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James Mangolds »Logan – The Wolverine«

Das verschleierte Ende der Geschichte

»And I heard as it were the noise of thunder./One of the four beasts saying »come and see«,/and I saw, and behold a white horse.«

Am apokalyptischen Anfang steht das katastrophale Ende in nicht allzuferner Zukunft: El Paso, Texas, 2029. Die Welt steht an ihrem vielbeschworenen, zeitgenössisch-dystopischen Abgrund. Alles ist zerstört, die Schöpfung, wie wir sie kennen, versinkt, wie es sich für ein ordentliches Endzeitszenario gehört, in Ruinen. Nach all dieser Zeit ist die Mutantenfrage immer noch im Alltag präsent, dergestalt, dass es eine Vernichtungsjagd auf alle X-Men gegeben hat, die auch größtenteils erfolgreich verlaufen ist. Die wenigen Überlebenden haben sich in den Untergrund zurückgezogen.

Ein geheime wissenschaftliche Organisation – natürlich, was auch sonst? – unter der Leitung von Dr. Zander Rice (Richard E. Grant, *1957) und dessen ausführendem Arm Donald Pierce (Boyd Holbrook, *1981) stellt in wissenschaftlichen Experimenten künstlich erzeugte, modifizierte Mutantenkindern her, die allerdings nicht wie Menschen, sondern wie Dinge behandelt werden sollen, eine pervertierte Form des Kaspar-Hauser-Versuchs, eben nur auf Mutanten und genetisch fertilisierte Menschen bezogen. Man erhofft sich Erkenntnisse, die auf der Einstellung basieren, dass die Kontrolle des Phänomens besser ist als dessen Ausrottung. Denn es gilt, den perfekten Soldaten herzustellen. Auch das kommt dem medienerfahrenden Zuschauer von heute alles andere als neu vor. Wozu man allerdings in einer derart am Zahnfleisch gehenden ausgebrannten Welt überhaupt noch Soldaten braucht, bleibt ebenso offen. Aber Apokalypsen folgen ja oft einer eigenen Logik, die sich nicht unbedingt jedem erschließen muss.

»There’s a man going around taking names,/And he decides who to free and who to blame./Everybody won’t be treated all the same./There will be a golden ladder reaching down/When the man comes around.«

»Leck mich, Logan!« Der einst so mächtige, unverwundbare und unsterbliche Logan alias The Wolverine (Hugh Jackman, *1968) ist in die Jahre gekommen. Seltsamerweise altert er und seine Wunden schließen sich nicht mehr so gut und so schnell wie früher. Die Antwort darauf, warum das so ist, bleibt der Film schuldig. Wie viele andere Antworten auch. Vielleicht, weil eine entsprechende Begründung im Rahmen der Figur und ihrer bisherigen Geschichte unlogisch wäre, doch das ist reine Spekulation. Logan fährt in einem 24er Chrysler zwischen Texas und Mexiko hin und her.

Dort, jenseits der Grenze hat er sich eines alten Mitneuzigers angenommen, mit dem ihn eine besondere Geschichte verbindet. Charles Xavier (Patrick Stewart, *1940), wird von ihm, an einer seltsamen unheilbaren Krankheit leidend, in einem Tank versorgt und gepflegt. Wie es zu dieser Erkrankung gekommen ist und was es genau damit auf sich hat, ist ebenfalls etwas, was der Film offenlässt, was natürlich viel Raum für Fanspekulationen gibt. Und das ist marketingtechnisch und verkaufsstrategisch ja auch so gewollt.

»The hairs on your arm will stand up/At the terror in each sip and in each sup./Will you partake of that last offered cup?/Or disappear into the potter’s ground/When the man comes around?«

»Niemand sollte allein in einem Tank leben müssen!« Der einst so bedeutende und mächtige »Professor X«, ehemaliger Leiter der »School for gifted Youngsters«, ist ein Wrack, körperlich wie seelisch. Er vegetiert vor sich hin, er, das vielleicht »gefährlichste Gehirn der Welt«, leidet an einer degenerativen Erkrankung (der deutsche Wikipedia-Artikel spekuliert auf Alzheimer, aber das ist nichts anderes als eben eine Vermutung, die durch nichts belegt ist) seines wichtigsten Organs und Instruments. Er hat Anfälle, mit denen er seine Umgebung in die Knie zwingt, die er aber nicht oder nur dank gewisser Medikamente kontrollieren kann. Um welche Medikamente es sich handelt und wie diese wirken, bleibt nebulös.

