Shin Godzilla - Das können die Japaner immer noch am besten

Shin Godzilla
© Toho
Shin Godzilla
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Zehneinhalb Meter müssen es schon sein. Aus dieser Höhe darf das Monster aus Shin Godzilla auf sein jüngstes Pendant aus Amerika hinabblicken. Zehn Meter, die noch einmal klarstellen, wer hier die Leinwand beherrscht, während hinter den Kulissen freilich in Einvernehmen die Lizenzrechte verkauft werden. Der dritte japanische Reboot des Gottes der Zerstörung hätte mit spaßig-tumber Zerstörung oder, schlimmer noch, einer filmischen Dosis Nostalgie sicher auch seine Zuschauer gefunden. Er wäre auf der Welle des erneuerten Interesses rund um Legendarys stiernackigen Godzilla in die US-Kinos gesurft und hätte der Reihe in Japan neues kommerzielles Leben für eine sequellastige Zukunft eingeflößt. Doch wer engagiert schon den Schöpfer von Neon Genesis Evangelion fürs spaßig-tumbe Buddeln in popkulturellem Schutt und Asche? Hideaki Anno und Ko-Regisseur Shinji Higuchi (Attack on Titan) lassen Godzilla stattdessen eine zeitgemäße Wiederauferstehung zuteil werden. In dieser tritt das Spektakel des Monsterfilms hinter eine derart nüchterne Betrachtung des trägen bürokratischen Auges im Sturm der Zerstörung zurück, dass der Realismus nur noch als Satire ertragen werden kann. Kenntnisse über die Erdbeben- und Atomkatastrophe in Japan im Jahr 2011 sind bei diesem Godzilla von größerer Hilfe als lexikalisches Wissen über die lange Filmografie des mürrischen Meeresbewohners.

Was Shin Godzilla nun keinesfalls mangelndes Geschichtsbewusstsein vorwerfen soll. Hinsichtlich der Handlung hält sich Drehbuchautor Hideaki Anno verhältnismäßig nah an Ishirô Hondas Original von 1954. Jungspund Godzilla (sein erster Auftritt hat etwas von einer desorientierten Kaulquappe im Zucker-High) nährte sich am amerikanischen Atommüll. Sein Metabolismus gleicht einem Hochofen, der neben Feuer auch eine discowürdige Lasershow produziert. Während das Monster im Wachstumsschub eine Schneise der Verwüstung durch Tokio zieht, machen sich Wissenschaftler daran, den Gegenschlag zu planen. Oder sie werden erst einmal dazu berufen. Nicht jeder Ausschuss bringt letztendlich etwas zustande. Die mannigfaltigen Instanzen des japanischen Krisenmanagements, angefangen beim Premierminister bis zu den vielen, vielen Anzugträgern, die von seinem Posten träumen, mühen sich durch Leugnung, Beschwichtigung, Fehlinterpretation, Apathie usw.; von Konferenzraum zu Konferenzraum, Nadelstreifenrücken zu Nadelstreifenrücken, springt der Schnitt von Hideaki Anno und Atsuki Sato. Zettel werden durch die Reihen gereicht, von Ministern mit Autorität in der Stimme verlesen, während der nächste geschrieben wird, um den letzten gleich wieder obsolet zu machen. Godzilla hat sich nach seinem ersten Landgang verzogen, bevor die Regierung einen Finger gerührt hat.

Schiebt sich eine Woge aus dem Geröll zerstörter Häuser, Autos und Boote durch die Straßen, bedient sich Anno offenkundig bei den Schreckensbildern von 2011. Gerade beim ersten "Angriff" Godzillas entwickelt der Film durch die Kombination von Nachrichten- und Handyaufnahmen aus dem Umfeld der zweibeinigen Katastrophe eine grausige Unmittelbarkeit, in der sich auch die blinde Manie der tellergroßen weißen Augen der Atom-Echse spiegelt. Godzilla, die Naturgewalt hat zugeschlagen. Hideaki Anno, Autor, Regisseur, Editor, hat die fünf Jahre alten Bilder zurück ins Bewusstsein gepresst.

Fast jede Figur in Shin Godzilla fixiert sich auf die Bewahrung des eigenen Jobs, auf Außenwirkung und Aufstiegschancen. Deshalb macht kaum jemand seine Arbeit. Der Südkoreaner Kim Jee-woon (I Saw the Devil) würde mit solchen lethargischen Figuren im Drehbuch wohl dem Wahnsinn verfallen. Wie die zweieinhalb Stunden Laufzeit rumbringen, wenn die Leute nur reden, nie machen/morden? The Age of Shadows, nach dem Schwarzenegger-Flop The Last Stand seine Rückkehr in die Heimat, steckt voll von Machern. Im Paukenschlag von einer Auftaktsequenz rennt ein Schwarm Soldaten über einen Dächerwald, die Kamera hinterher. In einer Hütte darunter steht Polizeiinspektor Lee Jeong-chool (Song Kang-ho) seinem alten Schulfreund gegenüber, ein Kämpfer im Widerstand gegen die japanischen Besatzer in den späten 1920er Jahren. In die Enge getrieben, reißt der Kämpfer seelenruhig die Spitze seines angeschossenen Zehs ab, als wüsste er, dass den Zuschauern dabei lautstark die Luft im Halse stecken bleibt. Manchmal scheint es, als würde Kim seine Filme ausschließlich für den Szenenapplaus drehen und in The Age of Shadows leuchtet alle paar Minuten das imaginäre Applaus-Schild.

