“Was hoffen Sie, nimmt das Publikum aus Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte mit?” wurde Michael Moore anlässlich des Kinostarts seines neuen Dokumentarfilms gefragt. Seine knappe Antwort lautete: “Popcorn und Mistgabeln”. Dieses Statement bringt ein Dilemma vieler Filmemacher auf den Punkt, denn einerseits wollen sie Missstände anprangern und die Durchschnittsbürger zum Handeln animieren. Andererseits will das Publikum natürlich auch unterhalten werden. Wir liefern Euch an dieser Stelle einen kleinen, nicht um Vollständigkeit bemühten Aus- und Rückblick darauf, wie Regisseure ihr weltverbesserndes Anliegen ans Publikum verkaufen.
Agitation: Filme, die anstacheln sollen
Der Film ist vorbei, leere Popcorntüten verschmutzen den Teppichboden, die Lichter gehen an – und die Zuschauer ballen die Fäuste. Am liebsten würden sie aus dem Saal stürmen, sich einen Reisebus mieten, die Mistgabeln einpacken und irgendwo jemanden an der Laterne aufhängen. Doch die Wut verraucht schnell wieder, denn am nächsten Morgen ist auch noch ein Tag. Zur Zeit handelt es sich bei Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte von Michael Moore um einen Kandidaten für das Prädikat “Große Klappe, nichts dahinter”. Denn diverse Filmkritiker attestiertem dem Dokumentarfilm über böse Raubtierkapitalisten einen dumpfen Agitationswillen ohne Substanz. Kapitalismus: 1 – Michael Moore: 0.
Autosuggestion: Filme, die sich selbst nicht glauben
Drei junge Menschen bekämpfen das System, dazu entführen sie einen Großverdiener in die Alpen. Bald stellt sich heraus: So doof ist der Mann mit der S-Klasse gar nicht – im Gegenteil, er hat sogar sein Kreuz früher auf dem Wahlzettel ganz links gemacht. Am Ende kann nur ein holpriges Drehbuch-Manöver die Verhältnisse gerade rücken, und der Entführte verrät seine drei neuen jungen Freunde an die Polizei. Dem Zuschauer bleibt die traurige Gewissheit: Die fetten Jahre sind vorbei vertraut seiner eigenen politischen Agenda nicht.
Aula-Projektion: Filme, die auch gerne mal in der Schule gezeigt werden
_“Wir sehen uns heute im Klassenverband einen Film an.”
“Jippie!”
“Es geht um böse Nazis.”
“Och, schon wieder?”_
Szenen wie diese dürfte jeder Schüler einer deutschen Bildungsanstalt schon mal erlebt haben. Meistens fiel die Wahl auf Filme wie Schindlers Liste und Sophie Scholl – Die letzten Tage. Nur einmal hatte ich Glück: Wir durften vor den Ferien Starship Troopers sehen. Mein Lehrer verließ nach 5 Minuten kopfschüttelnd den Klassenraum. Er hat wohl nicht bemerkt, dass es in der Käfer-Jagd von Paul Verhoeven um nichts anderes als böse Nazis geht.
Depression: Filme, nach denen wir uns irgendwie schlecht fühlen
Jeder kennt sie, fast keiner mag sie: Filme des Irgendwie. Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte gehört zu dieser Gattung. Während des Sehens fühlen sich die Zuschauer irgendwie schlecht, sie finden irgendwie nicht gut, was da passiert, sie sind danach irgendwie deprimiert, aber wissen nicht, was sie dagegen machen können. Irgendwie doof.
Aufmerksamkeitsreproduktion: Filme mit globalen Warnsportlern
Al Gore leidet am Live Aid-Syndrom: Was Bob Geldof für die Hungerhilfe in Afrika war, ist der langweiligste Vizepräsident aller Zeiten seit Eine unbequeme Wahrheit für die Klimaerwärmung. Wenigstens wurde Al Gores tapferer Einsatz mit einem Osca… äh … Friedensnobelpreis honoriert. Chapeau!
Inversion: Die Anti-Antis
Trey Parker und Matt Stone sind die Vorzeige Anti-Antis, denn sie haben Southpark erfunden und torpedieren seit nunmehr 13 Staffeln alle scheinheiligen Weltverbesserungs-Versuche, die ihnen unter die Finger kommen. Kostproben gefällig? Hier sind ein paar Links zu kompletten Episoden von Southpark – und da die Macher der Serie mit der Zeit gehen legal und kostenlos:
Tierschützer sind auch nur Mediennutten
Al Gore und das Mannbärschwein
Bono ist ein Haufen Scheiße
Zukunftsvision: Filme, in denen sowieso schon alles zu spät ist
In den Mad Max-Filmen ist der Sprit alle, trotzdem denkt jeder nur ans Autofahren. In Planet der Affen will die Menschheit die Absonderlichkeiten des Universums erforschen, dabei hätte sie dazu einfach zu Hause bleiben können. In Children of Men gehen die Kinder aus, dennoch müssen sich junge Mütter vor Gott und der Welt fürchten. Am Ende ist nur noch Zeit für Endzeit, denn es ist doch sowieso schon alles zu spät.
