Bearbeiten

Die Rebellion gegen das Erwachsenwerden

the gaffer (Jenny Jecke), Veröffentlicht am 14.05.2012, 08:50

Über den Jugendwahn der westlichen Gesellschaften werden schon seit 20 Jahren drittklassige Bücher geschrieben. Doch seit wann gilt in Hollywood eigentlich das Gesetz, dass männliche Kindsköpfe glorifiziert werden?

Paul Rudd in Our Idiot Brother Paul Rudd in Our Idiot Brother © Senator

Männer, die nicht erwachsen werden wollen, bevölkern das Kino spätestens seit den Screwball-Komödien der 30er Jahre. Seit einiger Zeit macht sich allerdings eine weitere evolutionäre Inkarnation dieses Typus’ in Hollywood-Komödien breit. Verfielen die Rock Hudsons und Cary Grants früherer Epochen angesichts einer Ehe in Schockstarre, ist es bei den Jason Segels, Paul Rudds, Seann Williams Scotts und Seth Rogens schon die Vorstellung des beendeten Studiums, eines festen Jobs oder – schlimmer noch – der Auszug aus dem Elternheim. Diese Woche startet Our Idiot Brother in den deutschen Kinos, in dem der naiv-kindliche Loser Paul Rudd seinen Schwestern Elizabeth Banks, Zooey Deschanel und Emily Mortimer die Segnungen der Infantilität lehrt.

Idiotische Brüder und Marshmellows
Our Idiot Brother ist tatsächlich einer von vielen jüngeren Hollywood-Filmen, die dem Erwachsenwerden den Kampf ansagen. Vergleichbare Kindsköpfe bevölkern so gut wie alles, was Judd Apatow (Beim ersten Mal) je produziert hat. Aus seinem weiteren Kreis gehören auch die Prototypen des jüngeren Comedy Leading Mans: Paul Rudd und Jason Segel. Letzterer belebte kürzlich die Kindheitsfantasie Die Muppets neu und spielt demnächst in Jeff, der noch zuhause lebt und Fast verheiratet. Kollege Jonah Hill dagegen darf in 21 Jump Street sprichwörtlich wieder an die Schule gehen. Kaum einer dürfte allerdings Michael Cera toppen, der den modernen Mittzwanziger-Slacker in Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt als Videospielheld verkörpern durfte.

Letzte Woche fragte der Guardian, warum es denn so viele Filme über Typen gibt, die nicht erwachsen werden wollen. Dabei spitzt der Artikel das Phänomen vor allem auf eine altbekannte Krise der Maskulinität zu. Die neuen Komödien voller Jeffs, die noch bei ihren Eltern leben, und Scotts, die in drittklassigen Bands spielen, anstatt sich einen ordentlichen Job zu suchen, seien Ausdruck einer Überforderung. Einer Überforderung durch flexiblere Geschlechterrollen, durch die Aufweichung des Patriarchats und unklare Vorbilder. Oder sowas in der Art. Über die Krise der Maskulinität möchte ich hier jedoch nicht spekulieren. Zwar nervt es gewaltig, dass Frauen in einigen der genannten Filme nicht mehr als das drohende Werkzeug der Domestizierung, des Erwachsenwerdens und der sinnbildlichen Beschneidung der Freiheit sind. Das ist trotzdem eine ganz andere Baustelle.

30 ist das neue 20
Fakt ist nämlich, dass das Erwachsenwerden sich tatsächlich weiter in Richtung der 30er bewegt, zumindest wenn damit Variablen wie das Ausbildungsende, der erste Job, die Ehe, die Kinder usw. gemeint sind. In einem hervorragenden Artikel titelte die New York Times vor zwei Jahren: Warum brauchen so viele Mittzwanziger so lange, um erwachsen zu werden? Darin heißt es: “Der traditionelle Zyklus wurde vom Ziel abgebracht, während junge Leute ungebunden von Lebenspartnern und dauerhaften Wohnsitzen bleiben, sie studieren wieder, weil bessere Optionen fehlen, reisen, vermeiden Festlegungen, kämpfen wild um unbezahlte Praktika […] und zögern so den Beginn des Erwachsenendaseins hinaus.”

