Deutschland hat nicht allzuviele glorreiche Comedy-Highlights vorzuweisen, wenn wir von Loriot alias Vicco von Bülow und Michael Herbig mal absehen und Otto Waalkes gnädig verschweigen. Kein Wunder, dass die wenigen Momente, die es gibt, kultisch verehrt und immer wieder zitiert werden.
Ohhh jetz mal legger Middagessen
Als holländisch quakendes Königinnendouble hatte Hape Kerkeling irgendwann Anfang der 90er eine einsame Sternstunde, als es ihm gelang, in den Sicherheitsbereich eines Staatsbesuchs einzudringen. Erst im neuen Jahrtausend konnte er mit dem Brachial-Ekel Horst Schlämmer einen ähnlichen Erfolg wiederholen. Auch hier schaffte er es, verborgen unter einer aufwendigen Verkleidung, als vermeintlich trinkfreudiger Lokalreporter des Grevenbroicher Tageblatts, seinen Interviewpartnern peinliche Aussagen zu entlocken.
Was Kerkeling macht, ist der Taktik seines britischen Kollegen Sacha Baron Cohen nicht unähnlich. Und doch sind beide grundverschieden. Denn egal, was Hape macht, er bleibt letztlich harmlos und freundlich. Er nervt vielleicht oder ist mal das, was man hierzulande “frech” nennt, aber er ist letztlich im Grundton immer versöhnlich, weiß genau, wie weit er gehen kann, ohne jemanden ernstlich vor den Kopf zu stoßen.
Ich hab das Baby gegen einen iPod getauscht
Cohen verfolgt dabei konsequent das gegensätzliche Konzept. Er will schocken, beleidigen, foppen, wütend machen. Als Ali G befragte er Drogenbeauftrage der Polizei, wo man denn am besten an das Zeug herankäme und welche Waffen am besten geeignet seien, “einer Verrätersau die Lichter auszuschießen”. Als Borat gab er sich unverhohlen antisemitisch, frauenverachtend und homophob. “Meine Frau ist gestorben. High Five!”, rief er aus und brachte damit sogar den selbst nicht immer geschmackssicher kalauernden Talkmaster David Letterman für eine Sekunde aus dem Konzept. In einer Bar brachte er die versammelten Gäste dazu, mit ihm den Song “Throw the jews down the well” zu gröhlen, in Borat lieferte er sich einen abstrusen Nacktringkampf mit seinem unförmigen Kollegen, der selbst hartgesottene Kinogänger ungläubig japsen ließ.
Mit seiner Nebenrolle als Jean-Girard, dem schwulen Gegner von Will Ferrell, in der Highspeed-Groteske Ricky Bobby – König der Rennfahrer brachte er beim Dreh die versammelten Nascar-Fans gegen sich auf, als er über die Fahrbahn stolzierte und mit Ferrell einen innigen Kuss austauschte. Der Abscheu und lautstarke Protest mussten nicht lange geprobt werden, die Redneck-Fans buhten ganz von alleine.
Sind eigentlich alle Skinheads schwul?
Mit schwulen Rollen hatte Cohen jedoch schon vorher seine Erfahrungen gesammelt. Als Top-Modell und Reporter des österreichischen Schwulenfernsehens nervte er schon im TV, in Segmenten der Ali G-Show Skinheads, fromme Christen und Modedesigner. Ein Konzept, das er jetzt gekonnt auch auf die große Leinwand übertragen hat.
Sacha Baron Cohen weiß, was er tut. Der 37jährige Cambridge-Absolvent ist kein Chaos-Komiker, sondern jemand, der seine Rollen und Interviews minutiös vorbereiten lässt, um den größten Effekt zu erzielen. Natürlich geht es ihm nicht nur um den reinen Schock, sondern auch darum, mit brachialen Mitteln alltäglichen Rassismus, Homophobie, Sexismus, Dummheit und Intoleranz vorzuführen.
Ihre Muschi schlabberte wie der Mantel eines Zauberers
Kritiker werfen ihm vor, dass er diesen Zielen damit aber bisweilen einen Bärendienst erwiese. Die Bewohner des vorgeblich kasachischen Dorfes (in Wirklichkeit das rumänische Glod), in dem die Eingangssequenz zu Borat gedreht wurde, fühlten sich, nachdem sie den Film gesehen haben, diffamiert und beleidigt. Die Produktion zahlte ihnen wohl nur wenige Dollar für ihre Teilnahme und Cohen sparte als Borat nicht gerade mit bösartigen Seitenhieben. Und auch in Deutschland machten sich Interessenvertreter der Roma gegen den Film stark, bestätige er doch gängige negative Vorurteile.
Andere Teilnehmer fühlten sich gezielt in eine Falle gelockt und vorgeführt. In der Tat leistete die Borat-Crew wohl ganze Arbeit, sich Opfer herauszusuchen, die in gewünschter Weise dumm reagierten, um sie dann in die offene Kamera rennen zu lassen. Denn natürlich kann auch zu unbedarfte Freundlichkeit, Nachsichtigkeit, das bloße Überrumpeltfühlen der Grund sein, warum nicht jeder bei Borats rassistischen Tiraden sofort empört gegensteuert und auf die Barrikaden geht. Doch auch, wenn das wahrscheinlicher ist als ein befürchteter Abgrund an rassistischen Durchschnittsbürgern, bleibt dennoch eine Lehre aus diesen Aktionen: Zivilcourage ist immer noch etwas, was sich jeder Mensch aufs Neue erkämpfen muß. Und damit hat Sacha Baron Cohen sein Ziel doch wieder erreicht.
