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Entdämonisierung des indischen Kinos - Teil 4

Bommali (M. O.), Veröffentlicht am 02.02.2013, 08:50

Filme sind das Produkt sozialer, politischer, kultureller und historischer Gegebenheiten ihres Entstehungslandes. Das indische Kino ist da kein Sonderfall. Ein Spaziergang auf der Memory Lane wird euch das Indian Cinema noch näher bringen.

Entdämonisierung des indischen Kinos - Teil 4 Entdämonisierung des indischen Kinos - Teil 4 © Promomaterial

Rückblickend sind drei bedeutende Epochen des indischen Kinos seit der Unabhängigkeit Indiens auszumachen, die unmittelbar mit den jeweiligen Gegebenheiten des Landes im Zusammenhang stehen. Nachdem sich Indien 1947 von den Fesseln der britischen Kolonialherrschaft befreit hatte, stand das Land vor der Aufgabe, aus einem Flickenteppich ehemaliger Fürstentümer und britischer Verwaltungsgebiete eine Nation zu bilden. Hungersnöte, politische Unruhen, das Trauma der Teilung Indiens, bei der Hunderttausende ihr Leben und Millionen ihre Heimat verloren, waren allgegenwärtig. Die Menschen zog es in die Städte, getrieben von der Hoffnung auf Arbeit, Wohlstand und eine bessere Zukunft. Oberste Priorität der Zentralregierung unter Premierminister Jawaharlal Nehru hatten soziale Reformen, die Industrialisierung und der Aufbau einer funktionierenden Wirtschaft und Infrastruktur, um die verbrannte Erde, die die Briten hinterließen, wieder erblühen zu lassen. Eine große Herausforderung für alle, den Staat und das Volk.

Die Goldene Ära
Das Kino wurde von den Regierenden zur damaligen Zeit nicht als Industrie oder lukrativer Wirtschaftsfaktor angesehen, sondern als triviales Amüsement. Jegliche Unterstützung seitens des Staates blieb aus. Für die Filmemacher auf dem Subkontinent keine leichte Zeit, denn horrende Steuern und unzählige Stolpersteine behinderten ihr kreatives Schaffen.

Es ist bemerkenswert, dass gerade diese Zeit, die 1950er und 1960er Jahre, als die Goldene Ära des indischen Kinos gilt. Allen Widerständen zum Trotz entstanden unzählige Filme, die hinsichtlich Kreativität, Originalität und Qualität ihres Gleichen suchen und große Talente vor und hinter der Kamera in allen Filmindustrien Indiens hervorbrachten. Die Filme dieser Epoche reflektieren die Zeit des Umbruchs, die Ängste, Verzweiflung, Trostlosigkeit und die Problematiken der zunehmenden Urbanisierung, jedoch auch den hoffnungsvollen Blick in die Zukunft. Es entstanden viele patriotische Werke, gesellschaftskritische Filme und sogar Film Noirs.

Action, Banditen und Familiendramen
Der Krieg mit Pakistan, die nicht enden wollenden Flüchtlingsströme, Energieknappheit, Hungersnöte und Inflation, politische Unruhen, Aufstände und Demonstrationen steuerten das Land in den 1970er Jahren in eine ernsthafte Krise. Vor diesem Hintergrund entstand eine Ära des Unterhaltungskinos, die eine eigene Spezies von Filmhelden hervorbrachte. Zynisch, gewaltbereit, eigensinnig und aufsässig kämpften die Filmhelden der damaligen Zeit gegen soziale Ungerechtigkeit, politische Bevormundung, Korruption und Ausbeutung. Der Schauspieler Amitabh Bachchan wurde durch diese Rollen berühmt und ging als “Angry Young Man” in die Filmgeschichte ein. Seine Filme Zanjeer, Deewaar und der Curry-Western Sholay sind Klassiker des Action-Genres der 1970er Jahre. Ein weiteres typisch indisches Genre fand seinen Ursprung in jenen Tagen: “Lost And Found”. Familien, die durch traumatische Ereignisse auseinandergerissen werden und erst Jahre später unter meist dramatischen Umständen wieder zueinanderfinden (nicht immer mit glücklichem Ende), standen im Fokus dieser Filme. Auch sogenannte Dacoit-Filme mit Banditen und Räuberbanden waren in den 1970er und 1980er Jahren gern gesehen.