Das faszinierende an dem NYTimes-Artikel ist die Tatsache, dass junge Männer ebenso wie Frauen die zu Grunde liegenden Statistiken zu Stande bringen. Soziologen mögen eine Krise maskuliner Ideale beobachten, sie beobachten aber auch, dass das Durchschnittsalter für die erste Heirat in den letzten 30 Jahren in den USA um fünf Jahre gestiegen ist und das bei beiden Geschlechtern. Warum also konzentrieren sich die Hollywood-Filme dermaßen auf die männliche Angst vor dem Erwachsenwerden? Auch hier wird eine andere Baustelle aufgerissen; eine die mit der vorwiegend männlichen Zielgruppe von amerikanischen Mainstreamfilmen zu tun hat und mit der Tatsache, dass Frauen im Produktionsprozess, insbesondere in den Entscheidungsgremien, unterrepräsesentiert sind. Die weibliche Erfahrung des Mittzwanzigerdaseins findet im Hollywood-Kino selten statt, da es am Willen fehlt, sie zu erzählen.

Das in dem Artikel beobachtete zweite Erwachsenwerden, sozusagen die zweite Pubertät in den 20ern, war schon zur Jahrtausendwende zu beobachten. Filmisch stecken wir, abgesehen von den Generation X-Filmen der 90er, nach Jahren der Teenie-Komödien erst jetzt richtig drin in der soziologischen Wende. Es passt deswegen auch, dass wir dieses Jahr ein American Pie – Das Klassentreffen feiern. Angekurbelt wurde diese kulturelle Auseindersetzung mit dem Wandel womöglich durch die Irrungen und Verwirrungen der Bush-Administration, die Weltwirtschaftskrise der letzten Jahre, den Clash der Regierung Obama mit der Realität und anderes.

Orientierungslosigkeit, Angst vor dem Verlust der Arbeit, Verschuldung und die allgegenwärtige Sinnfrage lassen einen idiotischen Bruder mit seiner ganzen Naivität, einen Jeff, der das traute Elternheim nicht verlassen will, und einen Scott, der sich eben in einer drittklassigen Band verwirklicht, wie Prototypen der zweiten Pubertät erscheinen. Das mag letztlich als Eskapismus in den flauschigen Schoß der Kindheit gelesen werden oder aber als Trotzreakion, als kleine Rebellion gegen eine Konsumgesellschaft, deren vorgefertigte Step Stones auf der großen Leinwand ganz einfach ausgelassen werden.


Mitgliedern gefällt diese News


Deine Meinung zum Artikel Die Rebellion gegen das Erwachsenwerden


Kommentare

über Die Rebellion gegen das Erwachsenwerden


Oberlaender

Kommentar löschen

Sehr schön geschrieben und recherchiert! :-)

bedenklich? Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

sweetForgiveness

Kommentar löschen

Tabaluga hat mich gelehrt, dass ich in mir drin immer ein Kind bleibe.

bedenklich? 2 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 1 Antworten

Andy Dufresne

Antwort löschen

...hab immer mich zur Wehr gesetzt...;D


Slevin Kalebra

Kommentar löschen

Würde die Gesellschaft nicht so eine festgefahrene Vorstellung von dem Begriff "erwachsen" haben, würde niemand diese Entwicklung als Problem ansehen. Dann haben manche halt mit 30 noch nicht das gefunden, dem sie sich für immer verschreiben möchten. Na und? Das Leben an sich ist doch ein nie enden wollender Lernprozess.

bedenklich? 7 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 1 Antworten

Markbln

Antwort löschen

sehe ich auch so. solange sie anderen dabei nicht auf die nüsse gehen....


Commentator

Kommentar löschen

Ich will hier nur noch einmal kurz folgendes erwähnen.
Ich bin 25 Jahre, bin gerade auf der Zielgeraden meines Studiums, bin werdender Vater und schon seit über 3 Jahren verheiratet. Und ich liebe mein Leben!
Irgendwie musste das jetzt sein. :-D

bedenklich? 2 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 2 Antworten

Markbln

Antwort löschen

Dann bist du ja genau das Gegenteil von den Luschen des beschriebenen Textes.