Geht das Auto kaputt, wenn ich damit in eine Gruppe Zigeuner reinfahre?
Das er selbst auf Überraschungen nicht sonderlich souverän reagiert (wie Journalisten, die ihn zur Borat-PR mit nicht abgesprochenen Fragen konfrontierten, erfahren durften), darf dabei nicht überraschen. Cohen ist Perfektionist und Controllfreak, der viel wagt, sich aber bei seinen Eskapaden immer absichert. Bodyguards stehen bereit, falls doch mal eines seiner Interviews zu sehr aus dem Ruder laufen sollte. Ungemütlich wird es auch für jene, die vorab Fotos von Brüno veröffentlichen wollten, schnell war eine hilfreiche Crew-Hand zur Stelle, die das Objektiv abdeckte.
Und selbst Journalisten, die die kurzfristig anberaumten Pressevorführungen zu Brüno wahrnehmen durften, wurden mit eisenharten Sperrfristen geknebelt. Die Onlinepresse durfte gleich ganz draußen bleiben. Das schmälert sicher alles nicht die Leistung und den Unterhaltungswert des Films, hinterlässt aber, wie bei Brüno auch, einen merkwürdigen Beigeschmack, wenn ein Künstler, der sich selbst so durchkalkuliert an den Schwächen und Peinlichkeiten anderer abarbeitet, selbst so dünnhäutig auftritt und vor Risiken zurückschreckt.
Aber vielleicht ist das auch typisch, den – und hier schliesst sich der Kreis – auch Hape Kerkeling zeigt sich in Interviews oft erstaunlich unlocker, wenn jemand ihn mit provokanten Fragen überrascht.
Bleibt beiden zu wünschen, dass ihnen nicht mal ein echter Brüno oder Horst Schlämmer begegnet, der den Spieß umdreht.
Denn Provokation und peinliche Reaktionen darauf funktionieren immer in beide Richtungen.
Batzman (Oliver Lysiak) 2009/07/09 09:00:00
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Kommentare
über Beruf Provokateur
alanger 2009/07/09 10:01:11
annaberlin 2009/07/09 10:57:04
Jaja er ist schon witzig, aber mich nervt dieser Fäkalhumor so an. Finde nackte Schauspieler, deren Genitalien mit einem Zensurstreifen belegt sind, leider seit Jahren nicht mehr komisch. Da ist der Humor dann doch etwas zu sehr auf das prüde Amerika zugeschnitten.
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Fulsome. 2009/07/09 12:29:47
wieso mit Zensurstreifen?!
- schau dir Brüno an und sag mir, wo du da Zensurstreifen siehst.
Dr Herbert West 2009/07/09 10:57:09
Mit Borat hielt er den Amis schön den Spiegel vor der Visage, schön ist auch das Bonusmaterial, wo er im Supermarkt einen Mitarbeiter fragt was im Kühlregal steht. Unbedingt sehen!!!
Das er nun als privatperson nicht zu sehr in die Öffentlichkeit geht ist eigentlich verständlich, wenn man bedenkt wieviel Menschen ihn dann doch schon hassen. Mir gefällt das was er macht, weil es auch sehr unterhaltsam ist und ich selber Randgruppenwitze lustig finde.
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holgerd 2009/07/09 17:55:17
Hier das Video: http://www.moviepilot.de/people/sacha-baron-cohen/videos/15670
Sid P. Gini 2009/07/09 18:17:59
Stimmt, die Käsenummer fand ich sogar das Lustigste auf der kompletten DVD.
nurleben 2009/07/09 11:33:30
Ach, Deutschland hat schon ein Kaliber ala Cohen mit ähnlichem Fremdschämen-Faktor :D, http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Ulmen & http://www.moviepilot.de/people/christian-ulmen
Z.B. sieht man ihn auf ulmen.tv als angeblichen Protege von Hartz-IVern (wie er Schauspieler, jedoch ohne dass es das "Opfer" der Sendung weiß), der mit denen ins örtliche Arbeitsamt geht und dort die menschenverachtenden Ansichten eines Stellenvermittlers bloßlegt. Oder ins Reisebüro wo er einen auf Rassisten mahct, ohne das die Frau mit der Wimper zuckt.
Oder stellte als bayerischer "Liedermacher" einen OB eines grenznahen Ortes als ausländerfeindlich bloß, weil der vor laufender Kamera sagt, er würde schon dafür sorgen, dass die im Ort keine Wohnung bekämen, notfalls die Vermieter dafür bezahlen ...
Oder oder oder, auf jeden Fall genial :).
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Batzman 2009/07/09 11:44:53
Stimmt Ulmen orientiert sich auch deutlich an Cohen, hat auch bisweilen einen ähnlichen Fremdschämfaktor, ist aber letztlich nie so brachial und vermarktet sich auch nicht so massenwirksam wie Cohen. Ulmen.TV war ja doch näher an arte als an MTV.
Sid P. Gini 2009/07/09 18:32:30
Bei alle diesen "Versteckte Kamera"-Scherzen stellt sich doch auch die Frage, inwieweit man der Authentizität einer solchen Inszenierung trauen kann. Außerdem mag z.B. der krude Rassismus oder die extreme Homophibie, die einem hier vorgeführt werden, über die eigenen ganz alltäglichen Vorurteile hinwegtäuschen, die gesellschaftlich völlig akzeptiert sind.
@ Batzman: Ich mag deine Kritiken, aber du könntest noch an deiner Rechtschreibung arbeiten.
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