Oscar 2013

Der Oscar, Seth MacFarlane & die Sexismus-Debatte

26.02.2013 - 13:29 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
216
23
Seth MacFarlane in einer seiner Oscar-Promos
© ABC/AMPAS
Seth MacFarlane in einer seiner Oscar-Promos
Der Oscar 2013 liegt hinter uns. Doch nun beginnt die richtige Debatte. Seth MacFarlane als Host sorgte zwar für hohe Einschaltquoten. Doch waren seine Witze nicht nur geschmacklos, sondern auch sexistisch und rassistisch?

Die großen Skandale blieben bei der Verleihung des Oscar 2013 aus. Gastgeber Seth MacFarlane sorgte für zufriedenstellende Einschaltquoten. Die Gewinner schlafen ihren Rausch aus und alle freuen sich auf den Langzeit-Urlaub von der Awards Season. Denkste! Kurz nach Ende der Oscar-Verleihung startete eine Debatte über die wahlweise sexistischen oder rassistischen Witze, mit denen Seth MacFarlane in der Nacht zum Montag sein Millionenpublikum zum Schmunzeln bringen wollte. Nicht alle teilen diese Einschätzung, doch wenn sich die Kritiker auf eines einigen können, dann: Seth MacFarlane war nicht besonders lustig.

Mehr: Oscar 2013 – Nacht ohne Skandale & Überraschungen

Wie dem auch sei, die Diskussion ist angebracht, schon allein weil, nach dem Stand vom letzten Jahr, 94 Prozent der Academy-Mitglieder weiß sind und 77 Prozent männlich. (L.A. Times) Wer sich einen Überblick verschaffen will, findet bei Buzzfeed 9 sexistische Sachen, die bei den Oscars passiert sind. Dazu gehört der vielgescholtene Boob-Song von Seth MacFarlane, in dem er den Schauspielerinnen vorsingt, in welchen Filmen sie nackt zu sehen waren. Die gespielt angewiderten Reaktionen der Damen gehören zum Gag, soll MacFarlane doch als schlechtester Host aller Zeiten präsentiert werden. “Der Clip wäre eine witzige Referenz an MacFarlanes vergangene dumme Scherze gewesen – wenn er, so, fünf Sekunden lang gewesen wäre”, schreibt Spencer Kornhaber in The Atlantic. “Aber nein: Wir bekamen eine volle Minute der Brust-Chronik, gefolgt von MacFarlanes Definition-von-Homophobie-Bescheinigung gegenüber Shatner, dass er kein Mitglied des schwulen Männerchors sei, mit dem er gerade gesungen hatte.”

Witze über die häusliche Gewalt in der Beziehung von Chris Brown und Rihanna, über Darmgrippe als Diät-Methode der Schauspielerinnen und die Tatsache, dass MacFarlane zwar kein Wort von Salma Hayek versteht, aber sie immerhin heiß sei, sind nur eine kleine Auswahl der gescholtenen Gags. Zu Zero Dark Thirty fiel MacFarlane nichts besseres ein, als dass der Film “die angeborene Fähigkeit jeder Frau, niemals irgendwas loszulassen” behandle. Er machte sich über die vermeintliche Gesichtsbehaarung der armenischstämmigen Kardashians lustig und kramte damit tief in der rassistischen Kiste von Klischees über Osteuropa. Da der Werbeslogan der Verleihung ausgerechnet “Finally! An Oscars the guys can enjoy!” lautet, bleibt die Frage berechtigt: Geht das noch als Satire durch? Amy Davidson vom renommierten New Yorker quälte sich jedenfalls durch eine “feindselige, hässliche, sexistische Nacht”. “Wofür sind Frauen in Hollywood da?”, fragt die Autorin. “Wenn wir nach MacFarlanes Witzen gehen, sind sie dazu da, mit Männern auszugehen, bis diese entscheiden, dass die Frauen zu alt sind.”

Mehr: Die Oscar-Gewinner 2013 stehen fest

“Es ist ein freies Land”, fasst Kornhaber zusammen, “Aber das heißt nicht, dass diese Witze nicht schädlich, offensichtlich oder dumm sind. Es heißt nicht, dass sie die Welt zu einem schlechteren Ort machen. Humor kann eine tolle Waffe für den sozialen Fortschritt sein, aber er kann auch rückschrittlich sein: Je mehr Stereotype, die in Hass verwurzelt sind, als normal verkauft werden – wie es MacFarlane gestern Nacht immer und immer wieder getan hat – desto länger werden diese Stereotype und ihre Fähigkeit, Menschen zu verletzen, existieren.”

Seth MacFarlane wurde für seine Oscar-Witze aber auch verteidigt. Katy Waldman schreibt in Slate: “Die Debatte, ob unangebrachte Witze Stereotypen verstärken oder die Ignoranz persiflieren, ist zu diesem Zeitpunkt erschöpft. Egal, wie ihre Haltung aussieht, entscheidend ist, dass allein die Äußerung einer verwerflichen Meinung an sich nicht anstößig ist – es kommt alles auf den Kontext an.” Waldman verweist auf die gerechtfertigte Aufgabe des Comedians, sich über den Schlankheits- und Jugendwahn der Stars lustig zu machen und darauf, dass MacFarlanes Image gerade durch sein kindisches Verhalten geprägt sei. “Wir wollen unsere Entertainer dazu bringen, Grenzen auszutesten. Sonst würde die Show noch langweiliger werden”, meint Chris Chafin in seiner Verteidigung von Seth MacFarlane in der Village Voice.

Wie auch immer wir zu den einzelnen Witzen von Seth MacFarlane stehen: In einer Oscar-Nacht voller Frauenpower, in der Shirley Bassey, Adele und Michelle Obama tragende Rollen einnahmen, konzentrierten sich die Schreiber und er auffallend auf die Äußerlichkeiten der weiblichen Stars. Das sollte manches Mal Hollywood selbst bloßstellen. Allzu oft geschah dies durch die Pflege von ausgelutschten Stereotypen aber ganz unfreiwillig. Hier feierte sich schließlich eine Industrie, deren Anerkennung all jener zu wünschen übrig lässt, die nicht der demografischen Eintönigkeit der Academy entsprechen. Eine Industrie, die es in 85 Jahren geschafft hat, nur einer Frau den Regie-Oscar zu verleihen.

Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News