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Interview mit Produzent Andro Steinborn über Die Gräfin

Cribber (Crib Ber), Veröffentlicht am 25.06.2009, 11:00

Andro Steinborn, Produzent beim X Verleih, im Gespräch über Julie Delpys neues Kostüm-Gruseldrama Die Gräfin.

© X Verleih

Andro Steinborn, der Produzent von Julie Delpy s Die Gräfin, spricht über den Produktionsprozess des Films.

Wer hatte die Idee, das Leben der Erzebet Bathory zu erzählen?

Julie Delpy. Eigentlich sollte es sogar ihr Debütfilm als Regisseurin werden. Aber so ein Stoff ist als Erstlingswerk natürlich schwer zu bewerkstelligen. Das Skript hatte sie schon lange vor 2 Tage Paris geschrieben, das Thema liegt ihr sehr am Herzen. Daniel Brühl war es, der mir davon erzählte, ich forderte das Drehbuch an – und war auf Anhieb begeistert. Ich fand es erstaunlich, dass eine moderne Großstadtfrau wie Julie Delpy, voller Esprit und Witz, sich mit einem solchen Thema befasst und alles selbst in die Hand nehmen wollte, sprich: schreiben, inszenieren, spielen. Ich wusste sofort: Das müssen wir machen! Mir selbst war die Bathory nicht ganz unbekannt, weil es in meinem Leben eine Phase gab, in der ich trashige Horrorfilme guckte. Von den Londoner Hammer Studios gibt es zum Beispiel Comtesse des Grauens über die Bathory, den fand ich damals ganz toll. Oder Unmoralische Geschichten von Walerian Borowczyk, darin spielte Paloma Picasso die Bathory. Den habe ich leider nirgendwo mehr auftreiben können.

Ist X Filme sofort als alleiniger Produzent in das Projekt eingestiegen?

Nach mehreren Versuchen, in anderen Ländern Gelder aufzutreiben, schlugen wir Julie Delpy recht schnell vor, die ganze Sache vollständig hier zu finanzieren und auch in Deutschland zu drehen. Ich hatte mir sagen lassen, was für eine unglaubliche Schlösserlandschaft wir in Deutschland, vor allem in Sachsen und Thüringen besitzen. Schlösser, die viel besser erhalten und leichter zu erreichen sind als irgendwo in der Slowakei oder Siebenbürgen. Ich kaufte mir ein Buch, „Schlösser und Burgen in Sachsen“, zeigte es Julie Delpy, und sie meinte nur: Wow, die sind ja viel schöner als die, die ich mir schon angesehen habe!

Sie sagen, das Drehbuch existierte bereits. Wie stark wurde es bis zum Drehbeginn verändert?

Es faszinierte mich, dass bei diesem Film alles – Buch, Regie, Hauptrolle – in einer Hand lag. Deshalb hatten wir nicht das geringste Interesse, gegen Julie Delpy zu arbeiten. Was nicht heißt, dass wir nicht gemeinsam am Buch gefeilt hätten. Manches musste zum Beispiel auf die Produktionserfordernisse hin geändert, etliche Szenen dem neuen Setting angepasst werden. Und wir haben natürlich viel an historischen Details gearbeitet, sprich: Wie authentisch kann das alles sein, wie modern erzählen wir es
im Dialog? Es gab viele Anpassungen, aber immer im Sinn der ursprünglichen Idee, die sich aber naturgemäß auch wandelte. Wir haben im Vorfeld Báthory-Literatur gewälzt, gerade über den Prozess gegen die Bathory kann man viel nachlesen, da gibt es Protokolle, Zeugenaussagen, Briefe.

Wie sehen Sie die Bathory persönlich – ist sie Opfer oder Täter?

Faszinierend an so einem Stoff ist ja die Frage: Wie entstehen derartige Legenden und Mythen? Die Bathory als historische Figur zu rechtfertigen, interessierte mich weniger. Reizvoll ist doch, dass sie dermaßen ins Extreme geht, dass man nicht genau wissen kann, was ist verbürgt, was ist erfunden? Über die Jahrhunderte wurde sicher viel verzerrt. Andererseits glaube ich schon, dass ihre Geschichte einen Kern Wahrheit enthält. Ich denke, die Widersprüche dieser Figur und ihrer Vita bleiben im Film für den Betrachter erhalten und fördern vielleicht sogar eigene Gedanken.

Es fließt Blut in Ihrem Film…

Wir wussten, dass wir uns der Gewalt würden stellen müssen. Schließlich spielt der Film in einer Zeit, in der Gewalt alltäglich war und ein Menschenleben nicht viel bedeutete. Die Gewalt-Frage haben wir offen diskutiert. Ich war aber nie in Sorge, dass DIE GRÄFIN ein Hardcore-Splatterfilm werden könnte. Schließlich war mit Julie Delpy eine echte Künstlerin für alle kreativen Entscheidungen verantwortlich, eine, die modern, intellektuell, eher feministisch geprägt ist. Ich wusste, dass sie die Gewalt ästhetisch
zeigen würde, indem sie sie überhöht und distanziert schildert, wenn auch mit einer gewissen Härte. Obwohl also keineswegs alles weichgespült wurde, ist der Film trotzdem nicht für ein ausgesprochenes Horror-Publikum gemacht. Gerade bei den Special- und Visual-Effects haben wir uns immer wieder gefragt: Wie weit treiben wir das Spiel? Hängen wir noch ein Mädchen oben in die Todesmaschine rein, wieviel Blut soll fließen? Letztlich kamen wir überein, keine allzu krassen Bilder zu zeigen, weil diese definitiv in einen anderen Film gehören. Andererseits haben wir bei den Testvorführungen festgestellt, dass Die Gräfin Schreckensmomente enthält, bei denen sich gerade das weibliche Publikum die Augen zuhält. Und minutenlang nicht hinguckt.

