Witzige und gleichzeitig realitätsnahe "Aufarbeitung" der Paarbeziehung. Das absolute Meisterwerk sehe ich in "Tisch und Bett" nicht, ein guter Film ist Truffaut aber auch hier gelungen.
Gestern stürzte ich mich auf Truffauts "Domicile conjugal". Ich ahnte noch nicht, dass ich mich verlieben würde, doch das einmalige Kinogespann um Truffaut, Léaud und Claude Jade vollbrachte es innerhalb von Minuten den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Das Schwarz-Weiß aus "Les quatre cents coups" ist dem strahlenden Eastmancolor gewichen und lässt allen Ballast zurück. Dieser Film ist die vollendete Leichtigkeit. Wie ein Kind tobt sich Truffaut hier aus und erzählt in einer fast episodenhaften Struktur von Antoines (Jean-Pierre Léaud) Leben als jungem Erwachsenen. Dieser, mittlerweile verheiratet mit seiner Jugendliebe, der bildhübschen Christine (Claude Jade), ist noch immer ganz der Träumer, der nicht weiß, wohin ihn das Leben treibt, der sich nicht anpasst, der zitiert, dichtet und so gedankenverloren ist, wie der Film selbst.
Ein Film, wie der naive Tagtraum eines jungen Verliebten, den Truffaut mit den langen Beinen seiner Hauptdarstellerin beginnt. Er weiß genau, was für die Kamera bestimmt ist und erhält dabei doch den Eindruck, alles passiere ganz von alleine, so als müssten wir uns glücklich schätzen genau in diesem Augenblick zuzuschauen. Ginge es nur um die Handlung, Antoine betrügt Christine mit einer Japanerin, so könnte man einige Momente sicherlich streichen, doch zum Glück ist "Domicile conjugal" mehr als eine Reise von A nach B, er ist mehr wie ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben und das verläuft in den seltensten Fällen nach einem klaren Schema.
Zauberhaft hell und leicht. Truffaut setzt konsequent zeitlos die "gestohlenen Küsse" fort, bittersüß und die Poesie der Prosa vorziehend: Claude Jade und Jean-Pierre Léaud, seine 1968 lebendig gewordenen Lebensabbildungen idealisierter Entwürfe und zugleich seine vorläufig beständigen Prognosen, versuchen sich hier in der bürgerlichen Ehe. Der Zauberer Truffaut liefert zwei Jahre nach dem Pariser Mai in einem skurrilen und bei aller Ironie stets zärtlichem Panoptikum ein Lösungsmodell; es ist hier das [zumeist komische] Gespenst der rettenden Flucht in die bürgerliche Ehe.
Caude Jade, seine hier eindeutige Heldin und den Anachronismus Antoine Doinel verdrängende Muse, verweist bereits zu Beginn die Marktverkäufer darauf, dass sie nicht mehr als Mademoiselle sondern als Madame angesprochen werden will und ihr Mann färbt im Hinterhof Blumen auf der Suche nach dem absoluten Rot; weiße Nelken, von denen eine immer ihre ursprüngliche Farbe behält, bis sie bei einem Experiment verbrennen. Nach etlichen (Ehe)alltags-Miniaturen kommt nach dem absoluten Rot [die Farbe, die Christine schon im Vorgängerfilm trug] die Farbe Gelb ins Spiel in Gestalt einer nie lächelnden Mademoiselle Butterfly ("kyoko ist keine andere Frau, Kyoko das ist...ein anderer Kontinent"). Und als ihr Vater ihrem Mann eine gelbe Badeente schenkt, weiß Christine, dass Antoine für leblose Dinge nichts übrig hat obgleich er überhaupt nichts gegen die Farbe Gelb hat.
Was macht nun Claude Jade, die Frau mit den laut New York Times schönsten Augen des Jahres 1970, in einem Akt der verzweifelten Annäherung zur wahren Butterfly? Sie steckt sich lange Stäbe ins Haar, zieht sich einen Kimono an und schminkt sich als Geisha. Dabei will Antoine vielleicht nur, dass sie nach der Bettlektüre im Schlaf ihre Brille aufbehält.