Was bleibt unterm Strich übrig? Veränderung ist nicht messbar, aber sie geschieht. Daran haben nicht zuletzt auch Filme ihren Anteil. Doch niemand weiß, welche Werke tatsächlich einen positiven Einfluss auf die Entwicklung des Menschen haben. Was denkt Ihr? Hat Euch jemals ein Film zum Besseren bekehrt? Oder sympathisiert ihr mit den Anti-Antis?
Malu (Martin Lukas) 2009/11/13 15:10:00
Kommentare
über Filme sind schlechte Weltverbesserer
Kommentar schreibenPrestigeww 2009/11/13 19:01:44
Kommentar löschenIch finde deinen Artikel zwar auch zynisch, aber zurecht. Ich finde offen zur Schau gestellte Moral hat in Filmen, die sich als Kunst verstehen, nichts zu suchen. Persönlich weiter, weil zum nachdenken gebracht, haben mich immer nur solche Filme, die mir als Zuschauer die Bewertung des Dargestellten selbst überlassen. Das ist oft auch das problem gerade bei deutschen Filmen: Ein Film wird nunmal nicht dadurch besser, dass er uns zum 20. Mal zeigt, dass Nazis böse sind und es Randgruppen schwer haben.
2 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 1 Antworten
Batzman 2009/11/16 00:54:05
Antwort löschenAber grade die eigene Interpretation verwehren ja Frontalunterrichts-Regisseure wie Hanecke. Dessen moralische Botschaften werden ja mit der Brechstange vermittelt - und seine Verachtung für das Publikum gleich dazu.
Da ist mit South Park 1000x lieber oder eine Serie wie "Penn & Tellers Bullshit" - denn dort wird wirklich dazu angestachelt sich eine eigene Meinung zu bilden. Ganz im Gegensatz zu Michael Moore oder Al Gore...
StevieG 2009/11/13 19:51:09
Kommentar löschenUnd was sind dann gute Weltverbesserer?
Einfach zu sagen "Filme helfen eh nichts" ist einfach.
Aber es ist bequem und meckern macht ja Spaß.
Wahrscheinlich bringen kritische Zeitungsberichte ja auch nichts oder? Deshalb sollten dann wohl alle nur noch die BILD lesen, hauptsache unterhaltsam....
1 Mitglied gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 1 Antworten
AverageJoe 2009/11/13 20:33:39
Antwort löschenDie Frage nach den "guten" Weltverbesserern ist gerechtfertigt, kann ich aber auch nicht beantworten. Filme können sicher etwas in einem bewegen, aber nicht ein einzelner, nicht abrupt und erst recht keiner der oben genannten Typen.
Kritische Zeitungsberichte würde ich eher mit entsprechenden Reportagen gleichsetzen (und zwar solchen, die nicht auf die Tränendrüse drücken).
Filme mit einer plakativen Moralkeule sind viel eher die Entsprechung der erwähnten BILD: Wir tun mal so als würden wir ein Problem kritisch darstellen...aber eigentlich wollen wir dir sagen was du darüber zu denken hast.
Und wer sich das denken abnehmen lässt, statt es selbst zu tun, wird eh den Teufel tun irgendwas zu ändern. Wenn man nicht selbst drauf kommt, wird man mMn eh nicht wirklich überzeugt sein.
nurleben 2009/11/13 20:07:39
Kommentar löschenSchon so einige Filme haben mich definitiv sehr stark berührt und in gewisser Weise verändert.
Ich denke, die Welt verbessert man tatsächlich nicht durch Agitations- und Mistgabelfilme. Von denen hab ich auch erstmal wirklich genug, ich weiß inzwischen über und über, was die ganzen Missstände dieser Welt sind und sie z.B. in "Home" nochmal abgefilmt zu sehen, hat mir überhaupt nichts gegeben.
Meine ganz persönliche Lebenswelt haben Filme am meisten positiv verändert, die mir das Herz gewärmt haben und mich zum Lachen gebracht haben und an deren Ende ich mindestens hoffnungsvoll, wenn nicht gar euphorisch war. Eben genauso wie tolle Erlebnisse im "real life".
Und ich glaube letztendlich sind es auch in der großen weiten Welt solche Filme, die positive Veränderung bewirken :).
