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Mark Wahlberg & Peter Berg - Eine Bromance vereint im Reality-Kino

Mark Wahlberg als Polizist in Boston
© Studiocanal/Lionsgate
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Wir sehen Männer, die in Räumen mit schütterem Licht konzentriert auf Taktiktafeln starren, auf denen geplante Manöver dargelegt sind, die den Einzelnen in ein System eingliedern, das zum Erfolg führen soll. Vorher Initiationsrituale, Aufnahmen abhärtender Trainingsmethoden, feuchtfleckige und dreckbesprenkelte Uniformen und unter der alltäglichen körperlichen Arbeit stöhnende Männergesichter, die sich aber ganz mit ihrer Kollektivzugehörigkeit identifizieren, ja mit Stolz ihre Entbehrungen in Kauf nehmen. Der nächste Football-Gegner oder der Militär-Einsatz im Nahen Osten, in Peter Bergs Inszenierungen macht es keinen Unterschied, ob er Männer dabei zeigt, wie sie sich auf das eine oder das andere vorbereiten - und vielleicht gibt es ihn zunächst auch gar nicht, den Unterschied. Berg hat schon alles gedreht, vor allem aber natürlich Kriegsfilme (Operation: Kingdom) und Sportfilme (Friday Night Lights - Touchdown am Freitag). Seit vier Jahren tut er dies auffallend oft mit Mark Wahlberg, auch jetzt wieder bei Boston, dem Polizei-Thriller zum Anschlag auf den Boston-Marathon 2013.

Wie Peter Berg war Mark Wahlberg sowas wie die Allzweckwaffe im Komödien- und Spektakelkino. In Wahlbergs mimische Regungen lässt sich ja ein breites Emotionenspektrum hineininterpretieren, er kann mit ein und demselben Ausdruck auf eine berstende Schiffswand und einen Decepticon-Angriff hinweisen. 50 Prozent seiner Emotionen drückt er über die komplexen Stirnfalten aus, am besten Bestürzung, Verblüffung, Verzweiflung und Wut, und mehr braucht er auch gar nicht für die Filme, die Peter Berg um ihn herum aufbaut. In Lone Survivor, einem fetten, emotionalen Kriegsschinken mit zeitgeschichtlichem Hintergrund, haben Berg und Wahlberg erstmals zueinander gefunden und seither nicht wieder von sich gelassen.

Ende letzten Jahres schlug Peter Berg Mark Wahlberg dann zum Bro. Der Regisseur, dessen Fähigkeiten man sicher nicht auf den Schiffbruch Battleship festlegen darf, dampfte die Gemeinsamkeiten, auf denen die Freundschaft zwischen ihm und Mark Wahlberg fußt, für die Vanity Fair auf 300 bündige Wörter zusammen. In diesen steckt kein intimes Flüstern, wie sonst in solchen Stücken üblich, sondern ein vor Stolz und Rührung zitterndes Grollen, das sich der Bedeutsamkeit eines spontanen männlichen Freundschaftsbekenntnisses bewusst ist und in schweigender, errötender Hoffnung auf Gegenseitigkeit abbricht. Er war eine Zeremonie, dieser Text, der der jähen Veröffentlichung von Boston in den USA vorangestellt wurde, welcher kommende Woche auch in unseren Kinos zu sehen ist.

Peter Berg und Mark Wahlberg, die mehr als nur den Berg im Familiennamen teilen, kann man sich bestens beim gemeinsamen Billard-Spielen und Red Sox-Gucken vorstellen. Obwohl der eine (Wahlberg) aus der Bostoner Arbeiterklasse stammt und der andere aus der wohlhabenden New Yorker Vorstadt, teilen sie "das Gefühl, unterschätzt und missverstanden [zu sein], weshalb wir mit der Bestimmung aufwuchsen, unsere Geschichte zu ändern", schreibt Peter Berg. Wer also schon immer wähnte, Mark Wahlberg fühle sich womöglich missverstanden, sich dies aber nicht recht erklären konnte, darf sich nun immerhin von Peter Berg bestätigt sehen. Einen verbindenden Willen zum Widerstand attestiert Berg sich und seinem Freund. Berg und Wahlberg überstiegen die hohen Zäune Hollywoods ohne die Räuberleiter aus händchenhaltenden Verwandten und Freundesfreunden. Und so fanden sie zusammen, "somehow", irgendwie, sahen sich tief in die Augen und wussten sogleich, sie könnten einander vertrauen, und dass sie stärker sind im Team. Eine Bromance, fast so dick wie die Bande zwischen der Fast & Furious-Clique um Dwayne Johnson und Vin Diesel, verbindet sie nun.