Die Figuren in The Age of Shadows bleiben abgesehen von Songs Polizist im Dienst der Japaner und einem von Gong Yoo gespielten Widerstandskämpfer weitgehend Mittel zum Zweck. Weil in einem Spionagethriller nunmal Spione, Doppelspione und Trippelspione benötigt werden. Irgendwer muss machen. Die Aktivitäten vor aufwendiger historischer Kulisse sind zugegebenermaßen höchst ansprechend. Die halbstündige Sequenz in einem Zug von Shanghai nach Seoul wird noch allerorten bejubelt werden. Vielleicht ist es das aufregendste Set-Piece in der Karriere des Regisseurs von The Good, the Bad, the Weird und Bittersweet Life. Die Widerstandsgruppe transportiert Sprengstoff, Japaner durchforsten jedes Abteil nach den Mitgliedern und dazwischen steht Lee, der die Widerständler ausfindig machen muss und insgeheim mit ihnen im Bunde ist. Es zeugt von handwerklicher Meisterschaft, wenn Kim Jee-woon eine halbe Stunde ein Dutzend Figuren durch mehrere Abteils zu jonglieren vermag, Verdachtsmomente streut, zerstreut, Verkleidungen wechseln lässt, Verwirrung stiftet, Klarheit schafft und es wieder von vorne losgeht. Das Szenenbild mit seinen genau arrangierten historischen und sozialen Details kommt ihm zugute. Allein die Mäntel in dieser Sequenz haben einen Aufsatz verdient. Wenn schon kein Charakter, dann hat The Age of Shadows wenigstens Sinn für die titelgebende Zeit.

Wobei, einen mit Charakter gibt es in diesem Film, Kim sei Dank: Song Kang-hos Polizist und Kollaborateur Lee. Der würde in dieser Hütte am Anfang lieber mit seinem alten Schulfreund reden, als zu machen, dass heißt ihn ermorden oder foltern oder sich umbringen lassen. Zwischen den Machern fällt der Zweifler Lee aus dem Rahmen, getragen von Songs außergewöhnlicher Fähigkeit, uns mit seinen Figuren sympathisieren zu lassen, weil die Unvollkommenheit durch ihre Adern fließt. The Age of Shadows besitzt einen im südkoreanischen Film erwartbaren Drall zur historischen Beschönigung. An Lee können wir uns dabei klammern, eine Weile immerhin. Kim Jee-woon hat noch jede Figur seinem Willen gebeugt.

Beim Screening im Rahmen des Festivals des fantastischen Films in Sitges wurde Shin Godzilla wie auch The Age of Shadows mit drei Untertitelspuren gezeigt (Spanisch, Katalanisch, Englisch). Dazu drängten sich beim Monsterfilm dick aufgetragene japanische Zeichen für bedeutende Orte mit ihrer Übersetzung ins Bild. Leichter wurde es dadurch nicht, dem Ensemble aus Amtsträgern und Wissenschaftlern zu folgen. Es verlieh dem Film allerdings den Look eines Nachrichtensenders mit Breaking News und Nicht-mehr-ganz-so-breakenden-News in jedem Winkel des Bildes. Shin Godzilla beschäftigt sich tatsächlich mehr mit dem Geschehen am Boden, allerdings nicht um, wie die amerikanischen Kollegen, die monströse Lust hinauszuzögern oder menschenähnliche Surrogaten des Zuschauers zu etablieren, die sowieso niemanden interessieren. Vielmehr werden die Grundzutaten eines Godzilla-Films mit dem analytischen Furor von Die Unbestechlichen oder Contagion durchforstet. Weg mit den Liebesgeschichten, her mit den Gesetzen, Artikeln und Fußnoten.

Shin Godzilla gibt sich dezidiert als Film über das Japan 2011 und der Jahre danach und schlägt über die Katastrophe den Bogen zum ebenfalls zeitgemäßen ersten Film aus dem Nachkriegsjahrzehnt. Vor dem lähmenden Pessimismus rettet sich die Wiederauferstehung in die vollendete satirische Überspitzung. Es sei dem gelungenen Reboot gegönnt.

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