Bearbeiten

Tatort - Borowski und der stille Gast

the gaffer (Jenny Jecke), Veröffentlicht am 09.09.2012, 21:45

Viel zu raten gibt es im neuen Kieler Tatort nicht, dafür bekommt es Borowski mit einem Mörder zu tun, der sich ins Leben seiner Opfer lautlos einschleicht. Das ergibt einen atmosphärischen Thriller, der den leichten Ausweg wählt.

tatort - Borowski und der stille Gast tatort - Borowski und der stille Gast © ARD/NDR

Der Titel Tatort – Borowski und der stille Gast wirkt noch harmlos. Doch was sich im neuen Tatort aus Kiel entspinnt, hat das Zeug zum handfesten Serienmörderthriller. Unter der Regie von Christian Alvart (Anti-Körper, Tatort: Borowski und der coole Hund) kommt Borowski (Axel Milberg) einem gewieften Stalker auf die Spur, der sich ins Leben seiner Opfer einschleicht, ohne dass diese es merken. Brenzlig wird es, als er ein Interesse für Sarah Brandt (Sibel Kekilli) entwickelt.

Lokalkolorit: Die Kieler Innenarchitektur kommt im neuen Tatort nicht sonderlich gut weg. Überall dominieren dröge Pastelltöne, so dass sich die manischen Augen von Kai Korthals (Lars Eidinger) ganz gut einreihen neben den vorwiegend in Schimmelblau gehaltenen Tapeten seiner Opfer. Im großen und ganzen beschränkt sich der Tatort auf eben jene Innenräume, die finsteren Flure und lieblos eingerichteten Wohnräume, in denen Kai es sich gemütlich macht. Dass er dann ausgerechnet auf einer großen Wiese von der Polizei eingekesselt wird, verleiht seinem verfehlten Streben nach menschlicher Nähe eine bittere Ironie.

Mehr: Tatort-Star disst Til Schweiger

Plot: Wer den sonntäglichen Ratespaß erwartet, wird von Tatort – Borowski und der stille Gast enttäuscht. Stattdessen spielen Alvart und Autor Sascha Arango (Tom Sawyer) mit den Konventionen des Serienmörderfilms. Lange Zeit bewegen sich Borowskis Ermittlungen und Kais Alltag auf parallelen Schienen, die erst in Sarah Brandt eine Kreuzung finden. Dass wir dabei kaum etwas über Kai und sehr viel über Frau Brandt erfahren, rückt uns Zuschauer wiederum in die Nähe des Mannes, der anderer Leute Kinder entführt, um ihr Vertrauen zu gewinnen und Teil einer Familie zu sein. Ein Bein stellt sich der Tatort erst, als die beiden Erzählstränge zusammengeführt werden, wirkt die Episode im Gefängnis doch um des kleinen Thrills wegen arg konstruiert.

Unterhaltung: Wird das Ende etwas überstürzt eingeläutet, so bieten die vorangegangenen Minuten im Mindesten eine ordentliche Dosis Atmosphäre. Allein die Szene, in der Kai nach dem ersten Mord in einer Wohnung steht, sich die Zähne putzt, mit dem Kind redet und erst dann offenbar wird, dass es nicht die seine ist, sorgt für Gänsehaut. So wird die ständige Bedrohung des ungebetenen stillen Gasts aufgebaut, der in jeder dunklen Ecke warten könnte. Zu bedauern ist nur, dass sich der Krimi in den letzten Minuten in die Gefilde des sowieso unerreichbaren (und sehr unterschiedlichen) Das Schweigen der Lämmer flüchtet, um die Aura seines Bösewichts aufrecht zu erhalten. Dabei macht gerade das Gewöhnliche dessen Gefahrenpotential aus.

Tiefgang: Mit der menschlichen Nähe haben es die Figuren in Tatort – Borowski und der stille Gast nicht so. Sarah Brandt lässt niemanden an sich ran. Sie tut alles, um das einzige zu wahren, was ihr noch geblieben ist: die Arbeit. Ihr Geheimnis (die Epilepsie) treibt einen tiefen Keil zwischen Brandt und Borowski, der hoffentlich noch im nächsten Fall zu spüren ist. Der Kommissar wiederum hält die ungewollte Nähe zur kranken Brandt und zum (wieder mal) neuen Mitbewohner Schladitz nicht aus und lamentiert nebst gefrorenen Frühlingsrollen und Spinat über “Leichen und Zerhacktes und Hirn auf dem Teppich!” Derweil sehnt sich Lars Eidingers Kai nach eben dieser Intimität, welche die anderen verrückt macht. Eidinger, der in anderen Rollen oft wie ein zu groß gewachsenes quengeliges Kind wirkt, findet im kleinen Sohn eines seiner Opfer ein tragisches Spiegelbild.

Mord des Sonntags: Der freundliche Postmann bringt erst das Kind wieder und weiß dann ganz genau, wo die Kaffeefilter zu finden sind.

Zitat des Sonntags: “Was hat er ihnen getan?”“Er hat mir meine Tabletten gebracht.”

