Die Comic-Con & die schwindende Macht der Geeks
the gaffer (Jenny Jecke), Veröffentlicht am 16.07.2012, 09:20
Ein Film für die Geek Crowd - Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt
© Universal
Peter Jackson stellt ein paar Minuten aus Der Hobbit – Eine unerwartete Reise vor, Warner versucht, die Fans mit einem Teaser von Man of Steel zu überzeugen und Edgar Wright begeistert in einer anderen Halle mit Test-Footage von Ant-Man. Die Comic-Con lockte dieses Wochenende alle digitalen Augen auf das Convention Center in San Diego. Wie jedes Jahr besuchten Hunderttausende Fans in skurrilen Kostümen die Messe, die 1970 gegründet und von 300 Besuchern geehrt worden war. Die Comic-Con ist mittlerweile eine Art Cannes für Geek-zentrische Blockbuster und Serien, wobei das Wort Geek mit jedem Jahr weiter gefasst wird.
Den unmittelbaren Reaktionen auf erste Bewegtbilder und Poster werden ungeheure Kräfte über die späteren Einspielergebnisse nachgesagt. Schon in frühesten Stadien der Produktion werden die Projekte den Fans vorgeführt, um die Saat für einen Hype zu legen. Schmiert ein Film in der Comic-Con ab, so lohnt es sich im Grunde nicht, ihn überhaupt ins Kino zu bringen. Das ist auch 2012 der Nimbus der Veranstaltung, obwohl die Ergebnisse der vergangenen Jahre ihre Bedeutung nicht immer untermauert haben. Die Comic-Con ist, mit anderen Worten, Sinnbild von Hollywoods ins Straucheln geratener Liebesaffäre mit der Geek-Kultur.
Von 300 Besuchern zu 300 Spartanern
Für die Fans bietet die Comic-Con den Kontakt mit Stars im Rahmen von Panels und Autogrammstunden. Die Messe ermöglicht jedoch auch den Eintritt in eine andere Welt, in der Cosplay alltäglich, die fanatische Zuneigung zu einem Objekt der Popkultur quasi Voraussetzung ist. Um Hefte mit Bildern und Sprechblasen ging es ebenfalls irgendwann mal, doch im letzten Jahrzehnt, das nicht zufällig mit dem Aufkommen des Superhelden-Genres im Kino zusammenfällt, ist die Comic-Con zum Marktplatz der großen Studios, Publisher und TV-Anstalten geworden. Der Hype um Filme so vielfältig wie 300, Avatar – Aufbruch nach Pandora, Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen und Marvel’s The Avengers nahm in San Diego seinen Anfang und das oft genug zu einem Zeitpunkt, als noch nicht einmal die Dreharbeiten begonnen hatten.
So blasen die Verantwortlichen jährlich Millionen in die Präsentation erster Videoschnipsel, neuer Poster und esoterisch gehüteter Plot-Wendungen durch ihre Stars in den Hallen des Convention Centers. 2011 wurden beispielsweise 35 Filme und 80 Serien beworben, denn nichts anderes als Werbung für die treueste Zielgruppe vollzieht sich in den wenigen Tagen, welche die Comic-Con trotz ihrer immensen Größe in Anspruch nimmt.
Die Herrschaft der Geeks
In einem Artikel der Variety wird als Meilenstein in der Entwicklung der Comic-Con die Veröffentlichung von Krieg der Sterne 1977 gesetzt sowie die spätere Präsentation des Trailers für Das Imperium schlägt zurück im Rahmen der Messe. Die Wegbereiter des Blockbuster-Kinos hatten recht früh ihre ersten Ansprechpartner unter dem Publikum ausgemacht. Der Siegeszug der Comic-Con lässt sich allerdings erst im Neuen Jahrtausend ausmachen. Zwischen 2000 und 2011 wuchs die Anzahl der Besucher von 48.500 auf über 126.000.
