India Cinema

Filmgigant Indien – Das Eldorado für Cineasten

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Verzeiht mir den provokanten Einstieg, der nicht bierernst gemeint ist, aber, wie ihr gleich sehen werdet, ein Fünkchen Wahrheit in sich trägt. Verschiedene User haben mich ermutigt, euch Einblicke in eine Filmwelt zu gewähren, der hierzulande wenig bis gar keine Beachtung geschenkt wird. Eine Filmwelt, die missverstanden und mit sich hartnäckig haltenden Vorurteilen behaftet ist, die rigoros abgelehnt und verspottet wird, die als uncool gilt und von echten Kerlen offensichtlich nicht konsumiert werden darf oder kann. Eine Filmwelt, die niemand so richtig kennt und von manch Geistesheroen gerne mit ich muss kotzen oder was für ein Dreck kommentiert wird. Blöde Schauspieler, blöde Filme, blöde Inder. Und damit ist die Katze aus dem Sack. Ich habe die mir angetragene Mission Indian Cinema angenommen und werde euch nun gnadenlos über den Tellerrand schubsen.

Es lohnt sich, das Filmland Indien ohne Bollywood-Klischee-Brille zu betrachten, denn dabei werden nicht nur hierzulande unbekannte Filmperlen ohne Bollywood-Kitsch und Ringelreih zutage gefördert, sondern gleich ganze Filmindustrien, von denen in unseren Breitengraden kaum jemand etwas ahnt. Lasst uns statt Bollywoodbashing zu betreiben zur Abwechslung einmal unser Tellerchen verlassen, uns unvoreingenommen mit den Fakten beschäftigen und der Wahrheit auf den Grund gehen!

Belanglos, kitschig, unerträglich?
Bollywood, das trällernde Kino Indiens. Ein Sinnesrausch aus Farben und Emotionen. Liebesqual, Tränenflut, quietschbunte Klamotten, anspruchsloser Firlefanz und alles viel zu dick aufgetragen. Eine ungenießbare Kost. So lautet das kollektive (Miss-)Verständnis hinsichtlich des indischen Kinos, das sich nicht selten auf Hörensagen begründet. Was jedoch nur wenige wissen: Bollywood steht nur für einen Teil der gesamtindischen Filmproduktion und ist die landläufige Bezeichnung für Filme, die in der Sprache Hindi gedreht werden. Dass alle Hindi-Filme oder gar alle indischen Filme unerträgliche, kitschige Liebesschmonzetten seien, ist ein Irrglaube. Wie in jeder anderen Filmindustrie dieser Welt werden Filme sämtlicher Genres gedreht, für jeden Geschmack und Anspruch.

Thriller, Action, Fantasy, Komödie, Historienepos, Biopic, Kriegsfilm, Horror, Western, Film Noir und Arthouse-Kino sind nur einige der Genres und Stilrichtungen, die das breite Spektrum des Hindi-Kinos ausmachen. Zudem haben indische Filmemacher Genres entwickelt, die es nur auf dem Subkontinent gibt und Filme ganz ohne Gesang und Tanz findet der aufmerksame Cineast ebenfalls. Das Filmzentrum der Hindi-Filmindustrie respektive Bollywoods ist die Stadt Mumbai, das ehemalige Bombay im indischen Bundesstaat Maharashtra. Die korrekte Bezeichnung lautet Hindi Cinema.

Unbekannte Filmindustrien
Das Hindi Cinema ist also weit mehr als viele glauben. Doch damit nicht genug. Es existieren in Indien elf (!) weitere regionale Filmindustrien, die eigene Filme in der Sprache des jeweiligen Bundesstaates drehen und wiederum sämtliche Genres abdecken. Und jede dieser Filmindustrien hat ihre eigenen Stars, Regisseure, Produktionshäuser, Kinotraditionen sowie filmische Besonderheiten und Konventionen. Stellt euch vor, Hollywood gäbe es gleich im Dutzend. Ein schöner Traum, in Indien jedoch Realität.

Indien ist der größte Filmproduzent der Welt, gefolgt von Nigeria und den USA an dritter Stelle. Während die Motion Picture Association of America für die USA und Kanada im Jahr 2011 zusammen 610 Spielfilme meldet, entstanden in Indien im gleichen Jahr laut des Central Board of Film Certification 1.255 Spielfilme in 24 Sprachen. Das nordindische Hindi Cinema war mit 206 Spielfilmen nur für rund ein Sechstel der gesamtindischen Filmproduktion, des Indian Cinemas, verantwortlich. Der Löwenanteil mit 610 Spielfilmen kam aus den südindischen Filmindustrien, um deren Existenz hierzulande kaum jemand weiß, weil deren Filme bei uns weder im Fernsehen, noch im Kino laufen. Aber es gibt sie – Indianerehrenwort.

Die wenigen indischen Filme, die deutsche TV-Sender in der Vergangenheit ausstrahlten und bei manchem Filmfan Zahnschmerzen oder Schlimmeres hervorriefen, spiegeln also nicht die ganze Bandbreite des Hindi Cinemas und schon gar nicht die des gesamtindischen Kinos wider. Sie folgten einem Trend, der um die Jahrtausendwende für volle Kassen sorgte und längst überholt ist. Denn auch das indische Kino verändert sich stetig, setzt neue Maßstäbe, Trends kommen und gehen und machen Platz für Neues – und das schon seit über 100 Jahren. Die einseitige und überaus bescheidene deutsche Auswahl indischer Filme ist kaum geeignet, sich einen Überblick über das tatsächliche Filmangebot Indiens zu verschaffen, das hinsichtlich Vielseitigkeit einzigartig ist. Das indische Kino ist ein Schlaraffenland für jeden Filmfan. Er muss sich nur trauen.

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