Zum 25. Jubiläum

Reservoir Dogs - Willkommen in der Postmoderne

Reservoir Dogs
© Universum Film
Reservoir Dogs
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pinotnoiraurevoir Joana Müller
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Der deutsche Kinostart von Reservoir Dogs jährte sich am 10.09.2017 genau zum 25. Mal. Obwohl mir der Film altersmäßig immer noch zwei Jahre voraus ist, ist er doch ein deutliches Zeugnis dafür, dass wir alle tatsächlich nicht jünger werden. Wenngleich Quentin Tarantino mit dem Heist-Film seinen ersten Regie-Streich ablieferte (My Best Friend's Birthday zählen wir jetzt mal nicht dazu), war Reservoir Dogs nicht der erste Tarantino, der mir in meiner Jugend über den Weg gelaufen ist. Nach den Sichtungen von Pulp Fiction, Kill Bill Vol. 1 & 2 und Inglourious Basterds wagte ich mich bereits als Fangirl an diesen frühen Tarantino, der mich natürlich nicht weniger begeisterte. Er legte den Grundstein für einen der polarisierendsten und meiner Meinung nach größten Regisseure unserer Zeit, und unterstrich ebenso deutlich die Epoche der Postmoderne, wie es vielleicht sonst nur Werke der Coen-Brüder taten.

Der etwas andere Heist
Eine Gruppe Krimineller sitzt in einem Café und unterhält sich über Madonna. Dieser Satz könnte für irreführend gehalten werden, doch tatsächlich fasst er das Ganze ziemlich gut zusammen. Nein? Zweiter Versuch: Mr. White (Harvey Keitel), Mr. Orange (Tim Roth), Mr. Blonde (Michael Madsen), Mr. Pink (Steve Buscemi), Mr. Brown (Quentin Tarantino höchstselbst), Mr. Blue (Edward Bunker) und Nice Guy Eddie (Chris Penn) werden von Joe Cabot (Lawrence Tierney) zusammengewürfelt, um einen Diamantenhändler zu überfallen. Doch platzt der Coup durch das plötzliche Auftauchen der Polizei und die Kriminellen müssen zum Treffpunkt, eine alte Lagerhalle, fliehen. Eines ist der Bande klar: In den eigenen Reihen befindet sich ein Verräter.

Auch diese Inhaltsangabe könnte als irreführend bezeichnet werden. Denn der Kern der Information scheint hier der Überfall und das Auftauchen der Polizei zu sein. Nur bekommen wir diese beiden winzigen Details zu keinem Zeitpunkt in Reservoir Dogs präsentiert. "Was ist das denn für ein Heist-Film?", mag der ein oder andere sagen - während Quentin Tarantino sich ins Fäustchen lacht. Anstatt den Überfall in seiner Vollständigkeit auszuschmücken, beschränkt sich der Ausnahmeregisseur auf die Vorbereitung und die Folgen von diesem, die zugegebenermaßen wesentlich interessanter sind. Der Heist-Film wird zum intensiven Kammerspiel um Moral und Ehre, wenn die einzelnen Kriminellen versuchen herauszufinden, wer von ihnen Mäuschen spielt.

Die Konvention des Unkonventionellen
Dabei wird die Geschichte in Reservoir Dogs nicht chronologisch erzählt. So erfährt der Zuschauer in Rückblenden, wie die einzelnen Bandenmitglieder zueinander gefunden haben, wie teilweise ihre echten Namen lauten und auch, um wen es sich bei der sagenumwobenen Ratte handelt, nur um uns zwischenzeitlich immer wieder ins aktuelle Geschehen zurückzuholen. Dadurch verschafft uns der Film zunächst einen Nachteil und wirft uns mitten rein in die Handlung, ohne jegliche Hintergründe zu kennen. Nach und nach werden diese jedoch aufgebröselt und geben dem Zuschauer langsam aber sicher, in bester Hitchcock-Manier, die Position des allwissenden Beobachters, der Zeuge des brutalen Chaos wird und darauf wartet, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

Das achronologische Erzählen wurde zu einer Art Markenzeichen Quentin Tarantinos, der diesen Handgriff ebenso in seinem Meisterwerk Pulp Fiction zur Schau stellte. Damit hebt sich Reservoir Dogs von klassisch erzählten Kriminalfilmen ab, was dem Indie-Streifen damals die Aufmerksamkeit einbrachte, die dieser verdient hat. In diesem Aspekt wurde häufig der Vergleich zu Akira Kurusawas Rashomon - Das Lustwäldchen aus dem Jahr 1950 herangezogen, der seiner Erzählung durch die achronologische Sturktur ebenfalls Spannung und Mysterie verlieh, und dafür in die Filmgeschichte einging.

Aus dem Lehrbuch der Popkultur
Doch finden sich in Reservoir Dogs nicht nur Anspielungen auf Akria Kurosawas Klassiker. Quentin Tarantino, der Nerd unter den Regisseuren, greift durch seine Jugend in den Autokinos und Videotheken Hollywoods auf ein unerschöpfliches Wissen an Filmgeschichte zurück und nutzt seine eigenen Werke, um seinen absoluten Lieblingen zu huldigen. So zitiert der Amerikaner ungeniert den Hong-Kong-Heist-Film City on Fire, lehnt sich an Martin Scorseses Hexenkessel (in dem ebenfalls Harvey Keitel zu sehen ist) und GoodFellas an, und erinnert in einer der wohl zugleich grausamsten und genialsten Szenen des zeitgenössischen Kinos an den Italowestern Django.

Angereichert wird diese Intertextualität häufig mit dem Gebrauch von 70er-Jahre Popmusik, die die Handlung mal unterstreicht und mal kontrapunktiert. Neben dem grandiosen Einsatz von Steelers Wheels Stuck in the Middle With You finden sich hier unter anderem Musikperlen wie Hooked on A Feeling von Blue Suede, noch bevor Guardians of the Galaxy das Stück salonfähig machte, oder Magic Carpet Ride von Bedlam. Ganz davon abgesehen werden Film, Musik, Literatur und Werbung nicht nur in der Inszenierung, sondern auch in den Dialogen groß geschrieben. Die Madonna-Unterhaltung am Anfang hat mittlerweile ähnlichen Kult-Status wie Vincent Vegas und Jules Winnfields Gespräch über französische Burger in Pulp Fiction. Trivial kann das genannt werden, aber auch verdammt unterhaltsam und echt.

Dazu kommt eine ganze Palette an selbstreferenziellen Details, durch die Quentin Tarantino gekonnt seinen eigenen Tempel aus Zitaten kreiert. So sind Mr. Blonde alias Vic Vega in Reservoir Dogs und Vincent Vega in Pulp Fiction möglicherweise Brüder, die selbst erfundene Zigarettenmarke Red Apple hat einen Gastauftritt in beinahe jedem Tarantino und die regelmäßig fetischisierte Inszenierung von Füßen, beispielsweise in Jackie Brown oder Death Proof, hat längst Diskussionen um Tarantinos eigene Vorlieben aufgeworfen - um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Balance zwischen Altem und Neuem aufrecht zu erhalten und dem Ganzen noch eine eigene unverkennbare Handschrift zu geben, ist die Kunst, die der Regisseur aus Los Angeles beherrscht wie kein Zweiter. Für Liebhaber der Filmgeschichte und Kinder des popkulturellen Zeitalters ist das ein Fest der Selbsterkennung. Alle anderen sehen hier schlicht und einfach ziemlich unterhaltsame Filme. Reservoir Dogs ist dafür der beste Beweis. Willkommen in der Postmoderne.

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