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Lasst uns Realität spielen

Every Day the Same Dream
© Molleindustria
Every Day the Same Dream
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Ich mache Dinge mit Worten und Videospielen für GamePro.de und brauche dafür sehr viel Kaffee.

Wenn wir noch vor ein paar Jahren über Realismus in Videospielen gesprochen haben, dann ging es dabei entweder darum, den letzten Schritt zum Fotorealismus zu schaffen, oder um besonders lebensnahe Simulatoren. Realistisch ist in im Fall von Videospielen allerdings ein vielfältig auslegbarer Begriff. Obwohl Spiele wie Die Sims 4 oder Second Life auf einer Reproduktion des Alltags basieren, beschäftigen sie sich nicht zwangsläufig mit Themen, die uns im echten Leben nahe liegen. Sicher, auch Sims müssen ihren Müll rausbringen und Jobs finden, um sich ihren Pool leisten zu können, ein Zeitraffer sorgt aber dafür, dass selbst die stumpfsinnigsten Arbeiten nicht denselben Langeweile-Faktor haben, den wir ansonsten von ihnen kennen.

Mehr: Wer braucht schon Fotorealismus?

Selbst wenn unser Sim mal zu traurig ist, um seinen Aufgaben nachzugehen, lässt sich das mit den richtigen Mausklicks leicht beheben und seine Depression mit einer Runde Flipper oder Woohoo mit dem Liebsten im Keim ersticken. Im echten Leben ist das nicht ganz so einfach. Und in einigen Videospielen mittlerweile auch nicht mehr.

Das Spiel mit dem Alltag
Über die letzten paar Jahre hinweg hat eine neue Art von Spiel begonnen, den Begriff Realismus für sich zu beanspruchen, um zu zeigen, wie facettenreich ein Medium sein kann, das gerne mit Wirklichkeitsflucht gleichgesetzt wird. Sie entführen uns nicht in fremde Welten, sondern in die Mitte der Realität mit all ihren Höhen und Tiefen. Die als “Empathy Games” betitelten Spiele beschäftigen sich mit den unbequemen Wahrheiten, die viele eigentlich mit dem Griff nach dem Controller hinter sich lassen wollen. Im Fokus der Handlung liegen keine epischen Schlachten oder fantastischen Abenteuer, sondern die kleinen und großen Kriege des Alltags: Schreibblockaden, Unzufriedenheit im Job, der Ärger mit Behörden, psychische Krankheiten, sexuelle Unsicherheit, Einsamkeit oder gar der Verlust des eigenen Kindes.

AAA-Titel wie Quantic Dreams Beyond: Two Souls beschäftigen sich zwar kapitelweise mit Themen wie Obdachlosigkeit, Indie Games wie Silver Dollar Games’ Homeless machen es hingegen zu ihrem Schwerpunkt. Sie lassen den polierten Hollywood-Stil hinter sich und beschränken sich auf einen einzigen, oft problematischen Aspekt des Alltags und das häufig, ohne dabei grafische Glanzleistungen anzustreben. Im Gegenteil: Je realistischer ein Thema, desto unwirklicher scheint die Grafik zu werden, was nicht immer zwangsläufig dem oft geringen Budget zuzuschreiben ist. Im Gegensatz zur These von Beyond-Macher David Cage, braucht es eben keinen Fotorealismus, um Emotionen vermitteln oder wecken zu können.

In I Get This Call Every Day bringt uns Entwickler David Gallant in kindlicher Microsoft Paint-Ästhetik die Monotonie seines Jobs als Call Center-Mitarbeiter näher, in dem er jeden Tag dieselben Kundenfragen beantworten musste. Je länger ihr spielt, desto stärker kratzt die bedrückende Eintönigkeit an euren Nerven, ebenso wie das Wissen, dass es keinen Triumph und kein Entkommen geben wird. Oder eben nur, wenn ihr gefeuert werdet wie es Gallant passiert ist, nachdem sein Arbeitgeber von seinem offenbar etwas zu ehrlichen Spiel erfuhr.

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