einen Tick zu verkrampft auf Arthouse getrimmt, überzeugt STELLET LICHT durch inszenatorische Souveränität sowie verbesserte Charakterzeichnung und Reygadas entwickelt sich geradezu zu einem modernen Poeten: Stellvertretend hierfür steht eine Szene, in der Johan und Esther im strömenden Regen auf einer Landstraße unterwegs sind, Esther aussteigen möchte, weil ihr schlecht ist, sie Johan bittet, nicht mitzukommen, dann aber doch so tut, als wäre er da ("Mir ist kalt, Johan.") - und schließlich an einem Baum zusammenbricht; ein Vorbeifahrender, der helfen möchte, fragt schließlich: "Did you crash?"
            Allein dieser Ausschnitt steht stellvertretend für Reygadas' ansprechende, obgleich nicht immer auf den ersten Blick durchdringbare Methaphorik und auch als Gesamtpaket ist STELLET LICHT absolut schlüssig (der Sonnenuntergang als letzte Sequenz schließt den Kreis).
            Die Namensgebung Reygadas' Charaktere erinnert an Bergman, visuell hat er sich von Tarkovsky und anderen Ästheten der Langsamkeit unverkennbar so einiges abgeschaut - nein, revolutioniert hat der Mann das Medium Film (bis jetzt noch) nicht, und dennoch sei er jedem ans Herz gelegt, der mal "etwas anderes" sehen möchte, ausreichend Sitzfleisch mitbringt - und das Risiko eingeht, nicht immer eine Antwort zu bekommen.

            12
            • 10

              "Dieser Film ist nicht kurz und er ist nicht schnell. Es gibt keine Filmmusik, Umgebungsgeräusche scheinen schonungslos realistisch zu sein und wenn eine Hymne gesungen wird, ist es kein Lied, sondern ein Klagelied. Der Rhythmus des Films drängt
              sich einem auf. Interessant, wie ein langsamer und tiefgründiger Film uns absorbieren, ein schneller und oberflächlicher uns ermüden kann." - Roger Ebert, Chicago Sun Times

              "All the scenes shine with a visual and emotional brilliance." – Time

              "Reygadas' genius makes every moment sacred." – Le Monde

              "The characters seem to be illuminated from the inside." – Manohla Dargis, New York Times

              In "Stellet Licht" von Carlos Reygadas ist tatsächlich jeder Moment heilig, die Charaktere von einer derartigen Erhabenheit und Schönheit, dass es schwer ist Worte zu finden. In diesem Film ticken die Uhren anders, langsamer, stiller als sonst. Er lässt sich Zeit, für alles. Die Kamerafahrten, die Gespräche, das Betreten eines Feldes, das Öffnen einer Bluse, das Küssen einer Frau... alles hat seinen ganz eigenen Rhythmus in diesem Film. Es ist der Rhythmus der Stille, der Langsamkeit und Getragenheit. Lässt man sich auf ihn ein, wird bald jeder Schnitt, jeder Lärm unerträglich.

              "Stellet Licht" ist ein leiser Film voller Demut. Er begegnet dem einfachen religösen Leben mit Respekt ohne es zu verherrlichen. Er zeigt das gute Leben ohne die damit verbundenen Konflikte auszublenden. Wir werden Zeuge eines von Selbstzweifeln und Gewissensbissen gequälten Johan, der, wenn er weint, nicht mehr und nicht weniger ist als ein unschuldiges Kind. Als liebevoller Ehemann gehört sein Herz einer anderen. Er liebt mit jeder Faser seines Körpers. Und mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft versucht er, gegen genau diese Liebe anzukämpfen. Die Angst, die wahre Liebe zu verlieren, ist hier ebenso groß wie die Angst, geliebte Menschen zu verletzen. Es gibt hier kein richtig und falsch, kein gut und böse. Es gibt nur Schweigen, Beten, Nachdenken. Die Charaktere in diesem Film wirken wie Heilige. Sie begegnen sich mit einem derartigen Respekt, dass man vor Freude fast weinen könnte. Es gibt in diesem Film keine Vorwürfe, Verurteilungen oder Beschuldigungen. Es gibt nur Hoffnung, Verzweiflung und Mitgefühl. "Stellet Licht" zeigt den Menschen in seiner unauflöslichen inneren Zerissenheit. Er zeigt ihn mit all seinen Widersprüchen, Unklarheiten und Ambivalenzen. Und er versucht nicht, diese Widersprüchlichkeit künstlich aufzuheben. Er lässt sie stehen, auch wenn es wehtut. Es gibt Situationen im Leben, in denen es kein richtig und falsch, kein gut und böse gibt, in denen man einfach nur seinem Herzen oder seinem Verstand folgen muss, und es am Ende vielleicht doch nicht kann...

