2008 - Die Wiederentdeckung eines Meisterwerks
CUT!rin (Katrin Doerksen), Veröffentlicht am 16.04.2012, 08:50
2008 wurde Metropolis in Buenos Aires wiederentdeckt
© ufa / moviepilot
Was dem Einen Moloch und verwerflicher Sündenpfuhl, ist dem Anderen eines der faszinierendsten sozialen Gefüge der modernen Lebenswelt. Ob jedoch pro oder contra, in jedem Fall bieten Großstädte eine nahezu unwiderstehlich in den Bann ziehende Kulisse für Filme jedes erdenklichen Genres. Der Verschwörungsthriller in New York City, die Liebesgeschichte in Paris, die Teeniekomödie in Los Angeles oder der spannungsgeladene Actionstreifen quer durch Rio de Janeiro – immer spielt die Metropole eine Hauptrolle. Und wenn real existierende Städte den Regisseuren nicht ausreichen, werden eben Neue erfunden: Gotham City zum Beispiel, oder Naboo aus Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung. Oder eben Metropolis.
In der großen Stadt
Fritz Lang, der weltweit gefeierte Regisseur von Die Nibelungen: Siegfried, drehte 1927 einen der frühen Science-Fiction-Klassiker, der bis heute in jedem ernstzunehmenden Filmkanon auftaucht. In Metropolis lebt eine strikt in zwei Klassen unterteilte Gesellschaft, die sich erst bei drohender Zerstörung durch einen Maschinenmenschen gegenseitig annähert. Natürlich kommt auch dieser Film nicht ohne ein Liebespaar aus, das sich mit allerhand Klassenunterschieden, Verwechslungen und anderen Katastrophen herumschlagen muss.
Für sein rundum gigantisch anmutendes Projekt scheute Fritz Lang weder Kosten noch Risiken. Neue Techniken wie Mehrfachbelichtungen, übereinander kopierte Negative oder Stop-Motion beherrschte er aus dem FF, und auch die lange Produktionszeit hielt ihn nicht von seinem Perfektionismus ab. „Acht Tage Arbeit für zehn Sekunden Film“, bemerkte schnaufend sein Kameramann Günther Rittau, dem die ermüdende Aufgabe zufiel, für die Szenerie der Hauptverkehrsader um die 300 Modellautos nach jeder Einzelaufnahme um Millimeter vorwärtszuschieben.
Fritz Lang – unverstandenes Genie?
Von heute aus betrachtet, traf Metropolis genau den Ton der Zeit. Gebäude im Bauhaus-Stil, Orientierung an der boomenden Metropole New York und die Thematik ganz im Geiste der Epoche des Expressionismus erinnern an die Roaring Twenties, und das Auftauchen bislang unbekannter Erfindungen wie Roboter, Bildtelefone und Einschienenbahnen spricht für euphorische Begeisterungsstürme. Doch bei Publikum und Kritikern fiel der Film 1927 eiskalt durch. Die zweieinhalbstündige Fassung war den schon damals reizüberfluteten Zuschauern wohl einfach zu sperrig und der berühmte Kritiker Siegfried Kracauer verurteilte Metropolis gar als „protonationalsozialistisch“.
An dieser Stelle könnte die Geschichte von Metropolis zu Ende sein: ein technisch gut gemachter Film, Liebling heutiger Filmwissenschaftler, über die Jahre in Vergessenheit geraten. Doch nicht umsonst ist dieser Artikel mit der Jahreszahl 2008 überschrieben. Fritz Lang kürzte nämlich seinen gefloppten Film um eine gute halbe Stunde und vernichtete einen großen Teil seiner Originalversion. Seit 1961 versuchen Filmschaffende die als verschollen geltende, herkömmliche Fassung zu rekonstruieren. Und so beginnt ein Puzzlespiel, das sich über Jahrzehnte hinzieht.
