Coming Out - der einzige DEFA-Film über HomosexualitätBearbeiten
Veröffentlicht am 06.11.2009, 15:00
© Progress Filmverleih
Liebe auf den ersten Blick ist es, als Philipp Matthias trifft. Doch was wird Tanja dazu sagen, mit der Philipp ein gemeinsames Kind erwartet? Und was der Rest des Umfelds?
Kein einfaches Thema, dem sich Regisseur Heiner Carow in Coming Out widmete. Und kein simples Premierendatum, auch wenn dies im Vorfeld natürlich nicht so gedacht war: Der erste Queer-Film der DEFA feierte am 9. November 1989 im Berliner Kino International Premiere. Vor 20 Jahren, in der Nacht des Mauerfalls. Sie hätten unter größten Schwierigkeiten gedreht, erinnert sich Hauptdarsteller Matthias Freihof im Tagesspiegel. Zum 20. Jubiläum der Premiere und des Mauerfalls wird das Kino International am Montag Abend erneut zur Sichtung von Coming Out laden, wo Freihof anwesend sein wird. In die Schwulen-Bar Burgfrieden in der Berliner Wichertstraße sei man nach der Premiere zum Feiern gegangen, erinnert sich Freihof. Dort erst hätten Gäste ihnen mit Sekt zu geprostet mit den Worten “Die Mauer ist auf”, nachdem einige der Geladenen zum ersten Mal den gerade geöffneten Grenzübergang Bornholmer Straße benutzt hätten, um in den Prenzlauer Berg zu gelangen. Die Schauspieler seien nachts noch an die Bornholmer Straße zum Feiern gegangen.
Coming Out bedeutet in vielerlei Hinsicht ein “Coming Out”. Der Film ist als einer der wenigen Ausbrüche einer Filmgeschichte im Korsett zu verstehen, somit von großer Bedeutung für das deutsch-deutsche Queer-Kino. Dem Engagement des 1997 verstorbenen Regisseurs haben wir zu verdanken, dass Coming Out überhaupt entstanden ist. In den 1980ern tat sich nicht nur das ostdeutsche Kino noch schwer mit Geschichten rund um Homosexualität. Natürlich existierten zahlreiche Widerstände, die Carow durch seine Beziehungen in der Filmwirtschaft erst überwinden musste. Der Regisseur von Die Legende von Paul und Paula und Bis dass der Tod euch scheidet setzte sich für Coming Out ein – und erntete spätestens ein Jahr später die Früchte, als der Film auf der Berlinale 1990 den Silbernen Bären und den Teddy Award erhielt.
In Ingrid Poss’ und Peter Warneckes Buch Spur der Filme. Zeitzeugen der DEFA erzählt Carow später von den Hürden, die das Team zu überwinden hatte: “Der damalige DEFA-Direktor (Hans Dieter Mäde) sagte, solange er Direktor dieses Studios ist, wird ein solcher Film bei ihm nicht gedreht. Dennoch schrieben Wolfram Witt und ich das Drehbuch ohne Vertrag und holten uns Gutachten von einem Psychiater, einem Rechtswissenschaftler und einem Soziologen ein. Diese legten wir ins Drehbuch und gaben es ab.”
Dass dieses Plädoyer für Toleranz, für die Freiheit der Identität und Sexualität gerade am 9. November 1989 Premiere feierte, wirkt noch 20 Jahre danach wie ein glücklicher Zufall. Viel ist seither passiert, einiges geblieben: Die öffentliche Meinung, die Scham vieler Homosexuellen davor, sich zu outen und die Furcht vor Repressalien existieren leider noch immer. Grund genug, Coming Out zu sehen, in dem Schwulsein nicht durch affektiertes Gehabe interpretiert wird, in dem Schwule keine Hinterhof-Pädophilen und Nachtclub-Perverse sind.
Trailer zu Coming Out
Heiner Carow wurde 1989 oft gefragt, ob er mit seinem Skandalfilm Tabus brechen wolle. Und auch hier überrascht der 1929 geborene Filmemacher: “Das Tabu ist in den Leuten [...], aber eigentlich habe ich diesen Film über die Liebe und die Ehrlichkeit gemacht, über Gefühle und die Wichtigkeit der Liebe und dass man sich nur entfalten kann, wenn man liebt und geliebt wird. Und da spielt es im Grunde keine Rolle, wen man liebt, ob eine Frau einen Mann oder ein Mann eine Frau oder ein Mann einen Mann oder eine Frau eine Frau. Wenn es Liebe ist – ist es Liebe.”
Coming Out feiert am 9.11.2009 sein 20jähriges Premierenjubiläum im Berliner Kino International.
annaberlin (Anna Sita Zinn) 2009/11/06 15:00:00
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Kommentare
über Coming Out - der einzige DEFA-Film über Homosexualität
Kommentar schreibenBatzman 2009/11/06 15:18:17
Kommentar löschenSicher ein wichtiger Film. Aber auch ein sehr deutscher Film über Schwule. Genau wie Westler, Ausserirdische, Die Konsequenz... Alles wirkt schwermütig und extrem tragisch und depressiv. Keine Filme die zum eigenen Coming Out ermutigten, ganz im Gegensatz zu Filmen wie Torch Song Trilogy (Das Kuckucksei) oder dem britischen Thriller "The Fruit Machine", die ebenfalls aus den 80ern stammen. Hierzulande hat es bis in die Noughties gedauert, ehe mit Sommersturm mal ein Film zum Thema gedreht wurde, der nicht durchlitten werden musste.
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alanger 2009/11/06 17:15:48
Antwort löschendu darft aber wirklich nicht ausblenden wann der film wo entstanden ist. und in dieser zeit einen optimistischen, heiteren film (egal über was für ein tema) in der ddr zu drehen, wäre sehr zynisch gewesen.
Batzman 2009/11/06 17:21:47
Antwort löschenJa klar, aber als ungeoutete Jungschwuppe war mir relativ egal unter welchen Umständen der Film gedreht wurde, mir kam es damals eigentlich nur so vor, das alle deutschen Filme zu dem Thema (Coming Out war ja nur einer davon), alle diese unfrohe, depressive Grundstimmung versprühten und von Leuten bevölkert wurden, mit denen ich mich so absolut gar nicht zu identifizieren vermochte.
alanger 2009/11/06 17:59:52
Antwort löschenes gab in der eastend-zeit in der zone einige filme die vordem UNDENKBAR waren. weil sie plötzlich themen zur sprache brachten (aus welcher verzweifelten erwägung von "OBEN" auch immer) die es eigentlich nicht gab: die beziehung zum glauben, verfall und umweltverschmutzung, irgend was anderes als die sozial anerkannte variante des real existierenden geschlechtsakts war...
es ging da aber nie nur um das eigentliche thema, sondern immer um den (gemurmelten) ruf nach freiheit. "einer trage des anderen last" ist kein film der sich nur an die durchaus unterdrückte kirche im osten wendet, genauso wie sich "coming out" nicht nur an die schwulen wendet.
Batzman 2009/11/06 18:04:21
Antwort löschendas anerkenne ich auch absolut. aber mir geht es da wie mit den filmen von eisenstein: ich weiß um ihren historischen wert und ihre damals revolutionären ansätze, aber ich mag sie dennoch nicht gern ansehen, über das akademische interesse hinaus.
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schade das man es für nötig erachtete die heiner carow straße auf dem gelände der filmstudios babelsberg in tarantino straße umzubenennen. das spricht schon bände.
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