Meine Schauspielerin des Jahres - Tilda Swinton
Pfizze (Sven Pfizenmaier), Veröffentlicht am 24.12.2012, 08:50
Es gibt Themen, über die möchte ich keinen Film sehen. Das liegt in der Regel allerdings daran, dass es erfahrungsgemäß kaum möglich ist, diese speziellen Themen so zu behandeln, dass der Film nicht daran scheitert. Amokläufe gehören sicherlich dazu, denn kann es eine Abhandlung dieses brisanten Stoffes geben, die ihrer Vorlage gerecht wird? Filmemacher bewegen sich auf einem dünnen Eis, zu oft wird Schonungslosigkeit intendiert, die jedoch in stilisierter Sensationsgeilheit endet, noch häufiger wird versucht, das warum zu beantworten, was in den seltensten Fällen über einen platten, lachhaft simplen Erklärungsversuch hinaus geht. Doch das Kinojahr 2012 hat für uns einen Streifen bereit gehalten, der zeigt, wie ein Film vor solch einem Hintergrund aussehen muss: We Need to Talk About Kevin.
Meine Schauspielerin des Jahres - Tilda Swinton (5 Bilder)
Warum das Werk an sich großartig ist, soll jedoch nicht Thema dieses Artikels sein. Hier soll es um die Hauptdarstellerin Tilda Swinton gehen, die ihre Kolleginnen dieses Jahr mühelos in den Schatten gestellt hat. Als Eva versucht sie sich wieder in einer Gesellschaft einzufinden, von der sie ausgestoßen wurde, die nichts als Hass und Verachtung für sie übrig hat. Der Grund: Ihr Sohn hat an einer Schule ein Blutbad angerichtet und zahlreichen Mitschülern das Leben genommen. Die Mutter wird natürlich nur von einer Frage geplagt: warum? Und so dürfen wir an ihren subjektiven (!) Erinnerungen teilhaben und mitansehen, wie ihr Sohn Kevin sich in den ersten 16 Jahren seines Lebens entwickelt hat.
Kann es eine anspruchsvollere Rolle geben, als diese? Wie sich eine Mutter in solch einer Situation fühlt, können wir nur erahnen, Tilda Swintons Verkörperung ist jedoch über jeden Zweifel erhaben. Hinter jedem Blick, hinter jedem hervorgequälten Satz, selbst hinter jedem Lächeln in Momenten der vermeintlichen Fröhlichkeit verbirgt sich ein nicht zu fassendes Gefühlschaos. Natürlich will sie für ihren Sohn nur das Beste, gleichzeitig hegt sie aber von Geburt an eine Abneigung gegen ihn, die in Verzweiflung umschlägt. Eva ist mit der Erziehung überfordert, sie wollte das Kind von Anfang nicht haben, doch jetzt ist es da. In seltenen Momenten schwappt die Wut und die Resignation über und zwingt sie dazu, ihrer Verzweiflung Ausdruck zu verleihen. Doch im Grunde genommen hätte der aufmerksame Zuschauer auch ohne diese Szenen verstanden, oder zumindest erahnen können, was im Kopf der Protagonistin vorgeht, ermöglicht durch Tilda Swintons fabelhafte Leistung. Ihre gesamte Mimik und Gestik sprechen Bände, ohne dass sie auch nur ein Wort äußen muss, fühlen wir als Zuschauer ihre innere Zerrissenheit und dass sie sich dauerhaft in einem Seiltanz über den Abgrund ihrer Ängste und Probleme befindet, den sie jeder Zeit herunterstürzen könnte.
Glücklicherweise ging ihre Performance nicht spurlos am Award-Rummel vorbei, auch wenn We Need to Talk About Kevin hierzulande wohl eher unter die Kategorie Geheimtipp fällt. Vollkommen zurecht wurde Tilda Swinton dutzendfach nominiert und dementsprechend häufig ausgezeichnet, denn wie sie es schafft, einen ohnehin wunderbaren Film mit der Porträtierung einer unglaublich schweren Figur auf ein vollkommen anderes Niveau zu heben, ist schlichtweg atemberaubend. Zum Niederknien.
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- Teil 1: Meine Schauspielerin des Jahres - Tilda Swinton
- Teil 2: Weitere Rückblicke des Kinojahres 2012 von Redaktionsmitarbeitern
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Kommentare
über Meine Schauspielerin des Jahres - Tilda Swinton
Briseis Mon, 24 Dec 2012 11:45:36 -0000
Kommentar löschenTilda Swinton ist für mich so gut wie jedes Jahr die Schauspielerin des Jahres ♥
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Le Samourai Mon, 24 Dec 2012 09:20:05 -0000
Kommentar löschenDa wählt er zwar die vollkommen richtige Schauspielerin aus, verschweigt aber dreist deren weitere tolle Rolle dieses Jahr: Moonrise Kingdom. :D
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Tilda Swinton ist für mich das Paradebeispiel dafür, dass ich eine Schauspielerin/einen Schauspieler viel großartiger finde, der auch nur 1 oder 2 Filme pro Jahr macht, diese dann aber auch jedes Mal überdurchschnittlich gut sind, als jemand, der 6 oder 7 Filme im Jahr dreht und wovon die Hälfte dann Mist ist! (Ausnahmen gibts natürlich immer).
Swinton geht in meinen Augen über die bloße Schauspielerin hinaus, ich halte die Frau für eine große Künstlerin, die wahnsinnig konsequent sich ihre Rollen mit Haut und Haar einverleibt. We need to talk about Kevin ist tatsächlich eine ihrer stärksten unter vielen weiteren "stärksten" Rollen - unbedingt zu erwähnen: das einzigartige Thrillerdrama "Julia", in der sie eine lebensfremde Alkoholikerin spielt, die ein Kind entführt und halb durch die Wüste schleppt, was damit endet, dass in Mexiko ihr das entführte Kind nochmal entführt wird - eine ähnliche Tour de Force für Swinton wie dieser grandiose Film!
Und auch in "Moonrise Kingdom", "Michael Clayton" (einer der meistverdientesten Oscars ever!), "Benjamin Button", "Orlando", "Thumbsucker" oder "I am Love" fand ich Swinton herausragend!
also eher die Schauspielerin der letzten 15 Jahre, als die Schauspielerin des Jahres!
Grandiose (Performance)Künstlerin (siehe Glaskasten-Action im Londoner Museum, wo sie 7 Tage lang in einem Glaskasten als lebendige Requisite zu betrachten war), die immer dann auf den Plan tritt, wenn es intensiv wird im internationalen Kino!
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