Oscar 2017 - Die Nominierungen & ihre politische Bedeutung

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© Ivan Bandura (CC BY 2.0)
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Lange Zeit waren die Oscars eine Selbstbeweihräucherung Hollywoods und eine, mal mehr, mal weniger gute, Show. Ein paar Tanzeinlagen, ein paar Songs, lustige Reden und schluchzende Gewinner - alles was man braucht. Aber die Zeiten ändern sich, vor allem jetzt gerade, gewaltig. Schon in den letzten zwei Jahren war die Veranstaltung ein Politikum, ein Barometer, auf dem man ablesen konnte, wie es in der wichtigsten Unterhaltungsindustrie der Welt mit Gleichberechtigung und Repräsentation von Vielfältigkeit steht. Die Antwort war bisher der Hashtag OscarsSoWhite und damit verbunden eine Änderung der Regelungen. Nun, ein Jahr später, hat sich die Lage noch weiter verändert. Was als Aufschrei für mehr Diversität begann, mündet gerade in eine ganz neue, hochpolitische Situation.

Letzte Woche wurden die Nominierungen für den Oscar 2017 bekannt gegeben und schon allein aus diesem Akt lassen sich interessante Fakten ablesen bzw. sind aus ihm schon einige politische Momente entstanden:

OscarsSoWhite2017?

Ja, die Regeländerungen haben etwas genützt. Mehr Diversität unter den Wählern hat - Überraschung - mehr Diversität bei den Nominierungen ausgelöst. Und das zeigt sich nicht nur in der Rekordzahl von sechs Nominierungen für afroamerikanische SchauspielerInnen in den entsprechenden Kategorien, Barry Jenkins für die Beste Regie, Raoul Peck und Ava DuVernay für den Besten Dokumentarfilm und Joi McMillon für den Besten Schnitt. Es ist wahrlich ein Rekordjahr für AfroamerikanerInnen. So weiß sind die Oscars also nicht mehr. Aber das macht sie lange noch nicht divers.

Huch, da war ja noch was

Ein zweites Thema, das seit einer ganzen Weile immer wieder angesprochen wird, sind Frauen in Hollywood. Salopp gesagt ist deren Repräsentation nur in zwei Kategorien hervorragend: Beste Darstellerin und Beste Nebendarstellerin. Na ja, und vielleicht noch Kostüm und Make-up. Danach wird es einsam. 2017 ist wieder ein Jahr, in dem keine einzige Frau für die Beste Regie nominiert wurde. Was ja quasi Tradition ist, immerhin gab es erst vier Frauen, die je die Ehre hatten. Und es ist nicht so, als gäbe es keine Auswahl. Was ist mit Andrea Arnold und ihrem hochdekorierten American Honey, Mira Nair für The Queen of Katwe oder Kelly Reichardts großartigem Certain Women? Es scheint, als hätte die Debatte um mehr Chancen für Frauen nichts gebracht.

Im Gegenteil sogar, eine neue Studie zeigt, dass die Anzahl an Frauen hinter der Kamera in Hollywood sogar gesunken ist. Bei Produzentinnen um zwei Prozentpunkte, vier Prozentpunkte im Sounddesign, fünf bei der Kameraarbeit und ganze sieben im Schnitt.

Einen Lichtblick gibt es allerdings: Zum ersten Mal in der Geschichte der Oscars wurde eine afroamerikanische Frau für den Besten Schnitt nominiert: Joi McMillon, die den formidablen Moonlight repräsentiert. Aber ansonsten glänzen Frauen eher mit Abwesenheit.

Das tun sie jedoch nicht annähernd so stark wie Latinos oder Menschen mit asiatischer Herkunft. Oder Native Americans. Bis auf Dev Patels Nominierung für Lion, der ersten Nominierung eines Menschen indischer Abstammung seit 13 Jahren, gibt es keine Repräsentanten dieser Gruppen. Hier zeigt sich, dass Hollywood den eigentlich Sinn von OscarsSoWhite doch nicht wirklich verinnerlicht hat. Es geht nicht nur um die afroamerikanische Repräsentation, sondern darum, dass alle Gruppen mit einbezogen werden und Chancen bekommen.

Die politische Realität holt Hollywood ein

Aber das ist ja nur Teil des Problems. Auch die LGBTIQ-Community hat, bis auf Moonlight, nichts im Rennen. Und in Sachen Religion zeigt sich eine riesige Leerstelle, wenn es um nicht-christliche Themen, Figuren etc. geht. Zumindest in Sachen Repräsentation bot der iranische Film The Salesman - Forushande, nominiert für den Besten fremdsprachigen Film, hier eine Alternative. Bis Donald Trumps Dekret, Menschen aus sieben muslimischen Staaten ab sofort die Einreise zu verweigern, hier aus einer Nominierung ein Politikum gemacht hat. Hauptdarstellerin Taraneh Alidoosti hat schon angekündigt, aus Protest gegen dieses rassistische Vorgehen den Oscars fern zu bleiben, Regisseur Asghar Farhadi ebenfalls. Aber im Augenblick ist die Lage so, dass sie gar nicht mehr einreisen könnten. Selbst die Academy sah sich am Wochenende genötigt eine Stellungnahme abzugeben.

