Dschungelcamp 2017 – Hanka und Kader, sonst nichts

Kader Loth: "Ich kündige!"
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Kader Loth: "Ich kündige!"
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Meint es gut mit den Menschen.


Ich platze! Wenn Sarah Joelle noch ein Mal singt oder diese nackigen Ärsche oder diese Titten und die Wimpern… ich kann diese Gespräche… ich platze, bitte, ich halte das nicht aus! Das ist wie eine Muckibude mit schlechter Musik, wie soll ich das denn ohne Freunde ertragen? [...] Wo bin ich hier gelandet? Die Mädchen waschen ab und die Männer kriegen Essen und machen den ganzen Tag Sport. Dann wollte ich unter die Dusche, da kam wieder Jens, der seine Gelegenheit nutzte, um mich wieder zu isolieren, nur weil er froh ist, dass er seine Gruppe gefunden hat. Und Florian, der sich hektisch an diese Gruppe hängt. Es ist ja gar keiner mehr geblieben. Jeder hier drin, jeder macht das doch auch, weil er eine Zeit danach haben möchte. Und ich denke gerade an meine Zeit danach. Ich hab Angst. Ich soll wohl enden wie Markus, der sich seine Zwischenrolle gesucht hat, indem er Gina-Lisa den nicht-furzenden Bauch streichelt. Das geht bei mir nicht! Ich kann nicht, das geht nicht, da kotze ich! [...] Jedes Lachen aus den Silikonlippen geht mir auf den Geist. Da ist ja alles unecht, alles. Das Getue ist unecht und die Gesichter sind unecht. Das ist eine Scheinwelt, die realisieren ja noch nicht mal die Pflanzen und die Tiere. Die wissen gar nicht, dass sie in Australien sind. Die spielen eine bescheuerte Soap.

(Hanka Rackwitz, Monolog im Dschungeltelefon, gekürzte Fassung)

Was auch immer ihr, liebe Dschungelfreunde, von der hörbar sächsischen und sichtbar berührungssensiblen Hanka Rackwitz sowie deren prüfungsgeplagter und als Nachtgespenst verkleidet ums Lagerfeuer huschender Mitcamperin Kader Loth halten mögt: Sie haben die elfte Staffel Ich bin ein Star - Holt mich hier raus fest im Griff. Bislang gibt es niemanden, der das diesjährige Dschungelcamp so konstant mit denkwürdigen Weisheiten und furiosen Gefühlseruptionen am Laufen hält wie die quäkende Immobilienmaklerin ("mir geht meine Stimme zum Teil selber auf den Geist") und ihre kajalgestählte Leidensgenossin ("ich gucke nie auf meinen Kot, ist doch Scheiße"). Wo ein Markus Majowski derangierte Erwartungen schürt, aber dem eigenen Wahnsinn ein ums andere Mal beherrscht von der Schippe springt, reißt Hanka Rackwitz ungeniert die Pforten zum Delirium auf. Wo ein Alexander "Honey" Keen die scharfkrallige Grinsekatze markiert, um sich nach luststeigernden Fauchattacken wieder in die Defensive zu verkriechen, springt Kader Loth sogar dem Publikum beißend ins Gesicht ("Seid ihr alle Arschlöcher?"). Wo eigentlich alle sonstigen Campbewohner 2017 ihre Zeit mit belangloser Anwesenheit verstreichen lassen, packen diese zwei Frauen an, was angepackt gehört.

