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1983 - Flashdance und der Siegeszug von MTV

12.08.2013 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Flashdance
© Paramount Home Entertainment
Flashdance
Der Tanzfilm Flashdance sah 1983 aus wie ein überlanges Musikvideo. In den 80er Jahren begann daraufhin der Siegeszug der Videoclipästhetik.

Geri Halliwell imitierte die Szene in ihrem Musikvideo zu Raining Men, genau wie die koreanische Sängerin Lee Hyori. Und auf die Spitze trieb es dann Jennifer Lopez, die in ihrem Clip zu I’m Glad gleich den halben Film nachspielte, in schwarzen Pulswärmern vor einer verhärmten Jury tanzte, mit im Wind wehenden Locken Fahrrad fuhr und sich auf der Bühne eines rauchigen Clubs mit Wasser übergoss. Genau genommen war das eine Rückentwicklung, denn zuvor hatte sich der Film, dem die berühmten Szenen entstammten, die Ästhetik der Videoclips auf Sendern wie MTV zu Eigen gemacht. Flashdance wurde 1983 zum Überraschungserfolg an den Kinokassen.

Das Musik-TV-Fieber bricht aus
1980 ging MTV an den Start und veränderte den Musikkonsum einer ganzen Generation. “Video killed the Radio Star” lief rauf und runter, die Medien Musik und Fernsehen verbanden sich zu einem neuen Ganzen und bald war es unumstößlicher Standard, dass zu jeder Single auch ein entsprechendes Video gedreht wurde. Die zeitlich überschaubaren Clips boten den Künstlern eine Möglichkeit mehr, um sich kreativ auszutoben: ob Live-Performances, assoziative Interpretationen der Songtexte oder kleine Geschichten mit einer eigenen Dramaturgie – der Fantasie waren kaum irgendwelche Grenzen gesetzt.

Es dauerte nicht lange, bis Musik und vor allem der Tanz auch im Film wieder populär wurde. Dirty Dancing ist 1987 mitsamt seiner typischen Posen zur Ikone aufgestiegen und überall fieberten Jugendliche mit, als Reverend John Lithgow dem jungen Kevin Bacon und seiner Flamme Lori Singer in Footloose das Musikhören und Tanzen verbieten wollte. Aber der Film, der die Begeisterung erst so richtig entfachte, kam noch ein Jahr zuvor.

Eins, zwo, drei, vier
Marine Jahan hieß die Tänzerin, die ohne einen müden Credit im Abspann als Körperdouble von Jennifer Beals im Einsatz war. Sie spielte in Flashdance die junge Schweißerin Alex, die mit ihren autodidaktisch erlernten Fähigkeiten unbedingt in das fiktive Pittsburgh Conservatory of Dance aufgenommen werden will. Und wie bei so unzählig vielen Filmen galt auch in diesem Fall: die Story ließ zu wünschen übrig, die Form hielt allerdings einige Überraschungen bereit.

In Flashdance hatte der Zuschauer nämlich von Zeit zu Zeit das Gefühl, er sähe im Kino einen überdimensionierten Videoclip. Plötzlich bewegten sich nicht nur Schauspieler schnell durchs Bild, sondern auch Kamera und Montage nahmen den schnellen Beat der Synthesizer an. Ausgedehnte Tanzszenen wurden auch dann ausgereizt, wenn sie zum Voranbringen der Geschichte nicht unbedingt nötig waren, alle filmischen Mittel ordneten sich dem Rhythmus unter und das Tempo der Sequenzen stieg und stieg. „In Choreographie und Schnitt perfekter Musikfilm mit einem Nichts an Story und soziologisch lachhaftem Hintergrund“, schrieb das Lexikon des Internationalen Films treffenderweise.

Der Siegeszug der Videoclipästhetik
In den Jahren darauf trat die Videoclipästhetik ihren Siegeszug an und machte sich dabei sogar Genres zu Eigen, die auf den ersten Blick nicht an Musikvideos erinnern. Sofia Coppola machte 2006 einen einzigen Farb- und Klangrausch aus dem Historienepos Marie Antoinette und aktuell ist der kanadische Nachwuchsregisseur Xavier Dolan ganz groß darin, seine Melodramen wie Laurence Anyways auszusehen lassen wie ein gigantisches Musikvideo. Nicht zuletzt hat die Gattung dazu beigetragen, Regisseure erst groß werden zu lassen. Chris Cunningham wurde mit seinen Clips für Madonna und Björk zum Star der Branche, Spike Jonze (Being John Malkovich) begann seine Karriere mit Musikvideos für die Beastie Boys und Fatboy Slim, und meine besondere Verehrung genießt der Franzose Michel Gondry. Björk und die Band The White Stripes gehören zu seinen Stammkunden und auch seine Langfilme wie Abgedreht oder das neue Werk Der Schaum der Tage sehen nach Videoclipästhetik aus.

Wie bei allen medialen Phänomenen kommt aber auch irgendwann der Tag, an dem die Lehrmeinung ins Wanken gerät. Heute ist in wissenschaftlichen Texten viel eher die Auffassung zu finden, dass nicht die Filme sich der Videoclipästhetik angenommen haben, sondern Musikvideos sich damals viel eher der Mittel des Films bedienten. Schnelle und rhythmische Schritte gab es schließlich schon vor MTV und Co. So oder so hab ich jetzt einen Ohrwurm: „What a feeling…“

Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 1983 bewegte:

Drei Filmleute, die geboren sind
23. Februar 1983 – Emily Blunt, die ahnungslose Tänzerin aus Der Plan
04. August 1983 – Greta Gerwig, die planlose Tänzerin aus Frances Ha
14. August 1983 – Mila Kunis, die sündige Tänzerin aus Black Swan

Drei Filmleute, die gestorben sind
23. Januar 1983 – George Cukor, der Regisseur von David Copperfield
29. Juli 1983 – Luis Buñuel, Surrealist und Regisseur von Ein andalusischer Hund
05. Dezember 1983 – Robert Aldrich, Regisseur von Was geschah wirklich mit Baby Jane?

Die großen Festival- und Award-Sieger waren unter anderem
Oscars – Gandhi von Richard Attenborough (Bester Film, Hauptdarsteller, Regisseur)
Goldener Löwe – Vorname Carmen von Jean-Luc Godard
Deutscher Filmpreis – Der Stand der Dinge von Wim Wenders

Die drei kommerziell erfolgreichsten Filme
Die Rückkehr der Jedi-Ritter von Richard Marquand
Zeit der Zärtlichkeit von James L. Brooks
Flashdance von Adrian Lyne

Drei wichtige Ereignisse der Nicht-Filmwelt
19. Januar 1983 – Klaus Barbie, der Schlächter von Lyon, wird in Bolivien festgenommen
28. April 1983 – Der Stern beginnt mit der Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher von Konrad Kujau
23. Oktober 1983 – Selbstmordattentäter greifen den US-Stützpunkt im libanesischen Beirut an. 241 US-Marines und 58 französische Fallschirmjäger werden dabei getötet.

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