Persönliches ist Politisches

Aber das ist nicht die einzige Verwicklung mit dem neuen Präsidenten Donald Trump. Wir erinnern uns an:

Trumps offene Misogynie und seine Bemerkungen, wo man Frauen anfassen, und wie man sie behandeln kann, sind bekannt. Auch Hollywood hat seinen Anteil von Übergriffen auf Frauen. Letztes Jahr allein gab es die Kontroversen um Johnny Depp und Amber Heard und natürlich Bill Cosby und Nate Parker. Im Rahmen der Oscar-Saison wurde nun auch Casey Afflecks Vergangenheit kontrovers diskutiert, bislang ohne größere Folgen, erhielt er für seine Rolle in Manchester by the Sea doch einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung als Bester Hauptdarsteller. Affleck wurde 2010 von der ehemaligen Produzentin Amanda White und einer ehemaligen Kamerafrau, Magdalena Górka, verklagt, die beide am Set von I'm Still Here arbeiteten. Diese haben detaillierte Aussagen darüber gemacht, wie Affleck sich ihnen immer wieder aggressiv und sexuell genähert habe und ihnen sogar das gesamte Drehteam auf den Hals hetzte. (Bei The Daily Beast gibt es eine ausführliche Aufschlüsselung der Ereignisse.) Die Klagen wurden seinerzeit außergerichtlich beigelegt.

Doch im Gegensatz zu beispielsweise Nate Parker, wurde Afflecks Verhalten von der Presse weitestgehend ignoriert. Während Parker und sein Film letztes Jahr grandios den Bach runtergingen, haben Afflecks Filme keinen Schaden erlitten. Doch nicht alle wollen still darüber sein, vor allem nicht jetzt, wo das Land einen Präsidenten hat, der schon mehrmals mit sexuellen Übergriffen in Zusammenhang stand. Schauspielerin Constance Wu (Fresh Off The Boat) schreibt dazu noch mehr aus der Sicht von Preisen, Kunst und menschlicher Würde:

Ja, [Casey Affleck] will nicht Präsident werden. Aber er ist nominiert für einen Preis, der ein Handwerk ehrt, dessen Sinn es ist, die menschliche Erfahrung und Würde wiederzuspiegeln & junge Frauen sind eben zutiefst menschlich. Das Fehlen eines Preises schmälert nicht die darstellerische Leistung. Denn diese findet auf der Leinwand statt. [...]

Es sind also bei Weitem keine privaten Dinge, die hier öffentlich gemacht werden, sondern sie sind Teil eines Systems, welches mit Trump als Präsident, jetzt noch massiver daran arbeitet, Frauen zu entmündigen. Nicht umsonst war eine seiner ersten Amtshandlungen, Nichtregierungsorganisationen, die armen Frauen weltweit mit Aufklärung, Verhütungsmitteln und Abtreibungen helfen, die Regierungsmittel zu streichen. Nicht umsonst fand einen Tag nach seiner Wahl eine Frauendemonstration mit mehr als 3 Millionen TeilnehmerInnnen weltweit statt. Jemanden wie Affleck zu nominieren und damit zu ignorieren was ihm vorgeworfen wird, ist ein politischer Akt. Noch mehr, wenn man sich ansieht, wie sein afroamerikanischer Kollege dafür behandelt wurde. (Und da sind wir noch längst nicht bei Mel Gibson und seinem "Comeback" nach seinen antisemitischen und rassistischen Ausfällen).

Die sich ignoriert fühlen

Die weiße Arbeiterklasse ist der wohl meist zitierte Teil der amerikanischen Gesellschaft, der gerettet werden müsse.. Niemand höre auf sie, niemand bemerke ihr Leiden, heißt es immer wieder seit dem Wahlkampf Trumps. Gleichsam wird immer wieder betont wie das "liberale Hollywood" diese Menschen nicht abbildet. Das stimmt allerdings so gar nicht. Vor allem 2016 bot eine ganze Reihe Filme, die sich vor allem mit der weißen Arbeiterklasse, vor allem ihren Männern, und ihren Ängsten und Problemen auseinandersetzten. Drei stehen hier besonders heraus, zwei von ihnen sind für Oscars nominiert: In Loving kämpft ein einfacher Mann darum, die Frau heiraten zu dürfen, die er liebt. Joel Edgertons Figur ist dabei weder einfältig-dümmlich, noch wird auf ihn herabgeblickt. Im Gegenteil, er und sein Kampf werden mit größter Sorgfalt und Empathie gezeigt. Deepwater Horizon ist ebenfalls ein solcher Film. Hier kämpft Mark Wahlbergs Figur mit seiner Frustration, dass die Firma für die er arbeitet, regelmäßig Sicherheitsstandards nicht einhält und ihn und seine KollegInnen damit gefährdet. In Hell or High Water, mit vier Nominierungen inklusive einer für den Besten Film, zeigt sich schließlich eine ausgesprochen clevere Bearbeitung des Landsterbens und der Immobilienkrise. Die beiden Brüder (Chris Pine & Ben Foster) überfallen in dem Film von David Mackenzie Filialen der Texas Midland Bank und verlangen kleine Summen, mit denen sie ihr Land von derselben Bank freikaufen wollen, nachdem ihnen ein fauler Kredit angedreht wurde.

Korrektur 31.01.: In einer früheren Fassung des Artikels wurde Joi McMillon als erste Frau, die für den Oscar für den Besten Schnitt nominiert wurde, bezeichnet. McMillon ist die erste afroamerikanische Frau, die für einen Schnitt-Oscar nominiert wurde.

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