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Die Demontierung eines Kinohelden

Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels - Eine Abrechnung

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Mit Jäger des verlorenen Schatzes (1981), Indiana Jones und der Tempel des Todes (1984) und Indiana Jones und der letzte Kreuzzug (1989) schrieben Regisseur Steven Spielberg und Produzent George Lucas Filmgeschichte. Sie zollten damit den Cliffhanger-Serien Tribut, die sie selber begeistert als Kinder im Kino verfolgten, und der von Harrison Ford verkörperte Archäologe und College-Professor Indiana Jones, der mit Fedora und Peitsche bewaffnet im tiefsten Dschungel sagenumwobenen Artefakten nachjagt, nicht selten dabei tödlichsten Gefahren ins Auge sehen muss und dabei die schönsten Frauen abbekommt, wurde der Archetyp des verwegenen Abenteurers, der wohl jeder Mann gerne sein würde. Versehen mit der bekannten Fanfare von Spielbergs Stammkomponisten John Williams, bei der man am liebsten in den Fernseher springen möchte um Indys Abenteuer hautnah miterleben zu können, ist die Abenteuer-Trilogie (und ja, ich schreibe BEWUSST weiterhin von einer Trilogie) heute pure Filmmagie, der man den Eifer und das hineingesteckte Herzblut der Macher mehr als ansieht.

NodiNeu und die erste Enttäuschung

Wie man dem einleitenden Absatz vielleicht entnehmen kann, bin ich ein riesiger Fan der drei Filme. Dabei war mein erster Eindruck des Abenteurers alles andere als positiv, als Indy in Der Tempel des Todes vor einer Schlange kuscht. Das soll also der verwegene, furchtlose Abenteurer sein? Gut, ich war damals noch im Kindesalter, aber eine Enttäuschung war das schon für mich. Doch danach folgten Jäger und schließlich Der letzte Kreuzzug und meine bis heute anhaltende Begeisterung für die Reihe war geweckt.

Doch nach Der letzte Kreuzzug, der mit seiner letzten Einstellung des in den Sonnenuntergang reitenen Gespanns aus Indy, seinem Vater (Sean Connery), Marcus Brody (Denholm Elliott) und Sallah (John Rhys-Davies) eigentlich den perfekten Abschluss bot, kam außer einer doch eher schwachbrüstigen TV-Serie (Die Abenteuer des jungen Indiana Jones) mit einem deplatzierten Sean Patrick Flanery in der Titelrolle so gut wie nichts mehr. Die Romane und fast durchweg schrecklichen Videospielumsetzungen (außer natürlich "Indiana Jones and the Fate of Atlantis") vermochten nicht das Gefühl eines "richtigen" Filmes vermitteln. Dabei kamen aus Hollywood regelmäßig Durchhalteparolen, dass Interesse an einem vierten Film besteht, sich Macher und Hauptdarsteller aber erst bezüglich der Geschichte einig sein wollen bevor es losgehen kann.

So zogen schließlich fast zwei Dekaden ins Weltgeschehen, bis es schließlich hieß: ein vierter Film wird kommen und die Dreharbeiten starten in absehbarer Zeit! Was war ich glücklich, endlich einen neuen Indiana Jones-Film zu bekommen und den sogar im Kino bewundern zu dürfen. Die Tatsache, dass Harrison Ford zu dem Zeitpunkt schon stolze 65 Jahre auf dem Buckel hatte und die aufkommende Frage, ob er für diese doch sehr physische Rolle überhaupt noch agil genug ist, ließen mich relativ kalt. Muss er ja, sonst würden sie es doch bleiben lassen - jedenfalls mit Ford! Angefixt von Spielbergs Worten, den Film so altmodisch wie möglich gestalten zu wollen und dabei weitgehend auf CGI zu verzichten, freute ich mich auf den Kinostart. Doch es sollte eine riesige Enttäuschung werden ...

Die Einleitung

Jeder Indiana Jones-Film startet mit einer Einleitung, die mit dem Rest der Geschichte nichts zu tun hat. In Jäger ist es der fallengespickte Hovitotempel mit seiner goldenen Götzenfigur, in Der Tempel des Todes sind es die Überreste von Nurhaci und in Der letzte Kreuzzug ist es das Kreuz von Coronado, das der noch junge Pfadfinder Indiana Jones (River Phoenix) Schatzsuchern abluchst und dabei zu seiner Narbe am Kinn und dem Fedora kommt.