Großes Kino und für jeden, der am Kino interessiert ist oder sich sogar cinephil [kinobegeistert] nennt, bleibt "Tisch und Bett" auch über die folgenden Jahrhunderte für alle Zeiten Pflicht und Kür zugleich.
François Truffauts "Kinder" Jean-Pierre Léaud und Claude Jade spielen das Lösungsmodell Ehe durch. Das ist lustig, dramatisch, leicht, originell und immer wieder ein zeitloses Vergnügen.
Wer sich für das französische Kino und Truffaut interessiert, der muss Tisch und Bett gesehen haben. Dieses zeitlose Ehedrama spricht von den grundlegenden Ängsten in einer Beziehung, aber ist trotz seiner Thematik der scheiternden Ehe von solch einer Leichtigkeit durchdrungen, dass er immer wieder Freude macht.
"Die einzige Lösung ist das Paar!" Diesen Versuch spielt Truffaut mit seinen Helden Jean-Pierre Leaud und Claude Jade so leicht galant durch, dass über die verspielte Alltäglichkeit fast die meisterhafte Machart übersehen wird. Aber eben nur fast. Und das wiederum ist Kino! Der vielleicht beste Truffaut.
Ein Ehefilm voller Leichtigkeit, von zeitlosem Charme, mit wunderbaren Alltagsminiaturen und einer bezaubernden Claude Jade als bessere Hälfte eines der langlebigsten Paare des Kinos.
Henri Langlois, der nicht nur aus politische und historischen Gründen "wichtigste Filmliebhaber aller Zeiten" und Begründer der "Cinémathèque française", bat 1968 nach der Premiere der ihm gewidmeten "Geraubte Küsse" François Truffaut um eine Fortsetzung. Er würde gern sehen, wie es mit Jean-Pierre Léaud und Claude Jade weitergeht. Zwei Jahre später entstand dieses kleine, feine Meisterwerk, den Vincent Canby (New York Times) als "most loveliest, most intelligent movie we'll see in all of 1971" lobte.
Einfallsreich und ironisch wird der Ehealltag von der hinreißenden Farbphotographie Néstor Almendros' bebildert. Wir folgen Claude Jades Beinen auf den pittoresken Pariser Hinterhof vorbei an skurrilen Hausbewohnern und ins Treppenhaus mit den sonderbaren Nachbarn. Und auch in diese schnell vertraute riesige Wohnung, in der bald aus sich öffnenden Tulpen kleine Zettel mit Botschaften der japanischen Geliebten des Traumtänzers Antoine fallen ("Wenn ich Selbstmord begehen würde, dann am liebsten mit dir"). Die Szene, in der Claude Jade - herzzerreißend als Geisha verkleidet - hinter einem Tischchen kniend den heimkommenden Gatten erwartet, ist legendär. Ernst Lubitsch grüßt aus der sanftesten Nähe, wenn Claude Jade anschließend ihre Unterwäsche im Geigenkasten versteckt.
Der Film hätte mit dem Ehebruch ein Drama werden können, doch Truffaut nutzt das ganze komische Potenzial des Paares, ohne es jeh lächerlich zu machen. Ein Film, der Kommunikationsmittel fein analysiert und schließlich auch den ersten Schritt zur Versöhnung nicht das Paar untereinander ausmachen lässt, sondern durch zwei parallele Diskussionen: jene von Antoine mit einer Kollegin und jene von Christine mit ihrer Nachbarin. Woody Allen fand an dieser Szenenfolge so viel Gefallen, dass er sie für "Annie Hall" übernahm. Habe "Tisch und Bett" zuletzt im Februar 2008 während der Berlinale im Berliner "Lichtblick" gesehen. MEIN ABSOLUTER LIEBLINGSFILM.
Tisch und Bett - Kritik
IT/FR 1970 Laufzeit 93 Minuten, FSK 6, Komödie, Drama
Kommentare (8) — Film: Tisch und Bett
Kommentar schreibencannibal83 2010/10/05 17:57:19
Kommentar löschenWitzige und gleichzeitig realitätsnahe "Aufarbeitung" der Paarbeziehung. Das absolute Meisterwerk sehe ich in "Tisch und Bett" nicht, ein guter Film ist Truffaut aber auch hier gelungen.
