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Blut ist teuer - Wie Blumhouse den Horrorfilm eroberte

Insidious
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Patrick Wilson irrt mit einer Laterne in der Hand über eine abgedunkelte Studiobühne, sein einziger Beistand ist eine enthusiastisch schnaubende Nebelmaschine. Keine einstürzenden Hochhäuser, keine Roboter, nicht einmal ein Monster aus der CGI-Konserve findet sich im Finale von Insidious: Chapter 2. Dermaßen analog kommt das Ganze daher, dass sogar ein Dosentelefon entscheidend zum Handlungsverlauf beiträgt. Zu einer Renaissance schnurbasierter Kommunikation führte das leider nicht, aber immerhin spülte die Produktionsfirma Blumhouse 2013 so über 160 Millionen Dollar in die Kinokassen. Eine kleine Zahl im Zeitalter der monatlich gebrochenen Milliardengrenzen, aber eine gigantische im Vergleich zum Budget. 5 Millionen Dollar hat James Wans Horrorfilm gekostet. Ähnliche Rechnungen lassen sich für The Purge - Die Säuberung, Sinister, The Purge 2 - Anarchy und den Urknall des Blumhouse-Erfolges aufstellen: Paranormal Activity. Allein im Juli starten in Deutschland mit Insidious: Chapter 3 - Jede Geschichte hat einen Anfang und Unknown User zwei Blumhouse-Filme, die weltweit bereits über 130 Millionen Dollar eingespielt haben - bei 11 Millionen Dollar Budget. Dass Produzent Jason Blum auch hinter der Verwirklichung des Oscar-Films Whiplash steckt, sollte nicht unterschlagen werden. Doch wie Hammer, AIP oder Cannon steht Blumhouse für eine ganz besondere Sorte Film und ein ganz besonderes Geschäftsmodell.


Der heute 46-jährige Kalifornier Jason Blum verdingte sich Ende der 90er Jahre unter der Obhut von Harvey Weinstein bei Miramax, als seine Schicksalsstunde schlug, der Moment, der eine Karriere in neue Höhen befördern kann. Damals wurde ein Film über einen Studentenausflug im Wald herumgereicht. Ein paar Tausend Dollar Budget und eine potenzielle Sehnenscheidenentzündung des Kameramanns waren ihm anzusehen. In diesem, dem historischen Moment, winkten Jason Blum und andere Miramax-Kollegen ab. Stattdessen kaufte Artisan diesen kleinen Streifen namens Blair Witch Project und der Rest ist Genre-Geschichte. Acht Jahre und einige wenig bemerkenswerte Indie-Produktionen später schlug der Blitz bei Blum ein zweites Mal ein. Wieder handelte es sich um einen Found Footage-Horrorfilm, nur diesmal mit einem frischen Konzept - und Stativen. Bei Paranormal Activity ergriff Jason Blum seine geradezu schicksalsträchtige zweite Chance und bemühte sich als Produzent um eine landesweite Kino-Auswertung, die im Oktober 2009 Wirklichkeit wurde.

"Ich hatte bei Blair Witch nicht zugegriffen, als ich bei Miramax arbeitete. Ich erinnere mich daran, wie ich das bereut habe. Und [Harvey] Weinstein hat mich das niemals vergessen lassen." [1]

