Uzala, der Kirgise

Dersu Uzala (1975), RU/JP
Laufzeit 142 Minuten, FSK 6, Drama, Abenteuerfilm, Kinostart 12.11.1976

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8.5 Kritiker
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von Akira Kurosawa, mit Maksim Munzuk und Yuri Solomin

Russland 1902: Ein zaristischer Offizier befreundet sich in der feindlichen Landschaft Sibiriens mit einem Nomaden, der ihm im Überlebenskampf gegen die Naturgewalten hilft. Jahre später, als der Offi zier mit einer großen Expedition wiederkehrt, bittet er den Nomaden in sein Haus, doch dieser kommt mit dem Leben zwischen den Mauern nicht zurecht.


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Kommentar — Film: Uzala, der Kirgise

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Bewertung8.5Ausgezeichnet

Sehr bedächtiger und in sich gekehrter Film Kurosawas, in dem er viele eigene Empfindungen in die Figur des Darsu Usala projeziert...zumindest war das mein Eindruck. Denn "Dersu Usala" ist der erste Film nach Kurosawas Suizid-Versuch, nach welchem er erhebliche Probleme hatte, wieder Fuss im Filmgeschäft zu fassen. In seinem Heimatland Japan hatte er sowieso nie diesen hohen Stellenwert, denn er im Rest der Welt genoss, hinzu kam, dass er mit seinem Vorgänger "Dodeskaden" einen riesen Flop landete. Auch einige US-Produktionen scheiterten, trotz exzellenter persönlicher Verbindungen nach Hollywood, ziemlich kläglich. All dies ließ ihn wohl so sehr Verzweifeln (er litt aber auch Zeitlebens am Suizid seines Bruders), dass er sich das Leben nehmen wollte, was glücklicherweise nicht gelang. Durch das scheitern dieses Vorhabens war Kurosawa in seinem Heimatland aber endgültig gebrandmarkt, da Suizid zwar dort gesellschaftlich akzeptiert ist, ein unvollendeter Selbstmord jedoch das gesellschaftliche Aus bedeutet, damals noch stärker als heute. Letztendlich war es die Sowjetunion, die Akira Kurosawa die finanziellen Mittel bereitstellte und ihm eine Rückkehr ins Filmgeschäft ermöglichte. Um kurz noch auf den Suizid-Versuch Kurosawas einzugehen, da dieser manchem vielleicht übertrieben erscheint. Hier ein Zitat von Kurosawa über Kurosawa, dass verdeutlicht, was diese wiederholten Niederlagen für ihn bedeutet haben müssen: "Wenn man von Akira Kurosawa seine Filme abzieht...bleibt Null".

Nimmt man all das, ist es wenig verwunderlich das "Dersu Usala" ein solch langsamer, leiser, ja fast schon lethargischer Film geworden ist, der einige exzistenzielle Fragen aufwirft, diese aber nicht geringsten versucht zu beantworten. Denn eines scheint der Film in jedem Moment zu sagen: Es ist egal! Du kannst dich wenden, du kann fortlaufen und du kannst schreien, aber der Fluss des Lebens wird dich packen, egal was du machst.
Aber nein, "Dersu Usala" ist kein deprimierender Film, sicherlich: er ist durch und durch melancholisch, aber Kurosawa scheint in dieser Resignation seine Antwort und seinen Frieden für diesen Moment gefunden zu haben. So sind Dersu und die Soldaten nur kleine Teile der Natur, nur Ameisen in diesem riesigen sibirischen Wald. Und Kurosawa zeigt all die Schönheit dieser Natur, er zeigt aber ebenso die Fratze dieser und in eben diesen Phasen des Films ist es sehr offensichtlich, dieses Egal. All die Protagonisten sind zwar Teil davon, aber nur ein Winziger, entscheidet sich die Natur den Kurs zu wechseln, werden sie mitgerissen. Filmtechnisch sei aber nochmal auf die wunderschönen Naturaufnahmen hingewiesen, da es soetwas von Kurosawa vorher noch nie zu sehen gab.
Ein weiter Kernpunkt des Films war für mich: Wie weit können sich diese beiden Pole annähern, wie sehr kann der Mensch der Natur entgegenkommen oder umgekehrt. Wie weit kann die Moderne mit der Vergangenheit einhergehen, wann entfernen sich sich automatisch voneinander. Symbol sind hier Dersu und die Soldaten...sie mögen sich, sich respektieren sich und sie helfen einander, aber sie werden nie wirklich Freunde, sind nie eins, irgendetwas tieferes trennt sie. Es ist vielleicht unpassend hier einen Rapper zu zitieren, aber ich denke es war Treach von Naughty by Nature, der sagte: "You can take me out the ghetto, but you cant take the ghetto out of me"...und das versinnbildlicht am deutlichsten was ich empfand als ich die Beziehung von Dersu und den Soldaten betrachtete. Und für mich ist dies wiederum eine Symbolik für Kurosawas damaliges Empfinden: er fühlte sich unverstanden vom Publikum und Kritikern, fühlte sich allein. Sicherlich war Sympathie von vielen Seiten da und das wusste er bestimmt auch, aber das innerste schien das Publikum nicht zu teilen oder einfach nicht zu verstehen.
Ich glaube Kurosawa kann für mich keinen schlechten Film machen (hab aber "Träume" noch nicht gesehen, der wohl eine ganz andere Baustelle ist) und auch "Dersu Usala" hat mich in keinster Weise enttäuscht. Ich war eher überrascht von der beeindruckenden visuellen Grösse, die ich von Kurosawa noch nicht kannte, welche die Taiga so wundervoll, aber auch angsteinflössend einfängt. Auch war durchaus ein russischer Einfluss in der Bildsprache zu bemerken, aber das kann auch einfach nur mit dem Bildmaterial zu tun haben. Seltsamerweise bewirken bei mir verschiedene Filmmaterialien, extrem verschiedene Empfindungen...deswegen war Dogma für mich schon immer ein Problem.
Bei all dem Fan sein, muss ich aber doch anmerken, dass "Dersu Usala" ein wirklich extrem langsamer Film ist, in dem vordergründig nicht viel passiert. Dersu, die Soldaten und die Natur. Für Menschen mit modernen Sehgewohnheiten ist der Film eventuell eine öde Qual.
Für mich ist er aber ein Geschenk, auch, dass Kurosawa der Sensei wieder auf die Füsse kam...denn sonst gäbe es ja auch keinen "Ran"...und was wäre die Welt ohne "Ran"?

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