In dieser Zeit entdeckten die Studios in Hollywood eine Kultur für sich, die zuvor ein Schattendasein führte. In den 90er Jahren stellten wir uns unter Fandoms diese komischen Leute vor, die mit falschen Ohren Autogramme von William Shatner sammeln. Heute ist die exzessive oder zumindest scheinbar exzessive Auseinandersetzung mit popkulturellen Produkten en vogue geworden und das reicht von der Verehrung von Barney Stinson bis hin zur Teilnahme an den Quidditch-Weltmeisterschaften. Obwohl die Studios in den USA nach dem Millennium einige Chancen ausgelassen haben, ist ihre Antizipation der Geek-Kultur und deren rasanter Entwicklung im Internet fraglos eine der Erfolgsgeschichten des letzten Jahrzehnts. Glenn Kenny datiert den Aufstieg derselben auf die Veröffentlichung von Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung, womit sich der Kreis gewissermaßen schließt.
Die Comic-Con bot jedenfalls die Dating-Plattform für die Annäherung. Sie bildete den Treffpunkt von Produzenten und Konsumenten, wobei letztere durch ihre Affinität zum World Wide Web die perfekten Kanäle für die Vermarktung im Internet bereitstellten. Wurde in den Hallen der Comic-Con erstmals vom Hype um einen Film geflüstert, landete es wenige Tage, später Stunden und heute, dank Twitter, Minuten im Äther der weltweiten Vernetzung. Die Herren über die Filmseiten in der Nachhut von Ain’t It Cool News und Co. verbreiteten und verbreiten die nicht mehr ganz so stille Post im Nu.
Es ist nicht alles grün, was glänzt
Der Status der Comic-Con lässt sich nun jedes Jahr aufs Neue daran ablesen, dass Artikel über ihre sinkende Bedeutung geschrieben werden. Das hat sie mit ähnlich bedeutsamen Events wie Cannes oder selbst dem Oscar gemein. Letztes Jahr begann die Fassade tatsächlich zu bröckeln. Zwar hatte sich das Cast der Avengers 2010 auf der Con präsentiert, ein Jahr später ließ Disney die Veranstaltung trotzdem aus. 2012 verzichten immerhin Paramount und Fox auf die Teilnahme?, was zu erneuten Diskussionen um Sinn und Unsinn der Veranstaltung führte. Es mehren sich die Artikel, welche die Fixierung auf die Geek-Crowd in Frage stellen. Die Argumente leuchten ein.
Obwohl die Aura das Gegenteil suggeriert, gerät der Comic-Con-Hype um einen Film an den Hürden der real existierenden Box Office oft genug ins Stottern. Filme wie Tron Legacy, Cowboys & Aliens, Watchmen – Die Wächter, Kick-Ass und Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt wurden auf der Con frenetisch bejubelt. An den Kinokassen blieb ihnen der Erfolg verwehrt. Zum einen wird angeführt, dass die Studios hier Filme für eine Kundschaft bewerben, die längst die Tickets in der Tasche hat. Marvel-Fans und Edgar Wright-Fans werden sich Ant-Man in jedem Fall ansehen, aber wie steht es mit der großen Masse der Zuschauer? Diese Unwägbarkeit verwandelt offensichtlich als Fan-Properties umgesetzte Projekte wie Watchmen und Scott Pilgrim, aber auch kostenintensive Blockbuster wie Green Lantern in kommerzielle Risiken. Geeks allein können keinen Box Office-Erfolg produzieren und das ist wohl gut so. Die eintönige Superheldenfilm-Landschaft der letzten Jahre darf meinetwegen gern der natürlichen Selektion zum Opfer fallen.