Bei der einen bestimmen Zwangsstörungen die allgemeine Gemütslage: Hankas notwendigerweise anstrengender Umgang mit ihren Kontaminations- und Isolationsängsten geht in der Show jedem auf den Geist, obwohl es keinerlei Konflikte mit Campkollegen bedarf, um sie aus der Fassung zu bringen, sondern einzig sich selbst. Tatsächlich bekommen die Dschungelbewohner von Hankas Zusammenbrüchen kaum etwas mit, denn ihre Rückzugsstrategien haben den (manche unterstellen: kalkulierten) Effekt einer direkten Hinwendung zum Publikum. Was Hanka nicht mit ihren Kollegen teilen kann oder teilen möchte, also eigentlich alles, kommuniziert sie vor sich her und damit unmittelbar nach außen – eine publikumswirksame Erfolgsgeschichte. Bei der anderen sind es wiederum Verschlossen- und Pikiertheit, die große Momente garantieren: Kader bleibt, ganz Almkönigin, ein Mysterium auch dann, wenn sie ihre einst so sichere Contenance verliert. Umwerfend, wie sie Marc Terenzi in die Schranken wies ("Ich möchte ein Buch schreiben." – "Warum, wer will das lesen?"), wie sie die Regeln der Show auf den Kopf zu stellen meint ("Wenn wir kein Essen haben, gibt's auch keine Leistung.") und schlicht genau weiß, was die Zuschauer an ihr haben ("Wozu braucht man Hollywood, Kader Loth ist dabei.").

Hanka und Kader, das sind die emotionalen Triebfedern einer Staffel, die zu Beginn viel versprach und seither nicht ganz so viel hält. Botoxboy Florian Wess, der eigenen Angaben zufolge noch nie etwas gewonnen hat, nicht einmal Tiere in Greifautomaten, ging schon bei seiner ersten Begegnung mit dem honigsüßen Honey auf Konfrontationskurs. Das sich abzeichnende Duell aber verlief auf seltsame Art im Sande, nach einer gemeinsamen Dschungelprüfung lagen sich die Rivalen in den Armen, der Konflikt war begraben und die knisternde Erotik gleich dazu. Honey stand zunächst für eine interessante Umcodierung der allürenbehafteten Dschungelzicke. Als ehemaliger GNTM-Boyfriend übernahm er die Rolle der in Klüften aus Selbst- und Fremdwahrnehmung gefangenen Primadonna, wurde zuverlässig in die Prüfungen gewählt und absolvierte sie mit einer bestechend widerlichen, also unverzichtbaren Mischung aus Selbstgerechtigkeit und Hypochondrie. Solche Kandidaten haben im Dschungelcamp seit jeher großes Potenzial, sie können die Show als graziöse Giftschlangen verlassen, die zu hassen am Ende doch jeder liebte, und manchmal sogar als Gewinner der Herzen. Doch Honey hatte sein Pulver schnell verschossen, hinter dem Badass-Image offenbarte sich ein perlweißstrahlendes Nichts.

Mit Markus Majowski verhält es sich bislang ähnlich. Unfassbarkeiten der absonderlichsten Art verkündeten im Vorfeld dessen selbstproduzierte YouTube-Filmchen, die Majowski als einen besorgniserregend lachend zu sich selbst und der Natur gefundenen Mann präsentieren, der Terrence Malick Konkurrenz machen könnte. Tiefenentspannt und kein bisschen gezwungen versteht sich das frühere Dauerwerbegesicht nunmehr als Künstler, dessen mit gewitzter Donald-Duck-Stimme intonierte Ansagen ("kurz vorab, bei mir ist es gerade kurz vor so") eigentlich nicht den geringsten Zweifel am drohenden Superknall lassen. Allein: Der Knall kommt nicht, und ob er überhaupt noch kommen wird, darf bezweifelt werden. Markus Majowski scheint sich seine aparte Ruhe sehr effizient antrainiert zu haben, die leeren Blicke und das zufriedene Kichern verweisen auf einen Zustand mühevollen Angekommenseins, der alles Dschungelhafte offenbar lange hinter sich hat: Erfolgreiche Aggressionsbewältigung und die Beschaffung des dazu nötigen Werkzeugs, um in der "Ellenbogen-Welt" (Majowski) auch ellenbogenfrei durchzukommen. Das ist natürlich schön, schön jedenfalls für Markus und seine Mitcamper, nach denen er voraussichtlich nicht mit Kieselsteinen werfen wird. Die Produzenten der Show aber hätten ihn vielleicht ein paar Jahre früher engagieren müssen.

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