              "Die schlichte und weder erhebende noch niederdrückende, aber allerdings in ehrfürchtige Pflicht nehmende Wahrheit ist, daß der 'eigentliche Mensch' seit je da war – in seinen Höhen und Tiefen, in seiner Größe und seiner Erbärmlichkeit, seinem Glück und seiner Qual, seiner Rechtfertigung und seiner Schuld – kurz, in aller von ihm unzertrennlichen Zweideutigkeit. Diese selbst beheben wollen heißt den Menschen in der Unergründlichkeit seiner Freiheit aufheben wollen." - Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung

              Carlos Reygadas' "Stellet Licht" ist ein bedrückendes und erhebendes Meisterwerk, das tiefe Spuren hinterlässt und Dinge offenlegt, die sonst unsichtbar bleiben. Es braucht Zeit, sich darauf einzulassen. Tut man dies aber, sieht man die Welt bald mit gänzlich anderen Augen. Schön, dass es diesen Film gibt.

              3
              • 4 .5

                Dafuq did I just watch

                • 10

                  Habe ihn erst Anfang 2010 gesehen und er gehört für mich zum beeindruckendsten, was die Filmbranche in den letzten Jahren gebracht hat.

                  • 8 .5

                    ...Vielfach setzt Regisseur Reygadas auf Naturaufnahmen, um sein Thema zu verdeutlichen. Den gesamten Film umschließt eine Rahmung. Zu Beginn gleitet die Kamera sehr sacht vom Sternenhimmel auf die Erde hinunter, wo gerade die Sonne aufgeht, beschlossen wird der Film vom Sonnenuntergang und die Rückkehr zu den Sternen. Während dieser Aufnahmen sind die Geräusche der Welt zu hören, vor allem die Stimmen der Tiere, vielleicht auch von Menschen. Reygadas bringt seine Zuschauer direkt hinein in das Dilemma Johans, der sich zwischen den beiden Frauen nicht entscheiden kann. Die Entstehung seiner Affäre mit Marianne wird nicht gezeigt. Verbunden mit der Einführung, wird Johans Dilemma zu einem allgemeinen Zustand der Menschen erklärt, ein alltägliches Problem auf der Welt, das das Leben der Menschen bestimmt. Es geht im Grunde genommen um die Tatsache, dass der Mensch zu wenig Überblick und Einsicht hat, um die richtigen Entscheidungen für sein Glück und das seiner Lieben treffen zu können. Noch fundamentaler eigentlich wird der freie Wille an sich in Frage gestellt. Selbst wenn der Mensch ihn besäße, ist er doch so unfrei, dass er kaum Handlungsspielraum hat. Dies wird deutlich an den vielen Bildern des Ackerbaus und der kultivierten Pflanzen. Zwar formen die Menschen die Natur und leben von ihr, doch sind sie ihr untertan. Das Wetter, das Wachstum der Pflanzen, die Jahreszeiten – diese Dinge bestimmen ihr Leben. Hier können die Menschen nicht eingreifen. Johan trifft keine Entscheidung und was immer er täte, es wäre falsch, denn es würde Liebe zerstören. ...

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                    • 7 .5

                      Die Welt, die er entwirft, ist keine heimelige, vertraute, sondern eine, in der die Formen zu alttestamentarischer Klarheit streben und sich in streng komponierte Mustern organisieren. Den blau funkelnden Himmel, der nur am Horizont bedeckt ist mit Wolken, die aussehen wie gemalt (nur einmal verschwindet das Blau des Himmels und es fängt an zu regnen; der Regen hat dann zwangsläufig die Wucht einer Sintflut) sowie die satten Farben der Hügel und Täler mag es im Norden Mexikos tatsächlich genau so geben. Aber dass diese Welt sich in spiegelbildliche Symmetrien fügt, das ist alleine Reygadas' Werk.

                      • 9 .5

                        Mit Sicherheit einer der fremdartigsten, schönsten und berückendsten Filme des noch jungen Kinojahres 2009.

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                        • 8

                          "Stellet Licht", uraufgeführt 2007 in Cannes und dort mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, ist der vielleicht bislang sublimste, anrührendste und poetischste Film des mexikanischen Regisseurs Reygadas, der diesmal auf so explizite, halbpornografische Sexszenen verzichtet, wie er sie den Zuschauern seines letzten Werks "Battle in Heaven" zumutete. Diesmal versteht er sich auf die hohe Kunst des Andeutens und fasziniert mit Landschaftspanoramen von betörender Schönheit.

                          • 10

                            Dieser Film ist nicht kurz und es ist nicht schnell. Es gibt keine Filmmusik, Umgebungsgeräusche scheinen schonungslos realistisch zu sein und wenn eine Hymne gesungen wird, ist es kein Lied, aber ein Klagelied. Der Rhythmus des Films drängt sich einem auf. Interessant, wie ein langsamer und tiefgründiger Film uns absorbieren, ein schneller und oberflächlicher uns ermüden kann.

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