Was am Einfluss der Comic-Con tatsächlich kratzt, ist der Zwiespalt von alteingesessenen und neuen Marken. Avengers und The Dark Knight hatten in der entscheidenden Phase die Comic-Con nicht nötig, da sie ihren im Unterbau geekigen Stoff für Nicht-Geeks maßgeschneidert haben. Selbiges gilt für The Dark Knight Rises. Bestehende Marken, die über die Fandoms hinaus Bekanntheit genießen, können auf die Marketing-Plattform Comic-Con verzichten. Geek-zentrische Filme wie Scott Pilgrim oder Watchmen predigen bei der Messe dagegen vor den Konvertiten. Es ist schließlich zu bezweifeln, dass das Einspielergebnis der neuen Hobbit-Filmen von der Comic-Con gestärkt wird. Allenthalben kümmert sich Warner hier um schlecht gelaunte Hardcore-Fans, die Angst vor 48fps haben und dies anderen Hardcore-Fans im Netz kundtun. Anschauen werden sie sich den Film sowieso.
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Kommentare
über Die Comic-Con & die schwindende Macht der Geeks
Rukus Mon, 16 Jul 2012 12:38:07 -0000
Kommentar löschenGeeks sehen und kaufen nicht jeden Dreck, nur weil sie Zückerchen bekommen. ;)
Mich interessiert indes eh nur, wie es um Knights of Badassdom steht.
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the gaffer Mon, 16 Jul 2012 12:47:25 -0000
Antwort löschenDann kennst du bestimmt das hier schon: http://www.heyuguys.co.uk/2012/07/08/whats-happened-to-knights-of-badassdom-an-online-complaint-provides-some-clues/
Rukus Mon, 16 Jul 2012 13:05:01 -0000
Antwort löschenJapp, hab ich die Tage gelesen, aber danke. Irgendwann mal wurde der Sommer 2012 für den Release genannt, aber das scheint mir nun utopisch. Ist ja nicht neu, dass Termine verschoben werden. Unschön find ich nur, wenn man so garkeine Infos bekommt. Ich mein sogar, dass das letzte offizielle Statement von der Comic Con 2011 datiert.
Ich mein, wer will sowas nicht sehen? Glau, Dinklage und Zahn beschwören auf nem LARP ne Succubitch from hell! :D
Suki93 Mon, 16 Jul 2012 10:19:12 -0000
Kommentar löschenEin schöner Artikel! Da geht mir doch beim Lesen das Herz auf. Aber ich fühl mich so schrecklich, dass ich noch nie dort war. So schrecklich...
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Suki93 Mon, 16 Jul 2012 19:08:57 -0000
Antwort löschenAber es ist auch unverschämt teuer... allein der Flug nach San Diego wüde mich schon 1300 Euronen kosten! :C
Martinmartin Mon, 16 Jul 2012 09:46:42 -0000
Kommentar löschenInteressanter Artikel. Ich habe auch ein eher romantisches Bild von der Comic Con, als kleines (großes) Geek-Fest, auf dem Filmemacher auf Panels gefeiert werden, die sich genauso gut im Publikum befinden könnten. Joss Whedon, Peter Jackson, Robert Kirkman, George R.R. Martin und dergleichen. Wenn manch dicker Blockbuster mangels Berechenbarkeit des Marktes ausbleibt, siehe Dark Knight Rises, wird das an den Besucherzahlen jedenfalls erstmal nichts ändern. Dieses Jahr waren ja dafür der Hobbit und Twilight (die man vielleicht nicht in einem Satz nennen sollte) vertreten. ;)
Dann gibts auch noch so tolle Sachen wie die Firefly-Reunion. DVD-Verkäufe wird das bestimmt nicht ankurbeln, und eine Fortsetzung wird damit auch nicht wahrscheinlicher, marketingtechnisch sehe ich dabei eigentlich überhaupt keinen Nutzen, aber die Leute bekommen halt was sie wollen.
Ich finde die Panels meistens hochinteressant, nur das Gekreische und Besucher, die vor jeder Frage minutenlang von ihren Idolen schwärmen, nerven ein wenig. Aber hoffentlich behält die Comic Con ihren Status noch eine Weile, hätte schon Lust mir das irgendwann mal anzuschauen.