Ich habe einen soliden Borowski-Tatort gesehen, aber wie hat der Kieler Krimi euch gefallen?


Mitgliedern gefällt diese News


Deine Meinung zum Artikel Tatort - Borowski und der stille Gast


Kommentare

über Tatort - Borowski und der stille Gast


Ohne Wiederkehr

Kommentar löschen

Seit Langem mal wieder ein richtig starker Tatort mit dem aktuell besten Kommissar.

bedenklich? Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Filmkenner77

Kommentar löschen

Der bislang beste und spannendste Tatort des Jahres mit einem außergewöhnlich guten und mutigen Ende.

bedenklich? 2 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 1 Antworten

Dr.Cooper

Antwort löschen

Sehe ich ebenfalls so!


Benjamin W.

Kommentar löschen

Fängt furios an (die Montage!), nur um dann schnell in die üblichen Muster zurückzufallen. Und das immense Potential der Handlung wird überhaupt nicht ausgeschöpft, sondern im 90-Minuten-Korsett eben konsenstauglich angepasst.

bedenklich? 1 Mitglied gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Zonk

Kommentar löschen

Atmosphäre war großteils ok... aber für ein "war gut" fehlte doch noch einiges:
Da waren die 15 Tatort-typischen "uns geht's allen schlecht"-Minuten: Dem Kommissar geht's schlecht aus Gründen, der Kollege wurde in flagranti von seiner Frau erwischt, die Kollegin leidet an Krampfanfällen. Man schreit sich an, wirft Essen durch die Gegend, trinkt Schnaps. Aber zur Story trug das ganze nichts bei, wurde weder referenziert noch wieder aufgegriffen.
Da war die "Auto-Gnadenschuß-Szene" - an sich sehr humorig und ein echter Lacher, aber vollkommen unpassend zum Charakter und der ganzen restlichen Atmosphäre.
Daß IT und Internet im Film immer anders funktioniert als in der Realität, möchte ich ja gar nicht annörgeln, aber der Schluß entbehrte jeglichen Realitätsbezugs. Ein altes Wohnmobil ist auf einem Feldweg genauso mobil wie ein Polizei-Jeep. Aber jeder Anfänger-Sani unterscheidet eine pulsierende Stichwunde an der Halsschlagader von einem Fake - und wenn's kein Fake war, dann ist so jemand nicht in der Verfassung, sich mal eben von der Fixierung im Rettungswagen zu befreien und zwei Begleitpersonen zu erstechen. Und im übrigen: Wieso fährt ein Rettungswagen mit solcher Kundschaft nicht schnellstmöglich in die nächste Klink, sondern mit gemächlicher Geschwindigkeit in einen Gefängnis-Innenhof?
Sorry, aber: Im großen und ganzen ganz Nett, Finale vollkommen verkackt.

bedenklich? 1 Mitglied gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 4 Antworten

Zonk

Antwort löschen

Mit einem Cliffhanger habe ich kein Problem (auch wenn er beim Tatort-Format eigentümlich erscheint - die "Anschlußfolge" können wir wegen der wechselnden Teams frühestens in einem Jahr erwarten). Auch ein gutgebildeter Psychopath als "Serien-Täter" ist sicher reizvoll (wir haben über den Mensch nichts erfahren; er versteht es aber, unterzutauchen, ist gut organisiert und mindestens im Einbrechen bestens routiniert). Mich ärgern einfach die handwerklichen Schwächen der Autoren...


Filmkenner77

Antwort löschen

Ich fand das Ende gut und mutig. Eben mal nicht dieses typische Ende. Kommissar schnappt Täter und alles wieder gut.


pietrzikd

Kommentar löschen

Ich will da auch gar nicht zu weit ausholen aber als Sibel vor einigen Jahren in die Schauspielerei gegangen ist habe ich mir gedacht, dass sie sich da nie durchsetzen wird, eben wegen ihrer Karriere. Dann hat sie ein paar gute Filme gedreht, doch so ganz überzeugt war ich noch nicht.

http://nachgebloggt.de/2012/09/04/tatort-borowski-und-der-stille-gast-tv-tipp/

bedenklich? Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Sinister Kid

Kommentar löschen

Lars Eidinger kann es. Für mich einer der Besten in Deutschland. Er macht diesen Tatort erst zu einem guten Tatort. Höhepunkt: Die Kaffeefilterszene.

bedenklich? 3 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht 1 Antworten

the gaffer

Antwort löschen

Ging mir ähnlich. Mal abgesehen von der Szene, in der Borowski seiner Karre den Gnadenschuss gibt, hat Eidinger den Fall von einem konventionellen Serienkillerkrimi in einen verwandelt, der in Erinnerung bleibt.


syrbal

Kommentar löschen

ich sag nur "fuck die fakten"! ein grandioser tatort...

bedenklich? 2 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

kronenhummer

Kommentar löschen

Zu Beginn etwas holprig, aber danach verdammt atmosphärisch und trotz bekanntem Täter wirklich spannend. Ein Psychopath und Mörder, mit dem man Mitleid empfindet, dass er einem fast sympathisch wird und stark erzählte Nebengeschichten!

bedenklich? Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten