Amerikanische Erbschuld

Rassismus-Vorwurf gegen Avatar

Von den Na'vi lernen, heißt Siegen lernen
© Fox
Von den Na'vi lernen, heißt Siegen lernen

Auf den ersten Blick scheint es total abwegig, Avatar – Aufbruch nach Pandora Rassismus vorzuwerfen. Schließlich handelt der Film von einer Eingeborenen-Rasse, die letztendlich die Menschen in die Flucht schlägt. Doch für Annalee Newitz von io9 bildet Avatar einen Höhepunkt in einer Reihe von Filmen, die sie “White Guilt Fantasys” nennt: Hinter einer vordergründig positiven Darstellung der Eingeborenen lauert immer noch die Vorstellung der Überlegenheit der weißen Rasse.

Dabei geht es Newitz bei Avatar – Aufbruch nach Pandora weniger um die stereotype Darstellung der Na’vi als blaue Indianer, die zu Naturgöttern beten, mit Pfeil und Bogen jagen und in Stämmen organisiert sind. Das eigentliche Problem ist die Hauptfigur des Filmes Jake Sully (Sam Worthington).

Wenn er in Avatar – Aufbruch nach Pandora ein Na’vi wird und die Perspektive der Unterdrückten einnimmt, dann bleibt es nicht bei der Eingliederung. Jake Sully, der weiße Eindringling, wird zum Anführer und zur Erlöserfigur. “Avatar ist eine Fantasie darüber, nicht mehr weiß zu sein, die alte menschliche Fleischhülle abzustreifen und zu den Blauen zu gehören – aber dabei nie die weißen Privilegien zu verlieren.”

Avatar – Aufbruch nach Pandora ist auch der Versuch, das kollektive Gewissen der Amerikaner von der einstigen Ausrottung der Indianer zu erlösen – aber nicht nur. Indem er wie selbstverständlich die Führung der Eingeborenen übernimmt, drückt sich nicht nur das immer noch vorhandene Überlegenheitsgefühl der Weißen aus, sondern auch der Drang, die fremde Rasse zu kolonialisieren – auf die freundliche Art. “Es geht nicht nur um den Wunsch, sich von den Verbrechen der Weißen gegen Farbige freizumachen; es ist nicht nur der Wunsch die moralisch richtige Seite in der Schlacht zu vertreten. Es ist der Wunsch Farbige lieber von innen heraus zu führen, als von der (unterdrückenden weißen) Außenseite.”

Diese Argumentation gegen Avatar trifft allerdings auch andere Filme, in denen Weiße in eine fremde Kultur eindringen, sich anpassen und zu einer ihrer Führungspersonen aufsteigen. Ein solches Muster ist ebenfalls in Dune – Der Wüstenplanet, Der mit dem Wolf tanzt und The Last Samurai zu finden.

Eine Ausnahme bildet für Newitz lediglich District 9. Auch hier verwandelt sich ein Weißer in ein Alien und lernt die Perspektive der unterdrückten Seite kennen. Allerdings geschieht dies ganz und gar unfreiwillig und er hasst es, plötzlich verfolgt zu werden und Katzenfutter fressen zu müssen. Damit widerspricht District 9 dem gängigen Klischee: “Wenn Weiße davon träumen, eine andere Rasse zu werden, dann haben sie nur dann Spaß an dieser Vorstellung, wenn sie die Haupterfahrung einer unterdrückten Gruppe ausblenden können. Diese Erfahrung besteht darin, dass du unterdrückt wirst und dich niemand der der Anführer von irgendetwas sein lässt.”

So überzeugend Newitz’ Argumentation auf den ersten Blick auch ist, trifft sie wirklich zu? Entspringt die Führungsrolle Jake Sullys nicht vielmehr dem Wunsch, nicht nur auf Demos, sondern aktiv gegen das Unrecht der eigenen Landsleute vorzugehen. Avatar – Aufbruch nach Pandora ist nicht nur die Geschichte einer Integration, Jake Sully wendet sich auch von der menschlichen Rasse ab. Darin äußert sich doch hauptsächlich der Wunsch, die Amoralität und die Zwänge der modernen Industriegesellschaft hinter sich zu lassen. Wie die Romantiker will Jake Sully als Individuum und als Mensch zurück zu einem naiven Naturbild finden und noch einmal ganz von vorn anfangen. Ob dies ein esoterischer Wunschtraum ist und die ewige Geschichte vom edlen Wilden wiederkäut, ist da eine andere Frage.

Was ist Eure Meinung zur Argumentation Newitz’? Ist Avatar – Aufbruch nach Pandora nur Rassismus im Erlösergewand?

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