Death Note - Die verschwundene Melancholie des Light Turner

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Achtung, Spoiler zum Death Note-Anime und der Neuverfilmung aus diesem Jahr: Seit ihrer Erstveröffentlichung als Manga-Reihe wurde die Geschichte von Death Note schon in zahlreichen Adaptionen umgesetzt, die das Grundprinzip von Tsugumi Ohba und Takeshi Obata auf ihre eigene Weise aufgriffen. Ein Anime, zahlreiche Realfilme und Spin-offs oder ein Musical sind nur ein Teil der Medien, in denen Death Note seine Spuren hinterlassen hat. Wenn die Qualität dieser Adaptionen auch stark schwankt, so haben die meisten doch wenigstens versucht, ein paar eigene Ideen einzubringen, um selbst Franchise-Vertrauten eine zumindest in Teilen originelle Erfahrung zu bieten.

So auch die neuste Verfilmung Death Note, die am vergangenen Freitag auf Netflix erschien. Bereits seit ihrer Ankündigung vor einigen Jahren war klar, dass die Geschichte sich diesmal in Amerika statt ihrem sonstigen Heimatland Japan abspielen würde. Oft eines der größten Probleme bei Realverfilmungen von Anime oder Manga, war der neue Schauplatz eine willkommene Abwechslung, nicht zuletzt, da neue Ideen in den japanischen Versionen langsam zu versiegen drohen. Wesentliche Themen wie die korrumpierende Wirkung absoluter Macht und das naive Verständnis eines Teenagers von Gerechtigkeit lassen sich gut auf einen amerikanischen Schauplatz übertragen, und das weltweit Schlagzeilen machende Justizsystem der USA bietet Material, das direkt von der neuen Örtlichkeit profitiert. Diese Möglichkeiten werden teilweise aufgegriffen, doch die größte Veränderung findet sich beim Hauptcharakter, bei dessen Zuschnitt auf ein westliches Publikum eine wichtige Eigenschaft verloren gegangen ist: der eigene Antrieb.

Die zwei Lights
Die sprachliche Unterscheidung von Light Yagami, der Figur aus Manga, Anime und Musical, und Light Turner, dem von Nat Wolff gespielten Hauptcharakter aus dem Film von Adam Wingard, gestaltet sich dank der Umtaufung auf einen amerikanischen Nachnamen sehr einfach, daher werden die beiden Figuren fortan primär damit angesprochen. Zur wesentlichen Unterscheidung zwischen ihnen rufen wir uns zunächst folgenden Umstand ins Gedächtnis:

Light Yagami ist ein Faschist.

Zugegeben, die Macht über Leben und Tod würde bei jedem früher oder später einen Gotteskomplexes hervorrufen, aber dieser enstand bei Yagami erstaunlich schnell. Nach zwei Testläufen inklusive des Todes eines Mannes, dessen einziges Vergehen darin bestand, ein unerträgliches Arschloch zu sein, begann Yagami sofort, Namen und Gesichter von Verbrechern zu sammeln wie Pokémon. Bei seinem ersten Treffen mit Ryuk hatte er bereits Hunderte von Menschen auf dem Gewissen, und schwang große Reden darüber, die Welt nach seinen eigenen Vorstellungen neu zu formen. Schon war klar, dass seine Ansprüche an die Schwere von Vergehen mit der Zeit sinken würden, damit ihm die Opfer nicht zu schnell ausgehen. Das würden sie auch nicht, denn er war über Jahre aktiv, in denen er rein statistisch gesehen mit Sicherheit zahlreichen Unschuldigen das Leben nahm, selbst ohne Berücksichtigung der Ermittler, die lediglich das gleiche Ziel wie er mit anderen Methoden verfolgten. Er trug die Verantwortung für einen Großteil der Ereignisse in Death Note, und verfiel schließlich in hysterische Schreie der Panik, als er mit dieser Verantwortung konfrontiert wurde.

Was Yagami bis zu seinem Totalausfall zum Ende der Geschichte nicht unbedingt unsympathisch macht, denn ein Großteil der Faszination von Death Note geht davon aus, wie Light trotz seiner eher kindischen Moral immer wieder schwierige Problemstellungen löst. Death Note lebt von seinen Aha-Momenten, in denen der Leser oder Zuschauer die Geschichte einholt und über das Vorausdenken ihrer Figuren aufgeklärt wird.

Ein widerwilliger Todesgott
Lights Netflix-Variante fehlen dagegen viele dieser Charakterzüge. Schon das Auffinden des Death Note verläuft bei ihm völlig anders. Yagami sah sich vielleicht von höheren Mächten auserkoren, aber eigentlich landete das Buch nur bei ihm, weil er im richtigen Moment in die richtige Richtung schaute. Turner fällt das Buch dagegen quasi in den Schoß, es bietet sich ihm förmlich an. Sein erster Mord geschah auf Drängen Ryuks (Willem Dafoe) hin, der in seinen anderen Ausgaben eine weitaus passivere Rolle einnahm und nur agierte, um die Balance zwischen den verschiedenen Parteien zu bewahren. Die wichtigste Entscheidung, die Turner im Alleingang trifft, besteht darin, einem Mädchen, mit dem er zu dem Zeitpunkt nur wenige Sätze ausgetauscht hatte, von seiner Macht über den Tod zu erzählen. Und selbst diese Handlung wirkt eher hormongesteuert.

Ab diesem Zeitpunkt gibt dann auch seine Cheerleader-Freundin Mia (Margaret Qualley) den Ton an. Es ist nichts daran auszusetzen, ihr mehr zu tun zu geben, als ihre Vorlage Misa hatte, doch mit ihr und Ryuk bleibt Turner nur noch wenig Spielraum. Gleiches gilt für seine Motivation: Yagamis Langeweile und Melancholie werden durch eine tragische Hintergrundgeschichte ersetzt, er ist ein Außenseiter, der nach dem Mord an seiner Mutter vom Justizsystem im Stich gelassen wurde. Selbst zum Ende hin, als er scheinbar wieder die Kontrolle über seine eigene Geschichte übernimmt, reagiert Turner mehr auf Mias Verrat, als dass er wirklich selbst agiert.

Death Note ist kein sehr guter Film, aber er ist die Art von nicht gutem Film, die nur aus großen Ambitionen resultieren kann. Zumindest wird der neue Schauplatz sinnvoll verbaut, und das Autoren-Team, bestehend aus Jeremy Slater, Charley Parlapanides und Vlas Parlapanides, verfolgt ein paar bewundernswerte Ansätze, darunter die Leistung, ein Mobbingopfer mit verstorbener Mutter trotzdem bis in seinen Kern unsympathisch erscheinen zu lassen.

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