Logan beschafft diese Medikamente nicht nur, er sorgt auch dafür, dass der Professor diese Medikamente nimmt, jedenfalls meistens. Er wird dabei unterstützt von Caliban (Stephen Merchant, *1974), einem nach einer Figur aus Shakespeares »Der Sturm« benannten Mutanten, dessen Kräfte – die Fähigkeit, andere Mutanten aufzuspüren, und übermenschliche Kraft – zunächst nicht erkennbar sind. Er ist ein Albino und wirkt mit seiner weißen, anämischen Hautfarbe und seinem Äußeren wie »Nosferatu unter Deck«, besitzt aber beileibe nicht das Wesen des berühmten Vampirs. Er taucht bereits im neunten Teil der X-Men-Reihe auf, wird in »X-Men: Apocalypse« (2016) allerdings von Tómas Lemarquis (*1977) verkörpert.

»Hear the trumpets, hear the pipers./One hundred million angels singing./Multitudes are marching to the big kettledrum./Voices calling and voices crying,/Some are born and some are dying./It’s Alpha and Omega’s kingdom come.«

»Früher war ein Scheißtag einfach nur ein Scheißtag.« Die Isolation ist Gift für den Professor, dessen Gehirn von Rice und Pierce als der Prototyp einer Massenvernichtungswaffe angesehen wird und somit extrem interessant und erstrebenswert ist. »Professor X« ist für die beiden Bösewichte bis dahin nur eine Legende, jemand, von dem sie zwar wissen, aber eben nichts Genaues und vor allem nicht, wo er zu finden ist. Dafür haben Logan und Caliban gesorgt.

Doch da tritt ein junges Mädchen in das Leben der Altmutanten: Laura Kinney alias X23 (Dafne Keen, *2005). Laura ist ein im Labor gezüchteter, weiblicher Klon von Wolverine. Sie hat statt drei nur zwei Krallen an den Händen, dafür aber eine zusätzliche Kralle, die sie aus ihrem Fuß wachsen lassen kann, natürlich ebenso mit Adamantium überzogen, wie bei Wolverine. Laura ist durch die Hilfe des Pflegepersonals in der Einrichtung, in der sie mit anderen Mutanten »gezüchtet« wurde, vor einer »Säuberungsaktion« gerettet worden und nun auf der Flucht. Ihre Pflegerin gibt sich als ihre Mutter aus und sucht den Kontakt zu Logan, den sie als Wolverine anspricht und den sie um Hilfe bittet, die dieser zunächst ablehnt.

»And the whirlwind is in the thorn tree,/The virgins are all trimming their wicks./The whirlwind is in the thorn tree,/It’s hard for thee to kick against the pricks.«

»Sie ist nicht mein Kind, aber ich liebe sie! Sie lieben sie vielleicht nicht, aber sie ist ihr Kind!« Diese Behauptung der »Mutter« Lauras wird nach deren Ermordung zum zentralen Konflikt des Films. Logan will seine Vaterrolle zunächst nicht akzeptieren, und auch das bekannte Zitat aus Star Wars »Es ist noch Gutes in Ihnen!« will da zunächst nicht greifen. Er philosophiert lieber mit dem Professor über die Stellung der X-Men in der Schöpfung: »Sind wir Gottes Fehler oder ein Teil von Gottes Plan?« Dabei ist Lauras Kampfkraft und ihre konditionierte Kaltblütigkeit und Grausamkeit in Kombination mit ihrem Überlebenswillen beispiellos und sie rettet die Altmutanten mehrmals aus tödlichen und schier aussichtslos erscheinenden Situationen, obwohl es doch eigentlich anders herum sein müsste. Doch auch hier stellt die Zukunft die Vergangenheit bildlich gesehen auf den Kopf: das Kind rettet die Erwachsenen.

Sie ist auch die treibende Kraft, die den sich ständig innerlich und äußerlich verweigernden, über den gesamten Handlungszeitraum des Films sterbenden Helden Logan dazu bringt, etwas zu tun, was völlig gegen seine erwachsene Einschätzung geht: er macht sich wider besseres Wissen mit ihr und Charles Xavier auf den Weg nach »Eden«. Im übertragenen Sinn gesehen, sucht er, wenn auch widerstrebend, bereits zu Lebenzeiten nach dem Paradies, in das ihn theologisch folgerichtig nur ein Kind führen kann – »Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.« (Mt 18,3b) –, wenngleich auch ein Kind, das mit der Brutalität und Abgeklärtheit eines Erwachsenen vorgeht, um sein Ziel zu erreichen.