Dabei schuf die Reihe ihre eigene Tradition, vom Paramount-Logo auf einen real existierenden Berg umzuschwenken (jedenfalls in Teil 1 und 3). Clever und kreativ. Anders beim Kristallschädel: der Paramount-Berg mutiert zu einem CGI-Erdhügel, aus dessen CGI-Erde sich ein CGI-Erdmännchen wühlt und verdutzt in die Kamera schaut. Diese allererste Einstellung kann bereits sinnbildlich für den gesamten Film stehen, dessen letztes Drittel vor allem im Grunde so gut wie nur noch aus digitalen Sequenzen besteht.

Auch der vierte Film hat sowas ähnliches wie eine Einleitung, doch wird der Zuschauer hier bereits voll ins Geschehen geworfen, so als ob Spielberg und Lucas kaum Zeit hätten, oder es kaum erwarten können, ihre verworrene Geschichte unter Dach und Fach zu bringen. Indy wird im Amerika des Jahres 1957 aus dem Kofferraum gezerrt (ein unwürdigeres Wiedersehen mit meinem Helden nach all den Jahren hätte es kaum geben können), die Antagonistin Irina Spalko (Cate Blanchett), der obligatorische, im Laufe der Geschichte noch zu bezwingende Muskelberg Dovchenko (Igor Jijikine) nebst lauter Knallchargen-Handlanger geben sich bereits die Ehre, eine magnetische Kiste mit merkwürdigen physikalischen Gesetzen und inklusive Alien (oder in dem Fall "interdimensionales Wesen") wird geborgen, Indys (anscheinend) langjähriger Weggefährte Mac (Ray Winstone) entpuppt sich als Verräter der Russen und nach einer Verfolgungsjagd durch die Halle inklusive kurioserweise explodierenden Kisten, obwohl Indy nur mit einem Wagen dagegenfährt, einem unnötigen Bundesladen-Cameo, für die Zeit untypischen digitalen Anzeigen, noch zwei kurzen Erdmännchen-Auftritten und einem Ritt auf einem Raketenstuhl und in einem Kühlschrank darf Indy noch einen nuklearen Test miterleben.

Spätestens hier hat mich bereits eine Frage beschäftigt: wollen Spielberg und Lucas hier lockere Familienunterhaltung erzielen oder einen Indy-Film erzählen, der von den Fans ernst genommen werden will? Die hier bereits dargebotene Action und auch die im weiteren Verlauf des Films hat etwas von einem Sonntagvormittags-Cartoon ohne physikalischen Gesetzen oder gar Toten. Klar, auch hier gibt es Verluste, aber auf solch überzeichnete Art und Weise, dass es nur als Parodie taugt. Zum Vergleich möchte ich die Verfolgungsjagd in Jäger heranziehen, in der Indy nur mit Pferd der Bundeslade hinterherjagt, die soeben von den Nazis abtransportiert wird. Hier ist die Action dreckig, rau, erdig und alles andere als zimperlich. Indy wird angeschossen, durch eine Windschutzscheibe geworfen, hinter einem LKW hinterhergezogen und zieht dabei nicht weniger zimperlich reihenweise Nazis aus dem Verkehr. Alles echt mit mutigen Stuntmännern und ohne Effekthascherei. Doch schon die Einleitung beim Kristallschädel ist bereits so vollgestopft mit CGI-Effekten, dass Spielbergs anfängliche Aussagen bzw. Versprechungen ad absurdum gedreht werden. Hier ist nichts echt. Es sieht künstlich aus und schwach erzählt ist es obendrein. Dazu werden Menschen im Off erschossen - man will ja schließlich familienfreundlich bleiben! Jedenfalls ist Spielbergs Unlust auf diesen Film bereits in diesen ersten Minuten mehr als spürbar.

Die Geschichte

Der Umstand, dass so viele Jahre ins Land zogen, nur weil sich die Macher wegen der Geschichte nicht einig werden konnten und dann ausgerechnet eine für gut befanden, die von vorne bis hinten überhaupt keinen Sinn ergibt, erschließt sich mir nicht. Als "Hauptschuldigen" in dem Fall kann ich nur George Lucas erklären, der unbedingt seine kuriosen interdimensionalen Wesen unterbringen wollte und Spielberg wohl so lange damit zulöcherte bis dieser zähneknirschend zustimmte. Schon 1993 soll Lucas von solch einem Murks geträumt und eine Geschichte namens "Indiana Jones and the Saucer Men from Mars" erdacht haben, in der Indy allen Ernstes ein Alien als Sidekick zur Seite gestellt worden wäre. Autsch! Spielberg war dafür zum Glück nicht zu begeistern. Ich bin mir aber fast sicher, dass Elemente aus dieser Geschichte in die des Kristallschädels geflossen sind. Dabei hatte Drehbuchautor Jeff Nathanson einen Entwurf eingereicht, der zuerst großen Anklang fand und keine Aliens beinhaltete. Doch Lucas war damit nicht einverstanden und es wurde kurzerhand David Koepp engagiert, der das Drehbuch grundlegend überarbeitete. Das Ergebnis ist eine völlig verwurmte Geschichte, die nur die Fragen zulässt, warum so ein Murks 19 Jahre brauchte und alle auf Onkel George hören müssen, anstatt ihm zu sagen dass seine Einfälle nicht zu gebrauchen sind. Dabei hätte die Prämisse "Indiana Jones gegen Klischee-Russen im Kalten Krieg" bestimmt die eine oder andere spannende (und vor allem bessere) Geschichte hergegeben.