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sknoke 2009/07/09 14:14:00
Kommentar löschenGestern stürzte ich mich auf Truffauts "Domicile conjugal". Ich ahnte noch nicht, dass ich mich verlieben würde, doch das einmalige Kinogespann um Truffaut, Léaud und Claude Jade vollbrachte es innerhalb von Minuten den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Das Schwarz-Weiß aus "Les quatre cents coups" ist dem strahlenden Eastmancolor gewichen und lässt allen Ballast zurück. Dieser Film ist die vollendete Leichtigkeit. Wie ein Kind tobt sich Truffaut hier aus und erzählt in einer fast episodenhaften Struktur von Antoines (Jean-Pierre Léaud) Leben als jungem Erwachsenen. Dieser, mittlerweile verheiratet mit seiner Jugendliebe, der bildhübschen Christine (Claude Jade), ist noch immer ganz der Träumer, der nicht weiß, wohin ihn das Leben treibt, der sich nicht anpasst, der zitiert, dichtet und so gedankenverloren ist, wie der Film selbst.
Ein Film, wie der naive Tagtraum eines jungen Verliebten, den Truffaut mit den langen Beinen seiner Hauptdarstellerin beginnt. Er weiß genau, was für die Kamera bestimmt ist und erhält dabei doch den Eindruck, alles passiere ganz von alleine, so als müssten wir uns glücklich schätzen genau in diesem Augenblick zuzuschauen. Ginge es nur um die Handlung, Antoine betrügt Christine mit einer Japanerin, so könnte man einige Momente sicherlich streichen, doch zum Glück ist "Domicile conjugal" mehr als eine Reise von A nach B, er ist mehr wie ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben und das verläuft in den seltensten Fällen nach einem klaren Schema.
3 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Antworten
Felixco 2009/06/10 01:44:11
Kommentar löschenZauberhaft hell und leicht. Truffaut setzt konsequent zeitlos die "gestohlenen Küsse" fort, bittersüß und die Poesie der Prosa vorziehend: Claude Jade und Jean-Pierre Léaud, seine 1968 lebendig gewordenen Lebensabbildungen idealisierter Entwürfe und zugleich seine vorläufig beständigen Prognosen, versuchen sich hier in der bürgerlichen Ehe. Der Zauberer Truffaut liefert zwei Jahre nach dem Pariser Mai in einem skurrilen und bei aller Ironie stets zärtlichem Panoptikum ein Lösungsmodell; es ist hier das [zumeist komische] Gespenst der rettenden Flucht in die bürgerliche Ehe.
Caude Jade, seine hier eindeutige Heldin und den Anachronismus Antoine Doinel verdrängende Muse, verweist bereits zu Beginn die Marktverkäufer darauf, dass sie nicht mehr als Mademoiselle sondern als Madame angesprochen werden will und ihr Mann färbt im Hinterhof Blumen auf der Suche nach dem absoluten Rot; weiße Nelken, von denen eine immer ihre ursprüngliche Farbe behält, bis sie bei einem Experiment verbrennen. Nach etlichen (Ehe)alltags-Miniaturen kommt nach dem absoluten Rot [die Farbe, die Christine schon im Vorgängerfilm trug] die Farbe Gelb ins Spiel in Gestalt einer nie lächelnden Mademoiselle Butterfly ("kyoko ist keine andere Frau, Kyoko das ist...ein anderer Kontinent"). Und als ihr Vater ihrem Mann eine gelbe Badeente schenkt, weiß Christine, dass Antoine für leblose Dinge nichts übrig hat obgleich er überhaupt nichts gegen die Farbe Gelb hat.
Was macht nun Claude Jade, die Frau mit den laut New York Times schönsten Augen des Jahres 1970, in einem Akt der verzweifelten Annäherung zur wahren Butterfly? Sie steckt sich lange Stäbe ins Haar, zieht sich einen Kimono an und schminkt sich als Geisha. Dabei will Antoine vielleicht nur, dass sie nach der Bettlektüre im Schlaf ihre Brille aufbehält.