Seitdem haben Paranormal Activity und seine vier Nachfolger bzw. Sequels, Prequels und Spin-offs bei minimaler Budget-Erhöhung um die 800 Millionen eingespielt, ein fünfter Teil ist unterwegs. Obwohl das stark abgenutzte Found Footage-Phänomen von Oren Peli das Rückgrat der Produktionsfirma bildet, fand Jason Blum das Rezept der Marke Blumhouse, das ihn zum erfolgreichsten Horror-Produzenten Hollywoods werden ließ, erst mit dem Haunted House-Schocker Insidious. Man nehme ein überschaubares Budget von 1,5 Millionen Dollar und drei Wochen Drehzeit, füge relativ bekannte, aber nicht zu bekannte Gesichter (Rose Byrne, Patrick Wilson) und Veteranen (Lin Shaye, Barbara Hershey) vor der Kamera hinzu, die durch eine Beteiligung am Gewinn angelockt werden. Mit James Wan rührt ein erfahrener Regisseur den Jump Scare-Brei an, der sich nach Death Sentence - Todesurteil und Dead Silence - Ein Wort. Und du bist tot. bei den großen Studios in einer Sackgasse wiedergefunden hatte. Im Gegensatz zu Genre-Legende Roger Corman, bei dem junge Filmemacher wie Martin Scorsese, Francis Ford Coppola und James Cameron ihre Sporen verdienen konnten, kennt die ideale Blumhouse-Produktion zwei Typen von Regisseuren: Auf der einen Seite stehen die aufsteigenden Talente. In Genre-Kreisen genießen sie beispielsweise dank einschlägiger Festivalpremieren eine gewisse Aufmerksamkeit. Dazu gehören Bryan Bertino (Play - Tödliches Spiel), Mike Flanagan (Oculus) oder demnächst Franck Khalfoun (Amityville: The Awakening).

"Blut ist teuer." [2]

Blum drängt nach eigenen Aussagen auf die Erfahrung in der Anleitung von Crews, was auf die radikale Budget-Politik zurückzuführen ist. Blumhouse-Filme kosten zwischen 3 und 5 Millionen Dollar. Sie werden in 20 bis 25 Tagen in Los Angeles sowie unter Einhaltung geregelter Arbeitszeiten gedreht. Mit anderen Worten: Robert Downey Jr. sollte sich das mal anschauen. Nur bei Sequels, also einigermaßen verlässlichen Investitionen, wird das Budget aufgestockt, was bei Insidious 2 dem Anschein nach besagter Nebelmaschine zugute kam. Für diese Effizienz im Umgang mit erfahrenen Crews und beschränkten Mitteln bietet sich der zweite Regie-Typus der Marke Blumhouse an. Filmemacher wie James Wan, Scott Derrickson (Sinister), Barry Levinson (The Bay - Nach Angst kommt Panik), Joe Carnahan (Stretch) und M. Night Shyamalan (The Visit) teilen einen Erfahrungswert: Wie Produzent Blum mit seinem etwas anderen The Rock-Horror Zahnfee auf Bewährung haben die Wans, Derricksons und Shyamalans dieser Welt finanziell und qualitativ enttäuschende Studio-Filme in ihrer jüngeren Vita. Dass Scott Derrickson 2016 für Marvel Doctor Strange ins Kino bringen wird, liegt ganz sicher nicht an der filmischen Augenweide namens Der Tag, an dem die Erde stillstand. Ebenso wären die Physik-Lehrstunde Fast & Furious 7 und der kommende Aquaman James Wan niemals angeboten worden, hätte der Saw-Regisseur seine Karriere nicht mit den Insidious-Filmen und deren polierter Warner-Version Conjuring - Die Heimsuchung erneuert.


Die Ironie des zweifachen Schicksalsmoments des Jason Blum ist freilich, dass die echten Entdeckungen der Marke Blair Witch Project oder Paranormal Activity im System Blumhouse gar nicht vorgesehen sind. Selbst der High Concept-Volltreffer The Purge stammt aus der Feder eines erfahrenen Hollywood-Autors (James DeMonaco; leider nicht James Monaco), der bereits eine Regiearbeit mit Ethan Hawke vorweisen konnte. Tatsächlich ist das Beteiligungsschema von Blumhouse-Filmen nur für einigermaßen etablierte Filmemacher tragbar. Sinister für 3 Millionen Dollar umzusetzen funktioniert, indem Regisseur und Stars auf ein reguläres Gehalt verzichten oder für den gewerkschaftlich festgesetzten Mindestlohn arbeiten. Erst durch die Gewinnbeteiligung bei einem landesweiten Kinostart wird das Projekt für die größeren Namen im Geschäft finanziell attraktiv. Was einen Haken mit sich bringt: Kinostarts werden durch Blum nicht garantiert. Sein striktes Low Budget-Modell ist schließlich eine Reaktion auf die enormen Kosten, die Verleih und Werbung eines Films heute mit sich bringen. 20 bis 30 Millionen verschlingt ein landesweiter Start in den USA mindestens; Kosten, welche die Independent-Firma Blumhouse nicht zu tragen gewillt ist. Entweder, ein Studio wie Universal übernimmt den Verleih, oder der Film wird per Video on Demand veröffentlicht. Und mit letzterem lassen sich zur Zeit eben höchstens Budgets unter 10 Millionen Dollar tragen. Wo wir wieder bei der 3-bis-5-Millionen-Regel sind...