1 Mitglied gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 1 Antworten
nurleben 2009/11/14 18:14:22
Antwort löschenGute Filme gaben einem auch beim wiederholten Anschauen noch was neues bzw. wenn man sie Jahre später schaut was ganz anderes. Schlechte Filme geben einem einfach wenig bis garnix, wie "Home" ...
M_A_X 2009/11/14 02:03:42
Kommentar löschenSchöner Artikel!
Der einzige Film (mit Aussage) der mich in in der Art berührt hat war wohl "Earthlings", ansonsten sympathisiere ich mit den Anti-Antis.
1 Mitglied gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten
M_A_X 2009/11/14 02:41:12
Kommentar löschenIch sehe mir "Home" auf BluRay an weil die Bilder so hübsch sind, ironischerweise besonders die aus Afrika. "Schindlers Liste" konsumiere ich weil ich jedes mal von den Schauspielern und der Dramatik begeistert bin.
Ich könnte noch mehr Filme nennen, jedoch reicht das doch um mich als Zyniker abzustempeln oder?
"Schindlers Liste" hat eine Freigabe von 12 Jahren aber kann dieser Film einem 12 jährigen Menschen die Augen öffnen? Natürlich - aber dazu müssten sie ersteinmal geschlossen sein. Wenn z.B. die Eltern auch Nazis sind, wäre das ja durchaus möglich. Wenn das Kind mit 12 Jahren aber noch nicht weiß dass man seine Mitmenschen gleich behandeln sollte, wird der Film daran evtl. sogar gar nichts ändern können. Zudem ist ein Film wohl kaum das am besten geeignetste "Heilmittel" für das Problem.
Kinder sind meist noch nicht so emotional abgestumpft wie wir Erwachsenen und sind somit emotional leichter ins Wanken zu bringen (was Erwachsenen ja oft vermeindlich als Gegenteil von "erwachsener" Intelligenz vorkommt).
Somit ist bei einem Film wie "Erdlinge", bei dem gezeigt wird woher das Schnitzel eigentlich herkommt, schon eher die Wahrscheinlichkeit gegeben dass, das Kind plötzlich die Idee bekommt Vegetarier zu werden.
Bei einem Erwachsenen jedoch wäre es da ja schon traurig zu sehen dass sich erst mit einer Runde "American History X" oder "Home" etwas ändert. Da frage ich mich bei manchen Filmen oft was die Leute eigentlich so alles sehen, mit ihren plötzlich so offenen Augen.
1 Mitglied gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten
alanger 2009/11/14 19:42:51
Kommentar löschenparker & stone sind hochmoralisch. und diese south park folge über scincetology war fast sowas wie mutig (obwohl es echten mut in den medien nur noch in ländern wie russland, saudiarabien, iran, china... gibt). schon vor einigen jahren übrigens, als es der sekte noch nicht so kalt ins gesicht blies. filme (oder wie hier serien) können also, wenn schon nicht die welt verbessern, immerhin debatten anstoßen. im guten wie auch im demagogischen sinn. beispiel dafür gibts sehr viele, hier nur zwei: die us tv-serie "holocaust" (1979) und die riefenstahl-olympiafilme. holocaust hat erstmalig eine breite diskussion über das thema massenvernichtung von menschen im III. reich angestoßen, leni hat nazideutschland endgültig international salonfähig gemacht.
1 Mitglied gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten
Anastasius 2009/11/15 01:24:06
Kommentar löschenIch glaube nicht, dass man einen Film sieht, und danach eine Handlung begeht, die direkt mit der Lösung des im Film thematisierten Problems verbunden ist.
Aber ich glaube, dass jeder Film eine Spur im Bewusstsein hinterlässt und darum den Horizont des Zuschauers weitet und ihn sozial kompetenter macht.
Aber in erster Linie sollen Filme ja unterhalten, und die meisten schaffen das ohne bitteren Beigeschmack, was einen netten Ausgleich zum manchmal eintönigen und ermüdenden Alltag bildet.
Filme sind meiner Meinung nach gute Weltverbesserer.
2 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten
Deine Meinung zum Artikel Filme sind schlechte Weltverbesserer
Bitte logge dich ein oder registriere dich um einen Kommentar zu schreiben.



Ob ein Film in seiner Botschaft heuchlerisch ist, bleibt bei dieser Frage erst mal zweitrangig. Es kommt doch darauf an ob das Anliegen der Filmemacher das Publikum erreicht und wenn sie das tun, liegt es an dem Zuschauer selbst was er daraus macht. Wenn jemand aus so einem Film kommt und sich nicht sofort für dies oder jenes einsetzten will, obwohl er verstanden hat worum es geht, dann ist das nicht die Schuld der Regisseure. Die traurigen Schlagwörter heißen da nunmal Selbstgefälligkeit, Bequemlichkeit und Ignoranz.
1 Mitglied gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten