Das neue griechische Kino erobert Europa
TheSundanceKid (Peter Correll), Veröffentlicht am 09.05.2012, 08:50
Szene aus Attenberg von Athina Rachel Tsangari
© Rapid Eye Movies
Aus Griechenland erreicht uns zur Zeit eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Der Staat ist hoch verschuldet und droht aus dem Euroraum auszuscheiden. Die Korruption ist so tief im System verankert, dass selbst eine intensive Frischzellenkur nicht bis zu ihren Wurzel reichen würde. Nach den Wahlen scheint eine Regierungsbildung unmöglich, da sich die Parteien gegenseitig blockieren. Die radikalen Parteien haben Zulauf – kein Wunder, die etablierten Politiker sind im Volk verhasst. Und doch, in einer Branche schleicht sich Griechenland zur Zeit tatsächlich in die positiven Newsmeldungen: Das ‘neue griechische Kino’ mischt die europäischen Filmfestivals auf.
Filmdrehs im Schatten der Krise
Von wegen Krise. Während die ganze Welt ängstlich bis verächtlich den Niedergang Griechenlands beobachtete, machten die griechischen Filmemacher einfach ihren Job: Sie drehten Filme. Tatsächlich ist in den letzten fünf Jahren eine beachtliche Anzahl qualitativ hochwertiger Filme in Griechenland entstanden. Die verdiente Aufmerksamkeit bekommen diese nun durch das Arsenal in Berlin, das den ganzen Monat Mai dem ‘neuen griechischen Kino’ widmet.
Der bekannteste Vertreter der jungen Griechen ist Giorgos Lanthimos. Der Athener Filmemacher hat mit Dogtooth den Hauptpreis der Kategorie Un Certain Regard bei den Filmfestspielen von Cannes 2009 gewonnen. Der Film erzählt die Geschichte eines Paares, das seine Kinder in einem kruden Regime vollkommen abgeschlossen von der Öffentlichkeit aufzieht. Dabei werden nicht nur gesellschaftliche Konventionen, sondern auch einfache Begrifflichkeiten vollkommen neu definiert. Für die Kinder ist dies dann Realilität. Das Wort Zombie steht für ein kleines Blümchen, Hauskatzen sind überaus gefährliche Raubtiere.
Die Beschreibung von Dogtooth kann durchaus sinnbildlich für das ‘neue griechische Kino’ verstanden werden. Absurd und skurril aber gleichzeitig still und zurückhaltend. Symbolisch und metaphorisch aber gleichzeitg bildgewaltig und kompromißlos. Dabei immer schwarzhumorig. Anders als auf der politischen Ebene befindet sich Griechenland cineastisch in der Mitte Europas – das europäische Kino unterschied sich immer durch unaufgeregte und ungewöhnliche Außenseitergeschichten vom amerikanischen Film.
Hoffnungslosigkeit und Ungerechtigkeit
Weitere griechische Filmemacher sind Yannis Economides, Babis Makridis oder Filippos Tsitos. Knifer von Yannis Economides ist eine schwarz-weiße Hommage an den Film Noir, der von der Langeweile und Trostlosigkeit in einem Athener Vorort erzählt. Er zeigt Charaktere, die weder Hoffnung noch Ambitionen, bestenfalls Zorn und Unglück spüren. Auch in L von Babis Makridis begleiten wir einen Außenseiter. Er wohnt gemeinsam mit seiner Familie in seinem Auto. Als sein Chef einen neuen Fahrer einstellt verliert er seinen Job. Also ändert der stoische Held sein Leben und steigt aufs Motorrad um. Der Film hat es in die offzielle Auswahl des Sundance Film Festivals geschafft. In Unfair World von Filippos Tsitos entscheidet ein enttäuschter Polizist, nur noch seinem eigenen Gerechtigkeitssinn zu folgen. Natürlich gerät er dadurch selbst mit dem Gesetz in Konflikt. Während sein Vorgesetzter Verdacht schöpft, steht ihm die Putzfrau Dora bei, in die er sich verliebt hat.
Vordergründig spielt die Krise im griechischen Film übrigens keine Rolle. Eher lässt sie sich im Unterton und in den Themen der Filme ausmachen: Hoffnungslosigkeit, Ungerechtigkeit. Im Mittelpunkt stehen gesellschaftliche Verlierer, die die Krise in Massen hinterlassen hat und noch hinterlassen wird. Andererseits müssen solche Themen nicht spezifisch in Griechenland gesucht werden. Es ist kein Zufall, dass die oben beschriebenen Filme an einen der Könige des europäischen Indie-Films erinnern: an Aki Kaurismäki.
Zwei weitere Vertreter des ‘neuen griechischen Kinos’ können bald in Deutschland bewundert werden. Attenberg von Athina Rachel Tsangari startet am 10. Mai. Alpen, der neue Film von Dogtooth-Regisseur Giorgos Lanthimos, läuft am 21. Juni an.
Wer noch weitere Informationen zum ‘neuen griechischen Kino’ möchte, dem sei auch ein Artikel vom filmdienst empfohlen.
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Kommentare
über Das neue griechische Kino erobert Europa
Picknicker Wed, 09 May 2012 07:52:37 -0000
Kommentar löschenah stimmt, dogtooth war großartig. danke für die die erinnerung. muss definitiv mal schauen, was der regisseur seit dem so auf die beine gestellt hat.
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mitcharts Wed, 09 May 2012 07:34:53 -0000
Kommentar löschenDanke für diesen kleinen Einblick ins griechische Kino. :)
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Sinister Kid Wed, 09 May 2012 07:01:56 -0000
Kommentar löschenDanke für diesen erneuten Einblick (siehe Kuba vor kurzem) in nicht allzu bekannte Filmlandschaften!
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Die neuen Griechen sind wirklich großartig.
Ihre etwas experimentell anmutenden Filme sind für mich sogar mit das Sehenswerteste, was im momentanen Weltkino zu finden ist. Mutig stellen ATTENBERG, ALPEN oder der furiose DOGTOOTH mit ihrem bizarren Humor die existenziellsten Fragen, zum Beispiel nach den Grenzen zwischen Mensch und Tier – als wollten sie auch die am sichersten geglaubten Erkenntnisse der letzten Jahrtausende noch einmal von Grund auf hinterfragen.
Dabei geht die Gruppe um Giorgos Lanthimos so konsequent und geistreich vor, dass manch ein Zuschauer vielleicht verschreckt sein wird. Wer aber interessiert ist an den Dingen hinter der Fassade und Tünche der Alltags-Konventionen – wer auf der Suche ist nach so etwas wie dem Kern der unverstellten Wirklichkeit – der kann hier wahre Perlen finden!
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