Ein filmisches Puzzlespiel
Sowjetische Filmrollen wurden zuerst mit Fragmenten aus dem Prager Filmarchiv ergänzt, bevor 1971 in Ostberlin die kompletten deutschen Zwischentitel neu eingefügt werden konnten. Die originale Filmmusik konnte 2001 neu eingespielt werden und noch fehlende Stellen im Film wurden durch Kommentartexte und Standbilder überbrückt. Die UNESCO ließ es sich trotzdem nicht nehmen, Metropolis in der neuen Rekonstruktion als ersten Film überhaupt in das Weltdokumentenerbe aufzunehmen. Doch noch immer fehlte rund ein Viertel des Werkes.
Es war der Juli 2008, als sich schließlich eine Neuigkeit lawinenartig über die Filmwelt ergoss: eine 16-mm-Positivkopie! Die verloren geglaubte Original-Auslandsfassung hatte all die Jahre im Museo del Cine in Buenos Aires, Argentinien gelegen und konnte nun die Version von 2001 fast vollständig ergänzen.
Später Ruhm ist besser als gar kein Ruhm
Pünktlich zur 60. Berlinale feierte das neue, alte Metropolis im Berliner Friedrichstadtpalast mit Orchesterbegleitung, in der Frankfurter Alten Oper, als Liveübertragung auf Arte und als public viewing vor dem Brandenburger Tor seine Premiere, wo sich trotz Minusgraden eine beachtliche Zahl von Interessierten einfand.
Auch heutige Regisseure haben neben den analytischen Filmwissenschaftlern Metropolis nicht vergessen. Das Stadtdesign aus Metropolis inspirierte Ridley Scott beispielsweise zu Blade Runner, Tim Burton setzt in Batman eine berühmte Kampfszene des Films neu in Szene und Das fünfte Element zitiert die Erweckung des Maschinenmenschen. Noch fehlen restliche acht Minutender Originalversion dieses filmgeschichtlichen Meilensteins, doch wer weiß schon, in welchen Archiven dieser Welt noch Filmrollen vor sich hin schlummern, wartend auf ihre Neuentdeckung.
Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 2008 bewegte:
Sechs Filmleute, die gestorben sind
22. Januar 2008 – Heath Ledger, der großartige Joker aus The Dark Knight
02. Februar 2008 – Barry Morse, Bruno aus Asylum – Irrgarten des Schreckens
05. April 2008 – Charlton Heston, Zeitgenosse von Jesus in Ben Hur
26. Mai 2008 – Sydney Pollack, Regisseur von Jenseits von Afrika
26. September 2008 – Paul Newman, der Billardprofi aus Die Farbe des Geldes
13. Oktober 2008 – Guillaume Depardieu, französischer Schauspieler und Sohn von Gérard Depardieu
Die großen Festival- und Award-Sieger waren unter anderem
Oscars – No Country for Old Men von Joel Coen und Ethan Coen (Bester Film, Regisseur)
Goldener Löwe – The Wrestler von Darren Aronofsky
Goldene Palme – Die Klasse von Laurent Cantet
Die drei kommerziell erfolgreichsten Filme
The Dark Knight von Christopher Nolan
Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels von Steven Spielberg
Kung Fu Panda von Mark Osborne und John Stevenson
Drei wichtige Ereignisse der Nicht-Filmwelt
07.-16. August 2008 – in Georgien bricht Krieg im Konflikt um Südossetien aus
08.-24. August 2008 – in Peking finden die Olympischen Sommerspiele und diverse Proteste gegen die chinesische Tibet-Politik statt
15. Dezember 2008 – Barack Obama wird zum ersten schwarzen Präsidenten der USA gewählt
News aus der Rubrik Markante Momente
Deine Meinung zum Artikel 2008 - Die Wiederentdeckung eines Meisterwerks
Bitte logge dich ein oder registriere dich um einen Kommentar zu schreiben.
