Grusel-Geschichten – Teil 4

Hammer Films – Beißer, Blut und Bräute

Und jetzt schön die Zähne gespitzt: Bei Hammer wurde gerne zugebissen.
© Anolis, Warner, Koch Media
Und jetzt schön die Zähne gespitzt: Bei Hammer wurde gerne zugebissen.

Der Film ist noch keine Viertelstunde alt, da wirft sich die hübsche junge Frau mit dem tiefen Ausschnitt Jonathan Harker schon an den Hals. Allerdings nicht, um ihm einen zarten Kuss auf die Wange zu drücken, sondern, um ihre Eckzähne in eben diesen Hals zu schlagen. Plötzlich wird die Tür aufgeworfen und Dracula erscheint, das Blut rinnt ihm im schönsten Technicolor aus dem Mund und seine weit aufgerissenen Augen sagen: „Dich werde ich töten!“ Noch bevor er zur bombastischen Musik von James Bernard wie ein wildes Tier über den Tisch springt ist klar: Dieser Vampir hat wenig gemein mit dem charmanten transsylvanischen Verführer alter Schule! Spätestens mit Dracula waren zwei neue Horror-Ikonen geboren, die es mühelos mit Bela Lugosi und Boris Karloff aufnehmen konnten.

Der durch und durch physische Dracula von Christopher Lee findet im Van Helsing von Peter Cushing nämlich den perfekten Gegenspieler. Auch dieser blättert nicht nur in alten Folianten, sondern springt im Kampf gegen den Vampir ebenfalls schon mal über Tisch und Bänke. Greift er beherzt zu Hammer und Holzpflock, wird nicht etwa abgeblendet, sondern das grausige Werk in seiner ganzen Pracht gezeigt. Zwar dürften all die blutigen Szenen der Hammer-Filme heute nur noch sehr zartbesaitete Naturen in die Nähe einer Ohnmacht bringen, während sie einstmals den ums seelische Wohl der Zuschauer besorgten Zensoren jede Menge Schweißperlen auf die Stirn trieben. Trotzdem bilden sie noch immer einen gelungenen Kontrast zu den vielen ruhigen Sequenzen, die sich in verlassenen Schlössern, verschlafenen Dörfern und verwunschenen Landschaften abspielen.

Hammer Films – Beißer, Blut und Bräute (18 Bilder)

Von den Toten auferstanden
Schon ein Jahr vor Dracula hatte Hammer Films begonnen, die alten Universal-Monster wiederzubeleben. Seit Draculas Haus aus dem Jahre 1945 hatten diese nur noch zur Belustigung in einigen Abbott und Costello-Komödien gedient und jagten kaum jemandem mehr einen Schrecken ein. Im Unterschied zu den meisten Universal-Filmen spielten die Hammer-Varianten dabei zumeist um die Wende zum 20. Jahrhundert. In Frankensteins Fluch trafen Peter Cushing – als Baron Frankenstein – und Christopher Lee – als Monster – erstmals in einem Horrorfilm aufeinander. Frankensteins Fluch kommt zwar, trotz diverser abgetrennter Gliedmaßen, in seiner Inszenierung noch recht zahm daher, gab aber schon die Marschroute vor, die die Hammer-Horror-Filme nehmen sollten: Cushings Frankenstein schreckt auch vor dem einen oder anderen Mord nicht zurück, und das Monster wird mit einem gezielten Schuss ins Auge zur Strecke gebracht. All das zwar noch im recht blassen Eastmancolor, aber immerhin in Farbe! Diese ließ auch die eher kompakten, aber nichtsdestotrotz sehr atmosphärischen Kulissen glänzen, in denen sich die frühen Hammer-Filme fast ausschließlich abspielten. Erst später wurde auch die englische Landschaft finster-dräuend in Szene gesetzt. Kompakt ist auch das richtige Wort für die Drehbücher von Jimmy Sangster und die Regie von Terence Fisher, die sich beide ganz auf das Wesentliche konzentrierten.

Mit der Mumie aus Die Rache der Pharaonen war das Trio klassischer Unholde schließlich komplett. Auch hier standen sich erneut Peter Cushing und Christopher Lee gegenüber. Im abermals äußerst gradlinigen Film verkörpert Lee den Hohepriester Kharis nicht nur als Mumie, sondern in einer ausführlichen, knallbunten Sequenz im alten Ägypten auch zu besseren Zeiten. Gemeinsam sollten Cushing und Lee für Hammer in der Folgezeit aber nicht mehr so häufig vor der Kamera stehen.

Wie in den Jahrzehnten zuvor zog der Erfolg der Filme auch diesmal eine Schar von Fortsetzungen nach sich. Die weiteren Mumien-Abenteuer hatten dabei aber keinen inhaltlichen Zusammenhang untereinander oder mit dem Erstling und fanden auch gänzlich ohne die beiden Original-Stars statt. Stets waren es andere bandagierte Ägypter, die in ihnen durch die Gegend schlurften und Ungläubige ins Totenreich verfrachteten, im letzten Film kam gleich gar keine Mumie mehr vor. Mehr Pflichtbewusstsein hatte da schon Baron Frankenstein: Ruhelos führte Peter Cushing als amoralischer Doktor ein zweifelhaftes Experiment nach dem anderen durch und erschuf Monster um Monster. Christopher Lee erstand derweil ein ums andere mal als Dracula wieder auf, die letzten beiden Wiedergeburten fanden sogar in den 1970er-Jahren statt, wo er es abermals mit Peter Cushing als Nachfahre seines alten Lieblingsfeindes Van Helsing zu tun bekam.

Lediglich der Wolfsmensch führte ähnlich wie über ein Jahrzehnt zuvor bei Universal abermals ein Schattendasein als ungeliebtes Stiefmonster und durfte einzig in Der Fluch von Siniestro sein zotteliges Unwesen treiben. Der auch ganz ohne Fell-Makeup schon äußerst animalische Oliver Reed spielte hier seine erste Hauptrolle und verkörperte grandios die Tragik und Brutalität der Hauptfigur. Ungewöhnlicherweise spielte der Film auch nicht in England, sondern Reed riss seine Opfer in Spanien (gedreht wurde natürlich trotzdem auf der Insel).

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