Jason Blums Horror-Nische lebt von der extremen Risikominimierung und wirbt mit kreativer Freiheit. Kein Interview mit Blum vergeht, ohne dass er das Final Cut-Recht seiner Regisseure hervorhebt oder die beiden Silben "au" und "teur" in den Mund nimmt. Wenn die Entlohnung schon einem Glücksspiel gleicht, soll wenigstens das individuelle Herzblut im Endprodukt stecken. So lautet das propagierte Ideal: die Oase eines Arthouse-Ethos' im kommerziellen Genre-Film. In der Realität finden sich Gerüchte über inakzeptable Arbeitsbedingungen, Streitigkeiten über finale Schnittfassungen, Nachdrehs und Filme, die teils jahrelang unveröffentlicht im sicherlich verspukten Blumhouse-Keller vor sich hinrotten, darunter Incarnate mit Aaron Eckhart, Curve von K-Pax-Regisseur Iain Softley und - bis vor kurzem - Oren Pelis Paranormal Activity-Nachfolger Area 51. Bekanntestes Beispiel der Schattenseiten des Blumhouse-Konzepts dürfte das exzentrische Limousinenabenteuer Stretch mit Patrick Wilson und Chris Pine sein. Für 5 Millionen Dollar wickelte Regisseur Joe Carnahan seine Hassliebe zu Hollywood in eine abgefahrene Komödie, die von Universal ins Kino gebracht werden sollte: das Blair Witch Project unter den Hangover-Filmen. Als von Blumhouse extern Hilfe für eine alternative Schnittfassung gesucht wurde, investierte Carnahan laut eigenen Aussagen 60.000 Dollar, um seine Version des Films durchzusetzen. Im Endeffekt zog sich Universal von der Kino-Veröffentlichung zurück, Stretch landete direkt bei iTunes und Amazon. Carnahan beschreibt die Horror-Schmiede im Nachhinein so:

"Blumhouse ist wie ein erleuchtetes Troma. Es ist eine Fabrik, die genau wie andere Studios zuallererst auf Quantität und nicht Qualität setzt. [...] Ich verstehe das. Wenn du auf genügend Farbeimer ballerst, kommt irgendwann ein Picasso dabei raus." [3]

Wo sich bei Blumhouse das Meisterwerk verbirgt bzw. wie viele Filme noch auf den Markt geworfen werden müssen, bis es sich in der schnöden Realität manifestiert, bleibt Ansichtssache. Im Vergleich zu den Lizenzverwertern und gelegentlichen Ko-Produzenten von Platinum Dunes bieten die besten Blumhouse-Filme eine charmante Rückbesinnung auf traditionellen Grusel: eben knarzende Türen, dunkle Keller und reichlich Nebel. Sporadische Remakes wie Warte, bis es dunkel wird, ein schräges filmisches Fanzine zum Original Der Umleger von 1976, mögen sich im Blumhouse-Katalog finden. Das Gros der Filme indes ist entweder originär oder Ableger einer originären, in der Firma entstandenen Reihe. Rechte an Titeln und Franchises sind schließlich teuer. Dabei setzt der typische Blumhouse-Horror von vornherein auf die Austauschbarkeit aller (fiktionalen) Beteiligten. Es gibt keine ikonischen Horror-Bösewichte in diesen Filmen, keine Freddys oder Jasons, ja nicht einmal Chuckys. Hinter den marketingtauglichen Masken aus The Purge könnte im Film wie außerhalb letztendlich jeder stecken. Der Lipstick-Face Demon, die Braut in Schwarz, Bughuul oder die Dämonen der videoüberwachten Vorstadthäuser bleiben Erscheinungen des Bösen ohne individuelle Agenda oder Persönlichkeit, Seiten eines Aufklapp-Bilderbuchs, das nur ein paar Sekunden aufgeschlagen wird. Das hängt mit dem vielfach bedienten Home Invasion- und Haunted House-Konzepten zusammen, die das Grauen durch Suggestion in die Köpfe der Zuschauer zwingen. Fähige Charakterdarsteller tummeln sich in den Blumhouse-Filmen, was auch daran liegen mag, dass verspukte Häuser dazu neigen, Familiendramen nach außen zu kehren. Davon legen diverse distanzierte oder traumatisierte Vaterfiguren von Ethan Hawke, Patrick Wilson, Rory Cochrane oder Frank Grillo Zeugnis ab. Außerhalb der Paranormal Activity-Reihe ersetzen sie mit erstklassigen Darstellerinnen wie Lena Headey, Rose Byrne oder Carmen Ejogo das austauschbare junge Fleisch der letzten Horror-Jahrzehnte. Allein die Tatsache, dass Film-Geisterjägerin Lin "Elise" Shaye in Insidious 3 mit 71 Jahren zur Heldin des Franchise wird, verdient Applaus. Dem dauerunterschätzten Patrick Wilson sind die Blumhouse-Jahre ebenfalls gut bekommen, was in zwei Horror-Reihen (Insidious, Conjuring) und einer Serie (Fargo Staffel 2) resultierte. Fehlt eigentlich nur ein Horror-Musical zur Glückseligkeit des Wilson-Fans.


Vielleicht dreht Blumhouse in drei Jahren trotzdem nur Slasher-Filme mit nervigen Teenies. Die Weiterentwicklung von The Purge zum Actionthriller The Purge 2 - Anarchy deutet ein flexibleres Genre-Verständnis zukünftiger Blumhouse-Hits zumindest an. Seit dem dritten Teil schrumpfen die Einspielergebnisse der Paranormal Activity-Reihe beharrlich und auch der Nebelmaschine der Insidous-Filme wird irgendwann der Saft ausgehen. Mit Unknown User und Ouija - Spiel nicht mit dem Teufel wurden schon entsprechende neue Franchises losgetreten. Jason Blum hat vergangenes Jahr mit Universal einen 10-Jahres-Vertrag über den Verleih seiner Filme abgeschlossen und eine ganze Reihe neuer Werke in der Pipeline, darunter Arbeiten mit Ti West (In the Valley of Violence) und Wolf Creek-Macher Greg McLean (6 Miranda Drive). Der Picasso unter dem Horror-Matsch könnte sich darunter verbergen, doch braucht es den wirklich? Das System Blumhouse ist Nutznießer der wachsenden Budget-Kluft Hollywoods, die mittelgroße Projekte verschluckt. Die Freuden entschlackter B-Reißer mit Charakterdarstellern als Franchise-Stars, die durch dunkle Häuser schleichen oder sich wegen quietschender Dielen zu Tode erschrecken, sollten nicht wegen eines in Stein gemeißelten Kunstbegriffs verschwiegen werden. Jason Blum kann das so oder so egal sein. Seine Dollar-Milliarde hat er an den Kinokassen längst eingenommen.

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[1] Jason Blum bei Buzzfeed.
[2] Blums Keynote beim South by Southwest Festival.
[3] Joe Carnahan gegenüber Grantland.

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