Die (un)wichtigsten Charaktere

War/Ist Harrison Ford zu alt für diese Rolle? Ganz klares Nein. Trotzdem ist sein Indy älter geworden und hat in der Zwischenzeit im Zweiten Weltkrieg gedient (was ebenfalls spannendere Geschichten ergeben hätte). Ford spielt seine Paraderolle aber immer noch glaubhaft und mit spürbarer Lust. Doch bekommt er hier viel zu wenig zu tun. Nicht einmal seine Pistole darf er benutzen.

Cate Blanchetts nur mit einem Degen bewaffnete Irina Spalko inklusive Prinz Eisenherz-Frisur ist ein einziges wandelndes Klischee und alles andere als ernstzunehmen. Im Gegensatz zu gefährlichen und angsteinflößenden Antagonisten wie Arnold Toht (Ronald Lacey) oder Mola Ram (Amrish Puri) ist sie eine kaum bedrohliche Witzfigur, die ohne zunächst erkennbaren Grund dem Kristallschädel hinterherjagt und dabei einen russischen Akzent benutzt, den man höchstens überzeichnet nennen darf.

Mac ist das größte Ärgernis dieser Geschichte und seine ständige Seitenwechselei brachte mich an den Rand des Erträglichen. Erst ist er der Verräter, dann plötzlich CIA-Doppelagent, nur zum Schluss wieder die Waffe gegen Indy zu richten (Indy: "Was bist du? Ein Dreifachagent?!"). Peinliche Szene. Da frage ich mich: warum ließ er sich anfangs auch in den Kofferraum sperren wenn er doch so ein Kumpel der Russen ist und wenn er CIA-Agent ist, warum hat er anfangs Indy nicht geholfen sondern sich nur noch weiter in die Schose geritten? Dieser Charakter ergibt von vorne bis hinten überhaupt keinen Sinn oder hat gar eine Daseinsberechtigung. Die Geschichte wäre auch ohne Mac ausgekommen. Er ist ein einziger Störfaktor, der schon im ersten Drittel in die ewigen Jagdgründe hätte befördert werden können und niemand hätte ihn vermisst.

Der junge Draufgänger Mutt Williams (Shia LaBeouf) ist neben Mac und der Rückkehrerin Marion Ravenwood (Karen Allen) ebenfalls einer der Charaktere, die die Geschichte nicht gebraucht hätte. Mutt ist nur dazu da, Indy ins Abenteuer zu schicken, dem lange im Verborgenen bleibenden Ox (hoffnungslos verschenkt: John Hurt) hinterherzuheulen und später Indys Sohn zu sein. Mehr trägt die Figur zur Geschichte nicht bei. Ach doch, er darf bei seinem ersten Auftritt wie einst Marlon Brando in Der Wilde mit Motorrad und schiefer Mütze ins Bild fahren und sich später ein furchtbar künstliches Fechtduell auf fahrenden Geländewagen, die durch einen CGI-Dschungel brettern, mit Blanchett liefern, während Indy hier zur Teilnahmslosigkeit verdammt ist. Von seiner peinlichen Tarzan-Einlage, umrahmt von kreischenden CGI-Affen, will ich gar nicht erst reden.

Indyyyyyyyyyyyyyy!!!