Deine Meinung zum Artikel 2008 - Die Wiederentdeckung eines Meisterwerks
Kommentare
über 2008 - Die Wiederentdeckung eines Meisterwerks
Puni Mon, 16 Apr 2012 16:17:53 -0000
Kommentar löschen2008 gab es wohl einen der interessantesten Kämpfe um den Oscar von zwei ganz ganz großen Filmen. Daran denke ich, wenn ich an 2008 denke.
bedenklich? 1 Mitglied gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten
based_god Mon, 16 Apr 2012 14:16:26 -0000
Kommentar löschenMetropolis MUSS ich mir in nächster Zeit mal geben...
bedenklich? Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten
Rukus Mon, 16 Apr 2012 14:10:07 -0000
Kommentar löschenDas erinnert mich ein wenig daran, wie es mit alten Büchern immer wieder mal geschieht. Zufällig findet man irgendwo einen Foliant oder ähnliches und entdeckt verschollen geblaubte oder gar unbekannte Texte. Mein Traum wäre es, wenn jemand einen nicht-christianisierten Ur-Beowulf finden würde ... ;)
bedenklich? 1 Mitglied gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 2 Antworten
SteveZissou Mon, 16 Apr 2012 18:53:08 -0000
Antwort löschenMir würds schon reichen wenn ich die Cents wiederfinden würde, die mir in all den Jahren im Auto zwischen die Sitzritzen gefallen sind ;)
Rukus Mon, 16 Apr 2012 18:57:08 -0000
Antwort löschenImmer diese Banalitäten ... Wozu gibt's Geldbeutel? ;p
marty-f Mon, 16 Apr 2012 11:25:17 -0000
Kommentar löschenUnfassbar, dass es mal Zeiten gab wo Stellen aus einem ganzen Film jahrelang verschollen waren, schade dass das heute nicht mehr so ist, mir würden ein haufen Filme einfallen, denen ich nicht hinterher weinen würde.
bedenklich? 5 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 1 Antworten
Rukus Mon, 16 Apr 2012 14:05:36 -0000
Antwort löschenEs fehlen noch immer ganze Filme, auch solche, die einige gerne sehen würden.
ihre-herrlichkeit Mon, 16 Apr 2012 08:42:56 -0000
Kommentar löschenIch fand Metropolis auch ziemlich sperrig, wenn auch gut gemeint.
Was bitte war daran pronationalsozialitisch? Mein Frühstück wird von denen bestimmt auch als pronationalsozialistisch betrachtet. Schwarzbrot mit Marmelade. Ein Skandal!!!
bedenklich? 5 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 21 Antworten
mitcharts Mon, 16 Apr 2012 09:20:00 -0000
Antwort löschen"... bis hin zu Siegfried Kracauers berühmten Verdikt in seiner einflussreichen Studie "From Caligari to Hitler"; (1947), in der er Langs Zukunftsmärchen als protofaschistische Allegorie analysiert. Dabei widmet sich Kracauer insbesondere dem "Ornament der Masse",das in "Metropolis" durch die geometrisch choreographierten Aufmärsche der gewaltigen Komparserie in Erscheinung tritt. Für Kracauer sind diese entindividualisierten Massenszenen nicht zuletzt Manifestationen totalitärer Demagogie, wobei der Text auch auf die nationalsozialistischen Parteitagsinszenierungen der 1930er Jahre rekurriert."
Quelle: http://www.filmportal.de/thema/fritz-langs-metropolis-im-wandel-der-zeit
Ob man Kracauers Analyse zustimmt, sei mal dahingestellt.
ihre-herrlichkeit Mon, 16 Apr 2012 09:22:41 -0000
Antwort löschenDas ist so ein Bullshit. Das könnte man auf alles beziehen, wo sich eine Masse zu einem Aufstand zusammenschließt. Damit wäre die französische Revolution und jede Anti-ACTA-Demo pronationalsozialistisch.
Rukus Mon, 16 Apr 2012 14:04:38 -0000
Antwort löschen"proto", nicht "pro" ;)
Man sollte Interpretationen nicht immer völlig ernst nehmen, manchmal gehn halt die Pferde durch. Wenn jemand in einem Haufen Hundekot ein Symbol für die Befreiung von Darmstadt sehen will, bitte. ;p
Rukus Mon, 16 Apr 2012 14:30:59 -0000
Antwort löschenNur so aus Neugierde, Aprikosenmarmelade oder eine rötliche, also Erdbeer etc.? Wenn du dann nämlich noch Quark dazu packst (Quark und Marmelade ist eine gar göttliche Kombination auf dem Frühstücksbrot), hättest du die Farben der Nazis zusammen. Auf der anderen Seite könnte man den Verzehr eben jenes farbsymbolischen Brotes als aktiven Widerstand oder gar die Vernichtung des Nazitums interpretieren ... :D
ihre-herrlichkeit Mon, 16 Apr 2012 14:37:36 -0000
Antwort löschenInteressant, dass du fragst. Ich bin nämlich ein Marmeladennazi. Es muss diese Samt-Marmelade sein, die hat es mir total angetan. Normalerweise nehme ich Frischkäse dazu und es ist in 99% der Fälle Erdbeere. Wenn ich aber mal ganz wagemutig und risikofreudig sein will (wie jetzt), nehme ich Aprikose.
Da ich mich nun als Marmeladennazi bezeichne, bleibt dir die Interpretation überlassen. :D
SteveZissou Mon, 16 Apr 2012 19:17:03 -0000
Antwort löschenMarmeladennazi deswegen weil du eine radikale Antihaltung gegenüber den sonst üblichen Kernen hast?
ihre-herrlichkeit Mon, 16 Apr 2012 20:28:25 -0000
Antwort löschenWenn du jetzt "Kerne" erläutern würdest...?
Rukus Mon, 16 Apr 2012 20:32:26 -0000
Antwort löschenIch denke, er meint die Nüsse der Erdbeere und die Steine der Himbeere.
ihre-herrlichkeit Mon, 16 Apr 2012 22:04:33 -0000
Antwort löschenAch so. Ich hing in den Seilen. Ja, Steve.
SteveZissou Mon, 16 Apr 2012 22:10:42 -0000
Antwort löschenJa, meinte er. Ich denke Kerne als Sammelbezeichnung für Steine und Nüsse geht in Ordnung, mit deiner Erlaubnis, Rukus :P
Rukus Mon, 16 Apr 2012 22:13:57 -0000
Antwort löschenGing nicht gegen dich, ich wollte ihrer kurzzeitig etwas indisponierten Herrlichkeit das nur möglichst genau erörtern. ;)
ihre-herrlichkeit Mon, 16 Apr 2012 22:18:49 -0000
Antwort löschenVerzeiht mir, dass ich bei diesem Tiefsinnigen Thema nicht mit voller Geisteskraft dabei sein kann. Mein Hirn qualmt. ^^
Rukus Tue, 17 Apr 2012 01:09:30 -0000
Antwort löschenHirnqualmen? Da empfehl ich einen Asylum-Film. Danach ist das Hirn sowas von durchgelüftet ... ;p
Rukus Tue, 17 Apr 2012 13:33:17 -0000
Antwort löschenWenn du es richtig, richtig, richtig schlecht haben willst, anti-empfehle ich Death Race 3000. Als völlig verplante Verwurstung könnte man Allan Quatermain and the Temple of Skulls nehmen. Nicht zu verwecheln oder vergleichen mit den Chamberlain Filmen. Recht gut gemacht für Asylum war der letztjährige Film Dragon Crusaders.
Weiterführendes zum Artikel ?
Fritz Lang
Beteiligt an 43 Filmen (als Regisseur, Drehbuch, Akteur, Produzent, Schnitt und Autor)
Fan werden!
Katrin Doerksen hat es zum Filmwissenschaftsstudium nach Mainz verschlagen. Dort sitzt sie nun also und wenn sie nicht studiert, schreibt sie trotzdem über die Geschichte des Films, und zwar in der Rubrik Markante Momente bei moviepilot. Über Themenwünsche, Anregungen oder Kritik freut sie sich immer. Wer wissen will, womit sie sich nebenbei noch beschäftigt, folge ihr bei facebook oder auf ihrem Filmblog L’Age d’Or.





Oje.. bitte nicht Metropolis :D
Auch wenn ich weiß, was das damals für ne Arbeit war...
Musste mir aber den ganzen Film in der Schule ansehen -.- Echt sehr schräg und langweilig der Film... :X
bedenklich? Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 1 Antworten
CUT!rin Mon, 16 Apr 2012 21:52:54 -0000
Antwort löschenIch muss auch zugeben, ich musste mich zusammenreißen um nicht wegzuschlafen. Andere Filme aus der Zeit haben mich mehr begeistert.