Der deutsche Mainstream-Film beschränkte sich in der Wahrnehmung vieler Zuschauer lange Zeit weitestgehend auf die Aufarbeitung der deutschen Geschichte, die Verfilmungen klassischer literarischer Werke oder der Lebensgeschichten prominenter Deutscher. Nicht selten vergaßen Mainstream-Filmemacher in Deutschland, dass der vermeintlich „bedeutsame Stoff“ auch angemessen inszeniert werden muss, um wirklich gute Kinounterhaltung zu produzieren. Deutsche Filme waren steif, bieder und verkopft – „typisch deutsch“ eben.
In den letzten Jahren lässt sich aber eine neue Entwicklung erkennen: Mittlerweile können auch Mainstream-Filmemacher in Deutschland Geschichten erzählen, ohne dabei Film gewordenen Geschichtsunterricht zu produzieren. Sie beweisen ein Gespür für Inszenierung, Schauspielführung und Timing und haben damit oft auch kommerziellen Erfolg.
Dabei orientieren sie sich häufig an amerikanischen Vorbildern – was sich im besten Fall auf die aufwendige Produktionsweise und das filmische Handwerk beschränkt, so dass eigenständige, zeitgemäße Filme entstehen. Im schlechteren Fall führt es zur stumpfen Kopie eines amerikanischen Originals, wobei oft Werke inszeniert werden, bei denen der Zuschauer die Bedeutung des Wortes „Fremdschämen“ auf fast schon schmerzhafte Weise erfährt.
Stupide Übernahme aus Amerika
So wirkt der Trailer zu Rock it wie eine High School Musical -Kopie, für die die Produzenten anstelle einer wirklichen Besetzung die Tanz-AG einer Provinzschule engagiert und statt eines Drehbuchs Songtexte auf Schlager-Niveau zur Basis des Films gemacht haben. Das Bushido -Biopic Zeiten ändern Dich soll wohl der Versuch einer deutschen Version von 8 Mile sein. Leider ist offenbar niemandem aufgefallen, dass Bushido zum Einen ein deutlich uninteressanterer Protagonist ist als das Vorbild Eminem und zum Anderen sein Talent als Schauspieler offenbar nicht einmal ausreicht, um sich selbst zu spielen. Als wäre das noch nicht genug, will der deutsche Regisseur Dennis Gansel mit Wir sind die Nacht auch noch auf den Twilight – Biss zum Morgengrauen -Zug aufspringen (wir berichteten).
Die andere Seite: Kreatives aus Deutschland
Allerdings gibt es auch positive Beispiele: Mit Friendship! ist dem Regisseur Markus Goller kürzlich ein Road Movie gelungen, wie wir es aus Deutschland wohl nicht erwartet hätten. In schönen Bilden erzählt der Film leichtfüßig und dennoch glaubhaft eine Geschichte von zwei ungleichen Freunden auf einem Trip durch die USA. Jerry Cotton dürfte dem Trailer nach zu urteilen zwar nicht jedermanns Fall sein, im Genre der etwas klamaukigen Agentenkomödien könnte er aber durchaus in einer Liga mit amerikanischen Vertretern wie Get Smart spielen. Generell macht Deutschland im Bereich der Comedy derzeit Boden gut: Waren deutsche Komödien in der Vergangenheit oft kaum mehr als Aneinanderreihungen von Sketchen, entstehen heute immer mehr Filme wie der erwähnte Friendship! oder 13 Semester, die zwar zum Lachen anregen, aber eben auch eine echte Geschichte erzählen – und damit auch noch Erfolg haben. Fatih Akin, bisher eher bekannt durch ernste Dramen wie Gegen die Wand, drehte mit Soul Kitchen seine erste Komödie, die zu seinem bisher erfolgreichsten Film wurde.