Mittlerweile stehen Berg und Wahlberg (Wahl-Berg?) vor dem Abschluss ihrer Trilogie zu amerikanischer Traumageschichte: Auf die chaotische Afghanistan-Abrechnung Lone Survivor folgte letztes Jahr mit Deepwater Horizon die gelungenere Behandlung des schmerzhaftesten Öladerlasses der jüngeren Ökologiegeschichte. Boston nun widmet sich dem verheerendsten Terroranschlag auf amerikanischem Boden seit dem 11. September 2001.

Es herrscht derzeit ein großes Verlangen nach derlei Filmen, da die Berichterstattung zwar umfassend und intensiv ist wie nie, es für den aufmerksamen Nachrichtenschauer und Twittertimelineaktualisierer letztlich aber beim drögen Dabeisein bleibt. Das Mittendrinsein in prägenden Katastrophen ermöglichen Peter Berg und Mark Wahlberg. Berg bereitet die Stoffe filmisch auf, Wahlberg schlüpft in die Szenarien hinein und spielt für den Zuschauer das hilflos auf den unerbittlichen Wellen der Zeitgeschichte treibende Mäuschen. Er ermöglicht ihm, dem Zuschauer, eine neue, wenngleich fiktionalisierte Third Person-Perspektive.

Die, so Berg, dient dabei nicht in erster Linie einer unterhaltsamen und einnehmenden Inszenierung, sondern vielmehr der adäquaten ergo realitätsgetreuen Abbildung der Opfer- und Überlebendenfährten. Diese Zeitzeugen "segneten uns mit ihrem Mut und der Größe ihrer Erfahrungen, vertrauten uns darin, als sie uns ihre Geschichten erzählten, sie im rechten Licht darzustellen. Hier liegt für Mark und mich der Druck, das Versprechen, sie stolz zu machen. [...] die Welt ihren wahren Mut erkennen zu lassen." Dieser Druck sei Wahl-Bergs Antrieb.

Früher nahmen Mark Wahlberg und Peter Berg Rollen und Aufträge mit einer Wahllosigkeit an, der man die Furcht ansah, es könnte bald ein Ende haben mit dem Gefragtsein. Beiden fehlte die Selbstverständlichkeit und auch die Eitelkeit solcher in der Industrie aufgewachsener Filmkinder. Kunst, das wollen sie nicht machen, auch weil keiner von ihnen verlangte, Wunderdinge zu vollbringen: "Wir teilen den Glauben, dass nicht-fiktionale [Geschichten] fiktionalen generell überlegen sind," schreibt Berg in seiner Freundschaftserklärung weiter. Als "this epic world of the truth" beschreibt Berg sein Thema, sein Anliegen als Filmemacher, das in gleicher Schwere Wahlberg am Herzen läge.

Peter Bergs einfaches, raues, fern jeglicher formaler Brillanz gefertigtes Blockbusterkino lässt der meist wilden Dramaturgie und ihren Akteuren größtmöglichen Raum. Tatsächlich bleibt trotz der Berufung auf wahre Begebenheiten der Anspruch auf Wahrheit in der Inszenierung der Katastrophe entspannend gering. Die Geschichte und das intensive Erleben dieser steht im Vordergrund. Präzision ist erwünscht aber nicht zwingend erforderlich, Dichtung erlaubt zwecks Heroisierung des einfachen Mannes. Dem ohnehin heldenhaften Soldaten wird derweil lediglich der übliche Respekt gezollt, vor allem von Mark Wahlberg, der sich vor Lone Survivor auf eine Navy Seal-Ehrerbietungs-Tour begab.

Wahl-Bergs Filme handeln von den echten, den mutigen Menschen, die die wichtigen, wenn auch kleinen Kunststücke in dieser Gesellschaft vollbringen. Sie sollen denen eine Stimme geben, die das Land kürzlich politisch umkrempelten. Bergs und Wahlbergs Filme wollen Denkmäler für die wahren Helden der Gesellschaft sein. In Boston sind das: Die Polizei, das FBI, die Krankenwagenfahrer, die Feuerwehrmänner, Pfleger und Ärzte, die gesichtslosen Ikonen, für die Mark Wahlberg seine Stirnfalten hergibt. Nationales Selbstmitleid und eine gewisse Wehleidigkeit wohnt ihren Filmen inne, aber auch der durchaus anerkennenswerte Wille um eine angemessene Ehrung der Opfer, der Helfer, der Überlebenden und Gezeichneten amerikanischer Zeitgeschichte. Nur unterhaltsam muss das alles eben sein.


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