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Kommentare

über Entdämonisierung des indischen Kinos - Teil 4


thraka

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Vielen Dank @ Bommali, für diese fundierte, Appetit anregende und enthusiastische Artikelreihe.

Ich will hoffen, sie trägt dazu bei, die Augen für ein Kino (oder auch Literatur, Musik, ach Kunst, Kultur allgemein) ausserhalb unseres fürchterlich westlich-, nein eher: US-konzentrischen Denkens/Assimilierens zu öffnen.

Jetzt im Jahr 2013 leben wir in einer Zeit, die noch nie soviele kulturelle Einsichten/Erfahrungen ermöglicht hat - durch das Internet, durch neue Medien, Netzwerke, kurz: durch die Globalisierung steht dem Kulturinteressierten quasi die ganze Welt offen. Ein schier unerschöpflicher Quell des Suchens, Entdeckens, Erstaunens über die Vielfältigkeit (aber auch die Gemeinsamkeit) einer heterogenen Menschheit. Aber was passiert?

Gesteuert durch Konzerne, durch schnöden Mammon und/oder reaktionäre Nationalisten grenzen wir uns weiter ab als vielleicht je zuvor. Verengen unseren Blick auf noch den letzten Müll aus den USA, oder gerade noch eben noch Frankreich/GB, reisen so frei wie nie in abgeschottete all-inclusive-Feriengulags und erheben mittelalterlichen Religionswahn wieder zu einer Form kultureller Auseinandersetzung. Anstatt die Freiheit der Informationen, der Bildung und des Reisens zur überfälligen Annäherung aller Menschen zu nutzen, erheben wir das biblische "wer nicht für mich ist, ist GEGEN mich" zur Maxime.

Umso schöner, dass Du versuchst, Interesse zu wecken, Verständnis und "Einsicht" gewährst. Und ich finde, das Indische Kino ist dafür gut (und überaus spannend) geeignet.

*धन्यवाद*Danke*

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Kamell

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Ein gerade angelaufener südindischer Film, der trotz 10 000 Bewertungen bei imdb mit 9,8 von 10 Punkten angezeigt wird: "Vishwaroopam".
Jetzt stellt sich mir die Frage: Gibt es Möglichkeiten die Bewertungsskala zu manipulieren? Sind das Sympathisanten gegen die Unternehmungen, den Film aus religionspolitischen Gründen zu verbieten oder haben wir es schlicht mit einem sagenhaft guten Werk zu tun ...@ Bommali?

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HellGreetings

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http://en.wikipedia.org/wiki/Vishwaroopam#Reception


Kamell

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Okay, ja, habe ich gesehen - und kein Kritiker hat 5/5 vergeben, es sind eher gemischte Kritiken. Trotzdem steht der Film immer noch bei 9,5 bei mittlerweile 23000 Bewertungen ...


Obolos

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Starkes Finale, es hat mich sehr gefreut, von dir Artikel geschrieben zu bekommen! :)
Und, ich sags mal so, Justin Bieber ist ja ein Dreck gegen das, was da außen und vor allem innerhalb des Kinos abging... ich dachte, ich wär im falschen Fil... äh YouTube-Video! :D
Wenn ich sowas bei mir im Kino erleben würde, fände ich das mehr als ungewöhnlich. Aber wie du schon beschrieben hast, die Heldenglorifizierung hat man in Indien wirklich drauf, das merkt man direkt!
Ich muss ja ganz ehrlich sagen, dass ich eher auf realitätsnahe Filme stehe, aber so cool, wie die Charaktere da (trotz nur im Untertitel geschriebenen One-Linern) dargestellt werden, muss ich sie eben irgendwie doch mögen. Und auch diese ganzen Superheldenfilme, die aktuell den Markt überschwemmen, müssen da in meinen Augen ganz klar gegen abstinken, da wird einfach viel weniger mit Schnitt und Postproduktion herumgespielt und -experimentiert! Die visuellen Mittel scheinen laut Trailer auch in dem von dir genannten "Thuppakki" einfach nur bombastisch zu sein und da machts mir doch gleich erst richtig Spaß zuzuschauen! Bilder können mich sehr fesseln! :)

