Mein Herz für Klassiker

Ich, Opera und italienisches Terrorkino

Terror in der Oper.
© Blue Underground/moviepilot
Terror in der Oper.

Dario Argento zählt zu den Ikonen des italienischen Genre-Kinos. Gemeinsam mit illusteren Kollegen wie Mario Bava (Blutige Seide) und Sergio Martino (Der Killer von Wien) gelang es dem Regisseur bereits früh in seiner Karriere, eine neue filmische Spielart in Italien aus der Taufe zu heben: den Giallo. Neben den Beiträgen zu diesem Genre sorgte der gebürtige Römer hauptsächlich mit seiner Three Mothers-Trilogie für internationales Aufsehen unter Anhängern des fantastischen Films. Obwohl Dario Argento seiner Profession gegenwärtig immer noch aktiv nachgeht, liegen die Goldenen Jahre bedauerlicherweise schon einige Dekaden zurück. Insbesondere die Werke zwischen 1975 und 1987 bezeugen Argentos virtuoses Talent, Urängste visuell zu manifestieren. Zu jener Zeit entstanden Meisterwerke wie Suspiria, Profondo Rosso – Die Farbe des Todes, Tenebrae und Terror in der Oper alias Opera. Letzterer erhält diese Woche mein Herz für Klassiker.

Infolge eines schweren Unfalls fällt der jungen Betty (Cristina Marsillach) die Hauptrolle in einer bedeutenden Macbeth-Inszenierung zu. Zwar fühlt sich die unerfahrene Sängerin nicht reif für eine derartige Verantwortung, ergreift aber nach kurzem Zaudern nichtsdestotrotz die einmalige Gelegenheit. Diese Entscheidung bereut das frisch gebackene Starlet schnell, denn fortan hat es ein gnadenloser Psychopath auf sie abgesehen. Als besonders perfide stellt sich hierbei heraus, dass es dem Unbekannten nicht um Bettys Ableben geht. Vielmehr zwingt der Sadist sein Objekt der Begierde wiederholt, den grausigen Morden an geliebten Kollegen beizuwohnen. Für Betty beginnt ein Alptraum, aus dem sie nur der Opern-Regisseur Marco (Ian Charleson) befreien kann.

Dario Argento präsentiert uns mit Opera einen reinrassigen Vertreter des Giallos. Dieses Genre – für viele Anhänger eher eine filmische Strömung ähnlich dem Film noir – geht auf eine Reihe billig produzierter Kriminalromane aus dem italienischen Mondadori Verlag zurück. Namensgebendes Alleinstellungsmerkmal dieser Ausgaben war seit den 20er Jahren der gelbe (ital. giallo) Einband. Über die Zeit avancierte diese farbliche Eigenheit zum Synonym italienischer Film-Produktionen, die einen bestimmten Kanon an Krimi-, Thriller- und Horrorelementen bedienten. Zu den auffälligsten Attributen jener filmischen Spielart zählen unter anderem ein stets maskierter, identitätsloser Killer, welcher oftmals kaum mehr als seine schwarzen Handschuhe offenbart, eine Vielzahl phallischer Mordinstrumente sowie ausgeklügelte Bild- und Tonkompositionen.

Warum ich Opera mein Herz schenke
Opera garantiert gleichermaßen perfides wie intelligentes Genrekino. Die italienische Produktion greift zahlreiche Motive aus Gaston Leroux’ Das Phantom der Oper auf und verwandelt die ohnehin abgründige Prämisse des Romans in intensives wie surreales Terrorkino. Im Zuge dessen spielt Dario Argento gekonnt mit etablierten Genrekonventionen. Obwohl die junge Betty eindeutig das Objekt der Begierde darstellt, legt es der psychopathische Killer keineswegs auf ihr Ableben an. Vielmehr entwickelt das Werk hier ein vielschichtiges Spiel um unterdrückte Sexualität, Voyeurismus und Dominanz. Ein ums andere Mal fesselt der maskierte Unbekannte Betty und fixiert ihr mit Nadeln besetzte Klebestreifen unter den Augen. Der Killer zwingt sie mit geöffneten Lidern seinen barbarischen Taten beizuwohnen. In audiovisuell erschütternden Inszenierungen versetzt er Betty – und gleichsam uns Zuschauer – in einen zermürbenden Zwiespalt aus konstanter Anspannung und lähmender Ohnmacht. Insbesondere die Point-of-View -Einstellungen aus Bettys Sicht gehören zu den visuell bösartigsten Einfällen des Genres.

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