Jahresrückblick 2012

Mein Top-Film 2012 - Haywire

Mein Top-Film des Jahres - Haywire
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Mein Top-Film des Jahres - Haywire

MMA-Kämpferin Gina Carano verprügelt in Haywire einen Hollywood-Star nach dem anderen. Das ist nicht der Grund, warum der erste Actionfilm von Steven Soderbergh mein Top-Film des Jahres 2012 geworden ist. Nun ja, es könnte durchaus einer sein. Aber ehe ich hier zu gewaltverherrlichenden Inhalten abschweife, sei gesagt: Haywire stellt in Sachen Choreographie und Inszenierung so gut wie alles in den Schatten, was dieses Jahr an Actionfilmen einen deutschen Kinostart hatte. Da können selbst The Raid und Dredd nicht mithalten. Zu meinem Film des Jahres ernenne ich Haywire nicht nur deswegen.

Das Soderbergh’sche letzte Jahrzehnt wird durchzogen von der nüchternen Beobachtung von Figuren, die ihren Jobs nachgehen. Die Wurzeln dieses Interesses für Abläufe und nicht so sehr Ergebnisse finden sich bereits in Ocean’s Eleven, doch erst in seinem Zweiteiler Che – Revolucion und Che – Guerrilla heftet er seinen Blick mit voller Konsequenz an diese Facette des filmischen Heldentums, wenn er beispielsweise den harten Revolutionsalltag in jeder Facette (und Redundanz) schildert, aber den Sieg ausspart. Seitdem hat Steven Soderbergh einem Escort-Girl (Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls, gespielt von Porno-Star Sasha Grey), einem notorischen Lügner (Der Informant!) und einem halben Dutzend Gesundheitsbeamter (Contagion) bei der Arbeit zugeschaut.

Im Gegensatz zu thematisch ähnlich gelagerten Kollegen wie Michael Mann oder Johnnie To beschäftigen sich Soderberghs Filme nicht so sehr mit den Mythen, die die Professionals in der (Film)Geschichte verwurzeln. Er bricht sie in seinen besten Filmen (und Haywire gehört ganz klar dazu) auf ihre kleinen Einzelteile hinunter, auf Handlungen, nicht so sehr Ideen. Deswegen wirken Filme wie der Che-Zweiteiler, The Girlfriend Experience und Haywire teilweise so unterkühlt und abweisend. Das große Drama spielt sich in den kleinen Einstellungen ab.

Haywire ist nach The Limey eine weitere Zusammenarbeit von Soderbergh mit dem Drehbuchautor Lem Dobbs. In den gewissermaßen geistesverwandten Filmen (in beiden geht es um Betrogene) zeigt sich, wie Soderberghs Interessen über die Jahre verlagert wurden. Der elliptisch erzählte The Limey kehrt den Nouvelle Vague-Einfluss stark nach außen, der Soderbergh Mitte der 90er prägte. Es ist ein Film, der sich primär mit seiner eigenen Struktur beschäftigt und dabei seine eigene Wirklichkeit in Frage stellt. Haywire hingegen klammert sich ganz an diese und zwar in dem bis in minutiöse Details versucht wird, der flinken Protagonistin auf den Fersen zu bleiben. Wir sehen sprichwörtlich wie Gina Carano als Mallory Kane von Punkt A nach Punkt B gelangt und genau hier kommen die Genre-Konventionen ins Spiel.

Das lebenswichtige Element des Spektakels eines Genres versteckt sich meist im Titel und so werden Sexfilme um Sex herum aufgebaut und Actionfilme um Action. Doch Spektakel bringt in der Regel eine Verkürzung mit sich, es geht schließlich darum, das Adrenalin möglichst schnell in den Kopf (oder andere Körperteile) des Zuschauers zu befördern. In Haywire werden diese Verkürzungen in den entscheidenden Momenten umgangen, weshalb wir zusehen, wie Mallory Kane in Dublin in ein Gebäude rennt, die einzelnen Treppen nimmt, Türen ausprobiert, bis sie auf dem Dach ankommt und dann bei ihr bleiben, wenn sie vorsichtig, aber bestimmt wieder hinunterklettert, stolpert und fällt.

In Haywire wird, wie oben erwähnt, methodisch zugeschlagen. Die Fights der kampferprobten Gina Carano wirken so authentisch wie selten in amerikanischen Actionfilmen, die stets darum bemüht sind, die physischen Defizite ihrer Stars zu verbergen. Haywire entdeckt, wie viele meiner liebsten Actionfilme, die Langsamkeit für sich. Nur arbeitet Soderbergh nicht mit Zeitlupen oder der Variation von Stillstand und Bewegung. Er reduziert die Dynamik seiner Set Pieces durch lange Einstellungen und eine präzise Beobachtung jener Vorgänge, die für gewöhnlich herausgeschnitten werden. Statt im Staccato auf den nächsten Fight zuzusteuern, wird den Abläufen davor und danach dieselbe Aufmerksamkeit zuteil, wie dem eigentlichen Hauptkampf, so dass sich der Fokus vollständig auf jede einzelne Bewegung von Kane/Carano verlegt. Beispielhaft ist hier die Geiselbefreiung, nach der sie einem Bad Guy hinterher rennt und rennt und rennt. Zum Ende der hypnotischen Verfolgungsjagd erscheint der eigentliche Kampf wie eine explosive Befreiung. Carano verwandelt sich so in das Spektakel, ohne dass ihr Körper selbst zum Spektakel wird, wie es im muskelbepackten Actionfilm eigentlich Usus ist. Haywire bildet im Grunde die Antithese zum amerikanischen Actionkino der 80er Jahre, dem in The Expendables Tribut gezollt wird.

Sparsam und trotzdem Soderbergh-typisch verspielt, zeigt Haywire den Regisseur in absoluter Kontrolle über sein Medium. Die Suche nach der Wahrheit, die Mallory Kane einzig mit Hilfe ihres Vaters (der wunderbare Bill Paxton) unternimmt, begegnet ihrem Genre weder mit Ironie noch Nostalgie. Wie seine Protagonistin ist Haywire ganz nonchalant der Gegenwart verbunden.

Meine Top 7 des Jahres 2012
Platz 1: Haywire
Platz 2: Hugo Cabret
Platz 3: Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger
Platz 4: Gefährten
Platz 5: Barbara
Platz 6: Dame König As Spion
Platz 7: The Flying Swords of Dragon Gate

[Eine Ehrennennung geht an Das Turiner Pferd, den ich 2011 bei der Berlinale gesehen habe und der über ein Jahr später (!) in Deutschland in die Kinos (wenn es denn mehrere waren) kam.]

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