Commentator

Antwort löschen

Ja, genau! ;-P


Rukus

Kommentar löschen

Sehr interessant! Ich denke, der Hauptgrund für diese Filme ist, dass sie sich gut an den Mann oder die Frau bringen lassen. Ob nun, um etwas zu komplensieren (Klischée Männer) oder für ein abstruses Überlegenheitsgefühl (Klischée Frauen) oder einer Milliarde anderer Gründe. Das ist es doch, was Hollywood treibt, Zahlen. Inhalte sind höchstens Vehikel um Quoten zu erzeugen. Gibt es nicht auch Filme in denen Frauen irgendwas nachholen, was sie in ihrer eigenen Kindheit und Jugend verpasst haben oder verpasst zu haben glauben?

Insgesamt würde ich sagen, werden mit diesen Filmen einfach nur Rollenklischées aufgebrochen. Eine Art männlicher Emanzipation. Das Bild der Ernährers und Familienoberhauptes, das zwar die Hosen an hat, aber einfach funktionieren muss, wird schon seit Jahrzenten von diversen Frauen kritisiert. Nimmt einer mal das Leben locker, ohne sich gleich durch jedes Bett zu vögeln, ist es auch wieder nicht gut. Man sollte das Leben geniessen und nicht nur auf Arbeit ausrichten. Einkommen ist nicht alles. In unserer Zeit geht das nur allzu oft unter. Man hat zu funktionieren, und alles, was dem 1984schen Uhrwerk widerstrebt, wird argwönisch beäugt. Selbst die Kinder und jungen Erwachsenen heute werden immer mehr unter Druck gesetzt. Turbo-Abi, verkürzte Studiengänge, die einem kaum die Luft zum Atmen lassen. Kinder, die von ihren Eltern bereits im Kindergartenalter dazu genötigt werden, Englisch zu lernen - oder gar mehr. Lasst die Kinder Kinder sein, lasst Schülern Zeit, sich zu entwickeln, statt sie in Ganztagsschulen versauern zu lassen, stoppt den Wahn, dass man in sechs Semestern einen Bachelor-Abschluss braucht, um nicht über den Tellerrand der Leistungsgesellschaft zu fallen. Gebt ihnen die Gelegenheit, die Studienzeit zu geniessen. Wieso nicht eine Art Selbstfindungsjahr nach der Schule einrichten? Nein, schnell durch die Schule, vollgestopft mit Wissen, schnell durch ein Studium, bei dem es nur um Bulimie-Lernen geht. Keine Zeit, wirklich wichtige Dinge zu lernen.

bedenklich? 6 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 3 Antworten

Kallekowsky

Antwort löschen

"Bulimie-Lernen" ist ja mal eine geniale Wortschöpfung :)


Rukus

Antwort löschen

Leider nicht von mir. Allerdings finde ich den Begriff ungemein treffend. Pauken für ne Prüfung und danach braucht man den Kram nicht mehr.


Mein Senf

Kommentar löschen

Häufig wird in diesem Zusammenhang ja der innere Drang zu immer mehr Individualisierung genannt. Ich denke, dass dieser Drang größtenteils Selbstsuggestion und in Wahrheit nur ein Euphemismus für eine fehlgelaufene gesamtgesellschaftliche Entwicklungen ist.

Nicht innerer Drang, sondern eher äußerer Zwang ruft dieses Verhalten hervor. In kapitalistischen Gesellschaften wird bei sinkenden Reallöhnen ein Maximum an Flexibilität von Arbeitnehmern verlangt. Das steht diametral zu traditionelle Werten wie Kind und Familie, die als Fußangel bei der vermeindlichen Selbstverwirklichung in der Arbeitswelt darstellt wird.

Das fängt in den Zwanziger mit dem ewigen Praktikumsmarathon an und geht dann in den Dreißigern weiter, wenn über Elternzeit bei Männern immer noch die Nase gerümpft und mitunter unverhohlen mit dem Karriereaus gedroht wird.