Reden wir über die Besetzung: Wie wichtig ist es, dass Hollywoodstars in einem europäischen Projekt mitspielen?

Bei einem Film dieser Budget-Größe ist es absolut notwendig. So ein Film kann nicht nur in einem Markt bestehen, der muss weltweit laufen. Und dafür ist es unumgänglich, dass man Stars hat. So schwierig es war, William Hurt zu bekommen, so wichtig war es uns unter Vermarktungs-Aspekten. Ganz abgesehen davon, dass seine Präsenz den Film unglaublich bereichert, denn er verkörpert dieses Macchiavellistische extrem gut. Wir überlegten im Vorfeld auch, ob man für die Darvulia ebenfalls einen amerikanischen Star braucht. Entschieden uns aber dagegen, weil es bei einem Arthouse-Film mit Potential zum Crossover besser ist, glaubwürdige Schauspieler zu präsentieren, als nur große Namen
einzufliegen, die vier Tage drehen und dann wieder verschwinden. Hollywoodstars sind ja per se nicht ganz einfach, insbesondere der ganze Apparat um sie herum. Da muss man erhebliche Rücksichten nehmen. Und man hofft bis zuletzt, dass wirklich jemand aus dem Flugzeug steigt. Finanziell ist ein Star wie William Hurt aber nicht zwangsläufig der größte Einzelposten. Bei diesem Projekt wurden alle Schauspieler relativ einheitlich bezahlt.

Die Gräfin ist eigentlich ein typischer Euro-Pudding: Eine Französin dreht in Deutschland mit internationalen Schauspielern einen englischsprachigen Film über ein ungarisches Thema. Trotzdem wirkt hier alles harmonisch, wie aus einem Guss…

Es gab drei Gründe, weshalb ich mir überhaupt keine Sorgen machte, dass Die Gräfin ein
ungenießbarer Euro-Pudding werden könnte. Erstens: Die Verantwortung für Buch, Regie und
Hauptrolle lag bei einer Person. Zweitens: Julie Delpy ist eine ausgesprochene Kosmopolitin und damit „übernational“. Sie ist Französin, dreht auf der ganzen Welt, lebt seit 17 Jahren in Los Angeles und gehört weder hier noch dort so richtig hin. Und drittens: Unsere Geschichte, die vor über 400 Jahren beginnt, spielt in einem Land, das in seinen früheren Grenzen heute nicht mehr existiert. Es ist etwas anderes, wenn man einen Film zusammenschustert, weil man aus 15 Ländern Geld braucht – und dann in Luxemburg drehen muss, die Postproduktion aber in Belgien macht und am Set niemand die gleiche Sprache spricht. Uns ging es darum, den Film komplett hier zu finanzieren und zu produzieren, und dann mit den Leuten zu arbeiten, die wir unbedingt haben wollten.

Pierre-Yves Gayraud haben wir engagiert, weil er der beste Kostümdesigner ist und wir die Sachen, die er für Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders machte,
sehr gut fanden. Ich habe dann auch noch einen belgischen Tontechniker mit reingenommen, weil ich wollte, dass Julie Delpy Leute an der Seite hat, mit denen sie sich in ihrer Muttersprache unterhalten kann.

Wie lange dauerten die Dreharbeiten, und was hat der Film gekostet?

Der Dreh dauerte insgesamt 45 Tage, das kann man als Standardmaß bezeichnen. Und das Budget beläuft sich auf acht bis neun Millionen Dollar, umgerechnet ca. sechs Millionen Euro. Im Vergleich ist das verschwindend wenig, denn soviel kostet heute schon ein zeitgenössischer deutscher Film mit ähnlicher Besetzung. Natürlich hat man als Produzent nie genug Geld zur Verfügung. Unser geflügeltes Wort war am Set deshalb: Art is limitations (lacht). Und manche Dinge sind wohl wirklich gerade deshalb so unglaublich gut geglückt, weil wir sie zuspitzen, auf den Punkt genau drehen mussten. Sollte ich mal einen Film produzieren, bei dem ich aus dem Vollen schöpfen kann, werde ich überprüfen, ob dieses Gleichnis, dass man nur mit geringen Mitteln Kunst erschaffen kann, wirklich stimmt.

Was für eine Regisseurin ist Julie Delpy?

Sie ist eine intuitive Filmemacherin, entscheidet viel aus dem Bauch heraus. Sie ist durch und durch dem europäischen Kino verschrieben, aber gleichzeitig hat sie die Arbeitsweise des US-Kinos verinnerlicht. Auch am Set fand ein kreativer Prozess statt, da wurde das Drehbuch nicht nur buchstabengetreu abgefilmt. Es herrschte ein permanenter Dialog mit den Schauspielern, manche Szenen wurden komplett umgeschmissen, um auf die tatsächlichen Gegebenheiten einzugehen – und das alles mit durchweg positivem Ergebnis. Von daher war es eine aufregende Zusammenarbeit. Ich denke, Schreiben und Inszenieren wird zwangsläufig Julie Delpys Zukunft sein. Sie erzählte uns, dass sie bereits einige Projekte in der Schublade liegen hat, die sie realisieren möchte.

Wie zufrieden sind Sie mit dem fertigen Film?

Er ist zeitlos, fast modern, er ist emotional, hat teilweise aber auch Witz, er ist sehr dunkel, besitzt aber eine Heldin, die Mitgefühl auslöst. Dass man all die Facetten, die im Buch vorkamen, auch im Film wiederfindet, macht mich sehr glücklich.

Mit Material von X Verleih.

Die Gräfin startet am 25. Juni 2009.


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