Großes Kino und für jeden, der am Kino interessiert ist oder sich sogar cinephil [kinobegeistert] nennt, bleibt "Tisch und Bett" auch über die folgenden Jahrhunderte für alle Zeiten Pflicht und Kür zugleich.
2 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Antworten
Bennilein 2009/03/22 23:23:31
Kommentar löschenHinreißendes Kino - in seiner reinsten Form. Ein Film, an dem sich nahezu alle anderen messen lassen MÜSSEN.
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Framboise 2008/12/13 12:09:33
Kommentar löschenFrançois Truffauts "Kinder" Jean-Pierre Léaud und Claude Jade spielen das Lösungsmodell Ehe durch. Das ist lustig, dramatisch, leicht, originell und immer wieder ein zeitloses Vergnügen.
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annaberlin 2008/10/08 10:45:29
Kommentar löschenWer sich für das französische Kino und Truffaut interessiert, der muss Tisch und Bett gesehen haben. Dieses zeitlose Ehedrama spricht von den grundlegenden Ängsten in einer Beziehung, aber ist trotz seiner Thematik der scheiternden Ehe von solch einer Leichtigkeit durchdrungen, dass er immer wieder Freude macht.
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Lars will 2008/09/02 11:07:41
Kommentar löschen"Die einzige Lösung ist das Paar!" Diesen Versuch spielt Truffaut mit seinen Helden Jean-Pierre Leaud und Claude Jade so leicht galant durch, dass über die verspielte Alltäglichkeit fast die meisterhafte Machart übersehen wird. Aber eben nur fast. Und das wiederum ist Kino! Der vielleicht beste Truffaut.
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Darbon 2008/05/02 19:10:21
Kommentar löschenEin Ehefilm voller Leichtigkeit, von zeitlosem Charme, mit wunderbaren Alltagsminiaturen und einer bezaubernden Claude Jade als bessere Hälfte eines der langlebigsten Paare des Kinos.
Henri Langlois, der nicht nur aus politische und historischen Gründen "wichtigste Filmliebhaber aller Zeiten" und Begründer der "Cinémathèque française", bat 1968 nach der Premiere der ihm gewidmeten "Geraubte Küsse" François Truffaut um eine Fortsetzung. Er würde gern sehen, wie es mit Jean-Pierre Léaud und Claude Jade weitergeht. Zwei Jahre später entstand dieses kleine, feine Meisterwerk, den Vincent Canby (New York Times) als "most loveliest, most intelligent movie we'll see in all of 1971" lobte.
Einfallsreich und ironisch wird der Ehealltag von der hinreißenden Farbphotographie Néstor Almendros' bebildert. Wir folgen Claude Jades Beinen auf den pittoresken Pariser Hinterhof vorbei an skurrilen Hausbewohnern und ins Treppenhaus mit den sonderbaren Nachbarn. Und auch in diese schnell vertraute riesige Wohnung, in der bald aus sich öffnenden Tulpen kleine Zettel mit Botschaften der japanischen Geliebten des Traumtänzers Antoine fallen ("Wenn ich Selbstmord begehen würde, dann am liebsten mit dir"). Die Szene, in der Claude Jade - herzzerreißend als Geisha verkleidet - hinter einem Tischchen kniend den heimkommenden Gatten erwartet, ist legendär. Ernst Lubitsch grüßt aus der sanftesten Nähe, wenn Claude Jade anschließend ihre Unterwäsche im Geigenkasten versteckt.
Der Film hätte mit dem Ehebruch ein Drama werden können, doch Truffaut nutzt das ganze komische Potenzial des Paares, ohne es jeh lächerlich zu machen. Ein Film, der Kommunikationsmittel fein analysiert und schließlich auch den ersten Schritt zur Versöhnung nicht das Paar untereinander ausmachen lässt, sondern durch zwei parallele Diskussionen: jene von Antoine mit einer Kollegin und jene von Christine mit ihrer Nachbarin. Woody Allen fand an dieser Szenenfolge so viel Gefallen, dass er sie für "Annie Hall" übernahm. Habe "Tisch und Bett" zuletzt im Februar 2008 während der Berlinale im Berliner "Lichtblick" gesehen. MEIN ABSOLUTER LIEBLINGSFILM.
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