Ja, Marion Ravenwood aus Jäger kehrt zurück und ich frage mich warum. Klar, irgendwie muss der Umstand erklärt werden, warum Indy unbedingt der Vater von Mutt sein muss. Die drei Vorgänger hatten unterschiedliche Frauentypen zu bieten: von schlagfertig (Marion) über nervig (Willie Scott, gespielt von der späteren Spielberg-Ehefrau Kate Capshaw) bis hin zu sexy und durchtrieben (Dr. Elsa Schneider, Alison Doody) und ausgerechnet Marion zurückkehren zu lassen, lässt nur den Schluss zu, dass Spielberg unbedingt seinem (vermutlich) liebsten Indy-Film Tribut zollen und eine Brücke zu diesem schlagen wollte. Doch auch Marion ist für die Geschichte alles andere als relevant. Sie taucht urplötzlich auf, darf die Arme so wie in Jäger verschränken und Indy sein Dasein als Vater offenbaren. Mehr nicht! Den Rest der Geschichte ist und bleibt sie nervendes Anhängsel ohne Funktion. Zum Schluss darf Indy mit ihr auch noch vor den Hochzeitsaltar treten und ich rollte mit den Augen. Nein, eine verkitschte Hochzeit passt nicht zu solch einer ikonischen Figur. Diese Szene war der letzte Nagel zum Sarg dieses Films, den ich bis heute nicht dazuzähle. Der Sarg war somit dicht.

E.T. und der Epilog

Irina Spalko will das gesamte Wissen der Welt, das ihr schließlich zum Verhängnis wird, aus 13 Kristallskeletten transformiert sich ein Klischee-Alien, Eingeborene schälen sich aus Wänden eines Tempels, wo man sich fragt, ob denen in all der Zeit nicht mal ein bißchen langweilig wurde, Mac stirbt endlich, Ox brabbelt plötzlich nicht mehr und eine Klischee-Untertasse erhebt sich, während sich alle happy in die Arme fallen, Indy zufrieden grinsend ein Fazit ziehen darf, bevor dann zur Hochzeit umgeschwenkt wird, wo alle noch ein wenig weitergrinsen dürfen und angedeutet wird, dass Mutt Indy nicht beerben wird, sondern weiterhin wie Brando Motorrad fahren und sein Haar kämmen darf. Und ich sitze da mit offenem Mund und frage mich, wie man einen Film nach einer so langen Vorbereitungszeit derart vergeigen kann.

Nichts, aber auch wirklich nichts, was ich an den drei Vorgängerfilmen so liebe, findet sich im Kristallschädel wieder. Die künstliche Optik, die fehlende erdige Action, die unsagbar nervigen Charaktere, das überbordene CGI, überhaupt die ganze unsägliche Geschichte tragen dazu bei, dass ich Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels rein gar nichts abgewinnen kann. Der Film ist harmlos, völlig frei von Überraschungen oder gar Wow-Momenten. Man merkt förmlich, dass die Macher auch älter und mutloser, man kann schon fast sagen selbstgefälliger und vor allem faul geworden sind. Ich erinnere nur an die halsbrecherische Lorenfahrt im Tempel des Todes oder den Panzerkampf im Letzten Kreuzzug - solche Passagen fehlen hier völlig. Zu jenen Zeiten, den unkomplizierten 1980ern, verspürten die damals jungen und unverbrauchten Filmemacher noch unbändigen Tatendrang und unerschöpfliche Kreativität, mit dem Mut auch mal eine etwas härtere Gangart einzulegen - davon ist heute scheinbar nicht mehr viel übrig geblieben. Klar, sie müssen niemandem mehr etwas beweisen, dafür haben sie schließlich sehr lange sehr gute bis gute Arbeit abgeliefert, aber wenn schon unbedingt ein solcher Film angegangen werden muss, dann doch bitte mit dem nötigen Eifer und ohne falsche Versprechungen. Spielberg hatte schlicht keine Lust, für einen Indy-Film wieder quer durch die Welt zu reisen, sondern blieb in heimatlichen Gefilden. Das sieht man dem Machwerk auch an: von exotischen Locations kann hier keine Rede sein, und wenn kam ILM zum Zug oder es ist schlicht Kulisse. Der Kristallschädel ist kein aufregender Rollercoaster-Ride wie seine drei ikonischen Vorgänger, sondern nur eine gemächliche Kaffeefahrt zwischen Senioren, versetzt mit viel CGI und Erdmännchen im Kofferraum. Und ob Spielberg das Ruder mit Indiana Jones 5 noch einmal rumreißen kann (und will), wage ich erst einmal zu bezweifeln. Hauptsache, Onkel George darf sich diesmal hoffentlich mit seinen Einfällen zurückhalten.

Dass Potenzial im Franchise vorhanden ist, zeigte Patrick Schoenmaker mit seinem Zeichentrick-Short The Adventures of Indiana Jones, der bei YouTube abrufbar ist und der in seinen paar Minuten mehr Geist der alten Filme atmet als der Kristallschädel in seiner gesamten Laufzeit - nur eben in gezeichneter Form. Ein Blick lohnt sich!


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