Abschließend vielen vielen Dank für die großartige Einführung (für mehr hats ja leider nicht gereicht) in diese Thematik (und viele weitere geheime Zusatzinfos! :P - du bekommst auch endlich mal noch eine Antwort von mir! :) ), ich persönlich darf behaupten, dass das indische Kino (vor allem das Südindische) mich durch diese Reihe erreicht hat und ich, auch wenn ich leider keine Chance sehe, über vielversprechende Neustarts informiert zu werden (außer über deine Filmbewertungen :D ) das auf jeden Fall gerne weiterverfolgen will!

Lieben Gruß!

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Bommali

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Nun, Thuppakki hatte auch einen deutschen Kino-Release und du darfst dir jetzt mal die Bommali unter rund 400 Tamilen im Kino vorstellen. Es ist bei der Hero Introduction zwar keiner vor der Leinwand rumgehampelt wie im Youtube-Video, aber der Geräuschpegel im Kino war ziemlich ähnlich. Ungewöhnlich beschreibt es nicht ganz, es war überwältigend. ;)

Was die Ausschöpfung der visuellen Mittel betrifft, ja, das haben die Südinder einfach drauf. Das fasziniert auch mich sehr an diesen Filmen, von den ganzen kulturellen und filmhistorischen Dingen mal abgesehen. Die wissen genau, wie sie ihre Heroes bestmöglich in Szene setzen können. Hier ist auch noch ein schönes Bespiel für eine Hero Intro: http://www.youtube.com/watch?v=9LthAGY9hDY

Es freut mich sehr, bei dir Interesse geweckt zu haben. Über neue, sehenswerte Filme kann ich dich informieren, kein Problem.


Gabe666

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Schade, dass die Reihe schon vorbei ist. War wie immer sehr interessant zu lesen.

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BaltiCineManiac

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Ha, da wird mir doch glatt der Zweck einer gewissen Fragestunde klar! ^^ Ein großer Dank an die Autorin für diese erhellende und fachlich fundierte Artikelreihe über das indische Kino, die auch dringend notwendig war, da leider vonseiten der offiziellen MP-Redaktion trotz durchaus zu erkennendem positiven Ansatz in den letzten Jahren mit diversen Texten diesbezüglich nur auf eine ganz bestimmte Gruppe sogenannter Bollywood-Fans (die in den seltensten Fällen wirklich einen Plan vom indischen Kino haben) abzielender, fachlich vor Nichtwissen strotzender, teils hanebüchener Klischee-Quatsch verbreitet wurde, was filmjournalistisch dann doch ziemlich bedenklich ist und die eh schon großen Vorurteile der solchen Quellen vertrauenden Masse noch verstärkte.

Ferner ist es schön zu sehen, dass doch etliche MP-Buddys das Ganze hier sehr positiv mit Interesse verfolgt und aufgenommen haben, was von Aufgeschlossenheit und dem Willen zur cineastischen Horizonterweiterung zeugt, die ich nur befürworten kann, und vielleicht zukünftig zu der ein oder anderen interessanten Filmsichtung führt. Aber wo war bitte diese ganze Bollywood-Kreisch-Fraktion, die das indische Kino angeblich so liebt? Deren Abwesenheit im Kommentarbereich und/oder beim Like-Button ist bezeichnend und spricht eigentlich für sich selbst sowie die scheinbar (für eben jene) sehr erschütternde Realität – ähm – Qualität dieser Abhandlung zum Indian Cinema.

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