Dem Meister Michelangelo Antonioni zum Jahrhundert
thetruetorstenreitz (Torsten Reitz), Veröffentlicht am 29.09.2012, 08:50
Italienische Filmemacher haben einen ganz entscheidenden Teil zur Entwicklung des internationalen Kinos beigetragen. Gerade in den ersten Dekaden der Nachkriegszeit leisteten Regisseure wie Roberto Rossellini, Federico Fellini und Vittorio De Sica durch ihre knallharte Auseinandersetzung mit der Realität Pionierarbeit. Dazu gesellten sich noch etliche weitere Landsmänner, die ihre Vorstellungen in ganz anders gearteten bewegten Bildern auf die Leinwand bringen wollten, wie beispielsweise Luchino Visconti, Pier Paolo Pasolini und Michelangelo Antonioni. Letzterer hätte heute das Jahrhundert komplettiert. Leider verstarb der Regisseur 2007 im Alter von knapp 95 Jahren am gleichen Tag wie ein anderes europäisches Genie, Ingmar Bergman, so dass er seinen 100. Geburtstag nicht mehr mit uns feiern kann. Zu seinem Jubiläum möchten wir dem Altmeister trotzdem den Respekt zollen, der ihm zusteht, und sein prägendes filmisches Schaffen gebührend Revue passieren lassen.
Dem Meister Michelangelo Antonioni zum Jahrhundert (10 Bilder)
Kino der Angst
In seinen Werken setzt sich Michelangelo Antonioni mit den Befürchtungen seiner Zeitgenossen auseinander. Es geht ihm nicht darum, die Menschen als Herdentiere darzustellen. Das glatte Gegenteil ist der Fall. Seine Figuren verlieren sich in der Moderne, in einer vom Wirtschaftswunder und der Atombombe geprägten, verängstigten Welt nach dem Krieg, die aber immer wieder vor einem neuen Krieg stand. Die nukleare Bedrohung war allgegenwärtig. Jeden Tag stand die Menschheit direkt am Abgrund. ‘Nach dem Spiel ist vor dem Spiel’, um eine alte Fußballerfloskel zu gebrauchen – nur dass es hierbei um Leben und Tod ging. Die Charaktere von Michelangelo Antonioni sind Ausdruck dieser verunsicherten Generation zwischen absolutem Fortschrittsglauben und dem Festhalten an den Traditionen eines dem Untergang geweihten Bürgertums. Sie verlieren sich inmitten einer technologisierten Gesellschaft. Die rote Wüste steht hierbei sinnbildlich für die Leere der modernen Industriekultur, in der jegliche Menschlichkeit abhanden gekommen ist und Fabriken und rauchende Schornsteine eine morbide Schönheit besitzen, die sonst eigentlich eher der Natur vorbehalten ist.
Kino der Einsamkeit
Einsamkeit ist einer der thematischen Schwerpunkte des Regisseurs, unter der sämtliche seiner Figuren auf ihre eigene Weise leiden müssen. Selbst in seinen frühen Werken, die allesamt Liebe zum Gegenstand haben, wird dies deutlich. Auch die Charaktere innerhalb Beziehungen leben höchstens nebeneinander her. Die Versuche, miteinander zu kommuzieren, scheitern am Ende immer kläglich. An die Stelle trauter Zweisamkeit tritt Voyeurismus. Sehnsüchtige Blicke verschaffen den Figuren von Michelangelo Antonioni eine Art Ersatzbefriedigung, die durch körperliche Nähe nicht zustande kommt. Besonders deutlich wird dies im Cannes-Gewinner BlowUp – Ekstaze ’67, in dem ein Modefotograf im London der ‘Swinging Sixties’ neben Models auch ganz normale Menschen auf der Straße ablichtet und dabei einem vermeintlichen Mord auf die Schliche zu kommen glaubt. Ironischerweise versetzt der italienische Regisseur seine Zuschauer aber in eine ähnliche Lage. Sie werden ebenso zu Schaulustigen wie seine Charaktere auf der Leinwand.
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- Teil 1: Dem Meister Michelangelo Antonioni zum Jahrhundert
- Teil 2: Kino des Abgrunds
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Kommentare
über Dem Meister Michelangelo Antonioni zum Jahrhundert
fkfilmkritik Sat, 29 Sep 2012 14:49:33 -0000
Kommentar löschenLiebe 1962 liegt noch bei mir rum.
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Bob Loblaw Sat, 29 Sep 2012 13:06:51 -0000
Kommentar löschenAntonioni... er ist viel besser als die Avengers !!!
http://www.moviepilot.de/liste/avengers-vs-antonioni-bob-loblaw
Einer meiner Lieblingsregisseure... toll wie er die moderne Techologie und Industrie liebte und inszenierte aber gleichzeitig unsere Unfähigkeit zeigte, uns daran anzupassen.
"Ravenna, near the sea, has a stretch of factories, refineries, smokestacks, etc on one side and a pine forest on the other. The pine forest is much the more boring feature."
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bestseimon Sat, 29 Sep 2012 11:16:56 -0000
Kommentar löschenHabe leider noch nichts von ihm gesehen, steht aber nun auf meiner Liste. Bin schon sehr gespannt.
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Le Samourai Sat, 29 Sep 2012 10:41:02 -0000
Kommentar löschenWunderbarer Artikel, danke dafür!
Habe ja gerade meine Antonioni-Wochen hinter mir und 6 Werke geschaut, für mich einer der stilistisch und inhaltlich wichtigsten/ bedeutendsten Filmemacher überhaupt. Auf einer Stufe mit Bergman, Tarkovsky, Bunuel, Kurosawa.
http://www.moviepilot.de/liste/michelangelo-antonioni-le-samourai
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Markbln Sat, 29 Sep 2012 09:52:35 -0000
Kommentar löschenDie "knallharte Auseinandersetzung mit der Realität" hatte einen Namen: NEOREALISMUS. Das darf man auf einer Filmseite ruhig erwähnen. Anosnsten schöne Erinnerung an Michelangelo Antonioni, dessen bekanntestes werk BLOW UP ich ehrlich gesagt nicht mehr sehen kann. Inzwischen finde ich DIE NACHT, LIEBE 1962 und BERUF:REPORTER wesentlich interessanter.
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Michelangelo Antonioni
Beteiligt an 18 Filmen (als Regisseur, Drehbuch, Schnitt und Autor)
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Großartiger Regisseur, der Mann. Aber seinen Besten habt ihn nicht erwähnt (oder hab ichs überlesen?): L'avventura!
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