Mit Xavier freundet Laura sich schneller und leichter an, nur mit Wolverine ist es kompliziert. Seine Vaterschaft, auch wenn sie nur auf rein genetischer Basis vorhanden ist, anzuerkennen, ist die zentrale Krise des titelgebenden Helden, dessen Ego, um mit Christopher Vogler zu sprechen, schon vor Beginn des eigentlichen Films gestorben ist.

»Til Armageddon, no shalam, no shalom./Then the father hen will call his chickens home,/The wise man will bow down before the throne./And at his feet, they’ll cast the golden crowns,/When the man comes around.«

»Niemand verändert sich wirklich!« Das Böse gewinnt hier zwischenzeitlich durch erzwungenen Verrat und rechtfertigt das mit der Behauptung, dass jeder Mensch im Kern immer derselbe ist, sich, so gern er das auch möchte, nicht wirklich verändert, sondern das bleibt, was er einmal war. Eine zugegeben zwanghafte und fatalistische Sicht der Welt, die immer zweckgebunden bleibt und sich die freiheitliche Selbstbestimmung des Menschen und dessen seelische Entwicklung unterjochen will. Sie ist in diesem Kontext teuflisch, weil Jesu Botschaft eindeutig die Entscheidungsfreiheit des Menschen als höchstes Gut selbst über den Willen Gottes stellt (vgl Mt 19,22).

Die Schatten der pseudologischen Wissenschaft sind dem ungleichen Helden-Trio dicht auf den Fersen und bemächtigen sich Calibans, den sie durch Folter dazu bringen – wieso drängt sich mir hier wohl bei einem amerikanischen Film direkt der Vergleich mit Guantanamo auf? –, dass er den Aufenthalt der Gesuchten erspäht und an sie verrät. Auch für Caliban bleibt letztlich nur der Tod in Form der Selbstopferung, um sich von der Folter und seiner Schwäche, seinem Verrat, reinzuwaschen.

Charles, Laura und Logan haben sich eine Auszeit gegönnt, da sie unterwegs einer Familie bei einer Panne auf der Interstate geholfen haben. Diese Familie lädt sie zum Abendessen und zum Bleiben ein. Die drei erfahren ein allerletztes Mal in ihrem Leben das, was sie nie wirklich hatten und was ihnen doch so teuer ist: Normalität und eine Familie.

»Whoever is unjust, let him be unjust still./Whoever is righteous, let him be righteous still./Whoever is filthy, let him be filthy still./Listen to the words long written down/When the man comes around.«

»Wut ist nicht anerziehbar.« Logan hilft dem Familienoberhaupt bei Nachbarschaftstreitigkeiten. Charles schläft unruhig in einem Zimmer des Hauses in einem normalen Bett und kann das alles gar nicht genießen, weil er sich in Schuldgefühlen suhlt. Er glaubt, das alles nicht zu verdienen. Doch diese Schönste aller Nächte, die er zu verbringen glaubt, endet tragisch.

Die Organisation hat das Farmhaus gefunden. X24, eine jüngere originalgetreue Kopie von Wolverine, ein jüngerer Klon von Logan, der durch eine unstillbare und ungebändigte Wut angetrieben wird, tötet Xavier und ermordet anschließend die ganze Familie. Nur Laura und der später hinzugekommene Logan können sich des Monstrums durch ein Adamantiumgeschoss vorübergehend entledigen.

Beim Kampf wird Logan allerdings so schwer verletzt, dass Laura ihn zu einem Arzt bringt. Wider den Rat des erfahrenen Arztes setzt Logan am nächsten Tag mit Laura den weiteren Weg nach »Eden« fort. Egal, was auch passiert, das Streben des Menschen nach dem Paradies ist ungebrochen und unbezwingbar. Die Seele setzt dafür den Körper aufs Spiel, ähnlich einem Reiter, der sein Pferd zu Tode hetzt. Ein mehr als apokalyptisches Motiv, denn das Weltende mündet in der Verklärung des Lebens im Reich Gottes beziehungsweise im Hervorbringen neuen Lebens, im Schließen des ewigen Kreislaufs von Geburt und Tod, von Leben und Sterben.