Ein weiteres Genre, in dem sich deutsche Produktionen oft positiv hervorheben, ist das der Kinderfilme. So erscheint in diesem Jahr eine Neuverfilmung des Kinderbuch-Klassikers Hanni & Nanni, und auch die vorstadtkrokodile-2 erleben ihren zweiten Auftritt in moderner Aufbereitung und mit prominenter Besetzung. Michael Herbig feierte kürzlich mit Wickie und die starken Männer Erfolge, ein zweiter Teil ist bereits geplant. Wickie auf großer Fahrt soll, als einer der ersten deutschen Filme überhaupt, in 3D gedreht werden (wir berichteten). Auch technisch sind deutsche Filme also auf der Höhe der Zeit.
Ausblick: Größere Genrevielfalt
Doch uns erwarten 2010 nicht nur Agentenklamauk und Kinderfilme: Tom Tykwer veröffentlicht in diesem Jahr die Tragikomödie Drei, seinen ersten deutschsprachigen Film seit zehn Jahren. Schwerkraft mit Jürgen Vogel und Fabian Hinrichs verspricht ein fesselndes Drama über einen Bankangestellten, dessen Leben außer Kontrolle gerät, was ihn in die Kriminalität führt. Mit Henri 4 versucht sich TV-Regisseur Jo Baier außerdem an einem aufwendigen Historienfilm fürs Kino.
Natürlich spielt auch die deutsche Vergangenheit weiterhin eine Rolle. So feiert beispielsweise auf der Berlinale Oskar Roehler s durchaus vielversprechender Jud Süß – Film ohne Gewissen Premiere. Auch für “lustige”, unzählige Male dagewesene Komödien ohne Mehrwert wird sich hier weiterhin Absatz finden, wie in diesem Jahr unter anderem Otto’s Eleven und Werner – Eiskalt! beweisen wollen.
Aber der deutsche Film lässt sich nicht mehr auf einzelne Genres beschränken. Einfallslose US-Kopien mögen ärgerlich sein, doch der Trend geht zu abwechslungsreichen, originellen Produktionen, die auch den internationalen Vergleich nicht scheuen müssen. Diese verdienen nicht nur die Aufmerksamkeit des Publikums, sondern auch den kommerziellen Erfolg, sodass es in Zukunft noch mehr dieser positiven Beispiele geben wird.
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HerrLehmann (Sebastian Moitzheim) 2010/02/05 16:00:00
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Kommentare
über Der deutsche Film 2010
Narrisch 2010/02/05 20:17:57
Kommentar löschenWenn es doch nur so einfach wäre.... ich würde zu allererst beim Handwerk ansetzen bevor ich darüber nachdenken würde mit dem amerikanischen Kino zu konkurieren. Der deutsche Film krankt nachwievor an handwerklichen Defiziten die die Erfolgsaussichten, mit einem Mainstream Film Geld zu verdienen nicht gerade verbessern. Das fängt bei der Ausbildung an, wie der Kamerarbeit, dem Look, vermeintlichen Kleinigkeiten wie Titelgestaltung, der Filmmusik und ganz besonder dem Schauspielerpool aus dem wir in Deutschland schöpfen können. Da sieht es überwiegend düster aus. Von wenigen Ausnahmen abgesehen spielen die Damen und Herren sich selbst und können eigentlich gar nichts. Actionhelden mit Piepsstimmen, langbeinige Blondinen die betroffen dreinschauen können und alternde Theaterschauspieler die einen Film so spielen als würde sie auf der Bühne stehen. Selbst drittklassige US amerikanische Soapdartseller können im Regelfall mehr als die deutsche Schauspielelite. Die können sprechen, wissen mit ihrem Gesicht umzugehen, können tanzen, fechten und sehen bei Liebesszenen gut und nicht peinlich aus.
Die Situation ist heute besser als vor 10 Jahren doch solange das Fernsehen die Qualität des Kinos maßgeblich mitbestimmt, wird es noch ein langer Weg sein um international wirklich erfolgreich zu werden.
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Auggie Wren 2010/02/06 17:07:25
Kommentar löschenErfolgreiche Filme zu kopieren führt in der Regel eh zu ärgerlichem Schund. Aber auch die Haltung "wir machen es mal wie die Amerikaner" kann doch dem deutschen Film nur bedingt zugute kommen. Sich von den vielen kreativen Ideen amerikanischer Produktionen inspirieren zu lassen halte ich keineswegs für schlecht; im Gegenteil.
