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Saw - The One and Only

Jigsaws Herausforderung
© Kinowelt
Jigsaws Herausforderung

Neben Sieben, Memento und Following reiht sich Saw in die Reihe der genialsten Filme, die ich je gesehen habe, ein (kann sein, dass ich hier einige vergessen habe zu erwähnen, mir fallen nur gerade keine anderen ein, die mir dieses Gefühl von purer Durchdachtheit gaben).
Dieser low-budget-Film fesselt von der ersten erschreckenden bis zur letzten überraschenden Minute ungemein und sorgt bei mir selbst nach der duzenden Sichtung immer noch für einen hohen Adrenalinspiegel und einem ‘OMFG’-Gefühl.
Die Szenerie ist sehr durchdacht und perfide inszeniert (hier fällt mir die Szene ein, in der der Kidnapper die Mutter mit der Waffe bedroht und dabei den sich erhöhenden Herzschlag des Kindes abhört – erschreckend und fast wie in einem Snuff-Film). Hier wird deutlich, dass der Regisseur eindeutig psychisch und nicht optisch (durch explizite Gewalt) schocken will – und das gelingt unglaublich gut.

Thema Gewaltdarstellung: Alle, die sagen, der erste Teil sei ein Splatter-Gore-Porn-Fest wie die anderen (mMn unnötigen) Fortsetzungen, der hat wohl etwas anderes geschaut, aber nicht ‘Saw-the-one-and-only’. Gerade hier wird auf übertriebene Gewaltdarstellungen verzichtet, gerade hier spielt sich die Brutalität im Kopf des Zuschauers ab, gerade hier ist diese ‘passive’ Brutalität sehr packend und mehr als passend eingesetzt.
Allein die Szene, in der der asiatische Cop erschossen wird..
Im Director’s Cut sieht man hier nur seinen Oberkörper und die dahinterliegende Wand, die mit Blut bespritzt werden und er in der nächsten Einstellung (auch nur der Oberkörper zu sehen) zu Boden fällt. In den Fortsetzungen hätte man hier wohl die Großaufnahme auf den Kopf gelegt und möglichst viel Gehirn und Blut umherfliegen lassen. Aber durch diesen sparsamen Einsatz von Brutalität wirkt diese Szene unglaublich schockierend, und nicht eklig. Gerade das macht den Film zu dem, was er ist – ein überaus fesselnder Psychothriller.
Zudem steigert sich die Gewalt von Anfang bis Ende, von der ersten Einstellung des Kopfes des Toten in der Mitte der beiden, bis hin zum expliziten Ansetzen der Säge am Ende. Diese Inszenierung “die Gewalt steigt mit der Spannung” finde ich sehr passend und fesselnd.
Man könnte hier noch mehr über den Einsatz seelischer und psychischer Gewalt schreiben, aber das würde den Rahmen sprengen.

Ich möchte lieber auf die passende musikalische Untermalung eingehen. Mit schrillen Klängen, die die Schockmomente begleiten, weiß James Wan eben diese auch richtig schockierend zu inszenieren. Die rockige Musik zusammen mit den wilden Kamerafahrten bei den Rückblendungen voriger Jigsaw-Fallen vermittelt ein Gefühl der Beklemmtheit und der Sound in der Endszene hätte passender und spannender gar nicht sein können.
Gerade hier (aber auch im gesamten Film) werden Bild und Ton auf sehr gute Art und Weise verwoben und sorgen für durchgehende Hochspannung.
Zudem ist die Kameraführung wirklich große Klasse und stellt so manchen Blockbuster in den Schatten. Der Einsatz der Kamera ist in den engen Räumen so gut gewählt, dass man den Eindruck hat, “mitten drin statt nur dabei” zu sein und vermittelt die Emotionen der Protagonisten glaubwürdig und nah.

Allerdings machen nicht nur Inszenierung, Musik und Kamera diesen Film so außergewöhnlich gut, auch die Schauspieler leisten größtenteils gute Arbeit und vermitteln die Handlungen und Reaktionen der Personen glaubwürdig und authentisch. Besonders gut haben mir Cary Elwes (mal nicht in einer komischen Hauptrolle á la Hot Shots! – Die Mutter aller Filme oder Robin Hood – Helden in Strumpfhosen zu sehen), Leigh Whannell (schrieb auch das Drehbuch und hatte die leading role im Saw-Kurzfilm) und Danny Glover gefallen.

Für mich ist Saw einer der besten, packendsten, verstörendsten Psychothriller überhaupt und somit zu Recht einer meiner Lieblingsfilme. Im Gegensatz zu den (teils) richtig miesen Fortsetzungen wird hier riesige Spannung, und nicht Blut, Gehirn und Gedärme im Übermaß erzeugt. Man fragt sich stets, wie man selbst in dieser Situation handeln würde, und wie die Protagonisten agieren ist meines Erachtens nach glaubwürdig umgesetzt. Auch zu diesem Thema könnte ich wieder eine A4-Seite mit Beispielen, Erklärungen und bewundernden Kommentaren abgeben, aber ich schließe mit den Worten:
Ein Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte, ein Film, dessen Fortsetzungen man getrost weglassen kann, ein Film, der für sich allein stehend einfach genial ist.


Vorschau: Der runde Todestag eines sehr prominenten Schriftstellers steht bevor. Zu dieser Persönlichkeit gibt es nächste Woche mehr.


Dieser Text stammt von unserem User Joeyjoejoe17. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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