Früher versprach Familie Sicherheit, heute wird sie als Bedrohung empfunden. Kein wunder, dass sich niemand mehr binden will.

bedenklich? 2 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Markbln

Kommentar löschen

Ansonsten die Infantilisierung der Gesellschaft, Trotzreaktion oder Orientierungslosigkeit in einer immer indivualisierteren Welt. Nach aufgezwängter Metroseuxalität brauche diese Männer offenbar ein Ventil, um mal einfach wieder die Sau rauslassen zu können.

bedenklich? Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Markbln

Kommentar löschen

Daran sind natürlich die Frauen schuld. Wie immer.

bedenklich? 2 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Mein Senf

Kommentar löschen

Gaffer, ich mag deine Artikel. Grundsätzlich sehr gut und fokussiert geschrieben, recherchiert und lesenswert.

Die genannten Erklärungsversuche aus dem NYT-Artikel finde ich sehr schlüssig, ich würde alleridngs sagen, dass diese Sorte Film aussagt: "40 ist das neue 20". "Scott Pilgrim" passt weniger in diese Sparte, das ist imo eher ein verpäteter Nachklapp zu den Slackerfilmen der 1990er.

Insgesamt kommt mir dieses neue Subgenre so ein wenig wie die Fortführung der Generation X mit älteren Protagonisten vor. War es in den 90ern ein neues Phänomen, dass sich Mittzwanziger zunehmend orientierungslos fühlten, so verlagerte sich diese Orientierungslosigkeit im Verlauf der Nullerjahre ins nächste Lebensjahrzehnt. Die Ursachen sind einander nicht einmal unähnlich.

Ein (Sub-)genre ist in Hollywood ja erst dann etabliert, wenn es parodiert worden ist. Im Falle dieser Männer-wollen-nicht-erwachsen-werden-Filme wäre das wohl "Stiefbrüder". Der denkt das Ganze parodistisch-konsequent weiter und erklärt kurzerhand 40- zu 7-jährigen.

bedenklich? 4 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 3 Antworten

Rukus

Antwort löschen

Ich find ja, dass der Cera nirgendwo rein passt ... aber das ist ne andere Geschichte. ;)


Commentator

Antwort löschen

Sehr gut! ^^


Vier

Kommentar löschen

Ach, wer will den schon richtig Erwachsen werden. Ist doch ganz gut, wenn man ein bisschen Kind bleibt. Das muss ja nicht gleich heißen, dass man keine Verantwortung übernimmt.

bedenklich? 4 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Commentator

Kommentar löschen

Also ich glaube eher, dass die Kindsköpfe die Möchtegernfantasien der Frauen sind, damit sie sich emanzipierter (also männlicher) fühlen.

bedenklich? 3 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 6 Antworten

Mein Senf

Antwort löschen

jo, das lässt tief blicken


Rukus

Antwort löschen

Da hat jemand irgendeinen Nagel ziemlich massiv auf den Kopf getroffen! :D


Lobotomit

Kommentar löschen

Wie sich die Zeiten aendern (leider). Wir haben damals noch richtige Action Helden verehrt, Maenner (und auch Frauen) die nicht direkt vom Laufsteg oder aus der Bravo heraus engagiert wurden. Vieleicht liegt es ja auch an den Computer generierten Filmen, das die Bubis von heute nur noch "schoen" aussehen muessen anstatt auch mal selber einen Stunt mitzumachen.
OK, Seth Rogen passt eigentlich in keine Kategorie, weder in die der gut aussehenden, noch in die der vernarbten Action Helden. Er ist wohl eher der Adam Sandler der "kommenden Weihnacht". Was ich allerdings nicht als Kompliment gemeint habe. ;-)

bedenklich? Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

stuforcedyou

Kommentar löschen

Sehr schön (mal wieder). Für das "30 ist das neue 20" gibt's ein dickes DANKESCHÖN! :)

bedenklich? 9 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 7 Antworten

Rukus

Antwort löschen

Ich soll schöne Grüße von Mr. Spock ausrichten. ;)


Andy Dufresne

Antwort löschen

Und ich soll schöne Grüße vom Clockwork Stu ausrichten--> http://www.timeanddate.com/counters/customcounter.html?msg=OPPA%27S+REVENGE&day=27&month=04&year=2013&hour=00&min=00&sec=01&p0=2020

Lg
Oppa