»In measured hundred weight and penny pound,/When the man comes around.«

Am katastrophalen Ende steht die Offenbarung als hoffnungsvoller (Neu-)Anfang. Das offene Ende suggeriert den gerade erwähnten ewigen Kreislauf des Lebens und des Schicksals, sofern man denn an ein solches glaubt. Die Mutantenkinder entkommen über die Grenze, wie es mit ihnen weitergehen wird, bleibt ungewiss. Die Organisation, die sie verfolgt hat, wird zurückgeschlagen, aber ob sie endgültig besiegt wurde, ist keineswegs sicher.

Wolverine stirbt, nachdem er durch ein Elixier für kurze Zeit noch einmal seine alte Kraft und Stärke erlangt und entscheidend zur Rettung seiner Mutantenschützlinge beigetragen hat, einen heldenhaften Tod. Besiegt wird er lediglich von X24 und seiner »Altersschwäche«, also letztlich durch sich selbst. Wolverine hat sich selbst überlebt, hat sich, wie es sich gehört, im übertragenen Sinn verjüngt, in eine bessere Extended Version verwandelt.

Mit dieser Gewissheit geht er, auf einen Baumstumpf inmitten einer grünen, fruchtbaren Waldatmosphäre gespießt, und auf diesem Bett aus lebendiger Hoffnung als seinem Sterbebett bekennt er sich zu seiner Tochter und seine Tochter sich zu ihm, was den zentralen Konflikt wohltuend aber erwartungsgemäß tröstend auflöst. Es ist wie ein Versprechen, was beide einander geben, wie einer Staffelstabübergabe an der Ziellinie, also ein wahres und echtes Erlösungszeichen für Wolverine und in gewissem Sinne auch für Laura, die einen wichtigen Schritt auf dem Weg hin zu ihrer Selbstfindung getan hat.

Die Tochter begräbt den Vater in der fruchtbaren Erde des Waldes und ihre letzte Handlung ist, dass sie in ihrer Trauer das christliche Kreuz, was aus zwei lose zusammengeschnürten Ästen am Kopfende von Logans Grab errichtet wurde, umkippt und als X stehenlässt. Eine deutungsschwere und gewichtige Geste, sich in tiefster Trauer auf das zu besinnen, was der Verstorbene im Leben gewesen ist und wofür er stand. Ein Bekenntnis nicht nur zum Wesen des Vaters, sondern auch zum eigenen Ich.

»And I heard a voice in the midst of the four beasts,/and I looked and behold, a pale horse./And his name that sat on him was Death, and Hell followed with him.«

Die theologisch bedeutsame Umdeutung des christlichen Kreuzes durch Schrägstellung zum X, ist neben seiner erneuten, nun auch bildlichen Betonung des X. also 10. Films der Reihe natürlich in mehrfacher Hinsicht interpretierbar. Den ewigen Pessimisten in uns bestätigt diese Umwandlung sicherlich in der Ansicht, dass das Christentum mit all seinem Gerede von Menschenliebe, Barmherzigkeit und Glauben an eine höhere Gerechtigkeit endlich gescheitert und ad absurdum geführt worden ist. Das Gute hat am Ende strenggenommen ja nicht gesiegt, das große Ziel, das »Eden« (vgl. 1 Mose 2.3) genannte Paradies für Mutanten, das ja nach Auffassung Logans eine bloße Comic-Idee, eine Erfindung war, wird nicht erreicht. Das Unsterbliche, das Unverwundbare, stirbt mit Logan den tragischen Heldentod.

Den Optimisten hingegen steht das X für den hoffnungsvollen Neuanfang. Die misshandelten und malträtierten Jungmutanten, die künstlich erschaffen worden sind, haben überlebt, die X-Men sind folglich nicht ausgelöscht. Der Einsatz Logans und des Professors war nicht umsonst. »Das Zeichen unserer Hoffnung, das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus, sei aufgerichtet über deinem Grab.« oder »Im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus ist Auferstehung und Heil.« lautet das Gebetsversprechen des christlichen Priesters in der Begräbnisliturgie. Wenn dieses Kreuz also zu einem aufgerichteten X umgedeutet wird, so bedeutet das trotz aller Dystopie den Sieg der Hoffnung und das Heil für alle Menschen, eben auch für die, die anders sind als der Rest der Menschheit. Welche Deutung der geneigte Leser und Zuschauer als die für sich Passende annehmen wird, bleibt selbstverständlich ihm selbst überlassen.

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