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Martinmartin Mon, 16 Jul 2012 10:00:37 -0000
Antwort löschenAch ja, der Schreiberling vom Hollywood Reporter klingt ein wenig verbittert, so als hätte sein Kostüm vorort nicht die gewünschte Wirkung erzielt oder eine seiner Fragen wurde unzureichend beantwortet. Da liest sich the gaffer schon wesentlich angenehmer ;)
huggybaer Mon, 16 Jul 2012 08:53:48 -0000
Kommentar löschenIst die Comic-Con dann nicht genau das, was sie sein sollte? Eine Veranstaltung für die Geeks, nicht für die Masse? Es ist doch was Tolles, wenn die Filmemacher Geld da rein stecken, die Geeks ein Stück glücklicher zu machen, ohne, dass der Kartenverkauf im Vordergrund steht. Toller Artikel.
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Mein Senf Mon, 16 Jul 2012 09:21:53 -0000
Antwort löschenAber der Artikel legt doch nahe, dass sich Begriffe wie "Geeks" und "Mainstream" seit den Nullerjahren nicht mehr zwangsläufig ausschließen.
L-viz Tue, 17 Jul 2012 11:45:46 -0000
Antwort löschenEs heißt "Zweitausender Jahre". Was hat der Spiegel da bloß angerichtet mit dieser Neuschöpfung?.
L-viz Wed, 18 Jul 2012 11:32:09 -0000
Antwort löschenIch meine, es war der Spiegel, der das erstmals auf dem Titel verwendet hat. Vielleicht war´s auch der Stern.
Deschi Mon, 16 Jul 2012 07:56:27 -0000
Kommentar löschenEiner der besten Artikel den ich hier je lesen durfte. Kritische distanzierte Auseinandersetzung aber dabei keine Hasstriaden. Danke!
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Weiterführendes zum Artikel ?
Der Hobbit - Eine unerwartete Reise
von Peter Jackson, mit Martin Freeman und Ian McKellen
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Peter Jackson
Beteiligt an 30 Filmen (als Regisseur, Drehbuch, Produzent, Visual Effects, Akteur, Animation, Special Effects, Schnitt, Make-Up, Kamera, Autor und Ausführender Produzent) und 1 Serien
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Jenny Jecke hat was mit Medien studiert und lebt in Berlin. Bei moviepilot spekuliert sie mit und für euch über die Zukunft des Kinos. Mit drei anderen Filmfans bloggt Jenny außerdem über alte, neue, hübsche und hässliche Filme. Für das Magazin AGM schreibt sie eine Action-Kolumne und via Twitter könnt ihr sie fragen, was das alles soll. Über Anregungen, Themenvorschläge oder Kritik freut sie sich immer.




Klar, die Comic Con ist ein zweischneidiges Schwert. Aber ich finde es selbstverständlich, dass mittlerweile nicht nur Comics vorgestellt werden.
Comics werden verfilmt, also haben diese Verfilmungen schonmal eine Daseinsberechtigung. Der Comicmarkt an sich ist eine Diva, wie sich oft genug zeigte. Da werden DC und vor allem auch Marvel sich in Zukunft vermehrt auf Filme konzentrieren. Selbiges gilt auch für Serien. Das Genre in dem "Geeks" sich rumtreiben umfasst nun mal mehr als nur Comics und Cosplay. Für mich geht das voll in Ordnung.
Erschwerend kommt natürlich noch hinzu, dass nicht jählich tausend neue Comics auf den Markt schwemmen. Die Verlage werden ihre neuen Pläne konkretisieren und laufende Events (z. B. Avengers VS. X-Men) noch einmal richtig pushen.
Und wenn die Comic Con eine Plattform für Filme ist, die nicht unbedingt zu den Filmfestivals, wo auch immer, passen ist das doch auch gut.
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