Aber ich finde es nicht wesentlich weniger schlimm, amerikanische Filmstile und -techniken zu kopieren, als gleich die amerikanischen Filme direkt ins Deutsche zu übertragen.
Kann es als Entwicklungserfolg für den deutschen Film gelten, dass er dadurch besser wird, immer amerikanischer zu werden? Gibt es denn keine wirkliche eigene Identität des deutschen Films?
Ich finde, an Beispielen wie "Requiem", "Schultze gets the blues", "Das weiße Rauschen" oder "Wut" sieht man, dass es tolle, ideenreiche und einzigartige Produktionen aus Deutschland gibt (hm... wenn auch nicht unbedingt mainstream...). Nach dem Vorbild von "Requiem" entstand sogar der (meines Erachtens deutlich schlechtere) amerikanische "Exorzismus der Emily Rose".
Die Übertragung der Rechte an Til Schweigers "Keinohrhasen" an amerikanische Produzenten lasse ich als "positives" Beispiel mal außen vor. Schließlich können sich auch Amerikaner mal irren ;)
Auf "Friendship!" jedenfalls bin ich sehr gespannt!
@Narrisch: Was das oftmals fehlende, bzw. mangelnde Handwerk betrifft, stimme ich dir zu. Und das sage ich als jemand, der im Grunde vom "Filmhandwerk" nicht allzu viel versteht.
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Narrisch 2010/02/06 20:17:56
Einfach das amerikanische Kino kopieren funktioniert nicht und das muss und sollte es auch nicht. Unser kultureller Hintergrund ist ein anderer, unsere Mentalität unsere Geschichte und genau das sollten wir uns in Deutschland auch zunutze machen. Leider passiert das viel zu selten.
Wir müssen nur in unserer Geschichte nachschauen. Dort gibts Stoff für tausende Filme und damit meine ich nicht den 387 Naziaufguß von Stauffenberg oder irgendein Mauerdrama. Was wir aber von den Amerikanern bedenkenlos kopieren können ist das Handwerk und vor allem die Fähigkeit auch schwere Stoffe in eine Form zu bringen, die kurzweilig und unterhaltsam ist.
Auggie Wren 2010/02/06 22:11:33
Da stimme ich dir voll zu. An Kurzweiligkeit und Unterhaltsamkeit -ohne platt und vorhersehbar zu sein- mangelt es vielen deutschen Filmen ganz sicher. Insofern kann der deutsche Film vom amerikanischen durchaus einiges lernen. Solange er sich nicht zu sehr am Vorbild orientiert, sodass er zur Kopie verkommt, kann der deutsche Film von der amerikanischen Erfahrung im Bereich Unterhaltung sehr profitieren.
Auch wenn es manches zu kritisieren gibt, sehe ich den deutschen Film in einer sehr guten Entwicklung immer interessanter werden.
Auch gibt es viele sehr talentierte junge Schauspieler (z.B. M. Schweighöfer, D. Brühl, F. Haberland, A. Diehl oder J. Pallaske)
stalker 2010/02/07 00:16:23
Kommentar löschenSchön pessimistisch bleiben!
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Ortega Lorre 2010/02/07 15:43:05
Kommentar löschenIhr wiederholt leider die absurde Behauptung einiger Presseorgane, dass Fatih Akin mit "Soul Kitchen" seine erste Komödie gedreht hätte.
Seine ersten beiden Kurzfilme "Sensin" und "Getürkt" waren Komödien.
Und nicht zu vergessen sein Kinoerfolg und zweiter Spielfilm "im Juli" mit Moritz Bleibtreu und Christiane Paul.
Des weiteren würde ich gerne wissen warum Gansel auf den Twilight Zug aufspringt.
Weil er einen Film über Vampire macht? Das reicht ja als Begründung nicht...
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"Nur Original ist legal." ^^ Zumindest scheint es da ja dennoch Hoffnung zu geben, schlichtes Abkupfern ist nicht gut, da bevorzugt man automatisch die meist US-Originale. Hoffe mal, dass "Friendship" wirklich passabel ist - den muss ich morgen sehen...
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