Jahresrückblick 2012

Meine Schauspielerin des Jahres - Tilda Swinton

Meine Schauspielerin des Jahres - Tilda Swinton
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Meine Schauspielerin des Jahres - Tilda Swinton

Es gibt Themen, über die möchte ich keinen Film sehen. Das liegt in der Regel allerdings daran, dass es erfahrungsgemäß kaum möglich ist, diese speziellen Themen so zu behandeln, dass der Film nicht daran scheitert. Amokläufe gehören sicherlich dazu, denn kann es eine Abhandlung dieses brisanten Stoffes geben, die ihrer Vorlage gerecht wird? Filmemacher bewegen sich auf einem dünnen Eis, zu oft wird Schonungslosigkeit intendiert, die jedoch in stilisierter Sensationsgeilheit endet, noch häufiger wird versucht, das warum zu beantworten, was in den seltensten Fällen über einen platten, lachhaft simplen Erklärungsversuch hinaus geht. Doch das Kinojahr 2012 hat für uns einen Streifen bereit gehalten, der zeigt, wie ein Film vor solch einem Hintergrund aussehen muss: We Need to Talk About Kevin.

Meine Schauspielerin des Jahres - Tilda Swinton (5 Bilder)

Warum das Werk an sich großartig ist, soll jedoch nicht Thema dieses Artikels sein. Hier soll es um die Hauptdarstellerin Tilda Swinton gehen, die ihre Kolleginnen dieses Jahr mühelos in den Schatten gestellt hat. Als Eva versucht sie sich wieder in einer Gesellschaft einzufinden, von der sie ausgestoßen wurde, die nichts als Hass und Verachtung für sie übrig hat. Der Grund: Ihr Sohn hat an einer Schule ein Blutbad angerichtet und zahlreichen Mitschülern das Leben genommen. Die Mutter wird natürlich nur von einer Frage geplagt: warum? Und so dürfen wir an ihren subjektiven (!) Erinnerungen teilhaben und mitansehen, wie ihr Sohn Kevin sich in den ersten 16 Jahren seines Lebens entwickelt hat.

Kann es eine anspruchsvollere Rolle geben, als diese? Wie sich eine Mutter in solch einer Situation fühlt, können wir nur erahnen, Tilda Swintons Verkörperung ist jedoch über jeden Zweifel erhaben. Hinter jedem Blick, hinter jedem hervorgequälten Satz, selbst hinter jedem Lächeln in Momenten der vermeintlichen Fröhlichkeit verbirgt sich ein nicht zu fassendes Gefühlschaos. Natürlich will sie für ihren Sohn nur das Beste, gleichzeitig hegt sie aber von Geburt an eine Abneigung gegen ihn, die in Verzweiflung umschlägt. Eva ist mit der Erziehung überfordert, sie wollte das Kind von Anfang nicht haben, doch jetzt ist es da. In seltenen Momenten schwappt die Wut und die Resignation über und zwingt sie dazu, ihrer Verzweiflung Ausdruck zu verleihen. Doch im Grunde genommen hätte der aufmerksame Zuschauer auch ohne diese Szenen verstanden, oder zumindest erahnen können, was im Kopf der Protagonistin vorgeht, ermöglicht durch Tilda Swintons fabelhafte Leistung. Ihre gesamte Mimik und Gestik sprechen Bände, ohne dass sie auch nur ein Wort äußen muss, fühlen wir als Zuschauer ihre innere Zerrissenheit und dass sie sich dauerhaft in einem Seiltanz über den Abgrund ihrer Ängste und Probleme befindet, den sie jeder Zeit herunterstürzen könnte.

Glücklicherweise ging ihre Performance nicht spurlos am Award-Rummel vorbei, auch wenn We Need to Talk About Kevin hierzulande wohl eher unter die Kategorie Geheimtipp fällt. Vollkommen zurecht wurde Tilda Swinton dutzendfach nominiert und dementsprechend häufig ausgezeichnet, denn wie sie es schafft, einen ohnehin wunderbaren Film mit der Porträtierung einer unglaublich schweren Figur auf ein vollkommen anderes Niveau zu heben, ist schlichtweg atemberaubend. Zum Niederknien.

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