Dschungelcamp 2017 – Das Publikum hat keine Ahnung

Dschungelfinalisten 2017: Florian, Hanka und Marc
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Dschungelfinalisten 2017: Florian, Hanka und Marc
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Meint es gut mit den Menschen.

Honey, du Held! Wir Dschungelfreunde können dir deinen kühnen Versuch, die 11. Staffel Ich bin ein Star - Holt mich hier raus im Alleingang zu retten, nicht hoch genug anrechnen. Du bist herausgetreten aus dem Schatten des verheißungsvoll kratzbürstigen, aber zunächst nur schmusig dahingrinsenden Tigers, hast die heimlich geschärften Krallen ausgefahren und das schüttere Vertrauen auf deinen pausbäckigen Charme Lügen gestraft. In Ehrfurcht können wir lediglich ahnen, was dich vor den versammelten Augen deiner brav eingepferchten Camp-Kollegen dazu bewog, das sorgfältig vorbereitete und auf Ausführung durch die ganz, ganz abenteuerlustige Dschungelbelegschaft wartende Prüfungsspiel nicht mitzuspielen: Beängstigende Engegefühle am bronchitisgeplagten Hals (unwahrscheinlich), verzweifelter Handlungsdrang nach Bekanntgabe des eigenen wackeligen Kandidatenstatus (naheliegend) oder eine unerschrockene, sich selbst genügende Lust an totaler Destruktion (hoffentlich). Du hast das Format einen Moment lang sich selbst überlassen, hast uns nicht in dein freudestrahlendes Spiel eingeweiht. Keine gefallene Maske und kein Einblick in honigsüße Abgründe, sondern schlicht ein letztes Aufbegehren. "It's showtime, Baby", ohne dich wird das Finale nur halb so schön. Verewigt sei dein Name im Dschungelholz.

Wichtiger noch als das, was Alexander Keen tat oder eben nicht tat, waren allerdings die Reaktionen auf dessen Prüfungsverweigerung. Florian Wess, Honey-Antagonist der ersten Stunde, konnte seine besserwisserische Freude über die Steilvorlage des endlich wieder konturenvollen Gegners zwar einerseits gut überspielen: Sichtbare Emotionen gibt es bei ihm sowieso keine, nur die wahlweise entspannt oder nervös durch die Haare fahrenden Hände geben Auskunft, wie es um seinen Gefühlshaushalt bestellt ist. Doch brach sich Florians Entrüstung andererseits natürlich schwerstdramatisch Bahn: Honey habe ihm ein "privates Erfolgserlebnis gestohlen" und bestätigt, was er seit Beginn schon zu wissen glaubte. Getrieben von der unangenehm an die Durchblickskoketterie eines Jochen Bendel erinnernden "Erkenntnis", dass das Dschungelcamp ein Spiel ist, dessen Teilnehmer gottlob auch eigene Regeln aufzustellen bereit sind, wollte Floran Wess sich unbedingt als Kandidat mit Spürnase behaupten. Die Eitelkeit solcher Versuche, Zuschauern das Format und Mitcampern die finsteren Pläne der anderen zu erklären, haben Zustimmung eigentlich nicht verdient. Es ist eine gewisse Genugtuung, dass Florian zumindest Freundin Gina-Lisa Lohfink nicht von der Falschheit ihres Honey überzeugen konnte.

Großartiges stellte die vereitelte Dschungelprüfung hingegen mit Hanka Rackwitz an, die nicht fassen konnte, dass den Anrufern sehr am plötzlichen Drive der Staffel gelegen war (schön übrigens, diese kurzzeitige Rückeroberung des Formats durch ein Publikum, das im Falle Honey wenigstens zwei Abende lang nicht nach schnöden Sympathiewerten, sondern unersetzlicher Gestaltungsfreude entschied). Während Florian sich von Honeys Coup "verletzt" und "gedemütigt" fühlte, was aufgeschrieben schon sehr albern, ausgesprochen aber geradezu grotesk geil klingt, ging Hanka direkt zum Gegenangriff über. Erstaunlich, wie jemand, der in eigenen Angelegenheiten viel Rücksichtnahme und Verständnis beansprucht, selbiges nicht für andere aufzubringen bereit ist, wenn die Gründe ungleich weniger deutlich kommuniziert werden. Hanka ist Honey in die Falle gegangen, hat sich des Tigers Spiel chancenlos ergeben müssen. Zufrieden ließ er die fortan gespaltene Gruppe zurück, unterteilt in Frauen und natürlich ihrerseits mitspielende, nämlich als grundlos stolzer Männerverbund auftretende Kerle. Das sind Dynamiken, wie sie Florian Wess eben nicht zweifelsfrei benennen und durchschauen kann. Sie passieren einfach. Und verleihen dem Dschungelcamp auch nach vielen Jahren noch einen unwiderstehlichen Reiz.

Im vollbrachten Honey-Werk richteten sich alle ein, selbst diejenigen, deren Immunität gegenüber hintersinnigen Teilnahmestrategien sich als reines Wulstlippenbekenntnis herausstellte (letzter Florian-Diss, versprochen!). Besonders leidenschaftlich wusste Kader Loth, Dschungelkönigin der Herzen, die hinterlassenen Gräben mit Leben zu füllen. Sie witterte virile Verschwörungen und hätte die zu "Monstern" mutierten Männer "am liebsten mit der Kettensäge" zerlegt, später glaubte sie dann in Hanka Rackwitz die "größte Herausforderung" zu erkennen. Im diesjährigen Dschungelcamp ist Kader Loth über sich hinausgewachsen, hat mit Humor und Durchsetzungsfähigkeit, rührenden Einblicken ins Privatleben und liebenswerten Attitüden für Höhepunkte der Staffel gesorgt. Anders als in früheren Reality-Formaten trat sie nicht als reiner Witz über sich selbst auf, präsentierte eine willensstarke und intelligente Frau, die ihr Image der TV-Trash-Queen sanftmütig entblätterte. Das hatte augenscheinlich nicht die Publikumswirksamkeit einer Erfolgsgeschichte, wie sie Hanka Rackwitz mit den auto-schocktherapeutischen Bezwingungsmaßnahmen ihrer Ängste schrieb. Im besten Sinne unterhaltsam aber war Kaders zu Herzen gehende Dschungelzeit allemal – eine Schande, dass sie noch vor dem komischen Fußballer raus musste.

Die Entwicklungen der zweiten Woche haben also auch die Favoritenfrage neu verhandelt. In den vergangenen Jahren lag das Voting der "Bild"-Zeitungsleser dicht am tatsächlichen Ergebnis, mittlerweile hat dieser Richtwert glücklicherweise an Bedeutung verloren – Jens Büchner schaffte es nicht mal in die Top Five, nachdem er das Voting aus unerklärlichen Gründen lange Zeit dominierte. Wobei das so unerklärlich wiederum auch nicht ist. Es gibt traditionell ein starkes Publikumsbedürfnis nach Kandidaten, die der tonangebenden Durchgeknalltheit ihrer Mitcamper profillose Ausgeglichenheit entgegensetzen, auf die sich Zuschauer angesichts interessanter Überforderungen recht langweilig zu einigen verstehen. Diese Rolle, das kristallisierte sich in der zweiten Hälfte der Staffel heraus, steht Marc Terenzi offenbar noch besser als Jens Büchner und Thomas Häßler, die ein Trio totaler Irrelevanz bildeten. Sicher ins Finale kommt somit auch weiterhin, wer vermeintlich bescheiden bleibt, wer nicht von eigenen Stärken, sondern fremden Schwächen profitiert und das Dschungelcamp gegen Verrücktheiten in Stellung bringt. Das ist manchmal okay oder schlicht alternativlos (wem außer Peer Kusmagk hätten wir 2011 guten Gewissens den Sieg können gönnen?), oft aber ist es nur öde Konsensfähigkeit.

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