Radikal und schön

Im Reich der Sinne-Regisseur Nagisa Oshima ist tot

Im Reich der Sinne
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Im Reich der Sinne

In seiner langen Karriere beschäftigte sich der Regisseur Nagisa Ôshima eingehend mit den Schattenseiten der japanischen Gesellschaft. Gewalt, Unterdrückung und Fremdenhass ziehen sich als Motive durch seine Filmografie. Doch am berühmtesten dürfte Oshima hierzulande noch immer für die sexuell expliziten Szenen in seinem Meisterwerk Im Reich der Sinne sein. Anlässlich der Berlinale 1976 wurde der Film unter dem Vorwurf der Pornografie beschlagnahmt und erst mehrere Jahre später ungekürzt in Deutschland verfügbar. Wie der guardian berichtet, ist Nagisa Oshima im Alter von 80 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung verstorben.

Nach seinem Studium in Kyoto arbeitete Nagisa Oshima zunächst als Filmkritiker und heuerte bei den Shochiku Studios als Regieassistent an. Dort gab er 1959 mit dem 60-Minüter Eine Stadt der Liebe und Hoffnung sein Debüt als Spielfilmregisseur. Schon hier beschäftigte sich Oshima für die damalige Zeit unverblümt mit Armut in der japanischen Klassengesellschaft. Offen kritisierte er die Überbleibsel des vormodernen, feudalen Japan, die bis ins 20. Jahrhundert hinein für Ungleichheit sorgen. (Senses of Cinema) Während seiner Studien hatte sich der am 31. März 1931 geborene Oshima in der linken Bewegung engagiert, mit der er sich intensiv auseinandersetzen sollte. Soziale Missstände blieben eines der wichtigsten Themen seiner 40 Jahre umfassenden Filmografie. Oshima gehörte dabei zu einer ganzen Reihe junger Regisseure, die von den Studios als japanische Neue Welle vermarktet wurden, darunter Shôhei Imamura (Das Insektenweib) und Hiroshi Teshigahara (Die Frau in den Dünen). Für Aufsehen sorgte deswegen Oshimas Film Nackte Jugend über jugendliche Außenseiter, der stilistisch stark unter dem Einfluss der französischen Nouvelle Vague steht.

Kontroversen sollten das Leitmotiv der öffentlichen Wahrnehmung von Nagisa Oshimas Werken bleiben. In Nacht und Nebel in Japan aus dem Jahr 1960 wird die japanische Studentenbewegung mit Hilfe einer radikalen Bildsprache unter die Lupe genommen. Differenzen mit Shochiku über den Film zwangen Oshima dazu, seine eigene Produktionsfirma zu gründen. Auch danach zeigte sich Oshima experimentierfreudig, etwa im vom Brecht’schen Theater inspirierten Tod durch Erhängen, der die Ausgrenzung ethnischer Koreaner in der japanischen Gesellschaft behandelt und eine gescheiterte Exekution dafür als Ausgangspunkt nimmt. Der an die Werke von Jean Genet erinnernde Tagebuch eines Diebes aus Shinjuku von 1969 kombiniert halbdokumentarische Aufnahmen mit einer surrealistischen Farbenpracht, um sich den sexuellen Begierden seiner beiden Hauptfiguren zu nähern.

Ebenso sperrig wie visuell berauschend fiel Im Reich der Sinne von 1976 aus, in dem Nagisa Oshima zwei Liebhaber an die körperlichen Grenzen ihrer Lusterfahrung treibt. Internationale Anerkennung erhielt Oshima danach unter anderem für die japanisch-britische Koproduktion Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence mit David Bowie in der Hauptrolle. Mit trockenen politischen Manifesten hatten Oshimas Werke wenig zu tun. Vielmehr zeigt sich in ihrem Mut zum Einsatz avantgardistischer Techniken sowie ihren Themen eine ständige Hinterfragung von Strukturen und Ideologien, die das (japanische) Leben durchziehen. Bezeichnenderweise bedeutet der Titel seines letzten Films Gohatto (1999) soviel wie ‘Tabu’.

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